Ein Abend mit Orhan Pamuk in Hamburg

Orhan Pamuk Hamburg

Es war ein schöner und grosser Abend. Ausverkauftes Haus mit 1.200 Zuschauern. Etwa 20 Bild- und mindestens nochmal ebenso viele Print- und Rundfunkjournalisten im Gedränge vor der Bühne. Zivile Sicherheitskräfte mit Knopf im Ohr in den Gängen und in der Kulisse. Keine (!) kulturpolitischen Vertreter der Hansestadt. Ausser fünf bis sechs stylish schwarzuniformierte hamburger Polizisten, die demonstrativ vor dem Eingang auf dem Bürgersteig abhingen. Kein Bügermeister. Kein Senator.

Die Premiere der Deutschlandtour von Orhan Pamuk gestern abend in Hamburg ist mittlerweile der zweite Anlauf, nachdem der türkische Literaturnobelpreisträger aus Sicherheitsgründen seine Tour vor einigen Monaten verständlicherweise schon einmal abgesagt hatte.

Orhan Pamuk wurde gestern Abend im Deutschen Schauspielhaus von Michael Krüger, seinem Verleger bei Hanser begleitet, der auch die deutsche Texte vorlas, von Hubert Spiegel, dem Literaturchef der FAZ, der süffisant moderierte, und von Recai Hallaç, der übrigens hervorragend mit seiner sonoren Stimme dolmetschte. Eine sehr hochkarätige Runde. Der Übersetzer der Texte von Pamuk, Gerhard Meier, war an diesem Abend leider nicht auf der Bühne vertreten.

Das Publikum war eine gute Mischung aus mehrheitlich hanseatischem Bildungsbürgertum, einem gesunden Anteil Volkshochschülern aus den Kursen „Türkische Literatur“ und „Orhan Pamuk“ sowie einer nicht geringen Anzahl junger intellektueller Frauen und Männer sowie Studenten aus der Türkei, die mit grösseren Freundesgruppen gekommen waren. Schöne Frauen darunter. Pamuks Bücher und Vita waren bekannt, so auch die näheren politischen Umstände, sodass an diesem Abend darüber nicht weiter eingehend diskutiert werden brauchte. Fans und Freunde eben.

Ich habe mich gefreut, das eine oder andere Gesicht aus früheren Tagen wieder zu sehen. Ganz besonders als ich Cornelius Bischoff wiedertraf, den ich seit meinen Kindertagen kenne und lange nicht mehr gesehen hatte. Er ist für mich der grosse Übersetzer aus dem Türkischen, jemand, der ein besseres Türkisch spricht als einer aus der Türkei. Und dabei einer der freundlichsten und warmherzigsten Menschen ist, die ich kenne. Ein grosser Freund Istanbuls. Ein wahrer Istanbuler.

Orhan Pamuk ist ein schlaksiger, etwas linkischer Mann, mit leicht graumelierten Haaren und Brille, etwas an einen Buchhalter erinnernd, helle Stimme gegen den sotto voce des Dolmetschers, kein ausgesprochener Vorleser, aber durchaus faszinierend seinen Ausführungen im Original zu folgen. Überhaupt war es für mich eine besondere Erfahrung, den Abend im Wechsel der beiden Sprachen zu erleben. Es war interessant und auch etwas fremd für mich, mit meinen eigenen Wurzeln und einem wichtigen Teil meiner Vergangenheit in dieser Mischung aus Fragen und Antworten auf der Bühne und Lesungen in Türkisch und Deutsch konfrontiert zu werden.

Eines der zentralen Themen war der „Hüzün“, den Pamuk in seinem Istanbulbuch beschreibt. „Hüzün“, das ist die kollektive latente Melancholie, der leise Blues der Stadt. Diese merkwürdige Stimmung, den Verfall und Niedergang einer grossen Weltstadt zu betrauern, die grosse Vergangenheit von Byzanz, Konstantinopel und das osmanische Istanbul mit Wehmut zu betrachten. Das kenne ich ich auch zu gut. Ein Merkmal aber vielleicht eher der Generation Pamuks, die auch meine ist – Ich bin ein Jahr jünger und sogar aus dem gleichen Stadtteil wie er. Wir entstammen beide einem ähnlichen Milieu. Die heutige junge Generation Istanbuls ist anders drauf.

Interessant auch seine Ausführungen über das Wechselspiel von „Erleben“ und „Denken“, sowie über die verschiedenen Perspektiven beim Schreiben. Ab nächstes Jahr möchte er, als verhinderter Maler aus seiner Jugendzeit, an „seiner“ Columbia Universität als Gastprofessor über das Erzählen in einer gleichwertigen Mischung aus Texten und Bildern in Büchern lehren. Multimedia würden wir heute dazu sagen. Durchaus ein moderner Autor also.

Verständlich, dass Orhan Pamuk sich politisch nicht vereinnahmen lässt:

Meine Aufgabe besteht nicht darin, den Europäern die Türken und den Türken die Europäer zu erklären, sondern gute Bücher zu schreiben.

Er ist Schriftsteller und kein Politiker oder gar Agitator, eine Brückenbauerfunktion zwischen Orient und Okzident lehnt er gleichwohl ab, wiewohl er natürlich eine klare Position hat und dazu steht. Es gibt Stimmen, die ihn als Präsident der Türkei sehen wollen, ähnlich wie der Schriftsteller und mehrfache Nobelpreiskandidat Vaclav Havel erster Präsident der Tschechischen Republik war. Ob er sich das vorstellen kann, wage ich zu bezweifeln. Ob er vorallem bei den türkischen Generälen Bestand hätte erst recht. Aber es würde ihm und dem Land in dieser Zeit sehr gut anstehen.

Der Abend war gelungen. Die Autogrammschlange war kilometerlang und es war viel zu dunkel zum fotografieren mit meinen bescheidenen Mitteln, meiner Handykamera. Also habe ich keine signierte Buchtrophäe oder ein Handyfoto was ich als Beweis hier zurschaustellen könnte. Dafür habe ich für mich einige Wahrheiten mitgenommen. Und ich werde jetzt seine Bücher mit noch kundigeren Augen lesen. Für mich war der Abend eine grosse Bereicherung.

13 Kommentare zu „Ein Abend mit Orhan Pamuk in Hamburg

  1. hört sich nach einem angenehmen und wehmütigen abtauchen ins “Hüzün” an. emotionales Hamam, oder so. erstaunt mich, dass es für dich immer noch eine besonderheit ist, beide sprachen im misch-masch zu hören. kannst du nicht noch ein paar geschichten über istanbul erzählen? “Hüzün”? was ist heute nicht mehr in der stadt vorhanden? warum hat sich die Stadt verändert? was hat sich bei den jüngeren verändert? gab es bei der lesung strassen, läden, leute, die du wiedererkannt hast? was für besondere menschen gab es in dem stadtteil? was für speisen wurden verkauft und gegessen, die du heute vielleicht kaum noch findest?

  2. „Emotionales Hamam“ … Wunderbar! Sehr schön! Sehr gut ausgedrückt. Mein „Hüzün“ ist etwas anderes. Aber natürlich laufe ich auch mit einem Buch schwanger. Ist doch klar … ;-)

  3. Schade, ich war nicht da. Aber wo Sie schreiben „Michael Krüger, […] der auch die deutschen Texte vorlas […]“ und überhaupt über das Sprachengemisch und das Dolmetschen schreiben – Verzeihung, das ist mein Thema, ich muss da immer drauf rumhacken: ich habe gehört, der Übersetzer sei (wieder mal) nicht genannt worden. Gerhard Meier heißt er; ein großer Teil des Publikums (inklusive Herrn Krüger, nehme ich an) hat es ihm zu verdanken, dass es Pamuk überhaupt lesen kann.
    Es ist so ein ermüdender Kampf, immer wieder, bei jeder einzelnen Gelegenheit. Allerdings habe ich ebenfalls gehört, die Kunde sei nach Berin gedrungen und dort habe man den Übersetzer dann wenigstens namentlich genannt. Immerhin.

  4. @isabogdan, vielen Dank für den Hinweis auf Gerhard Meier. Ich war selber in meiner anfänglichen Studentenzeit Dolmetscher. Ganz lange her. Das ist ein undankbarer Job ähnlich des Übersetzers. Deshalb kann ich Ihren Unmut sehr gut verstehen.

    Ich kenne einige sehr gute Übersetzer. Bischoff habe ich im vorstehenden Text genannt. Einer der besten im Englischen ist mein Nachbar Rowohlt. Durch ihn bin ich überhaupt vor 25 Jahren zur irischen Literatur gekommen. Ich bin ihm ewig dankbar.

    Ohne gute und einfühlsame Übersetzer wäre uns der grösste Teil der Weltliteratur verschlossen.

  5. Eben. Man könnte dazu nochmal José Saramago zitieren, der es sogar so ausdrückt, dass „Weltliteratur“ ja überhaupt erst von Übersetzern gemacht werde. Jeder Autor schreibt nur in seiner eigenen Sprache.

    (Gell, Sie haben schon verstanden, dass mein Gemecker nicht gegen Sie ging? Sondern gegen die Veranstalter fast sämtlicher Lesungen ausländischer Autoren, ebenso wie, ach, Rundumschlag, Feuilleton, Büchersendungen im Fernsehen etc. Immer wieder wird „die wunderbare Sprache“ eines Autors gelobt, dabei hat der Autor in einer ganz anderen Sprache geschrieben und wird für keiner Erwähnung wert befunden, von wem die wunderbare deutsche Stimme stammt.)

  6. isabo, ein Nachtrag zu unserer gestrigen Unterhaltung an dieser Stelle: Ich habe meinen Text zu Pamuk mit dem Vermerk zu dem Übersetzer Gerhard Meier ergänzt.

  7. Interessant, den Abend durch deine Augen zu sehen. Ich habe am nächsten Tag gehört, Recai habe Pamuk an die Wand gespielt – im wörtlichen Sinne ;-), was mich nicht wundert. Recai ist imho mit Abstand der beste (Simultan-)Übersetzer und Dolmetscher, den es in D und TUR gibt. Natürlich nach Cornelius und Frau Rittersberger, die ja beide nicht mehr aktiv sind.

    P.S. Kommen gerade aus Istanbul zurück ;-)

  8. Esther, ich kannte Recai Hallaç vorher nicht, muss ich zu meiner absoluten Schande gestehen. Er hat nicht nur sehr gut gedolmetscht, auch vorallem in den Nuancen von Orhan Pamuks Worten, die beiden müssen sich sehr gut kennen und sind eingespielt, sondern er hat auch seine Tonalität hervorragend getroffen. Ja, er war an diesem Abend frischer und besser, und ist auch deutlich besser über die Rampe gekommen. Ich bin nach der Lesung nicht an Pamuks Signiertisch gegangen, es war auch zu voll, sondern war ganz kurz bei Recai Hallaç im Seitengang und habe ihm zu seiner Leistung gratuliert. Wäre ich Theaterregisseur oder beim Film, ich würde ihn nehmen. Er ist ja auch ein Charakterkopf!

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