Der etwas andere Open Coffee Club…

Apropos Salonkultur 2.0 und Geselligkeitskultur: Ich hatte mal vor vielen Jahren einen Fernsehbericht aus New York gesehen, wo eine ältere schwarze Dame jeden Sonntagvormittag ihre Wohnungstür aufmachte und jeder, der wollte, sie in ihrer kleinen Privatwohnung besuchen konnte. Sie spielte die ganze Zeit Klavier, Stücke von Gershwin, Blues u.ä., und um sie herum verteilt über die ganze Wohnung sassen und standen die Nachbarn, Freunde und Fremde, Alte und Junge, Weisse und Schwarze, Arme und Bürgerliche, und hatten einige schöne Stunden bis mittags. Alles sehr friedlich und entspannt. Um 12 Uhr gingen alle wieder und jeder, der wollte, gab am Eingang beim Rausgehen einen kleinen Betrag in eine Dose. denn Kaffee und Kuchen hatte sie spendiert. Was für eine schöne Idee. Ich finde so eine Geschichte rührend und grossartig. Übrigens, aus ihrer Wohnung soll nie etwas gestohlen worden sein. Und das mitten in New York.

Schön finde ich auch einen Rhythm & Blues Club. Vielleicht in Ottensen. In einem Hof, einer Fabrik, einer einfachen Bar. Nur Freunde und Fremde, die diese Musik mögen. Klassischen R&B oder zeitgenössischen. Tanz und Unterhaltung. Ausgewogene Mischung von Frauen und Männern aus allen Generationen.

Wir sollten zurückfinden zum Menschlichen. Das Digitale bringt uns zwar einerseits zusammen, aber entfernt uns auch von den wertvollen Dingen. Dem menschlichen Atem. Der Haut. Der Stimme, die nichts verkaufen muss. Am wenigsten sich selber. Dem Glanz der Haare. Dem Geruch. Der Berührung. Zusammen sein ohne Zweck. Einfach, weil man zusammen sein möchte und Freude an gemeinsamen Dingen hat. Einfach so.

Aber vielleicht bin ich auch nur ein romatischer Idealist. Eine aussterbende Gattung möglicherweise. Oder?


11 thoughts on “Der etwas andere Open Coffee Club…

  1. Ich würde mich zwar als „Kind der digitalen Gesellschaft“ bezeichnen, da ich mit meinen 21 Jahren direkt in den Neue-Medienhype reingeboren wurde und mich dessen nie ganz entziehen konnte aber muss dir zustimmen, dass diese Salonkultur ausstirbt. Ich mache das daran fest, dass ich nie die Möglichkeit hatte sowas zu erleben was zum einem am Alter als auch an der „dörflichen Herkunft“ liegen mag.

    Doch wie vor schätze ich es eher in geselligem Kreise der Konversation nachzugehen als Abende in viel zu lauten Discotheken zu verbringen. Ich konnte mich schon immer für Erzählungen über Kaffeehäuser in Wien oder Stammtische in Hafenkneipen vor 30-40 Jahren etc. begeistern und finde es eigtl. sehr schade sowas nicht miterleben zu dürfen.

  2. Und weil mir die Idee gerade so gut gefällt, hier ein konkreter Vorschlag: Wie wäre es mit einem Brunch am Sonntag bei mir im Garten? Ich stelle Garten, Stühle, Tische, Getränke… jeder bringt etwas zu essen/trinken mit. Fehlt nur noch die Musik… Wer wäre dabei?

  3. >Das Digitale bringt uns zwar einerseits zusammen, aber entfernt uns auch >von den wertvollen Dingen.

    Genau das ging mir heute morgen auch durch den Kopf als ich mal wieder unschlüssig war, ob ich twitter nun mag oder nicht : einerseits kann man den Gedanken von Menschen folgend ganz nah sein, die man kaum/gar nicht persönlich kennt, andererseits sind es eben doch nur seelenlose bits&bytes, nicht zu ersetzen durch ein Stück Kuchen zu Klaviermusik im Kreis von Freunden o.ä. Couldn’t agree more :-)

  4. Unlängst lief auf Phoenix die Doku über das kleinste Opernhaus New Yorks. Ebenfalls ein Wohnzimmer, in der Nähe des CBGBs. Grandios intime Wohnzimmerkultur.

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