Hans A. Pestalozzi, Rebell und Visionär

Es gibt wenige, die mich wirklich beeindruckt und bei mir Spuren hinterlassen haben. Einer davon war der Schweizer Hans A. Pestalozzi, ein ehemaliger hochrangiger Migros Manager, der sich später zum engagierten Management- und Sozial-Kritiker, Wirtschaftsrebellen und Gesellschaftvisionären wandelte. Ich hatte ihn Anfang der achtziger Jahre in einem Dokumentarfilm von Roman Brodmann im Fernsehen gesehen. Seitdem ist er mir nie aus dem Kopf gegangen. Seine Energie und seine Leidenschaft für die Sache waren beindruckend. Pestalozzi, ganz in der Tradition seines entfernten Verwandten, des Johann Heinrich Pestalozzi, bekämpfte mit Verve die neuen Adligen, die Klasse der Manager, und stritt für eine selbstbestimmte und freie Unternehmenskultur und Gesellschaft. Das hat mich sicher bis heute geprägt. Dieser Geist hat auch seitdem die Führungskultur meiner Unternehmungen geprägt. StartupWeekend ist eine logische Fortsetzung davon. Die Geschichte ist nicht zu Ende.


5 thoughts on “Hans A. Pestalozzi, Rebell und Visionär

  1. Eine schöne Geschichte. Ein Saulus zum Paulus.
    Was passiert vor diesem Hintergrund mit Zumwinkel ?

    Eins macht traurig : Wieso beging Pestalozzi Selbstmord?

    1. Wenn ich mir das Interview mit ihm anhöre und dann lese, daß er Suizid begangen haben soll, läßt mich das Gefühl nicht los, daß ihn jemand aus dem Wege geräumt hat, denn ein so kraftvoll und engagierter Systemkritiker ist doch vielen maßgebenden Systemlingen ein Dorn im Auge.

  2. Leider lassen die meisten Menschen in unserem Wirtschafts- und Konsumsystem zuviel mit sich machen. Eine gigantische Werbe- und Manipulationsindustrie versucht uns ständig einzureden, was wir wann zu konsumieren haben.
    Auch das Buch „DIE WERBELAWINE – ANGRIFF AUF UNSER BEWUSSTSEIN“ von Ulrich Eicke zeigte schon 1991 sehr fundiert diese Mechanismen auf.
    Die Medien werden solche Wahrheiten nicht so gerne aufgreifen, erhalten sie doch Geld von ihren Werbekunden. Und Kritik an den eigenen Kunden – wer erlaubt sich das schon?
    Diese Gesellschaft braucht Rebellen – wie einen Hans A. Pestalozzi. Jeder von uns kann sinnvoll rebellisch sein!

  3. Hans A. Pestalozzi:

    AUFRUF ZUR REBELLION

    Sie behaupten, sie wollten den Frieden – und bereiten den Krieg vor.

    Sie behaupten, sie müßten den Krieg vorbereiten, um den Frieden zu schützen, und verschweigen, daß diese Formel noch immer zu Krieg geführt hat.

    Sie behaupten, sie wollten unsere Souveränität schützen, und machen uns vom Ausland abhängig.

    Sie behaupten, sie wollten das Volk schützen, und provozieren seine Vernichtung.

    Sie behaupten, vor dem Regime in Moskau auf der Hut sein zu müssen, und liefern uns dem Regime in Washington aus.

    Sie behaupten heute, gegen die kommunistische Weltrevolution kämpfen zu müssen, und behaupten morgen, das Sowjetsystem sei am Ende.

    Sie behaupten, mit dem Bundesgrenzschutz die Grenzen der Republik verteidigen zu müssen, und setzen ihn gegen die eigenen Bürger ein.

    Sie behaupten, uns vor totalitären Staaten schützen zu müssen, und arbeiten mit faschistischen Regimes zusammen.

    Sie werfen uns »Zerstörung des politischen Friedens« vor, und meinen Polizeieinsatz gegen Andersdenkende.

    Sie predigen Dialog, und drohen mit dem Rücktritt.

    Sie geben sich demokratisch, und verbieten die Teilnahme an Demonstrationen. Sie loben den Schutz der Minderheiten, und berufen sich auf eine angebliche schweigende Mehrheit. Sie pochen auf die Ganzheit der Demokratie, und schließen die Randgruppen aus.

    Sie werfen uns vor, kritiklos irgendwelchen Drahtziehern zu folgen, und knieten zwölf Jahre vor dem »Führer«.

    Sie nennen uns Chaoten, Kriminelle, Asoziale, und machen aus der Polizei brutale Schlägerbanden.

    Sie geben vor, den Rechtsstaat schützen zu müssen, und verhaften unsere Nachkommen gleich massenhaft.

    Sie berufen sich auf internationale Abmachungen, und knallen uns mit chemischen Waffen nieder, die im Kriegsfall verboten sind.

    Sie warnen uns vor der Militarisierung der Jugend im Osten, und führen bei uns den Wehrkundeunterricht ein.»Der Mensch ist böse.« So lautete die richtige Antwort auf die Frage im Religionsunterricht, ob der Mensch gut oder böse sei. Sie war Anlaß zu meiner ersten tiefgreifenden Rebellion. Ich befand mich mitten in einer unerhört positiven Aufbruchstimmung, trotz oder vielleicht gerade wegen der Pubertätsprobleme, die alles Bisherige in Frage stellten. Ich glaubte an meine Zukunft, das Kriegsende öffnete die Welt; Kameradschaften und Freundschaften schufen Beziehungen, die endlich die Elternbindung zu lösen erlaubten; die fordernde Sexualität versprach bisher Unvorstellbares. Und nun die Ohrfeige von »höchster Instanz«, denn der Religionslehrer, der Pfarrer verkörperte doch- so war uns beigebracht worden – die höchste Autorität, das A und O unseres Lebens: »Du bist böse, deine Freundinnen und Freunde sind böse, deine Mitmenschen sind böse!« Ich begann mich zum erstenmal grundsätzlich zu verweigern. Vom Verstand her konnte ich es wohl noch kaum erfassen. Das Gefühl sagte mir: Auf dieser Basis wirst du nie ein eigenes Leben gestalten können. Wenn diese Voraussetzung stimmt, ist es unmöglich, gemeinsam mit deinen Mitmenschen eine Zukunft aufzubauen. Du wirst immer von der Autorität abhängig sein, die darüber befindet, wie du dich zu verhalten hast, um »gut« zu werden. Ein Leben in Angst, böse zu bleiben? Ein Leben unter dem Zwang, den Anforderungen der »Autorität« gerecht werden zu müssen? Ein Leben in Schuldgefühlen, zu wenig zu leisten, nicht zu genügen, immer wieder zu versagen? Angst und Schuld als Basis meines Lebens?

    Was ich intuitiv nicht erfassen konnte: Schuldgefühle und Angst sind in dieser unserer Gesellschaft nötig; ihre Prinzipien, Strukturen und Abhängigkeiten wären sonst nicht möglich. Angst ist nötig, um »freiwillig« zu gehorchen. Angst ist Voraussetzung der »freiwilligen« Unterordnung. Schuldgefühle bringen mir bei, daß Eltern und Lehrer mich erziehen müssen. Schuldgefühle lassen mich Strafe akzeptieren. Schuldgefühle machen mich abhängig von der »Autorität«.

    »Du willst nicht mehr böse sein? Komm, wir sagen dir, wie du dich zu verhalten hast!«

    Es ist so. Es gibt Leute, die daran interessiert sind, daß ich Angst habe. Es gibt Leute, die ohne meine Schuldgefühle nicht sein könnten. Es sind die Leute, die an der Macht sind.

    Es dauerte lange, sehr lange, bis ich merkte, daß dieses Prinzip, wogegen ich mich im Bereich der Religion erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte, unser ganzes Leben beherrscht.

    »Du bist krank! Du bist unzufrieden! Du vernachlässigst deine Kinder! Du bist unfähig, deine Freizeit zu gestalten! Glaube nicht, du könntest einfach so gesund und zufrieden sein. Wir, die Wirtschaft, sagen dir, was du zu schlucken, zu schlürfen, anzuschaffen, den Kindern zu kaufen hast.«

    Eine Gesellschaft, die ihren »Erfolg« einzig und allein daran mißt, wieviel Ware in einem Jahr hergestellt und wieviele Dienstleistungen erbracht wurden, ohne nach dem Sinn zu fragen, muß von einem negativen Lebensprinzip ausgehen. Zufrieden sein, glücklich sein, gesund sein sind in einer solchen Gesellschaft wertlos: Positive Zustände erhöhen das Bruttosozialprodukt nicht. Unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft können in ihrer heutigen Konzeption nur überleben, wenn wir unglücklich, unzufrieden, krank, unfähig sind. Wenn Wirtschaft darin besteht, negative Zustände zu beseitigen, und wenn die gleiche Wirtschaft behauptet, ständig weiter wachsen zu müssen, dann kann sie nur ein Interesse haben: die negativen Zustände zu verstärken. Und dies tut sie mit Erfolg. Gleichzeitig gibt sie uns aber vor, die Menschen glücklich zu machen. »Es geht euch ja so gut wie noch nie!« Damit hat sie uns bei der Angst: »Paßt auf! Wenn ihr euch nicht so verhaltet. wie wir es sagen, verliert ihr euren Wohlstand – das, was euer Glück ausmacht!«

    Auf die Politik übertragen: Jede Politik, die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren betrieben wurde, hat das Gegenteil dessen erreicht, was sie anstrebte.

    Die Verkehrspolitik hat dazu geführt, daß der Stau auf unseren Straßen noch nie so groß und das Defizit der Bundesbahn noch nie so hoch war.

    Die Landwirtschaftspolitik hat dazu geführt, daß Hunderttausende von Bauern liquidiert wurden, wir in unserer Nahrungsmittelversorgung völlig vom Ausland abhängig geworden sind und unsere Böden zerstört werden.
    Entwicklungspolitik hat dazu geführt, daß die armen Länder immer ärmer wurden und die reichen Länder immer reicher.

    Die Mittelstandspolitik hat das Geschäft der Großen gemacht. Die Großen wurden immer größer, die Kleinen wurden liquidiert.

    Friedenspolitik hat dazu geführt, daß wir dem Krieg so nahe sind wie nie mehr seit dem Zweiten Weltkrieg.

    Anders ausgedrückt: Kein einziges Problem, welches vor zehn oder zwanzig Jahren bestanden hat, ist einer Lösung auch nur einen Schritt näher gebracht worden. Im Gegenteil: Die Probleme haben sich verschärft. Aber alle Politiker und alle Regierungen haben nur das eine Ziel: genauso weiterzumachen wie bisher oder die bisherigen Trends sogar nach Möglichkeit noch zu verstärken. Und auch dafür brauchen sie unsere Angst. Angst vor dem Neuen, das nötig wäre – keine Experimente! Also Angst vor der Zukunft.

    Wie soll in einer solchen Gesellschaft Frieden etwas anderes sein können als Abwesenheit von Krieg? Ist da nicht eine derartig perverse Einstellung selbstverständlich, die behauptet, je mehr man rüste, desto mehr sichere man den Frieden? Wenn für die Herren dieser Gesellschaft positive Zustände nicht nur nicht denkbar, sondern die negativen Zustände für die Aufrechterhaltung der eigenen Macht notwendig sind, wie sollten sie da zugeben können, daß Frieden eben nicht Abwehr des Krieges durch Militär ist, sondern Kriegsbereitschaft und Militär den Frieden gefährden und verhindern?

    »Wir brauchen wieder einen Krieg, damit unsere Wirtschaft wieder einen Auftrag hat; sie muß von vorne beginnen können«, sagte mir kürzlich ein Exponent des deutschen Managements. Es ist so: In einer friedlichen Gesellschaft kann diese Wirtschaft nicht so weitermachen.

    Wir brauchen die Drohung mit dem Krieg. Eine friedliche Gesellschaft macht keine Geschäfte mit Waffen.

    Wir brauchen die Angst vor dem Krieg. Eine friedliche Gesellschaft braucht keine »Autoritäten«.

    Wir brauchen die Angst vor dem Feind. Eine friedliche Gesellschaft kann auf Machtstrukturen verzichten.

    Wir brauchen die Angst, unseren Lebensstandard verlieren zu können. Eine friedliche Gesellschaft braucht keine Ausbeutung der Natur, der Dritten Welt, der kommenden Generationen.

    »Wir brauchen deine Angst. Denn nur so können wir dir einreden, es müsse so sein, wie es heute ist!«Die Antwort jenes Pfarrers bleibt mir unvergeßlich, dem die Frage gestellt wurde, was er vom Motto »lieber rot als tot« halte. Er stellte die Gegenfrage: »Was wäre Ihnen lieber: Wenn Ihre Tochter zerfetzt in einem Bombentrichter bei Bonn liegen oder friedlich in ihrer Wohnstube in Leipzig sitzen würde?«

    Was ist denn das eigentlich, das mehr wert sein soll als unser Leben? Mehr wert als das Leben unserer Kinder? Mehr wert als Leben auf diesem Planeten überhaupt? Oder nach Haig: Mehr wert als der Frieden? Was ist denn das eigentlich, das wir verteidigen wollen oder sollen? Was ist dieser Wert, der mehr wert sein soll als alles übrige?

    Sie sagen: Die Freiheit.

    Freiheit auf der Basis von Angst und Schuldgefühlen? Wessen Freiheit? Welche Freiheit?

    Ist es die Freiheit, für die unsere Väter, deren wir in Ehrfurcht zu gedenken haben, gefallen sind – wie es ein Spitzenpolitiker kürzlich formulierte?

    Oder ist es die Freiheit, nach der Pfeife Washingtons tanzen zu müssen?

    Die Freiheit, aufrüsten zu müssen, Waffen herstellen zu müssen, Waffen expor tieren zu müssen?

    Oder ist es die Freiheit des Konsumenten,
    zwischen dem Einkaufszentrum Ost und dem Einkaufszentrum West wählen zu dürfen;zwischen Waschmitteln mit und ohne blaue Kügelchen wählen zu dürfen;
    zwischen Fertigmahlzeiten von Maggi und solchen von Knorr wählen zu dürfen?

    Oder die Freiheit
    des Arbeiters, zwischen einem Fließband bei Opel und einem solchen bei VW wählen zu können;
    der Kassiererin, zwischen einer Supermarktkasse bei Coop und einer solchen bei Edeka wählen zu können?
    des Computerfachmanns, zwischen IBM und Siemens wählen zu können?

    Oder die Freiheit des Lehrers, sich kritiklos unterzuordnen oder entlassen zu werden?
    Die Freiheit des Journalisten, auf die Inserenten Rücksicht zu nehmen oder entlassen zu werden?
    Die Freiheit des Pfarrers, dem Bischof zu gehorchen oder entlassen zu werden?
    Die Freiheit des Staatsangestellten, die eigene politische Überzeugung zu verheimlichen oder entlassen zu werden? Die Freiheit des Politikers, sich dem Fraktionszwang zu fugen oder ausgeschlossen zu werden?

    Die Freiheit, am Wochenende mit dem Wagen möglichst weit wegfahren zu können, weil man es an seinem Wohnort nicht mehr aushält?
    Die Freiheit, im Urlaub vom Hochhaus im Vorort von Frankfurt in ein Hochhaus an der Costa Brava übersiedeln zu können? Die Freiheit, eine Zweitwohnung haben zu können, weil die Verhältnisse in der Erstwohnung unerträglich sind?
    Die Freiheit, ohne Geschwindigkeitsbegrenzung über die Autobahn rasen zu können,
    keine Sicherheitsgurte tragen zu müssen?
    tausend Kinder im Jahr umzubringen, um mobil zu sein?
    Ist es diese Freiheit, für die wir unser Leben hergeben sollen?

    Eine Freiheit, die gar keime echten Alternativen offenläßt? »Du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt«, als Inhalt unserer Freiheit?

    Oder eine Freiheit, die in Rücksichtslosigkeit, Schrankenlosigkeit, Bindungslosgkeit besteht – also eine rein negative Freiheit?

    Wäre echte, positive Freiheit, die nicht nach dem »frei wovon«, sondern »frei wofür« fragt, nicht etwas ganz anderes? Eine Freiheit, die die Möglichkeit gibt, gestalten zu können? Und ist es nicht genau diese positive Freiheit, die uns in unserer Gesellschaft verwehrt wird? Weil die alles dominierende Freiheit die negative Freiheit der Wirtschaft ist; die negative Freiheit des Kapitals, sich dorthin begeben zu können, wo es am meisten rentiert? Ohne Rücksicht auf den Menschen? Ohne Rücksicht auf die Möglichkeit, Zukunft gestalten zu können?

    Wenn es unseren Politikern und Militärs ernst wäre mit der Behauptung, es gehe in der weltweiten Auseinandersetzung um die Wahrung unserer Freiheit, weshalb tun dann gerade sie ihr möglichstes, um die echte positive Freiheit immer weiter abzubauen: Überwachung, Computerkontrolle, Radikalenerlasse, Berufsverbote, Verstärkung der Polizei, Schließung von Freiräumen, die Diffamierung all jener, die Neues zu schaffen versuchen?

    Würde nicht die wichtigste Verteidigungsmaßnahme darin bestehen, endlich jene Freiheit zu schaffen, die mich erst fähig macht, mich einem äußeren Feind zu widersetzen, d. h., innerlich autonom zu werden?

    Sie sagen: Die Demokratie!

    Welche Demokratie? Wo haben wir denn überhaupt Demokratie? Demokratie in der Schule, in der Kirche, in der Wissenschaft, an der Universität, in der Familie, im Sport, in der Wirtschaft, in der Bundeswehr? Wo in all diesen Bereichen haben wir wenigstens das demokratische Bekenntnis? Beschränkt sich denn unsere Demokratie nicht einzig und allein auf einen Teilbereich der staatlichen Entscheidungsfindung? Und besteht die Möglichkeit des einzelnen Bürgers nicht nur darin, alle vier Jahre zwischen einigen Damen und Herren wählen zu können? Und wenn ich da – weil es keine echten Alternativen gibt – nur noch zwischen Pest und Cholera wählen kann, will ich dann nicht lieber gesund bleiben?

    Wäre Demokratie nicht etwas völlig anderes als das Ablaufen von bestimmten staatlichen Institutionen? Eine Demokratie, die auch durch einen »Feind«, eine »Besetzung« nicht zu zerstören ist? Weil sie in meiner inneren Einstellung und meinem Verhalten den Mitmenschen gegenüber bestehen würde? Aber weshalb werden nun ausgerechnet jene, die es ernst meinen mit dieser echten Demokratie und die versuchen, demokratische Prinzipien auf andere Lebensbereiche wie Schule, Wirtschaft, Kirche zu übertragen, als Feinde unserer Demokratie bezeichnet? Geht es also gar nicht um Demokratie, sondern um die autoritären Machtstrukturen, die sich so leicht unter dem Mäntelchen Demokratie verbergen lassen? Sind es nicht eben diese Strukturen, die uns für einen totalitären Feind anfällig machen? Er muß ja lediglich die »führenden Persönlichkeiten« auswechseln.

    Wäre dann nicht die wichtigste Verteidigungsmaßnahme die Veränderung der heutigen Strukturen, die Verwirklichung echter Demokratie? Dies ist aber nicht möglich, solange das Prinzip Militär unsere Gesellschaft beherrscht.

    Sie sagen: Unseren Wohlstand.

    Das Leben hergeben für zwei statt einem Kotelett pro Woche; für einen Wagen‘ der 250 statt nur 120 Sachen fährt; für den Urlaub an der Costa Brava, statt in den Bayerischen Alpen; für frisches Gemüse aus der Sahel-Zone im Winter, statt der eigenen Kartoffeln; für das geheizte Chlor-Schwimmbad im Keller, statt des sauberen Freibades im Sommer?

    Das Leben hergeben für einen Wohlstand, der die Natur ausbeutet, die Dritte Welt ausbeutet, die kommenden Generationen ausbeutet?

    Und welches ist das größere Versagen, das größere Verbrechen einer Gesellschaft: Von Zeit zu Zeit nicht all jene Waren zu haben, die wir angeblich in sinnloser Überfülle haben müssen, oder jedes Jahr Tausende von Tonnen Nahrungsmittel zu vernichten, während Millionen Menschen verhungern?

    Sie sagen: Die soziale Marktwirtschaft.

    Das Leben hergeben für ein wirtschaftliches Instrument? Um die Marktwirtschaft auszuschalten; braucht es die Russen nicht. Die Unternehmer mit ihren Kartellen, Fusionen, Verflechtungen, Bankabhängigkeiten sorgen selbst dafür.

    Sie sagen: Unsere Kultur.
    Micky Maus, Frankfurter Skyline, Hamburger, Autobahnen, Konservendosen, Konservenmusik, zwanzig Fernsehprogramme, Bild-Zeitung, Ketch-up, Musicals, Cowboy-Filme, Peep-Shows, Blue-Jeans, Miss World, Mr. Universum. Mein Leben wert?

    Sie sagen: Das Staatsgebiet.
    Die Konsequenz ist die Neutronenbombe. Alles intakt; das Volk versaftet.

    Sie sagen: Das Volk, uns selbst.
    Wieviel Prozent: 90%, 50%, 25% Überlebende? Oder reichen die 5%, die uns in Aussicht gestellt werden?

    Wäre es für uns – wenn Demokratie, Freiheit, Kultur usw. uns ausmachen – nicht viel wichtiger, an deren Verwirklichung zu arbeiten und diese Begriffe mit echtem Inhalt, mit Leben zu erfüllen, statt, wie das Kaninchen, gebannt auf die imaginäre Schlange zu starren, die all diese unsere angeblichen Errungenschaften verschlingen will?

    Ist es nicht ein alter Trick der Mächtigen, einen äußeren Feind aufzubauen, um die eigenen Konflikte unterdrücken und die eigene Unfähigkeit verbergen zu können?

    Sollten die Fragen nicht ganz anders lauten:
    Was ist das, was ich erhalten will?
    Was macht mich aus?
    Was würde machen, daß ich ich sein kann, wir wir sein können?
    Was wollen wir mit unserer Gesellschaft?
    Was wäre Gemeinschaft, in der ich mich wohl fühle?
    Was ist meine, unsere Eigenart, die ich schützen will?

    Wodurch ist all dies ‚bedroht‘?

    Ist es vielleicht die Gefahr eines ökologischen Kollapses? Weshalb kämpfen wir dann nicht in erster Linie gegen all jene Manager, Gewerkschaftsführer und Politiker, für die das Bruttosozialprodukt noch immer wichtiger ist als unsere Umwelt?

    Ist es vielleicht die Verschärfung des Nord-Süd-Konflikts? Warum kämpfen wir dann nicht in erster Linie gegen jene, die behaupten, wir müßten weiter wachsen – womöglich, um der Dritten Welt helfen zu können -, während dieses Wachstum zu Lasten der Dritten Welt geht?

    Ist es vielleicht die Groß-Technologie, die uns immer abhängiger vom Ausland macht? Die immer weniger Leuten immer mehr Macht über immer mehr Menschen verleiht? Die unsere Gesellschaft für Störungen immer noch anfälliger macht? Warum kämpfen wir dann nicht in erster Linie gegen AKWs, Autobahnen, Großindustrien?

    Ist es vielleicht der Anspruch der multinationalen Unternehmen, die Nationalstaaten zu überwinden und die menschliche Gesellschaft der Zukunft zu gestalten? Weshalb kämpfen wir dann nicht in erster Linie gegen jene, für die der Profit der alleinige Steuerungsfaktor für unsere Zukunft sein soll?

    Ist es vielleicht die Entwicklung unserer Wirtschaft, die mit ihrer Konzentration, ihrer Zentralisation, ihren Großstrukturen, ihren Verflechtungen, ihren Abhängigkeiten Demokratie unmöglich macht? Weshalb kämpfen wir nicht in erster Linie gegen jene, die uns – nach ihren eigenen Aussagen – immer mehr von sogenannten Sach– und Systemzwängen abhängig machen?

    Ist es vielleicht die Vermassung durch Standardisierung, Normierung, Massenproduktion, Massenkommunikation? Weshalb kämpfen wir dann nicht in erster Linie gegen jene, die behaupten, Sozialismus sei die Unterdrückung des Individuums, während sie selber einerseits den genormten Menschen verlangen, andererseits durch das Konkurrenz-Prinzip Egoisten, Egozentriker, Narzißten züchten?

    Oder ist all das, was unsere Eigenart ausmacht, das wir schützen wollen, einzig und allein, oder doch vordringlich, durch die russischen Atomraketen und Panzerarmeen bedroht?

    Wer setzt denn diese kuriosen Prioritäten?

    Was wäre ein Problemen gelöst, wenn die Sowjetunion kapitalistisch würde?

    Was will eigentlich die Friedensbewegung?

    Selbstverständlich geht es in erster Linie einmal um den Kampf gegen die Mittelstrecken-Raketen. Dieser Kampf allein ist schon ein wichtiger Teil der Bewegung. Wenn er erfolgreich sein sollte: Ist Abbau von Angst nicht allein schon wichtig? Ist die Verhinderung einer weiteren Eskalation nicht bereits etwas Entscheidendes? Ist die Geste des Verzichts nicht ein wichtiger Schritt?

    Und doch die Vorbehalte:
    Wenn der Erfolg der Friedensbewegung einzig und allein in diesem Schritt bestehen würde, könnte sie sogar das Gegenteil dessen bewirken, was sie anstrebt. Entspannungsgefühle müssen noch keine Entspannung sein. Eine Entspannung, die darin besteht, daß wir nur – wie bisher – x-mal umgebracht werden können, statt – wie geplant – y- mal, ist kein Schritt in die Zukunft. Eine solche Entspannung kann uns einlullen, indem sie uns einen Frieden im Sinne der Militärs und Politiker vorgaukelt: Es besteht keine unmittelbare Kriegsgefahr. Sind wir dadurch einem echten Frieden näher gekommen? Einem Frieden, der nicht in der Kriegsabwehr besteht?

    Ist der nächste Schritt schon wesentlich mehr: Der Verzicht auf Atomwaffen in Europa? Oder gar der Aufbau einer rein defensiven Territorial-Truppe in der Bundesrepublik, z. B. ohne Panzer?

    Ist nicht erst der Verzicht auf Militär ganz allgemein das Entscheidende? Wäre nicht erst der Verzicht auf Militär die einzige realistische Lösung, während alle anderen, d.h. die militärischen Lösungen reine Spekulation bleiben? Hat sich nicht – wenn wir endlich aus der Geschichte lernen wollten – militärische Spekulation noch immer als falsch erwiesen? Führt diese Spekulation nicht immer entweder zur Niederlage oder zu noch mehr Kriegen oder zur Übernahme der Mentalität des Besiegten durch den Sieger und damit schließlich zum Sieg des Besiegten? Also Entmilitarisierung, Blockfreiheit, Neutralität als das Entscheidende der Friedensbewegung? Haben wir dann Frieden?

    Können wir friedlich sein in einer Gesellschaft, die auf dem Konkurrenz-Prinzip beruht?
    Konkurrenz heißt Kampf. Konkurrenz hat zwar immer einen Gewinner, den man groß vorzeigt. Sie hat aber immer auch einen Verlierer, einen Besiegten, einen Versager;
    die Karriere schon dem jungen Menschen als Lebensziel vorgibt?
    Karriere heißt ebenfalls Kampf. Kampf gegen den Mitmenschen. Ich muß ihn übertrumpfen, unterdrücken wollen;
    die Hierarchie als selbstverständliches Ordnungsprinzip befürwortet?
    Hierarchie heißt, daß es Mächtige gibt und Ohnmächtige, daß es Leute gibt, die befehlen dürfen, und solche, die gehorchen müssen.

    Friedensbewegung muß viel mehr sein und ist viel, viel mehr als Bekämpfen der Mittelstrecken- Raketen, Blockfreiheit und Neutralität, als Entmilitarisierung. Die Friedensbewegung kann zur entscheidenden Bewegung dieses Jahrhunderts werden. Sie kann Anfang einer Revolution – einer Umwälzung – sein, die an die Französische Revolution anschließt. In der Friedensbewegung haben sich all jene Kreise zusammengefunden, die mit dem Bekenntnis unserer Gesellschaft zu Demokratie, Christentum, Humanität, Gerechtigkeit endlich ernst machen wollen. Es sind unzählige Kreise, Vereinigungen, Gruppen, Grüppchen, die sich in Bonn versammelt hatten. Sie lassen sich inhaltlich nicht erfassen. Vor allem lassen sie sich nicht organisieren, nicht strukturieren. Es wäre ein Widerspruch in sich, denn das Neue besteht u. a. in der Nicht- Organisation, der Nicht-Strukturierung. Das Wesentliche ist, daß all diesen Gruppen, die wir insgesamt als Alternativ-Bewegung bezeichnen können, eine gemeinsame Grundhaltung zu eigen ist:

    Rücksichtnahme statt Eigennutz Liebe statt Ablehnung Solidarität statt Konkurrenz Eingeordnetsein statt Überwindung Hoffnung statt Angst Sein statt Haben.

    Die Friedensbewegung versucht, all jenes zu verwirklichen, das erst Frieden echt machen würde. Wir probieren Gemeinschaften aus,
    die nicht denjenigen prämieren, der den anderen unterdrückt, sondern wo jeder den anderen als Partner akzeptiert;
    in denen nicht derjenige Gewinner ist, der den anderen fertigmacht, sondern wo jeder mit jedem für jeden leben will;
    die nicht von Starken beherrscht werden, sondern in denen Menschen leben, die sich nach dem Schwachen richten;
    die nicht rational sein wollen, sondern in denen man Gefühle haben und zeigen darf.Friedensbewegung ist
    der Aufstand der Bürger gegen die Experten;
    der Aufstand von Menschen mit Zukunft gegen die alten kranken Männer, die uns regieren; der Aufstand der Optimisten gegen die Pessimisten;
    der Aufstand der autonomen Menschen gegen die Autoritäten;
    der Aufstand der realistischen Träumer gegen die defaitistischen Spekulanten.
    »Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.«

    Friedensbewegung
    macht bewußt; löst Betroffenheit aus; macht fähig, sich zu verweigern; macht fähig, an eine Zukunft zu glauben.Frieden ist
    nicht passiv sein;
    nicht nachgeben;
    nicht Ruhe;
    nicht Anpassung.
    Frieden ist Konfrontation:
    Wie soll ich sonst den anderen erkennen können? Frieden ist Konflikte suchen:
    Frieden ist Konflikte suchen:
    Wie soll ich sonst wissen, wo die Probleme liegen?
    Frieden ist Polarisation. Oder gibt es nur den einen Pol, den Pol der Mächtigen?
    Frieden ist Auseinandersetzung. Oder will ich den anderen überwältigen?
    Frieden ist Einvernehmen. Oder will ich der Minderheit diktieren?

    Anpasser, Angepaßte, aufgepaßt:
    Ihr wollt überleben?
    Mit Rüstung? Mit Atomwaffen? Mit der Neutronenbombe? Mit Militär?
    Ihr wollt überleben?
    Indem sie euch zu Tode rüsten? Indem sie aus unserem Europa ihr Schlachtfeld
    machen?
    Überleben werdet ihr nur ohne Waffen.
    Überleben wird aber nur, wer Widerstand leisten kann.
    Widerstand leisten können nur jene, die schon vorher Widerstand geleistet
    haben.
    Widerstandsfähig war nie die schweigende Mehrheit.
    Widerstandsfähig sind nur die Rebellen.
    Die schweigende Mehrheit – die Angepaßten – passen sich unverzüglich auch
    einem neuen Herrscher an.
    Rebellen bleiben Rebellen.
    Wollt ihr überleben?
    Dann rebelliert!
    Hier und jetzt!

    (1982).

  4. Er war einer der mich wirklich fasziniert hat, ich hatte das Glück in einmal persönlich kennezulernen und war begeistert. Möge er uns und vielen in Erinnerung bleiben.

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