Monsieur Paulsen, der Hummer und ich

Stevan Paul kann professionell kochen und fotografieren, geistreich erzählen, amüsant schreiben, ist ein charmanter Gastgeber mit Stil und Geschmack und zu allem Überfluss ist er auch noch ein exzellenter Musikkenner, der auch Platten auflegt… Herr Paulsen hatte neulich ins Nil N°6 zum Dinner eingeladen. Das gab es zu hören und zu essen:

Das Menü im Nil N°6
zur Lesung mit Stevan Paul aus seinem Erzählband
Monsieur, der Hummer und ich
am 9. Oktober 2009

als Aperitif ein wunderbar fruchtiger
2007 Mundelsheimer Mühlbächer Muskattrollinger QbA vom Weingut Bruker

„Der Hummer, Cohn-Bendit und ich“
Hummerterrine mit Spargel und Genfer Sauce

„Ich bekochte Wolfram Siebeck“
Fritto misto mit Bagna Verde und Bamberger Hörnle

„Tanz der Schlachter“
Lammkarree mit Skordalia und griechischem Salat

„Begegnung mit Gott“
Birnencrumble mit Beerenauslesesabayone und Walnusseis

„Sommersprossen“

 

Frühstückslektüre

  • Fraunhofer-Studie: Soziale Netzwerke mit enormen Datensicherheitslücken – Blogpiloten: „Die Forscher haben sich als normale Nutzer bei den Netzwerken LinkedIn, XING, MySpace, Facebook, StudiVZ, wer-kennt-wen und lokalisten angemeldet und anschließend versucht, über spezielle Suchmaschinen auch auf angeblich geschützte oder gar gelöschte Daten zuzugreifen.“
  • „USA erklärt“ Das (nicht-)autorisieren von Interviews im Unterschied zwischen dem Angelsächsischen und Deutschland. Übrigens, ich lese Interviews grundsätzlich nie gegen und wundere mich gelegentlich über den Unsinn, den ich manchmal von mir gebe. Interviews sind der Job des Interviewers, nicht der des Interviewten, finde ich.
  • „Schwarzer Himmel, schwarzes Meer“ – Die Lange Nacht der türkischen Literatur im Deutschlandradio, 11. Oktober, 00:05 Uhr und Deutschlandfunk, 11. Oktober, 23:05 Uhr, Moderation: Jochanan Shelliem. Teaser: „Die politischen Wirren in der Türkei Ende der 70er-Jahre, die mühsame Abkehr vom tradierten Frauenbild in der türkischen Gesellschaft oder die Geschichten vom schwierigen Miteinander unterschiedlicher Völker und Kulturen, von Griechen, Juden, Armeniern und Türken im heutigen Istanbul haben durch Fatih Akin in seinem Film „Auf der anderen Seite“ eine unvergssliche Bildsprache gefunden. In diesem Spannungsfeld von gelebten und ungelebten Träumen, von erfüllten und unerfüllten Hoffnungen in einer sich rasant verändernden Gegenwart bewegt sich auch die aktuelle Literatur der Türkei, Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus und dem Kulturamt der Stadt Köln stellt die „Lange Nacht“ der türkischen Literatur sechs herausragende türkische Autorinnen und Autoren vor und gibt Einblicke in die Bücher von Izzet Celasin, Asli Erdogan, Sebnem Isigüzel, Sema Kayguzus, Mario Levi und Murathan Mungan.“ [Linktipp via Mail von FoodFreak, Danke!]
  • Google behauptet heute 10 Jahre alt geworden zu sein durch Einblendung einer entsprechenden Logo-Kreation. Es kursieren unterschiedliche Angaben über den Geburts-Tag. Sicher ist nur, es war irgendwann im September 1998. Die Testversion jedenfalls soll am 7. September online gegangen sein.
  • Heute und Morgen: BarCamp Stuttgart. All tags #bc0711.

Was wäre wenn?

„Indem ich zeige, dass Hitler ein anderer hätte werden können“, notiert er im Journal, „werde ich jeden Leser spüren lassen, dass auch er hätte Hitler werden können.“

Éric-Emmanuel Schmitt wird in der FAZ in einer Besprechung zitiert anlässlich einer Besprechung zu seinem Roman „Adolf H. – Zwei Leben“.

Sein Buch Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ habe ich geliebt. Ich hätte gerne auch die Verfilmung gesehen mit Omar Sharif.

[Buchtipp von Markus Trapp via Twitter]

Ultra Short Stories auf Twitterlänge! (Update)

„For sale: baby shoes, never worn.“ – Ernest Hemingway

Mehr Ultra Short Stories auf Twitterlänge in ‘Wired’…

Und deine Ultra Short Story in deutsch auf maximal 140 Zeichen? Twittern und den Twitter-Link (als TinyURL) auf deine Story hier in die Kommentare setzen. Ich denke mir einen Preis für die beste aus… Bis Montag Mitternacht!

Blogposts gerne mit „UltraShortStory“ taggen! Tweets gerne mit #UltraShortStory oder kurz mit #USS hashen.

Tipp: 140story (schöner Name!) erzählt abgeschlossene Geschichten in Tweets. The Obstructionist bloggt Micro-Fiction. Beide in englisch. Beide Tipps von cervus via Twitter aka Basti. Danke!

Türken sind Vegetarier

Für einen kulinarischen-literarischen Abend, anlässlich der Schliessung einer Fleischerei, die 100 Jahre in Betrieb war und nun grosszügig für 10 Tage der Kultur übergeben wurde, bat mich Herr Paulsen neulich in einem eMail:

„Lieber Cem,

der letzte Besitzer, Herr Kenan Kaya, ist Türke und es wird,
nicht ausschließlich aber doch auch, türkischstämmiges Publikum erwartet. Aus diesem Grund hätte ich nur zu gerne auch einen kurzen, deutschsprachigen Text zum Themenkreis Fleisch & Genuß aus der türkischen Literatur. Das kann auch ein Gedicht sein, eine Tafelszene, ein witzig geschriebenes Rezept, eine Koch-oder Ess-Szene, wenn es ein lustiger Text wäre um so besser, ist aber kein Muss. Kannst Du mir da was empfehlen?

Dein Herr Paulsen“

Klar. Kein Problem, Paulsen. Geschichten. Anekdoten. Was du willst. Ein Füllhorn an Kulinarien des Orients. Von Nasreddin Hoca bis Orhan Pamuk. Tausendundeineküche. Du wirst staunen. So etwas hast du noch nicht gehört.

Nach gut 10 Tagen intensiven Suchens und auf die Langebankschiebens, musste ich ihm meine Niederlage eingestehen und ihm mein kümmerliches Ergebnis ebenfalls per eMail mitteilen:

„Lieber Herr Paulsen,

die Türken sind Vegetarier.

Zu diesem Schluss komme ich, nachdem ich mich durch keinen geringen Teil der türkischen Literatur durchgescannt haben und nach reiflicher Überlegung. Sie essen kein Fleisch. Oder sie schreiben zumindestens nicht darüber. Selbst Fisch kommt nicht gerade sehr häufig vor in den Geschichten und Erzählungen. Kein Palamut, Levrek, Lüfer, Kalkan, die herrlichen Saisonfische des (ehemals) türkisblauen Bophorus. Nichts davon. Nicht einmal der kleine Hamsi, die Sardelle des Schwarzen Meeres, die in der heissen Pfanne hochspringt. Nicht in Geschichten. Nicht in Gedichten.

Oder Essen oder Kochen überhaupt. Kommt nicht vor. Sie müssen Rohkostler sein. Wenn ich mir allerdings die Physignomie, der mir bekannten und befreundeten Türken vorstelle, kann ich das nicht wirklich glauben. Nahrungsaufnahme scheint ein Tabuthema zu sein. Zumindestens in der Literatur. Vielleicht sind aber auch Rohkost mümmelnde Türken ein Ideal intelektueller türkischer Autoren. Fleisch kommt da jedenfalls nur lebendig und in anmutiger weiblicher Form vor, als Fata Morgana benebelter Paschas.

Aber das war nicht das, was du von mir geliefert haben wolltest, glaube ich.

Der „fleischlose Türke“ wiederspricht auch ebenfalls meiner
kompletten Lebenserfahrung. Fleisch, das ist im Leben eines
Türken Berge von knoblauch-marinierten Lammkotletts, die im Sommer auf dem Mangal über der glühenden Holzkohle brutzeln. Fleisch, das ist das grosse Opferfest, Kurban genannt, wo das ganze Land öffentlich Schafe schächtet, dabei ein Drittel für die eigene Familie, ein Drittel für die Nachbarn und Verwandten und ein Drittel für die Bedürftigen, Witwen und Waisen verteilt. Eine Orgie in Blut und Eingeweiden. Der Geruch hängt noch den ganzen Tag in den Gassen und über den Vierteln. Fleisch auf Pilav mit Korinthen und Pinienkernen in Butter gedünstet. Fleisch mit Schnittbohnen oder noch schöner mit Bamya, den zierlichen türkischen Okraschoten. Zugegeben, alles mit reichlich Olivenöl. Fleisch, das sind die Kebabs und Köftes der Imbisse in der Megalopolis am Goldenen Horn. Fleisch, das ist das Hauptgericht an den langen Tafeln mit Familie und Freunden, unvergessliche Nächte mit Raki, viel Raki, mit viel Eis und wenig Wasser, lange Tafeln unter der Mondsichel in sternenklaren Nächten, und am schönsten am Meer, zumindestens am Wasser und dem Rauschen der Wellen nah, oder unter Bäumen, auf der Terrasse, auf den Dächern der alten Häuser.

Oder am Iftar, dem grossem gemeinsamen nächtlichen Abendmahl im Fastenmonat Ramadan, Köstlichkleiten wie Imam bayıldı, was soviel heisst wie “Der Imam ist in Ohnmacht gefallen”, so gut hätte es ihm geschmeckt, Auberginen gefüllt mit Hack, Zwiebeln und Tomaten in Öl gedünstet. Als warme Vorspeise oder Hauptspeise. Eines der Nationalgerichte der Türkei und Hausmannskost, lieber Herr Paulsen. Vorab vielleicht eine Güzel hanım corbasi: “Schöne Frauensuppe”, Pirzola, die Lammkottletts, Kuschbaschi, das Gulasch, was soviel heisst wie „Vogelkopf“ auf türkisch, Kadin budu köfte: “Frauenschenkelfrikadellen”, und die Süssspeisen erst, die Süssspeisen, mein lieber, Vesir parmağı: “Finger des Wesirs”, Bülbül yuvası: “Nachtigallnester”, Hanım göbeği: “Frauennabel”, und natürlich Baklava. In allen Variationen. Baklava, dass die Bäuche platzen.

Übrigens, lieber Herr Paulsen, der Döner, oder wie es in Deutschland auch heisst „Der Döööhner“, ist dabei ein reines Fremdprodukt der Ausgewanderten und kein Türke würde ihn je seinen Gästen abends zur Festtafel anbieten. Döner ist für die Mittagspause. Nicht nur am Dönerstag, wie ein guter Freund zu sagen pflegt. Gutes Döner ist aus geschichtetem fettem Fleisch. Lamm oder Kalb. Kein Hack. Oder wenig zumindstens. Hühnerdöner ist für Weicheier.

Nun. Das Reiter-, Hirten- und Nomadenvolk scheint aber über Fleisch nicht zu sprechen. Geschweige denn, darüber zu schreiben. Nicht in den lapidaren Istanbul Gedichten von Orhan Veli, den Deutschländern Aras Ören, Yüksel Pazarkaya oder Emine Sevgi Özdamar aber auch Feridun Zaimoglu. Sie alle geniessen das Kochen und Essen still unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Erstaunlich.

Da hast du von mir offensichtlich das fast Unmögliche verlangt.

Doch ich gebe nicht auf. Ich tauche ab, um die andere Hälfte der türkischen Literatur zu erforschen, um dir und deinen Zuhörern, doch noch die Illusion zu rauben, Türken seien reine Vegetarier und Rohkostler.

Das Thema macht mich jetzt aber hungrig. Notfalls schreibe ich dir etwas und setze irgendeinen berühmten Namen darunter. Ich lasse dich nicht in Stich.

Gib mir noch diese eine Nacht. Inschallah!

Beste Grüsse
Dein Cem“

Herr Paulsen schrieb mir postwendend, er nähme mein Notangebot mit Freude an. Da habe ich nun den Salat. Und ich darf meinen eigenen Namen auch noch darunter setzen. Möge diese Übung gelingen. Maschallah!

***

[Das ist die finale Version, die ich anlässlich dieser Veranstaltung von Herrn Paulsen als Intermezzo vorlesen durfte. Eine wirklich wunderbare und schöne Veranstaltung. Wir hatten anschliessend alle Smoking-Jackets an wegen dem alten Räucherofen, der dann angezündet wurde. Bosch hat Fotos gemacht. Die Ursprungsversion des obigen Textes ist noch hier nachzulesen...]

[PS: Mein Honorar für die Premiere als Vortragender bei einer (Blog-)Lesung war übrigens eine frischgeräucherte dicke Wurst aus Wildfleisch. Dank an den Organisator des anregenden Events Jörn Waßmund!]

Bloglesung im WordCamp08

Bloglesung im WordCamp08

Eingebettet in das WordCamp08 ist eine Bloglesung. Feine Texte von Kid37, Herrn Paulsen, MC Winkel und dem Host der Lesung Merlix. Anfahrt und Orientierung zum stilwerk in Hamburg. Es könnte sehr sehr voll werden… Freier Eintritt. Der Beschilderung folgen.

Ich glaube, das ist die erste Bloglesung auf einem BarCamp weltweit.

Handlungsreisen.de: Welt-Atlas der Literatur

Was für eine unglaublich wunderbare Idee! Der elektrische Reporter hat Jens Nommel interviewt und schreibt darüber:

Auf Handlungsreisen.de verknüpfen die Nutzer Bücher mit den Orten ihrer Handlung. So soll eine Art Welt-Atlas der Literatur entstehen, jenseits von hartfaktigen Reiseführern oder Produkt-fixierten Geo-Diensten.

Entdeckungsreisen für Leseratten. Buchstäblich. Eigentlich erstaunlich, dass es das bisher noch nicht gab. Bücher nach ihren Handlungsorten kartografiert.

Liest Du gerne?

Valentin wirft mir ein Stöckchen aus Dublin zu. Ich konnte nicht ausweichen…

Liest Du gerne?

Ja. Aber leider immer weniger Belletristik auf Papier als immer mehr elektronische Sach- und Zwecktexte. Mittlerweile immer mehr im Internet. Viel in Blogs. Das Lesen vom Bildschirm hat mir vor einigen Jahren, als es noch keine ergonomischen Flatscreens gab, auch die Augen ruiniert.

Wenn ja, welches Genre?

Recht unterschiedlich. Als Kind und Jugendlicher viel Weltliteratur und Klassiker. Mit 18-20 Jahren politische Bücher. Revolutionäre. Guerilla. Anarchistische Bücher. Bizarre Bücher. Aber auch hardboiled Sex’n Crime. Pulp. Später moderne Romane aus der ganzen Welt. Eine längere Zeit las ich viel aus der dritten Welt. Karibik. Lateinamerika. Nahost. Im Laufe der Zeit wurde der Trend zu Biographien und auch zur orientalischen Literatur immer stärker. Vielleicht eine Besinnung auf die Wurzeln. Ja, auch Liebesromane. Grosse Gefühle. Auch Bücher mit geistigem Inhalt werden wichtiger. Glaube und Spiritualität. Aber keine Ratgeberbücher. Mag ich nicht. Ausser Kochbücher natürlich. Ich lese auch viel in Englisch. Wenige Menschen dürfen mir Bücher schenken. Ich empfinde Bücher und Lesen als eine sehr private Sache. Meine Vorlieben zu treffen ist schwierig. Sie wechseln auch. Gerne auch Bildbände über Architektur, Kunst, Fotografie, Mode, Kultur. Auch Geschichte. Und das illustrierte Buch.

Mit Musik ist es ähnlich. Wer meinen Geschmack trifft, der hat einen Freund für’s Leben. Das ist ziemlich selten. Da lasse ich mich aber auch gerne überraschen mit neuer guter Musik.

Dein letztes Buch hieß wie?

Eines der letzten war „Der Blick aus meinem Fenster“ von Orhan Pamuk, dem aktuellen Nobelpreisträger aus der Türkei.

Würdest Du es weiter empfehlen?

Es ist nicht jedermanns Geschmack.

Warum hast Du Dir genau dieses Buch zugelegt?

Pamuk ist genau meine Generation und stammt aus einer bürgerlichen Schicht Istanbuls zu der ich auch gehört habe. Zudem stammt er auch noch aus meinem Stadtviertel. Deshalb interessiert er mich besonders. Stimmung und Strömungen in seinen Erzählungen kenne ich zu genau. Ich hatte das grosse Glück, ihn dieses Jahr in Hamburg bei einer Lesung zu erleben. Erstaunlicherweise hat mir sein Dolmetscher sogar besser gefallen, als er selbst.

Welches war das miserabelste Buch, dass Du je in der Hand hattest?

Hunderte. So etwas merke ich mir nicht. Langweilt mich etwas, lege ich es weg. Und etwas was mich nicht interessiert, langweilt mich. Entweder die Sprache, die Geschichte, das Sujet oder ganz einfach die Figuren.

Bist Du ein Bücherquäler? Entsorgst Du z.B. die Schutzumschläge, machst Eselsohren oder besudelst die Seiten?

Nein. Bücher sind mir heilig. Sogar miserable. Es tut mir in der Seele weh, auch am Körper, wenn ich Leute sehe, die Bücher schlecht behandeln.

Was machst Du mit den Büchern, wenn Du sie gelesen hast?

Ich bewahre sie auf. Und schleppe sie von Umzug zu Umzug mit. Sie sind alle ordentlich aufgereiht. Die Systematik ist im Laufe der Zeit verloren gegangen. Und so in Zehnjahresabständen entsorge ich immer wieder mal einen grossen Teil an Büchersammlungen. Nur meine liebsten bleiben dann über. Das sind dann die Sedimente meines früheren Lesehungers. Ein regelmässiger mittlerer Bestand von vielleicht 700-800. Ich mag auch gute Buchhandlungen und Büchereien.

Weitergereicht an… isabo, Übersetzerin; Merlix, Autor, gelernter Buchhändler, Astrologe, Manager, Vater; Oliver, Leser.

Herr Paulsen lädt ein zum Quickie

Zur schnellen Nummer geht’s hier entlang:

Spannende Geschichten, fesselnde Texte, beste Hamburger Autoren. Immer nur 17 Minuten lang, jeden Mittwoch exakt um 22.30 Uhr! Start: 29. August 2007 im „439” in der Vereinsstraße. Ein Autor oder eine Autorin schwingt sich auf den erhöhten Platz und trägt vor. 17 Minuten. Time out für alle Gespräche und Bestellungen. Für die „Gute-Nacht-Geschichte” zum Schlafengehen oder zum Start in die Nacht. Danach geht Wirtin Carla mit dem Hut herum. Wem’s gefällt, der tut was fürs tägliche Brot der Autoren/innen.

Schönes einfaches Konzept. Aber wieso 17 Minuten? So lang? Ich brauch nur sieben…

PS: Stimmen zum 439: „ein schöner laden ohne hochgeklappte polo-shirt-kragen“, „Eine echte Institution seit Jahren in der Hamburger Kneipenlandschaft“, „Eine der letzten echten Bars in Hamburg, in der man beim Trinken nicht von Spacken, Spießern oder Szenetouristen gestört wird“, „das 439 gibt es immer noch?“ und Svenja sagt „Das 439 ist die unaufgeregteste Bar, die ich kenne“. Mehr geht einfach nicht.

Unfotografierbar

Grossartig.

[via]

Gehört definitiv in die Kategorie Gute Blogs. Als Sonderfall.

Schreiben mit Tastatur und Rücklöschtaste

Haben Sie schonmal einen Roman geschrieben? Mich würde mal tatsächlich interessieren, ob sich das Schreiben im Zeitalter der Onlinetexte verändert hat. Ich könnte mir vorstellen, dass Schreiben mit Tinte oder Bleistift auf Papier oder mit einer mechanischen Reiseschreibmaschine ein anderer Vorgang ist, als Schreiben mit Tastatur und Rücklöschtaste. Mit Markieren, Kopieren oder Verschieben von Textblöcken.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Lithographie oder Kupferstechen und Kneten mit Ton, Zeichnen mit Kohle, Malen in Öl. Beim ersten muss jedes Wort sitzen, jeder Satz schon durchdacht sein bevor er niedergeschrieben wird. Beim letzteren ist das vielleicht ein Ringen um den Text, ein permanentes Modellieren der Sätze, ein Schleifen und Hobeln an den Formulierungen.

Entstehen heute dadurch andere Arten von Texte als früher? Wer weiss.

Ein Abend mit Orhan Pamuk in Hamburg

Orhan Pamuk Hamburg

Es war ein schöner und grosser Abend. Ausverkauftes Haus mit 1.200 Zuschauern. Etwa 20 Bild- und mindestens nochmal ebenso viele Print- und Rundfunkjournalisten im Gedränge vor der Bühne. Zivile Sicherheitskräfte mit Knopf im Ohr in den Gängen und in der Kulisse. Keine (!) kulturpolitischen Vertreter der Hansestadt. Ausser fünf bis sechs stylish schwarzuniformierte hamburger Polizisten, die demonstrativ vor dem Eingang auf dem Bürgersteig abhingen. Kein Bügermeister. Kein Senator.

Die Premiere der Deutschlandtour von Orhan Pamuk gestern abend in Hamburg ist mittlerweile der zweite Anlauf, nachdem der türkische Literaturnobelpreisträger aus Sicherheitsgründen seine Tour vor einigen Monaten verständlicherweise schon einmal abgesagt hatte.

Orhan Pamuk wurde gestern Abend im Deutschen Schauspielhaus von Michael Krüger, seinem Verleger bei Hanser begleitet, der auch die deutsche Texte vorlas, von Hubert Spiegel, dem Literaturchef der FAZ, der süffisant moderierte, und von Recai Hallaç, der übrigens hervorragend mit seiner sonoren Stimme dolmetschte. Eine sehr hochkarätige Runde. Der Übersetzer der Texte von Pamuk, Gerhard Meier, war an diesem Abend leider nicht auf der Bühne vertreten.

Das Publikum war eine gute Mischung aus mehrheitlich hanseatischem Bildungsbürgertum, einem gesunden Anteil Volkshochschülern aus den Kursen „Türkische Literatur“ und „Orhan Pamuk“ sowie einer nicht geringen Anzahl junger intellektueller Frauen und Männer sowie Studenten aus der Türkei, die mit grösseren Freundesgruppen gekommen waren. Schöne Frauen darunter. Pamuks Bücher und Vita waren bekannt, so auch die näheren politischen Umstände, sodass an diesem Abend darüber nicht weiter eingehend diskutiert werden brauchte. Fans und Freunde eben.

Ich habe mich gefreut, das eine oder andere Gesicht aus früheren Tagen wieder zu sehen. Ganz besonders als ich Cornelius Bischoff wiedertraf, den ich seit meinen Kindertagen kenne und lange nicht mehr gesehen hatte. Er ist für mich der grosse Übersetzer aus dem Türkischen, jemand, der ein besseres Türkisch spricht als einer aus der Türkei. Und dabei einer der freundlichsten und warmherzigsten Menschen ist, die ich kenne. Ein grosser Freund Istanbuls. Ein wahrer Istanbuler.

Orhan Pamuk ist ein schlaksiger, etwas linkischer Mann, mit leicht graumelierten Haaren und Brille, etwas an einen Buchhalter erinnernd, helle Stimme gegen den sotto voce des Dolmetschers, kein ausgesprochener Vorleser, aber durchaus faszinierend seinen Ausführungen im Original zu folgen. Überhaupt war es für mich eine besondere Erfahrung, den Abend im Wechsel der beiden Sprachen zu erleben. Es war interessant und auch etwas fremd für mich, mit meinen eigenen Wurzeln und einem wichtigen Teil meiner Vergangenheit in dieser Mischung aus Fragen und Antworten auf der Bühne und Lesungen in Türkisch und Deutsch konfrontiert zu werden.

Eines der zentralen Themen war der „Hüzün“, den Pamuk in seinem Istanbulbuch beschreibt. „Hüzün“, das ist die kollektive latente Melancholie, der leise Blues der Stadt. Diese merkwürdige Stimmung, den Verfall und Niedergang einer grossen Weltstadt zu betrauern, die grosse Vergangenheit von Byzanz, Konstantinopel und das osmanische Istanbul mit Wehmut zu betrachten. Das kenne ich ich auch zu gut. Ein Merkmal aber vielleicht eher der Generation Pamuks, die auch meine ist – Ich bin ein Jahr jünger und sogar aus dem gleichen Stadtteil wie er. Wir entstammen beide einem ähnlichen Milieu. Die heutige junge Generation Istanbuls ist anders drauf.

Interessant auch seine Ausführungen über das Wechselspiel von „Erleben“ und „Denken“, sowie über die verschiedenen Perspektiven beim Schreiben. Ab nächstes Jahr möchte er, als verhinderter Maler aus seiner Jugendzeit, an „seiner“ Columbia Universität als Gastprofessor über das Erzählen in einer gleichwertigen Mischung aus Texten und Bildern in Büchern lehren. Multimedia würden wir heute dazu sagen. Durchaus ein moderner Autor also.

Verständlich, dass Orhan Pamuk sich politisch nicht vereinnahmen lässt:

Meine Aufgabe besteht nicht darin, den Europäern die Türken und den Türken die Europäer zu erklären, sondern gute Bücher zu schreiben.

Er ist Schriftsteller und kein Politiker oder gar Agitator, eine Brückenbauerfunktion zwischen Orient und Okzident lehnt er gleichwohl ab, wiewohl er natürlich eine klare Position hat und dazu steht. Es gibt Stimmen, die ihn als Präsident der Türkei sehen wollen, ähnlich wie der Schriftsteller und mehrfache Nobelpreiskandidat Vaclav Havel erster Präsident der Tschechischen Republik war. Ob er sich das vorstellen kann, wage ich zu bezweifeln. Ob er vorallem bei den türkischen Generälen Bestand hätte erst recht. Aber es würde ihm und dem Land in dieser Zeit sehr gut anstehen.

Der Abend war gelungen. Die Autogrammschlange war kilometerlang und es war viel zu dunkel zum fotografieren mit meinen bescheidenen Mitteln, meiner Handykamera. Also habe ich keine signierte Buchtrophäe oder ein Handyfoto was ich als Beweis hier zurschaustellen könnte. Dafür habe ich für mich einige Wahrheiten mitgenommen. Und ich werde jetzt seine Bücher mit noch kundigeren Augen lesen. Für mich war der Abend eine grosse Bereicherung.

Orhan Pamuk in Hamburg


Heute morgen um zehn habe ich die allerletzte Karte bekommen und sitze nun am mittwochabend hoch oben im Olymp des Deutschen Schauspielhauses und höre Orhan Pamuk zu wie er aus seinem Buch Istanbul liest.

Ich bin im gleichen Viertel Istanbuls geboren wie er. Nur ein Jahr später. Für mich bedeutet diese Lesung sehr viel. Viele seiner Bücher habe ich schon gelesen. Die Familienverhältnisse und Freundschaften, die er beschreibt, aber auch den Verfall der Stadt, seine Zeit als Schüler, sind mir aus eigenem Erleben bestens bekannt. Ich würde ihn natürlich auch gerne persönlich kennenlernen, doch das wird wohl unter diesen Umständen wohl nichts, fürchte ich … Er ist aktueller denn je.