Eine Nachbarin

Unscheinbar war sie. Fast eine graue Maus. In ihrem abgewetzten Parka und den Plasiktüten vom Supermarkt. Manchmal sah sie aus fast wie eine Stadtstreicherin. Haare immer ins Gesicht gewuselt. Eine ältere Frau an der Kasse eben. Wenn man nicht aufmerksam hinsah, erkannte man sie auf den ersten Blick nicht. Ganz anders als im Fernsehen. Und man sah eben möglichst nicht hin. In Hamburg gilt das als unfein. Erst recht im Stadtteil Eppendorf, wo viele Fernsehschaffende wohnen. Sie hatte feine weiche Züge und war gar nicht dieses fast maskenhaft geschminkte Komödiantengesicht. Den deadpan, den man aus ihren Loriot-Sketchen kannte. Zuletzt sah man sie eine Weile nicht mehr bei uns im Supermarkt. Das fällt hier erstmal nicht so auf. Man dreht ja wieder mal. Ist ja viel unterwegs. Dann gestern die Nachricht. Man hält kurz inne. Gestern einige ganz junge Mädchen im Supermarkt. Schülerinnen des benachbarten Gymnasiums. Unterhalten sich über Adelheid und ihre Mörder. Eine sagt, aah, fand ich ganz toll. Alle lächeln bestätigend. Erstaunlich. Ich sah sie zuletzt genau an der Stelle, wo die Mädchen jetzt stehen. Auch wenn wir nie ein Wort gewechselt haben. Sie war doch eine Nachbarin. Evelyn Hamann.

5 Kommentare zu „Eine Nachbarin

  1. Ich hab sie das eine oder andere Mal in der Heinrich-Heine-Buchhandlung getroffen. Und als Soziophobikerin kann ich ihr Verhalten gut nachvollziehen. Vielleicht weiss man sie eines Tages auch dafür zu schätzen: dass sie kein extrovertierter Medienmensch war, der sich im Rampenlicht sonnte wie so viele. Sondern sie selbst.

  2. Traurig, sie hätte das Zeug dazu gehabt, in 20 Jahren die deutsche Margaret Rutherford zu werden. Wenn auch ohne deren Wärme unter der rauen Schale. Ich habe in den 90er Jahren mehrfach mit ihr im Studio gearbeitet und war immer wieder verblüfft, wie sie aus einem schlichten Text das Optimum herausholen (zu deutsch: aus Scheiße Gold machen) konnte. Aber bestürzend dabei empfand ich ihre kühle Distanz zu Menschen. Ich hoffe, sie findet im Olymp die Sonne, vor der sie sich im Leben so viele Barrieren errichtet hat.

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