Mein erstes deutsches Wort

Wir wohnten damals, Ende der Fünfziger Jahre, in Hamburg im schönen Stadtteil Rotherbaum. Direkt an der Chaussee, an der Ecke Binderstrasse. In einem grossen grauen Mietshaus, das heute noch steht. Eine kleine Zweizimmerwohnung mit einem schönen Ausblick über die alten Gründerstilvillen des Viertels. In der obersten Etage über uns – unter dem Dach – wohnte eine Familie mit ihrer Tochter. Wir waren befreundet und spielten miteinander. Ich war ungefähr fünf. Sie war vielleicht ein, zwei Jahr jünger.

Manchmal nahm ihre Mutter uns beide auf einen Spaziergang an die nahe gelegene Aussenalster. Wir fütterten Schwäne und schauten über das Wasser. Ich erinnere mich noch ganz genau an den ersten Sommer. Sie kaufte uns beiden ein Eis. Die Tochter hatte Erdbeereis und ich ein Vanille. Ein vierkantiges Eis am Stil mit Staniolpapier umwickelt. Es gab damals nur zwei Eissorten.

Plötzlich beugte sich ihre Mutter zu mir herunter und zeigte auf das Wasser. Ein weisses Boot, das gerade anlegte. Sie zeigte darauf und sagte ganz bedeutungsvoll: „Alsterschiff“. Das ist ein Alsterschiff. Ich wiederholte das Wort. Alsterschiff.

Ich sehe diese Szene noch so vor meinen Augen, als ob ich immer noch der kleine Junge in den kurzen Hosen bin, mit dem Vanilleeis in der Hand. Alsterschiff. Das war mein allererstes Wort in deutsch. Seit dem fühle ich bis heute eine starke Verbundenheit mit diesen wunderschönen weissen Fähren wie sie langsam vor der Silhouette der Innenstadt auf dem Wasser gleiten. Und im Zickzackkurs die Alster und ihre Kanäle und Seitenarme von Anleger zu Anleger hoch und wieder runterfahren. Die Alsterschiffe der Schwanenflotte sind für mich das Sinnbild für Hamburg und meine Kindheit. Ich fühle bis heute eine tiefe Verbundenheit mit diesen weissen Dampfern. Jedesmal, wenn ich sie sehe, freue ich mich über ihren Anblick.

Und jedes Mal wenn ich an der gleichen Stelle bin, wo ich meinen erstes deutsches Wort gelernt habe, muss ich an diesen Moment denken. Alsterschiff.


11 thoughts on “Mein erstes deutsches Wort

  1. Hm. Einfach schön zu lesen. Danke.

    Mein erstes deutsches Wort übrigens lernte ich im Kindergarten. Wir kamen 1984 – über den Umweg Wien – aus der Ukraine nach Berlin, wo ich in den Kindergarten ging. Ich weiß nicht mehr, woher ich diese Floskel nahm, aber sie passt ganz gut zu meinem Sturkopf: „Na und“.

  2. Seufz, als hier geborener Hamburger kann ich mein erstes deutsches Wort nicht erinnern (Mama? oder doch Papa).
    Aber die Alsterschiffe sind mir auch seit Kindertagen bewußt, ab Hudtwalckerstraße zum Jungfernstieg mit Oma – damals das tollste Überhaupt.
    Heut fahren meine Kidds da auch gerne mit..

  3. Ich bewundere es hochgradig, wenn jemand so ein Kindheitserlebnis memoriert hat. Das kann auch nicht jeder.

  4. @Nils, war es so sentimental. hatte ich gar nicht vor eigentlich… :-))

    @Sachar, mein ehemaliger Schwiegervater, ein Ungar, erzählte sein erstes deutsches Wort (bzw Satz) wäre gewesen „Mak de Door to!“ (Hafenplattdeutsch: Mach die Tür zu!) :-)

    @Timo, danke Timo. Bin gespannt auch die Geschichten, die du in 40-50 Jahren erzählen wirst, damals als wir noch ein Lunch 2.0 hatten… :-)

    @Norbert, schöne Tour: Hudwalker nach Jungfernstieg! Sollte ich mal Pfingsten wieder machen.

    @codecandies, ach das ist gar nicht so schwer… :-)

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