Was ist der Unterschied zwischen Barcamp, Kongress, Seminar und Workshop?

Es ist eine Frage, was bei einer Veranstaltung jeweils im Mittelpunkt des Interesses steht. Die Grösse der Veranstaltung? Wessen Reputation zählt? Die Unterscheidungsmerkmale sind hier „Veranstalter“, „Inhalt“, „Referent“ und „Teilnehmer“, denke ich. Ganz einfach. Die Kontroll- und Gegenfrage lautet jedesmal, welche Motivation und Erwartungshaltung bei einer Veranstaltung jemand hat.

  1. Workshop: Hier zählt einzig und allein der Inhalt der Veranstaltung und die Reputation des Veranstalters. Er verbürgt sich für einen geeigneten Referenten. Oft in einfachen Zusammenhängen ist Veranstalter gleich Referent. Die Qualität der Teilnehmer spielt eine untergeordnete Rolle. Erwartungshaltung der Teilnehmer: Ich will eine praktische Fähigkeit erlernen. Beispielsweise durch Übungen und „Work“ eben. Auch Schulungsunternehmen und Kataloganbieter sind in diesem Segment zuhause. Referent: Meist nur einer. Teilnehmerkreis selten mehr als 10.
  2. Seminar: Der Referent ist die zentrale Figur. Man lernt von einem Experten, Guru, Wise Guy. Teilnehmer hören meist passiv zu. Der Veranstalter ist zweitrangig. Der Inhalt zählt. Die Person des Referenten und seine Reputation ist ausschlaggebend. Man geht hin, weil man etwas aus erster Hand erfahren will. Referent: Meist nur einer oder aber einige wenige. Teilnehmerkreis kann bis zu 30 vielleicht sein.
  3. Kongress: Das Panel der Experten und die Teilnehmer stehen im Fokus. Man geht zu einem Kongress, weil man Kollegen zu einem Thema oder Motto treffen will. Je höher die Reputation von Panel und Teilnehmer, desto höher der Stellenwert des Kongresses. Beispielsweise der World Economic Forum. Kennt jemand den Veranstalter? Die wenigsten. Man trifft sich jeden Januar in Davos und man trifft „alle“ dort. Der Inhalt ist ziemlich nebensächlich. Networking, Kommunikation und Lobbyarbeit ist äusserst wichtig. Refrenten bei einem Kongress: Viele. Teilnehmeranzahl: So ab 40 bis zu einigen 1.000+.
  4. Barcamp: Barcamps sind Jamsessions. Bei einem reinrassigen Barcamp spielt das Programm eine untergeordnete Rolle. Man geht hin wegen der reputierten Teilnehmer. Wer schon auf der sichtbaren Teilnehmerliste steht, zieht weitere Teilnehmer an. Auch hier spielen vor Ort Networking und Kommunikation eine zentrale Rolle. Der Veranstalter gar keine. Ein Barcamp ist ein Happening. Es geht viel um das Wir-Gefühl. Die Inhalte sind zweitrangig. Deshalb entsteht bei einigen auch (zurecht) der Eindruck eines Barcamp-Tourismus, auch einer gewissen Beliebigkeit in den Themen und inhaltlichen Auseinandersetzungen. Das stimmt. Das steht aber auch nicht im Mittelpunkt. Zuviele Barcamps in einem zu kurzen Zeitraum verwässern natürlich die Qualität. Klar. Referenten: Die Teilnehmer. Im Idealfall alle. Teilnehmer: So um die 100+. Siehe auch hier.

Was folgt daraus nun? Für jeden sicher etwas anderes. Für meinen Teil: Ich mag Kongresse, die nicht zu gross sind. Ich mag die Selbstorganisation und das spontane der Barcamps. Ich mag darin eingebettete und organisierte Schwer- und Fixpunkte wie einige vorbereitete und gesetzte Seminare und Workshops. Der Mix machts. Und jede Veranstaltung hat seinen Mix. Das ist das schöne daran.

Das WordCamp’08 wird auch etwas einmaliges. Ich hoffe, eine einmalige Mischung aus Barcamp und ein bischen Seminar und Workshop in Kongressatmosphäre… Oder so ähnlich.


7 Gedanken zu “Was ist der Unterschied zwischen Barcamp, Kongress, Seminar und Workshop?

  1. Ich bin davon überzeugt, das es der Mix macht. Das es Konferenz- und Barcamptourismus gibt, macht ja die einzelnen Formen nicht weniger spannend. Ob es nun ein gut organisiertes Konzert oder eine spontane Jamsession ist, die Publikum und Musiker befriedigt, macht für mich keinen Unterschied im Ergebnis. Im übrigen leben auch die meisten guten Jamsessions von der guten Organisation und der Reputation der Veranstalter. Hinstellen und laut machen kann jeder. Eine gute Session oder Gig zu organisieren ist an sich schon wieder eine Kunstform für sich.

  2. Ich muss dann wohl irgendwann ein Noncamp erfinden. Für mich sind Menschenansammlungen, besonders > 3 fremde Personen, ein Alptraum. Jeder Event dieser Art kostet mich Wochen die ich im stillen Kämmerlein vor mich hin hiberniere und niemanden sehen will, weswegen alles über die Dimension eines Workshops hinaus für mich eigentlich nicht realisierbar ist. Ich weiss dass es noch mehr Leuten in der Geekwelt so geht und suche alternative Veranstaltungsformen die einer autistisch-soziophoben Ader gerecht werden. Ich *will* mich einfach nicht mit 100 Leuten treffen, um etwas zu erreichen, egal wie interessant die sind, das geht über das was ich verarbeiten kann WEIT hinaus. Ideen?

  3. 2 Cent zu Deiner Schilderung von BarCamps:

    Man geht hin wegen der reputierten Teilnehmer.“ Ja. „Es geht viel„, aber nicht nur „um das Wir-Gefühl.“ Doch Die Inhalte sind zweitrangig“ würde ich so nicht sagen: Die Teilnehmer sind auch das (Session-)Programm. Für reine Kuschelveranstaltungen wäre das Konzept vergeudet.

  4. Die Teilnehmer sind auch das (Session-)Programm.

    Eben.

    Im Vergleich zu Barcamps sind die Schwerpunkte von Kongressen, Seminaren und Workshops anders gelagert. Sonst wäre alles das gleiche. Auch die Erwartungen aller Beteiligten. Das sind sie aber nicht.

  5. D’accord, was die Erwartungen der Teilnehmer angeht, die bei einem Barcamp häufig noch einmal anders gelagert sind als bei Konferenzen, Seminaren und Workshops. Aber lass uns einmal sehen was passiert, wenn es im nächsten Jahr mehr thematisch enger ausgerichtete Barcamps gibt (wie auch das Wordcamp): dort tritt das eigentliche Thema, denke ich, auch in der Erwartungshaltung der Teilnehmer noch mehr in den Vordergrund – und vielleicht auch vor das gewollte Wir-Gefühl.

    (Mit Blick darauf bin ich übrigens auf die nächste re:publica gespannt, die 2007 doch etwas „kontroverser“ hätte ablaufen können)

  6. Ich sehe das ähnlich wie du an dieser Stelle. Die ganz offenen ersten (euphorischen, naiven) Barcamps werden tendenziell von den sprezifischeren ergänzt. Insgesant gibt es durch mehr Schwerpunktthemen mehr Barcamps. Das erfordert aber auch mehr und bessere Vorberitung der Barcamps, um sich von der Beliebigkeit abzugrenzen.

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