Flickr brütet Tag und Nacht über der Krise

Ein WebZwoNull Unternehmen der ersten Stunde hat seine Unschuld verloren.

Aus der jugendlichen Frische und Unbekümmertheit ist Angst und Berechnung geworden. War das nicht zu erwarten? Ich glaube, das ist der Weg, den alle innovativen Unternehmen gehen, wenn sie gross und stark geworden sind. Wenn sie Tochter einer noch stärkeren und grösseren Stiefmutter sind. So war es mit Microsoft, so ist es mit Google, ich behaupte sogar mit dem ewigjunggebliebenen Apple und nun auch mit flickr. Wie immer flickr nun aus dieser Krise herauskommen wird, sie werden nicht mehr dieselben sein.

So, jetzt ist es offiziell auch raus. Flickr sieht ein gravierendes Problem für sich in der deutschen Gesetzgebung und darausfolgenden rechtlichen Konsequenzen und Strafen. Es geht tatsächlich um die sogenannte Kommentarenhaftúng, die durch jüngste rechtskräftige Urteile noch untermauert worden ist. Danach haften „Forenbetreiber“ (= Plattformanbieter) für den Inhalt von Kommentaren (= User Generated Content, Inhalte, die von Nutzer eingestellt worden sind). Speziell hat es flickr hierbei um den Inhalt angetan, den sie Minderjährigen nicht zugänglich machen will (Update: § 184 StGB).

Heather Powazek Champ von flickr erklärt heute in der jüngsten und dritten offiziellen Erklärung von flickr:

The decision to change the Flickr experience in Germany was never about censorship – it was made to try to ensure that Yahoo! Germany was in compliance with local legal restrictions. In fact, we’re all getting really uncomfortable that the words „flickr“ and „censorship“ are being jammed together with increasing frequency because that is _so far_ from the direction we’re trying to move in.

The central problem is that Germany has much more stringent age verification laws than its neighboring countries and specifies much harsher penalties, including jail time, for those with direct responsibility (in our case, it would be our colleagues in the German offices and we’re not willing to make a call that has that kind of consequence for them).

Up to the point of launch we had been exploring every possible approach which would allow us to do what makes sense while still operating inside the law. Unfortunately, the solutions did not come together in the way we thought they would.

I know people would like to know exactly what is going on, have a chance to evaluate the internal back and forth, and know all of the reasoning. Unfortunately, that’s just not possible. In the end, some of you will trust that we are doing our best and are confident that we’ll have a workable system in the future and some of you will not. We’d love to be able to change that reality, but we can’t. We’ve made and admitted to a couple of big mistakes lately, and as many of you have commented, we should have handled this issue differently.

Believe me when I say that we’d rather not make mistakes in the first place, but when we do, take hope in the fact that we always listen, always respond, and often change the system as a direct result of your input. That’s the way Flickr rolls, and we never want that to change.

So again, we’re not perfect (as much as we’d like to be), but everyone on the team is resourceful, fair-minded and determined to find the solution to this. You’ll be the first to know the outcome.

[Hervorhebung in fett von mir]

Heather ist auch Mitbegründerin von JPG gemeinsam mit ihrem Ehemann Derek Powazek, einem der anerkanntesten amerikanischen Designer im Web.

Sind die Amis nun zu ängstlich? Abgesehen davon, dass die deutsche Rechtsprechung in Punkto Kommentarhaftung vollkommen an den Realitäten vorbeigeht. Diese Krise hat flickr erheblichen Schaden in Deutschland beigefügt. Ob und wie der Fotodienst sich davon erholt, hängt von ihm selber ab und bleibt abzuwarten. Die kooperative Haltung der Konzernmutter Yahoo! in Sachen undemokratischer Regimes wie beispielsweise China, verschärft die kritische Haltung in Deutschland. Ich habe viele Fragezeichen. Die Antworten dazu werden immer dünner.

Weiterführende Links zur Vorgeschichte:

Nachträgliche Anmerkung von mir: Ich habe ausnahmsweise die drei Zitate von hochrangigen flickr Managern im Original und als Vollzitat zitiert, da es sich jeweils um Forenbeiträge bei flickr handelt und diese recht flüchtig sein können. Wie schon oft erlebt. Also historische Fixierung und Dokumentation von Aussagen für die Nachwelt.


33 Gedanken zu “Flickr brütet Tag und Nacht über der Krise

  1. Also wenn ich Heather richtig verstehe geht es nicht um die Forenhaftung sonderun um § 184 StGB, sonst wäre das Thema age verification nicht so explizit rausgestellt.

    Ich verstehe das alles immer noch nicht. Flickr sitzt in USA. Die Kommentare wie die Bilder liegen in USA, der Gerichtsstand ist USA. Und die deutschen Yahoo-Mitarbeiter werden vom repressiven deutschen Staat mit Knast bedroht? Und das alles erst seit Flickr Deutsch spricht? Und Leute mit einer deutschen ID zu blocken ändert was dran dass in Deutschland Menschen Pornografie sehen oder Unfug schreiben können? Das ganze ist entweder vollkommen unausgegoren und bar jeden Verstehens deutschen Rechtsalltages geschehen, oder dahinter steckt etwas ganz anderes. (wer sich übrigens auf deutsches Recht beruft wenn es um Restriktion geht sollte dann auch seinen Kunden bei AGB-Änderung ein Sonderkündigungsrecht und Rückerstattung anbieten…)

    Wenn es Flickr wirklich um das geht was da steht ist die einzige Konsequenz, entweder den guten alten Postident für D zu bemühen oder deutsche IPs /Nutzer ganz auszusperren (bzw auch keine Kommentare mehr sehen und abgeben zu lassen),

    Heathers Antwort ist nach wie vor höchst nebulös statt präzise, und wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. Ich bin mittlerweile wirklich sauer…

  2. Pingback: 512MB.net
  3. Dominik, vielleicht deswegen eben ;-) … bei Robert gesagt:

    Ich denke mal die komplette Rechtsabteilung von Yahoo! sitzt flickr im Nacken. Wie so häufig bei grossgewordenen Unternehmen und Konzernen. Die Anwälte diktieren das Geschäft. Das ist nicht mehr ZwoNull.

  4. So eine Entscheidung wird doch nicht ohne große Rechtsanwaltskanzlei getroffen. Alles andere wäre ja vollkommen fahrlässig und dass die intern die Leute in Deutschland haben, bezweifle ich. Interessant ist nur der Nebenaspekt, dass das internationale Management es intellektuell als möglich ansieht, dass Deutschland eine Rechtsprechung hätte, die den Anblick von Brüsten verbietet. Das haben die Anwälte verbockt und jetzt geht es darum, den Schuldigen zu finden. Und das dauert, weil die Anwälte sich wehren, schließlich müssen sie demnächst ihrer Berufshaftpflicht verklickern, was sie zu verantworten haben. Und die Forenhaftung, ja mei, das in den Griff zu bekommen, darf für so ein Unternehmen kein Problem darstellen. Dafür gibt es Software und Arbeitnehmer.
    Das Foto oben ist auch super. Ein Meeting über rechtliche Angelegenheiten ohne ein Blatt Papier auf dem Tisch.

  5. Das Foto da oben, sieht fast so aus, als ob sie alle in einer Telefonkonferenz via Handy in der Mitte des Tischs auf den „His Master’s Voice“ zuhören.

  6. Flickr Launch Parties. Wenn die ganze Sache einen Tag früher rausgekommen wäre, dann wäre es nicht so lustig in Berlin geworden. Gutes Timing haben sie schon gehabt.

  7. Die Frage doch wie viel von dem Material was auf flickr zu sehen ist,ist denn wirklich welches das in Deutschland nicht gezeigt werden darf. Das sind doch an sich nur Großaufnahmen von Genitalien im erregten Zustand und Nazi Symbole. Soll man die halt ausfiltern. Aber einfach die Bilder nur weil ne halbe Brust zu sehen ist wegzufiltern weil irgend ein prüder Ami meint das dieses bild ja total explizit ist, dass ist doch total daneben.

  8. Bezüglich der Forenhaftung: Flickr wälzt die Verantwortung für die Inhalte per AGB auf den User ab (Punkt 6, „Indemnity“). Sowas scheint ja auch in Deutschland wirksam zu sein, AFAIK ist es ja auch schon zu entsprechenden Abmahnungen gekommen (Stichwort: QYPE).
    Mit dem Safe Search Filter verhindert Flickr ziemlich effizent, dass deutsche User die Comments zu ihrem Stream sinnvoll moderieren können. Bilder, die ich nicht sehe, kann ich schliesslich nicht löschen. Theoretisch mag zwar der Kommentator (nach Flickr AGB) für den Inhalt verantwortlich sein. Wenn allerdings der Kommentator nicht in DE sitzt, wird sich z.B. der Rechteinhaber geklauter Bilder in den Kommentaren mit Sicherheit an den User halten, dem der Stream gehört. IMO setzt Yahoo! hier die deutschen User einem erheblichen Risiko aus. Ein Grund mehr, Flickr nicht mehr zu nutzen.

  9. sieht aus wie „wir müssen auf neue anweisungen von yahoo warten“. man kann das durchaus als subtilen tip darauf ansehen, daß den flickrers die hände gebunden sind.

  10. Nicht fackeln – einfach gehen und darüber bloggen.
    Wenn Google auf flickr mit „meinten Sie Zensur“ antwortet, dann dürfte es auch den letzten braindead shareholder aufgehen.
    In der Zwischenzeit sollten wir unseren Abgeordneten alle unseren Unmut über die Drittstörer-Haftung und andere kranke Gesetze mitteilen. Auch und vor allem den Abgeordneten der CDU. Die glauben nämlich allen Ernstes normale Menschen zu sein.

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