Foodfreak: Bento satt

Petra Hildebrandt lebt und arbeitet in Hamburg und ist Foodfreak. Sie bloggt fast täglich über ihre Kocherfahrungen, ihre Rezepte, Food-Festivals, Skuriles, auch mal über Koch-Gadgets – aber vor allem über Bentos, den japanischen Lunchboxen, sozusagen Herr Watanabes Henkelmann. In diesem Fall ist es Ihr Mann Torsten, für den sie allmorgendlich seine Mittagspause als Bento zusammenstellt, anschliesend fotografiert, beschreibt und in ihrem Blog ins Web stellt. Entdeckt hatte ich sie vor kurzem in flickr.

Wunderbare Gebilde. Hochkreativ zusammengestellt aus gekochten, gefundenen und gekauften Nahrungsmitteln. Fast zu schön um es aufzuessen. Aber zu appetitlich, um es nur anzuschauen. Ein Crossover und eine Fusion der Küchen und eine Collage der west-östlichen Geschmäcker. Ich finde ihre Bentos sehr originell. Dokumente des vernetzten 21. Jahrhunderts.

Petra hat übrigens gemeinsam mit Mela Eckenfels, „Geekette und Netizen der ersten Stunde“ und „IT-Mädel für Alles“ wie Petra (Verlagswerbung), in diesen Tagen Das Kochbuch für Geeks bei O’Reilly herausgegeben – mit u.a. Backen ohne Ofen, Rühreier ohne Pfanne und Rezepte für die LAN-Party. Ein Buch über Bentos soll aber vielleicht noch folgen. Unbedingt! Bis dahin gehört ihr Bento-Feed in jeden Reader!

Ich hatte die Gelegenheit vorgestern ein Interview mit ihr zu führen. Für meine lose Reihe, Gute Blogs. Hier ist es in voller Länge:

Cem: Wie Du weisst, bin ich ein Bewunderer deiner Bentos im Foodfreak Blog! Ich möchte in der Sprechblase darüber einige Zeilen schreiben. Dazu würde ich gerne ein bischen mehr über dich und deine Motivation erfahren. Beantwortest du mir dazu einige Frage per Mail? Oder telefonisch?

Petra: Lieber per Mail, das Telefon ist so gar nicht mein Medium. Bewunderer, ojeoje… das ist mir ja glatt peinlich – eigentlich ist es kein Bentoblog, sondern ein Food-Blog im weitesten Sinne, ich bin nur in den letzten Wochen weniger dazu gekommen wirklich Bloggenswertes zu kochen und zu fotografieren, aber ich bemühe mich doch meistens die Lunchboxen zu bloggen. 

Cem: Zunächst, was sind überhaupt Bentos? 

Petra: Bentos, oder o-bento, sind typisch japanische Lunchboxen. Ursprünglich bezeichnet der Begriff nur die Verpackung / Schachtel, mittlerweile nennt man aber auch die Box samt Inhalt Bento. In Japan hat die Bento-Box eine jahrhundertealte Tradition, im klassischen Kontext waren Bentos eine Art hochherrschaftliche Picknickkörbchen, die man nicht selten im Restaurant orderte und dann in lackierten Holzbehältnissen zum Picknick trug um dort möglichst farbenfrohe, abwechslungsreiche Kleinigkeiten zu verspeisen. 

Heutzutage ist Bento in Japan zum einen ein beliebtes Fast Food, das es überall gibt, vor allem an Bahnhöfen und in Zügen (selbst im Shinkansen gibt es Bento – Bentos in Zügen hören auch auf den Namen Ekiben) und wenn man die Speisen sieht (und einigermassen japanophil ist was Essen angeht) wünscht man sich unweigerlich, so was gäbe es auch in Zügen der DB… Bei Flickr mal nach Ekiben suchen – das fördert zum Beispiel so was zu Tage

Dann gibt es natürlich die traditionellen Restaurantbentos, im Prinzip hübsch angerichtete Häppchenplatten – diese hier habe ich in Bangkok verspeist  – in allerlei Formen und Farben. Man sieht sehr gut, die meisten Restaurantbentos kommen heutzutage nicht in der traditionellen (aber schwer zu pflegenden) Lackschale sondern zumindest bei den preiswerten Restaurants in Melamin-Bentoboxen. Oder auch auf Sushibrettchen. 

Bento im Sinne meines Blogs dagegen meint die kleinen Kunststoff-Lunchboxen, die man mit zur Arbeit, auf die Reise, in die Schule mitnimmt und zu Hause selbst befüllt oder befüllen lässt. Während in Deutschland Lunchkultur sich im allgemeinen auf die Wurststulle oder Käsesemmel beschränkt, gehört in Japan ein ansprechendes Layout und eine möglichst große Vielfalt von Farben, Texturen und Geschmäckern zu einer richtigen Bento-Box. Natürlich sind es trotzdem oft nur dieselben Standards – Reisbällchen, Pickles, Tamagoyaki – die sich auch gut packen lassen und haltbar sind. In Japan gibt es mehr als 100 Magazine für Hausfrauen die sich mit attraktiven Bentos befassen, mit Motivbentos uvm. Schulkinder die auf sich halten haben ein schickes Bento mit, Bento ist auch ein Statussymbol für Kids. Bentos (die Boxen) gibt es mit Motiven der beliebtesten Anime-Figuren für Kinder, aber auch traditionelle Motive und schlicht-moderne Bentos, denn auch Erwachsene nehmen gern Bentoboxen mit. (Ein passendes Tragebeutelchen und  passendes Minibesteck – Gabel/Löffel, Spork und/oder Stäbchen – gehört meist auch dazu).

Die Bentoboxen sind kleine Kunststoffcontainer mit einem festschließenden Deckel, mit einer oder mehreren Ebenen, manchmal mit Zwischeneinteilungen (oft verschiebbar), im Idealfall mit extra schließenden Deckeln für die einzelnen Ebenen. Manche werden mit einem Gummiband zusammengehalten, andere von am Deckel herunterklappbaren Seitenflügeln. Es gibt sie in einer schier unüberschaubaren Anzahl von Grössen, Formen, Farben, Dekorationen. Nur leider nicht hier.

Aus einem Textentwurf für einen Artikel oder Buch zum Thema:

„Bentos erlauben uns, eine sättigende Mahlzeit auf kleinem Raum mitzunehmen, die auch noch abwechslungsreich und lecker ist. Meist besteht sie aus einer Hauptzutat oder einen Hauptgericht mit fünf oder sechs verschiedenen Beilagen. Diese werden dann zusammen oder auch nacheinander gegessen. Bestandteil dieser Beilagen, meist noch extra dazu, ist oft auch etwas Süßes, als Schmankerl oder Dessert. Wie bei uns das Fast Food gibt es in Japan diese Boxen an jeder Ecke zu kaufen. In allen möglichen Zusammenstellungen, Farben, Formen. Mit asiatischem oder westlichem Essen.“

Ein typischer Bento-Shop sieht so aus

Cem: Wie bist du auf dieses Thema gekommen? 

Petra: Das Thema Lunchbox begleitet mich fast mein ganzes Leben – ich bin (zum Teil allergiebedingt) wählerisch was die Qualität meines Essens angeht, und habe fast immer mein Essen mit an die Arbeit genommen, meist weil ich die Kantinenkost nicht mochte, abends ohnehin gekocht habe und Resteverwertung günstiger war als auswärts essen. Meine jeweiligen Lebensgefährten waren entsprechend meist für ihr ausgefallenes und leckeres Mitnehmessen bekannt… ich interessiere mich sehr für die Küchen Asiens, ganz besonders für die Japans, und nachdem ich meine ersten sushi und sashimi gegessen hatte, war ich völlig der japanischen Esskultur verfallen. Da ergab sich der Kontakt mit Bentos irgendwie automatisch… Ich wollte schon lange eine Bentobox haben, aber in Deutschland welche zu finden ist quasi unmöglich. Bei Flickr entdeckte ich dann noch den Bento Boxes-Pool… und beschloss Anfang letzten Jahres, einee Bentobox als Überraschung für meinen Liebsten zu kaufen (direkt in Japan). 

Diese allererste Bentobox sieht man hier und hier auseinandergenommen

Cem: Für wen packst du deine Bentos? 

Petra: In 99 Prozent aller Fälle für meinen Mann, Torsten/nasebaer. Ab und zu auch für mich wenn ich weiss dass ich länger ausser Haus bin und/oder die Versorgung mit vernünftigem Essen vorhersehbar mässig ist – auf langen Autofahrten, oder Bahnfahrten, wenn ich Tage auf einer Messe zubringe o.ä. – zum Beispiel als ich letztes Jahr bei O’Reilly war das hier. Natürlich für Ausflüge, Picknicks, Wanderungen für uns beide.

Cem: Gibt es verschiedene Bento-Stile? 

Petra: Auf jeden Fall. Klassische Bentos enthalten im Normalfall ausschließlich traditionelle japanische Gerichte, meist Sushi, Onigiri, Musubi (allesamt Reis mit Füllung), Pickles (süßsaure Pickles herzustellen ist eine eigene Kunstform in Japan), eventuell Gemüse, oft Edamame, häufig Eierrollen und auch Kamaboko (eine Fischpaste, ähnlich Surimi). Reis gehört zu traditionellen Bentos zwingend dazu. Hier zum Beispiel eine Bentobox aus dem Shinkansen. Da es bei uns typisch japanische Süßigkeiten (von Pockys abgesehen) wie etwa Wagashi nicht gibt, sind die Möglichkeiten da aber etwas beschränkt. 

Bentoboxen für Kinder sind oft an Anime-Charakteren orientiert, die Mütter bemühen sich, auch Charaktere nachzubilden mit Reis, Nori usw. Kamaboko kann man in Japan vorgefertigt in Rollen und Blöcken mit Motiven kaufen, so dass man zum Beispiel einen Snoopy in der Scheibe Fisch hat. Der Stil ist für mich nicht so interessant, und entsprechende Materialien hier zu finden wäre auch sehr schwierig. Es gibt ganz allgemein schlichte Bentos, und hochdekorative Bentos hier. Für die dekorativen muss man natürlich entsprechend mehr Aufwand betreiben. 

Weitere Beispiele für tolle Bentos gibt es sowohl im bento boxes Pool bei Flickr als auch bei Cooking Cute – eins ihrer irrsinnigsten Bentos. Ich bemühe mich bei meinen Bentos selten um völlige Authentizität, sondern mehr darum, mit wenig Aufwand abwechslungsreiche Lunchboxen zu packen. Zu einer guten Bentobox, sagt man in Japan, gehören Nahrungsmittel in mindestens 4 Farben, um ausgewogen zu sein, und im Idealfall sollten auch unterschiedliche Texturen und Geschmackserlebnisse drinstecken (crunchy, weich, scharf, süß, sauer, salzig usw.). Wenn ich ein thematisches Bento packe versuche ich das auch etwas auszugestalten – zum Beispiel habe ich schon zweimal Bento Bayrisch gemacht mit dem alkoholfreien (fränkischen) Bier zum Wurstsalat  – Leberkäs, Kartoffelbrei, Gurke, Senf. Zusätzlich bemühe ich mich natürlich auch ein bisschen saisonal zu kochen, so dass der Inhalt sich über das Jahr mit der Verfügbarkeit manches Produkts ändert – frische Erdbeeren etwa kaufe ich nur in Bioqualität und nur aus Deutschland, das heisst derzeit gibt es eben keine. Wenn es warm ist, packe ich her ein obst- oder salatlastiges Bento… 

Cem: Seit wann fotografierst du deine Bentos und bloggst darüber? 

Petra: Seit dem 30.03.2006, also etwas über ein Jahr – Das ist meine erste Bentobox

Cem: Möchstest du das Thema Bento (beruflich) ausbauen? Breiter in Richtung Food, Kochen, Ernährung oder auch Kunst? 

Petra: Das Thema Bento wird mich sicher den Rest meines Lebens begleiten, mein privates Foodblog heisst nicht ohne Grund Foodfreak. Ich möchte meine Fähigkeiten und Kenntnisse da in vieler Hinsicht erweitern, mehr japanische Küche austesten (sowohl im Restaurant als auch selbst gemacht) und gern! mal nach Japan reisen, vielleicht in einem traditionellen Ryokan speisen) – und da, seit ich angefangen habe darüber zu bloggen, die Resonanz auf das Thema beständig wächst, werde ich in absehbarer Zeit mit meiner Co-Autorin Mela Eckenfels ein Buch über Bentos schreiben, das das Thema Interessierten in Deutschland näher bringen soll – durchaus auch mit Exkursen in ‚europäische‘ Bentos – es muss nicht immer Sushi sein.

Cem: Was machst du eigentlich so beruflich? Erzähle etwas über dich …  

Petra: Nach einigen Jährchen in der IT (vom Mädel für Alles über den First Level Support, Researcher, Datenbankschrauberin, Pixelschubbse und Admin) bin ich vor zwei Jahren endlich meiner Berufung gefolgt, dem Schreiben, das mich wie das gute Essen mein Leben lang begleitet hat. In einigen Tagen erscheint das zweite gemeinsame Kochbuch mit Mela Eckenfels –O’Reillys Kochbuch für Geeks. Aktuell arbeite ich an einem historischen Roman, ein Buch über Bentos ist konzeptioniert und sucht evtl. einen Verlag, und ein Buch über asiatische Gemüse sowie einige weitere Projekte stehen auf meiner Liste für die nächsten Jahre. 

Cem: Du bist Schreibprofi, ich gehöre zu den Dilettanten, übrigens … ;-) 

Petra: Ach was, jeder der blogt ist irgendwie ein Schreibprofi. Ich wette manche Blogs werden von mehr Menschen gelesen als so manches literarisch ‚wichtige‘ oder ‚anspruchsvolle‘ Werk. Und im Gegensatz zu Dir spreche ich nur zwei Sprachen (Deutsch und Englisch plus gute Lateinkenntnisse und gebrochenes Spanisch), und schreiben kannst Du ausgezeichnet. 

Cem: Ich finde deine Bentos sehr appetitlich, schön fotografiert und unglaublich abwechslungsreich. 

Petra: Vielen Dank, das freut mich – leider ist ja Feedback oft sehr knapp in Blogs, gerade in Deutschland. In der englischsprachigen Welt wird unbefangener kommentiert, habe ich den Eindruck. Und dann höre ich Monate später über drei Ecken von Leuten die was von mir nachgekocht haben und ganz toll fanden… statt dass sie mal nen Kommentar schreiben :/ 

Cem: Witzig ist auch die Zusammenstellung aus Gefundenem, Gekochtem (Resten ?) und Gekauftem (wie Obst, Riegel o.ä.) … 

Petra: Das ist auch ein kreativer Aspekt, den ich daran mag – natürlich steht die Ambition, ein gutes abwechslungsreiches, vielleicht auch gesundes, vor allem aber leckeres Essen einzupacken, im Vordergrund, und dabei auch meine Vorräte und Reste gut zu benutzen. (Heute stand ich gerade vor allerliebsten Niederegger-Schokokäferchen, aber 3 Euro für 100 g Mini-Schokokäfer, da kann ich ja richtig noble Coppeneur-Schoki oder Bioschokolade für kaufen…) da muss man sich dann auch mal zur Ordnung rufen. Mal darf so was aber natürlich sein :-) 

Cem: Petra, ich danke dir für dieses sehr lehrreiche Interview!


12 Gedanken zu “Foodfreak: Bento satt

  1. Foodfreak ist mir vor 2 Tagen in deiner Blogroll aufgefallen und hab’s direkt abonniert. Hoffentlich gibt’s nicht mehr davon, sonst muss ich wieder mehr Sport treiben ;-)

  2. Sieht alles sehr lecker aus. Ich werde demnächst zuhause auch mal anregen, täglich ein Bento mit auf den Weg zu bekommen. Großartige Anregungen gibt es ja bei Petra genug. Ich fürchte nur, dass ich mir meine Bentos selber machen muss – und dann bleibt es wohl beim Hänkelmann mit Wurstbrot. Schade eigentlich.

  3. Ich will ja nicht prahlen, aber die Brotbüchse, die mir meine Mama immer für den Kindergarten mitgegeben hat konnte locker mit dem Gezeigten mithalten. : D

    Danke für den tollen Blogtipp! Ich weiß jetzt, dass aus Brotbüchse Bento wurde und das Selbstversorger wieder „in“ sind.

  4. Trackback

    Lesetipp, Essen: Das Blog Foodfreak macht Hunger auf Bentos

    „… Cem Basman (auch lesenswert), der mit dem tollen Motto “Vogel fliegt. Fisch schwimmt. Ich blogge.” (Alternativ: Old Man Style) brachte mich mit Foodfreak: Bento satt auf den Hungerast im japanischen Stil. … „

  5. Danke für das Interview, so lernt man seine Mitblogger besser kennen ;-). Meine schöne Bento-Box ist leider zerbrochen, aber ich benötige im Moment auch keine. Aber Bento-Boxen packen ist ansteckend.

  6. Pingback: FOLGE
  7. Interessantes Interview. Allerdings haben die „Bentos“ auf der besagten Seite für meinen Geschmack etwas zu viel Ähnlichkeit mit dem Inhalt „normaler“ Brotdosen, wie ich sie noch aus meiner Schulzeit kenne. ;) Da finde ich Seiten wie http://www.nekobento.com doch etwas kreativer.

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