Photo brut. Raw. Vielleicht will ich auch nur das Unmögliche.

Es gelingt mir bisher einfach nicht wirklich, mit Instagram keine gefälligen Photos zu machen. Ich würde viel lieber rohe, provokative, nackte, ungefilterte Bilder machen. Mit Ecken und Kanten, die provozieren und schockieren. Nix für Hipster. Und Cappuccino Eltern. Keine Décoration für den Salon oder über dem IKEA-Sofa. Keine pastorale Landlust. Keine narzisstischen Selbstportraits oder vom letzten Mittagessen oder von leeren Flaschen der Nacht. Keine dramatischen Wolkenbilder. Keine lieblichen Postkarten. Keinen sehnsüchtigen Kitsch. Keine akademische Kunst. Sehr sehr schwer, sich dem zu entziehen.

In einer inflationären Photowelt sind wir alle verblendet vom Bombardement der Werbewelten, der Hochglanzbilder, der ganzen Pop- und Kunstgeschichte, ihren Stars, Epigonen und Manierismen. Es ist scheinbar unmöglich, sich aus diesem fremden Müll herauszuwühlen und das eigene Leben, das uns umgibt, zu entdecken und zu erleben. Was wir von anderen vorgekaut und lebenslang vorgesetzt bekommen haben, hat uns Magen, Kopf und Auge verdorben.

Es ist keine Frage der Technologie und Ausrüstung, sondern es geht um Haltung, Sehen und Erkennen. Das geht auch mit einer Lochkamera. Die Bilder sind da. Sie wollen nur entdeckt werden. Ihre Ästhetik ist das Leben.

Instagram und ähnliche Photo-Plattformen sind heute die virtuellen Moleskine-Notizbücher. Das Smartphone ist unser Stift. Mehr braucht man nicht, um schnell und einfach seine Bilderwelten skizzenhaft festzuhalten. Die zehn goldenen Regeln der Lomographie halten uns in Bewegung. Augen auf und durch! Der Rest sind wir.

Vielleicht will ich auch nur das Unmögliche.

7 Gedanken zu „Photo brut. Raw. Vielleicht will ich auch nur das Unmögliche.

  1. Sorry, aber Instragram und Lomographie sind fuer mich ziemlich untrennbar mit Hipster verbunden.
    Verkopf nicht so sehr, mach einfach Bilder egal mit welcher Kamera. Fertig.

    PS: Ich sehe andauernd sehr viel schoenes um mich herum. Warum soll ich davon keine Bilder machen?

  2. Die Kamera ist vollkommen egal. Schrub ich ja. Und es geht nicht um Lomographie, sondern beispielhaft um die erwähnten Regeln, die unabhängig von der verwendeten Kamera sind. Wobei die Regel #10 die beste ist. Verkopft? Vielleicht. Manchmal denke ich eben darüber nach, was ich eigentlich tue. Ganz selten schreibe ich das eben auch öffentlich auf.

  3. ich nehme ebenfalls auf Instagram zu viel Narzismus (“Ego-Shooter”) oder einfaltsloses Ablichten eines Fluggates oder Essens war. Daher bin ich Dir, Cem, dankbar für die Erwähnung der Lomographie-Regeln.

    Einige beherrsche ich sehr gut, fotografiere Tag und Nacht, Kamera immer dabei als integraler Bestandteil des Alltags. Neben dem Ausprobieren neuer Richtungen (mehr aus Hüfte schießen, weniger Denken (und weniger um Favs und Anerkennung kümmern) möchte ich vor allem eines: beim Fotografieren stärken ins >Geschichten erzählen< kommen. Dabei geht es mir nicht prinzipiell um Raw/Brut oder Provokation, sondern um den Betrachter zum Weiterdenken, Reflektieren, Innehalten einzuladen. Schwingungen auslösen mit Alltagsfotografie, wo immer sie auch hinführen mögen.

    Ob man Filter benutzt oder nicht ist dann nicht zentral, wobei die meisten Bilder, die ins Genre "Story Telling" gehören und mich beeindrucken, durch Photoshop oder Lightroom gelaufen sind. Dürfte auch für Deine erwähnte Kategorie "Raw/Brut" gelten, ich denke an die großen Pulitzer-Preise in der Breaking News-Kategorie

    • “beim Fotografieren stärken ins >Geschichten erzählen< kommen" ist schön gesagt, Ragnar. Oft sind es auch Gefühle, Erinnerungen, Assoziationen, Träume, die gute Bilder in einem auslösen. Ja, oder wie es ausdrückst, zum Weiterdenken, Reflektieren, Innehalten einladen.Dafür gibt es keine Rezepte, Regeln oder Formeln. Außer der Regel #10. Alle anderen der 10 goldenen Regeln machen nur handwerklich den Kopf frei.

  4. Hm, ich glaube, das hängt weder wirklich mit Instagram noch mit der Kamera zusammen. Wie Sie schon schrieben. Für mich hat es einen engen Zusammenhang mit dem eigenen Lebensgefühl. Meine Erfahrung sagt mir, die Kamera betrügt nicht. In Zeiten, die ich alleine verbrachte, spiegelte die Kamera das auch wider. Eine Freundin, von mir, die sehr lebendig und verbunden mit Menschen ist, macht wundervolle Porträtaufnahmen – und es sind immer Schnappschnüsse und vom künstlerischen Standpunkt her immer zu nah am Objekt, die dennoch die “Seele” einfangen.

    Was vielleicht hilft auf dem Weg: Ich habe in Berlin-Kreuzberg vor einigen Jahren einen VHS-Kurs gemacht, bei dem wir die Fotos selbst entwickelt haben (das habe ich zuletzt in der Schule gemacht). Der Kurs war eine hervorragende Übung, wieder das ursprüngliche Wesen des Fotografierens zu entdecken. Nämlich den gesamten Prozess von der Filmwahl über das Motiv über die Entwicklung zum Ergebnis. Gerade der handwerkliche Aspekt hat mir gut gefallen. Vielleicht wird in Hamburg ja auch so etwas angeboten. Es hat meinen Blick ungemein geschult – der Lehrer war allerdings auch hervorragend.

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  6. hi,@all
    mit gespanntem interesse verfolgte ich eure und vermisse dabei den
    ursprungsgdanken der PHOTOgraphy*

    lg. monic

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