Meine rechte Hand

Ich habe praktisch die Fähigkeit verloren mit der Hand zu schreiben. Ich kann noch unterschreiben. Drei bis vier Unterschriften hintereinander. Ich kann eine kurze Notiz nehmen. Eine kurze Liste mit Wörtern. Ein zwei Sätze. Dann versagt die Hand. Sie wird kraftlos und führungslos. Die Schrift fängt an unleserlich zu werden. Sie wird krakeliger und flacher. Sie schwingt nicht mehr. Selbst ich kann meine eigene Schrift dann nicht mehr richtig entziffern nach einer Weile.

Seit meiner frühen Kindheit habe ich gezeichnet. Mit Bleistift. Buntstiften. Kugelschreiber. Füller. Kreiden. Ich war ein leidenschaftlicher Zeichner. Und ein guter. Ein sehr guter sogar. Freie Kunst oder Architektur waren mal auch Berufswünsche gewesen. Es kam dann später anders. Informatiker.

Ich hatte eine sehr schöne kraftvolle gleichmässige Handschrift. Ich wurde immer gebeten die Glückwunschkarten in der Familie zu schreiben. Schreiben war die andere Leidenschaft. Ich habe immer Notizen gemacht. Auf Zettel, die ich fand. Nie in Notizbüchern. Eine grosse Zettelwirtschaft. Ich schrieb schnell und präzise mit der Hand.

Zeichen und Schreiben. Das waren meine Kommunikationsmittel. Ich schrieb und zeichnete auch leicht und fliessend verdreht über Kopf, um meinem Gegenüber Dinge leichter zu zeigen und zu erklären. Für mich war und ist die grafische und optische Kommunikation wichtig und sie fällt mir leichter als das gesprochene Wort. Ich denke räumlich und grafisch. Systemisch. Ich bin ein durch und durch optischer Mensch. Namen kann ich mir beispielsweise nur merken, wenn mir jemand seine Visitenkarte gibt und ich den Namen zusätzlich irgendwann mal aufschreiben muss. In einer Notiz beispielsweise.

Ich bin ein ausgesprochener Rechtshänder. Links ist nur zum Abstützen da. Und das linke Bein, um nicht umzufallen. Vor zweieinhalb Jahren nach meinem mittelprächtigen Schlaganfall habe ich meine Fähigkeit mit der rechten Hand zu schreiben fast verloren. Sie wird wohl auch nicht wiederkommen. Die ganze rechte Seite, auch das Bein und der Gleichgewichtssinn waren weg. Das meiste ist wiedergekommen. Der Körper gewöhnt sich und findet Wege das Verlorene zu umschiffen und an anderer Stelle wieder neu aufzubauen und damit auszugleichen. Wunderdinge. Fast. Die rechte Hand ist aber weggeblieben. Für mich ist das ein grosser Verlust. Alles andere ist aber sogar besser als vorher. Ich rauche nicht mehr. Ich ernähre mich anders. Ich geniesse die Einfachheiten im Leben. Freundschaften. Familie. Liebe. Mir geht es körperlich gut.

Ich kompensiere handschriftliches Schreiben durch das Schreiben mit dem Computer. Das ist aber kein echter Ersatz. Zeichnen und skribbeln geht damit nicht wirklich. Spontan im Gespräch schon gar nicht. In einer Handschrift steckt viel mehr als nur die Zeichen und ihre verbindenden Bögen. Eine Handschrift atmet. Lebt. Jeder Graphologe kann das sagen. Meine ist nur noch krakelig. Sie drückt nicht mehr viel aus. In meinem Fall besagt das nichts über meinen inneren Zustand, meine Intelligenz, Stimmung, Emotionen. In meinem Fall ist von der Handschrift nur noch das technische Kommunikationsmedium übriggeblieben.

Heute auf dem Nachhauseweg habe ich mir einen Katalog mit den Zeichnungen von Paul Flora gekauft. Signiert mit einer kleinen Zeichnung, ein Vogel über der Signatur. Die bekommt mein grosser Sohn zum Geburtstag. Ich glaube er wird Künstler. zeichner vielleicht. Es sind wunderbare filigrane fast mit Tusche gewebte schraffierte Bilder mit der spitzen Feder gezeichnet. Sie hatten wohl in der Buchhandlung eine kleine Ausstellung mit Originalradierungen von Flora. Gerade gestern wieder abgehängt. Morgen werden die entrahmt wegen dem Rücktransport. Die Buchhändlerin hat mir versprochen mich anzurufen, damit ich sie mir anschauen kann und vielleicht ein schönes Blatt kaufe.

Ab nächster Woche nehme ich an einer freiwilligen Studie der Universitätsklinik teil, wo eine Ärztin in einer Versuchsreihe ehemalige Schlaganfallpatienten einer intensiven Magnettherapie unterzieht. Das Versuchsobjekt für alle ist dabei der rechte Arm und die rechte Hand. Schaunmermal.

Ich hatte diesen Text vor einiger Zeit schon mal gepostet. Für vielleicht 20 Minuten. Ich hatte ihn anschliessend wieder rausgenommen. Eine gute Freundin von früher hatte es wohl damals gesehen und mich heute darauf beiläufig beim Lunch angesprochen. Jetzt habe ich den Text etwas ergänzt. Danke für das gute Gespräch Esther.

17 Gedanken zu “Meine rechte Hand

  1. “Ich hatte diesen Text vor einiger Zeit schon mal gepostet.”

    Und ich hatte mich schon gewundert wieso mir der Text so bekannt vorkam…

  2. Irgendwie kommt mir das so bekannt vor, aber nicht weil ich es schon mal gelesen hätte, sondern weil es bei mir so ähnlich ist. Deshalb schreibe ich auch Einkaufszettel mit dem PC und drucke ihn dann aus.

  3. Er ist sehr persönlich, definitiv. Ich wünsche dir, dass deine rechte Hand wieder genest und du wieder lernst zu schreiben. Ich konnte noch nie schön schreiben (meine einzige 3 in der Grundschule).

  4. Auch ich hatte das Déjà-vu mit diesem Beitrag.

    Da ich ein hoffnungsloser Optimist bin, sehe ich auch hier nur das gute. Du kannst deine Hand nicht mehr so benutzen wie du es möchtest, das ist schlimm – für sich gesehen. Insgesamt gesehen hat dein Körper dir mit dem Schlaganfall aber auch gezeigt, dass du über deine/seine Verhältnisse gelebt hast. Wenn dich das dazu gebracht hat, nicht mehr zu rauchen, dich gesünder zu ernähren und dich insgesamt besser fühlst, dann ist es ein guter Kompromiss, wie ich finde. So hart es auch ist, aber ein Schlaganfall kann auch weitaus mehr bewirken, als nur den Verlust der Schreib- und Zeichenfähigkeit.

    Was mich allerdings noch mehr zum Nachdenken gebracht hat, sind der zweite bis vierte Absatz deines Textes, in denen ich mich wiederentdeckt habe. Dann habe ich auf die Zigarettenschachtel neben meinem Grafiktablett geschaut. Und nachgedacht, dass ich durch meine sitzende Tätigkeit vor dem Rechner und dem sonstigen ungesunden Lebensstil in den letzten zwei Jahren 15 kg zugenommen habe.

    Danke für diesen Denkanstoß.

  5. Danke für Deine Offenheit.

    Du malst ein Bild von dem, was uns Stressworkern bevorstehen kann, den Preis den man zu zahlen hat. Macht schwer nachdenklich…

  6. @Nico: Mein dringlichster Rat an alle. Geht regelmässig zur Untersuchung beim Arzt.

    bei mir war die Ursache extremer Blutdruck. Die einzige und eindeutige Ursache, wie aufwendige Untersuchungen gezeigt haben. Am besagten Tag hatte ich 220(!). Genau 7 Tage vor dem Stroke hatte ich eine schwere Herzinsuffizienz, wo ich am nächsten Tag aus dem Krankenhaus wieder in Projekt gegegangen bin. Ein fataler Fehler. In der Stroke Unite im Krankenhaus waren Männer und Frauen zwischen 20 und 80. Zwei sind elend verstorben in meiner Gegenwart.

    Nochmal: Geht regelmässig zur Untersuchung beim Arzt. Lieber einmal zu viel als zu wenig. Und lebt gemässigt.

  7. Auch ich hatte den Artikel beim ersten Mal gesehen und als sehr persönliches Statement empfunden. Mich hat es sehr berührt, wie du beschrieben hast, was dir verlorengegangen ist.

    Meine Handschrift taugt auch nur noch zum unterschreiben, wie ich im Urlaub bei den unvermeidlichen Postkarten gemerkt habe. Allerdings war meine Handschrift niemals wirklich vorzeigbar und wird auch nicht (mehr?) gefordert.

    Ich drück die die Daumen, dass die Teilnahme an der Studie etwas bringt, selbst wenn du nur besser verstehst, warum bis auf das Schreiben mit der rechten Hand alles wiedergekommen ist.

  8. Gibt es die Chance deine Zeichnungen zu bewundern?! Vielleicht hast du ja noch ein paar Exemplare irgendwo auf dem Dachboden? Mir würde schon interessieren in welchem Stil du gemalt hast.

    Leni ist auch eine begeisterte Malerin. Und sie ist noch nicht einmal zwei! : -) Wir schwingen im wahrsten Sinne des Wortes den Pinsel und schmieren an den Wochenenden bunte Acrylfarben auf große Leinwände…auch eine Therapie für uns Workoholics ein bisschen auszuruhen und neue Energie zu tanken.

  9. Das Tippen am Computer hat auch meine Handschrift mitlerweile zerstört. Man ist auch kaum noch gewohnt längere Texte mit der Hand zuschreiben. Wenn man es dann doch mal machen muss – dann fällt einem, nicht nur umgangssprachlich fast die Hand ab…

  10. Pingback: Sechs Husaren « Sprechblase

  11. Ich hatte einen Schlaganfall mit 26, vor 8 Jahren. Ich hatte gerade einen neuen Job angefangen und es wohl fürchterlich übertrieben. Eine Ursache wurde aber nicht festgestellt. Die rechte Gesichtshälfte war kurzfristig, das rechte Auge für einige Wochen gelähmt. In den ersten Tagen starke Gleichgewichtsstörungen usw.

    Und das einzige was die Ärzte sagten: “Wir wissen nicht wo es herkommt, wir haben es nicht gemacht. Wir wissen nicht ob es weg geht. Aber sie sind jung, da sollte ihr Gehirn einen Weg finden das auszugleichen.” Den Weg hat es gefunden. Aber seit dieser Zeit horche ich natürlich extrem in mich hinein. Eine Brille gehört seitdem zu mir und diverse Besonderheiten bilde ich mir ein. Wie gesagt, alle Funktionen sind wieder da, weg ist aber der Glaube an meine Unverwundbarkeit und es bleibt natürlich die Angst das es wieder kommt. Eine Kranken- bzw. Berufunsfähigkeitsversicherung bekommen ich jetzt nicht mehr.

    Da der Bluthochdruck in meiner Familie häufiger vorkam, wurde auch darauf verwiesen. Ich messe ihn natürlich regelmäßig, also den Blutdruck, ohne hoch.

    Viel Glück mit den MAgneten

  12. Ich war bis vor wenigen Minuten ziemlich verzweifelt. Vor 10 Monaten konnte ich nach einem Schlaganfall nicht mehr gehen und fühlte den rechten Fuss nicht mehr richtig. Rechts hatte ich 15 Grad und links 35 – gefühlt. Die dreiwöchige Kneippkur hat die Wahrnehmung enorm verbessert. Nun sehe ich plötzlich sehr schlecht. Das macht Angst. Aber ich bin nicht mehr verzweifelt, weil ich nciht alleine bin.
    Ich wünsche dir viel Energie Marina

  13. @rossi:

    Aber seit dieser Zeit horche ich natürlich extrem in mich hinein.

    Das kenne ich auch. ich habe ein völlig anderes Körpergefühl seit dem.

    @woertaworld: Man muss aus dem Loch der Verzweifelung möglichst schnell rauskommen und darf die Dinge, die da im Leben danach passieren, niemals auf diesen Schlag zurückführen. Das ist enorm wichtig. Die Überwindung eines Schlaganfalls ist vorallem buchstäblich eine “mentale Sache”, eine Sache des Einstellung und des Willens.

  14. Pingback: Neun — Software Guide

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