Hier steht Ihr Kind jetzt.

Aktuelle Schulstruktur in Hamburg

Sohn #2 wird mit der jetzigen vierten Klasse die Grundschule abschliessen. Ende des Monats gibt es das Elterngespräch mit der Lehrerin wie es weiter gehen kann oder sollte. Ein inoffizieller Vorgeschmack auf die zu erwartende „Empfehlung“. Als Einstimmung haben wir sowohl von der Schule wie auch von der Schulbehörde Merkblätter bekommen. Beide Blätter sind ziemlich widersprüchlich. Die Grafiken erinnern an einen komplexen Stellwerkplan der Bahn. Man schaue sich nur die Broschüre (PDF) der hamburger Schulsenatorin an.

Deutschland leistet sich eines der vielleicht kompliziertesten und unsinnigsten Schulsysteme der Welt. Nur die deutsche Steuergesetzgebung erscheint mir noch unverständlicher.

Schulbehörden, Lehrer und natürlich auch Eltern stellen Weichen für das restliche Leben von 10-jährigen Kindern. In einem Stadium, wo ich frech behaupte, dass das so gar nicht geht. Mit welchem Recht massen die sich alle an, zu beurteilen wie ein Kind sich in zwei, drei oder acht Jahren entwickeln wird. Auch wenn man in der Schulzeit zwischendurch theoretisch die Gleise wechseln kann. Dafür gibt es ja den obigen Stellplan. Wir wissen alle, wie gut die Chancen dafür stehen. Nämlich eher schlecht.

Ist das Kind zudem in einem sozial schwachen Stadtteil oder Ort zur Schule gegangen, sind die Weichen meist sowieso schon bei der Einschulung gestellt. Mal ganz davon abgesehen, dass es in seiner Schultüte nicht das gehabt haben wird, was ein anderer in seiner Tüte aus einem besseren Wohnumfeld hatte. Kinder aus Immigrantenfamilien sind überdurchschnittlich hoch auf das Abstellgleis Hauptschule abonniert. Die Schulabbrecherquote ist ebenfalls nicht gleichmässig auf die unterschiedlichen Schulsysteme und Bezirke verteilt. Ganz zu schweigen von der Qualität der Schulen. Hier ist schon vor langer Zeit die Lunte für eine soziale Bombe gezündet.

Das deutsche Schulsystem mit seiner sehr frühen Weichenstellung erzeugt automatisch ein gesellschaftliches Klassensystem. Soziale Eliten, Mittelstand, Unterschicht.

Das ist absolut beschämend. Und zutiefst undemokratisch.

In Hamburg, einem der reichsten Regionen in Europa, kommt verschärfend noch hinzu, eine desolate Schulpolitik mit massivem Abbau der Lehreranzahl, Stundenausfall, Einführung des generellen Büchergelds und einem Chaos in der Hamburger Schulbehörde, die nur noch eine Maxime kennt: Kostensenkung um jeden Preis.

Eine Reform des deutschen Schulwesens in allen Belangen ist schon seit langem überfällig. Alte Zöpfe müssen abgeschnitten werden. Lehrpläne entrümpelt und gestrafft. Es muss wieder investiert werden in die Köpfe der Kinder. Schule und Lernen muss Spass machen. Für alle.

6 Kommentare zu „Hier steht Ihr Kind jetzt.

  1. Und das Beste daran: Das System gibt es dank des Bildungsföderalismus in 16 Varianten. In Bayern bekräftigte Kultusminister Siegfried Schneider erst kürzlich in einem SZ-Interview, dass die Hauptschule für die CSU überhaupt kein Auslaufmodell sei. Da wird stur an einem Schultypus festgehalten, der Jahr für Jahr schwer vermittelbare Abgänger produziert (selbst in München bekommt jeder Dritte Absolvent einer Hauptschule keine Lehrstelle).

  2. @Wolfgang, das Bildungssystem scheint wirklich einer der letzten heiligen Kühe in Deutschland zu sein. Mein Eindruck ist, das dieses System vom Bildungsbürgertum erschaffen worden ist und bis heute vehement von ihnen auch verteidigt wird.

    @Merlix, leider Real-Satire. Die hamburger Senatorin für Bildung und Sport (vulgo Schulsenatorin) Frau Dinges-Dierig (CDU) hat noch einiges an Kapriolen draufgelegt. Ich halte sie fürr ziemlich überfordert im Amt.

  3. Ich diskutiere mir schon jahrelang den Kopf wund, wenn es um das deutsche Schulsystem geht. Ich verstehe nicht, warum hier Reform so schwer fällt. Gerade in diesem Bereich liegen die Fakten offen. Es gibt zahlreiche Vorbilder zum Abgucken. Auch scheint es hier keine geschlossene Lobbygruppe der Bestandswahrer zu geben. Wirklich merkwürdig und zum Kopfschütteln… Vielleicht sollte es hier mal stärker einen Aufstand der Anständigen geben.

  4. Valentin, ich hätte gut und gerne Lust das bestehende deutsche Schulsystem niederzureissen. Dieses Bollwerk des wilhelminischen Bildungsbürgertums aus dem vorletzten Jahrhundert zu sprengen. Kein Wunder, dass wir bei den PISA Studien so schlecht abschneiden. Auch eine Schande, dass in diesem einem der grossartigsten Industrie- und Technologieländer der Welt die Innovationskraft im Weltmassstab so mickerig ist. Kinder und Jugendliche sind unser Kapital der Zukunft. Sie werden systematisch in der abstrusen Schulmühle klein gemahlen!

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