Schreiben mit Tastatur und Rücklöschtaste

Haben Sie schonmal einen Roman geschrieben? Mich würde mal tatsächlich interessieren, ob sich das Schreiben im Zeitalter der Onlinetexte verändert hat. Ich könnte mir vorstellen, dass Schreiben mit Tinte oder Bleistift auf Papier oder mit einer mechanischen Reiseschreibmaschine ein anderer Vorgang ist, als Schreiben mit Tastatur und Rücklöschtaste. Mit Markieren, Kopieren oder Verschieben von Textblöcken.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Lithographie oder Kupferstechen und Kneten mit Ton, Zeichnen mit Kohle, Malen in Öl. Beim ersten muss jedes Wort sitzen, jeder Satz schon durchdacht sein bevor er niedergeschrieben wird. Beim letzteren ist das vielleicht ein Ringen um den Text, ein permanentes Modellieren der Sätze, ein Schleifen und Hobeln an den Formulierungen.

Entstehen heute dadurch andere Arten von Texte als früher? Wer weiss.

12 Kommentare zu „Schreiben mit Tastatur und Rücklöschtaste

  1. Es gab vor Jahren mal eine US-amerikanische Studie, die ich nicht mehr finde, wonach die Seitenlänge bei Romanen gestiegen sei. Solche 800-1000 Seitenwerke wie Middlesex von Eugenides oder Klang der Zeit von Richard Powers und sicherlich noch einige Beispiele mehr gibt es dafür.

  2. Für mich kann ich das beantworten. Ich habe früher in Schulhefte geschrieben, überall und ständig. Nie in der Textreihenfolge sondern oft Einzelszenen die sich gerade ergaben. Alles mit der Hand. Das musste möglichst schnell in die Maschine so lange ich die Handschrift noch lesen konnte.

    Schon beim ersten Übertrag entstand etwas völlig neues. Das ging mehrfach so weiter bis es passte.

    Seit ich auf dem Computer schreibe, schreibe ich meist zuhause, weniger in der Öffentlichkeit, weil der Laptop zu schwer war und beim Notebook der Akku streikte, vor allem aber weil ich gleichzeitig schreibe und recherchiere.

    Eine Mühle auf einer Nordseeinsel. Kein Problem, die Suchmaschine hilft, flicr hat Bilder, irgendwo gibt es sogar die Geschichte der Mühle. Nie war es so einfach, nahe an der Gegend zu schreiben, die man vielleicht nur einmal kurz gesehen hat.

    Aber trotzdem schreibe ich in Versionen. Nur das ich heute die alten auf der Platte lasse. Mit Wlan geh ich auch öfter wieder raus und schreibe dort.

    Aber bis auf die Recherchemöglichkeiten an der Computer nichts verändert. Vielleicht das ich öfter mal querlessen lasse per Mail. Fotokopien waren immer so umständlich.

  3. Diese Megaromane haben zugenommen. das ist auch mein subjektiver Eindruck. Die Geschwätzigkeit und Phrasendrescherei und die Wortblähungen haben zugenommen. Es schreibt sich eben leichter mit dem PC. Und schneller.

  4. Eine interessante Fragestellung. Schreibt man mit der Hand oder mit der Maschine, so ist ein Satz oder gar die ganze Geschichte sicher eher bis zum Ende gedacht als beim Schreiben am PC, wo doch die Möglichkeit besteht, Dinge noch umzustellen.

    Ich schreibe übrigens meist ganz altmodisch auf Papier, unterwegs gern ins Moleskine Notizbuch und stelle nach der Übertragung in die Maschnine nur noch wenige Dinge um. Ein Megaroman ist dabei bislang noch nicht herausgekommen, das würde aber wohl selbst auf dem PC nichts werden.

  5. @Cem: Na ja, nicht jeden Blogeintrag. So kurze Artikel entstehen auch hin und wieder direkt am PC, falls ich nicht gerade unterwegs bin.

    Das ist übrigens nur ein dicker grüner Filzstift, weil ich gerade nichts anderes zur Hand hatte. In mein Notizbüchlein schreibe ich meist mit Bleistift, dann kann man zur Not noch etwas ausradieren, wenngleich ich ein Freund des Durchstreichens bin (eine Art Versionskontrolle).

  6. Ich gehöre wohl eher zu den chaotischen Schreibern:

    Zunächst schreibe ich fast alle Texte in einen formatfreien ASCII-Editor. Hier ist es einfach nur das simple „Notepad.exe“. Da drin redigiere ich schon recht viel. Baue aber schon alle Links ein. Ich bin ein Linkfreak. Das, was andere schon geschrieben haben – egal ob deutsch oder englisch – und was nicht unbedingt notwendig ist für den unterbrechungsfreien Lesefluss wird schlichtweg verlinkt.

    Dann wird gepostet über den eingebauten WP-Webeditor. Alle Komfortfunktionen sind abgeschaltet. Ich stricke per Hand. Veröffentlicht. Meist korrigiere ich noch 56-mal anschliessend. Gelegentlich auch (meine eigenen) Kommentare im Sinne Verdeutlichung. Den Sinn verändere ich nicht. Ich bin ein Bastler und Hacker beim Schreiben.

    Versionskontrolle ist für Weicheier. Einen grünen Lehrerstift hatte ich nie.

    Ich wünschte ich könnte so schreiben wie Du, boschibaby. Oder wie Jochen. Oder Torsten.

  7. Ich habe jahrelang (und viel und umfangreich) von Hand geschrieben. aber als ich dann an einer (mechanischen) Olympia tippen lernte schrieb ich fast nur noch daran (wenn ich die Wahl hatte). Mittlerweie schreibe ich ähnlich wie Cem, nämlich im Texteditor. Für mich ermöglicht Schreiben am Computer einen Workflow, der meiner geistigen Art zu arbeiten nahe kommt – Gedanken entwickeln sich nonlinear um einen Kern herum. Ich möchte das nicht mehr missen.

    Was das Zunahmen der Länge angeht – ich mag gute lange Bücher. Ich glaube aber eher, dass Romane vor allem deswegen dicker werden, weil Lektorate immer weniger ihren Job machen. Stephen King beispielsweise schrieb schon recht früh am Computer… nur früher hat ein Lektor sich getraut da auch mal 300 Seiten Gefasel zu streichen, ganz im Gegensatz zu einigen der letzten Romane.

    Heute sind Lektorate offenbar eher Kosten/Headcount die man gern einspart – was z.B. Machwerke wie der Davinci-Code deutlich belegen.

  8. Ich habe mir schon mehr oder weniger komplette Blogeintraege beim Joggen oder beim Spazierengehen diktiert. Und zwar auf einen Voice Recorder.

    Zuhause habe ich das dann abgehoert und abgetippt. Dann noch etwas ueberarbeitet aber bei einigen waren 80-90% so wie urspruenglich mir selber diktiert.

    Klappt ganz gut, weil mir beim morgendlichen Joggen oft gute Ideen kommen.

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