Leichtes Gepäck

Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Und der grösstmögliche Freiraum diese darin zu erkunden. Das ist der moderne Mensch. Selbst ganze Völker streben danach.

Mich interessiert seit jeher das Leben der Nomaden. Mit leichtem Gepäck, ungebunden seine Ziele anvisieren und seinen Weg finden. Ständig in Verbindung mit seiner Umwelt. Technomads. Ständige Reisende. Snowbirds. Boat People. Grossstadtnomaden Road Warriors. Nie waren die Möglichkeiten grösser als jetzt. Mobiler Webzugang, der den Kontakt auch zu e.ntfernten Menschen, seinem sozialen Netzwerk und zu den meisten Informationen sichert. Eine Reise-Infrastruktur, die es ermöglicht, binnen spätestens 24 Stunden in fast jedem Ort der Welt zu sein. Kreditkarten, die einen finanziell mobil halten. Man braucht nicht einmal einen Koffer. Nicht mal ein eigenes Dach. Das alles beeinträchtigt die eigene Unabhängigkeit.

Heute sind mehr Menschen unterwegs als bei allen vergangenen Völkerwanderungen in der Menschheitsgeschichte zusammen. Viele, weil sie müssen, manche aus freiem Willen, weil sie es wollen. Mich interessieren letztere diesmal.

Wie kann man Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung mit dem grösstmöglichem geistigen und geografischen Freiraum verbinden? Voraussetzung ist dafür, zunächst die Grundlage zu legen: Ein gewisses Mass an sozialer Anerkennung, sozialen Beziehungen, Sicherheit und körperlichen Bedürfnissen zu sichern. Ich persönlich reise am liebsten mit denen, die mir sehr nahestehen. EIn guter Lebens- und Weggefährte ist das schönste.

Doch wie sieht so etwas praktisch aus? Unabhängigkeit kostet Geld. Mein Tipp lautet erstmal, befrei dich von allem Ballast. Binde dich nicht an die Scholle, kauf kein Reihenhaus und verpflichte dich nicht für die nächsten dreissig Jahre. Sichere dir ein ständiges Einkommen. Es muss nicht üppig sein. Gib weniger Geld aus als du musst.

Es gibt die sogenannten Five (oder mehr) Flag Theory für „Ständige Reisende“. „permanente Touristen“:

  1. Pass und Staatbürgerschaft von einem Staat der Einkommen (aus dem Ausland) nicht versteuert
  2. Juristischen Wohnsitz in einem steuerfreien Land
  3. Geschäftssitz in einem Land, dass geringe Unternehmenssteuersätze hat
  4. Vermögen in einem Land, dass geringe bis keine Steuern auf Vermögen erhebt und Stabilität bietet
  5. Eine Spielwiese, um (mehrwert-)steuerfrei sein Geld auszugeben und sich zu vergnügen

Amoralisch? Kann sein. Viele, die etwas Vermögen haben und frei von Bindungen sind, leben auf diese Weise. Machen wir uns nichts vor. Mit lohnabhängiger Arbeit von 09 bis 17 ist das nicht zu machen. Wie dann? Tim Ferriss mag da weiterhelfen (Buch, Blog). Da sind zwar viele Banalitäten drin, aber auch einige Körnchen Wahrheit (Danke, R.!). Politisch korrekt? Ganz sicher nicht. Provokativ? Kommt auf den Standpunkt an. Wir leben in einer globalen Welt ohne Grenzen. Das Internet ist dafür das beste Beispiel.


9 thoughts on “Leichtes Gepäck

  1. Cem mach es dir ganz einfach. Das was du beschreibst, funktioniert nur, solange sich alle anderen dieses Verhalten gefallen lassen. Ändert der Staat in dem du dein Vermögen hast, über Nacht seine Regeln und kassiert dein Vermögen bist du erledigt.

    Ändert sich dein Gesundheitsstatus auf dem Weg bist du erledigt. Manchmal hilft da auch kein Auslandskrankenschein. Ändern sich die Steuergesetze bist du erledigt.

    Dien Reisender ist ein Flüchtling. Ein Parasit. Was machst du wenn eine Mücke von dir leben will. Du erschlägst sie. Rein parasitäres Leben funktioniert nur sehr kurzfristig. Symbiose geht. Du wirst also deine Lebenshaltung entweder auf Symbiose umstellen, also nützlich für dein Volk sein müssen oder sterben.

  2. Ich finde, du bewertest das „Technoleben“ über. Der von dir beschriebene Reisende hat kein soziales Privatleben. Nur mit Leuten chatten twittern oder ähnliches kann eine echte Beziehung nicht ersetzen. Im Übrigen habe ich „im Prinzip“ einen 9-5 Job, reise ständig durch die Welt und empfinde genau das was du beschreibst als nicht unbedingt erstrebenswert. Immer wenn ich in meine Hansestadt zurückkehre freue ich mich aufs neue – auf Freunde, Familie, Wohnung. Ich werde wohl alt ;-)

  3. Das Leben besteht nicht nur aus “Technoleben”, stimmt. Aber es ist ein wichtiger Baustein, um in Verbindung zu bleiben. Ausserdem sagte ich ja auch:

    „Ich persönlich reise am liebsten mit denen, die mir sehr nahestehen. EIn guter Lebens- und Weggefährte ist das schönste.“

    Eine Homebase ist auch fein, klar :-)

  4. Leichtes Gepäck? Ich finde das Five (oder mehr) Flag Theory für “Ständige Reisende” nicht gerade nach leichtem Gepäck klingt, viel eher klingt das nach einem Haufen Papier der einem immer nachreist und um den man sich kümmern muss. Leichtes Gepäck würde bedeuten das man sich von Verpflichtungen löst und nicht neue eingeht. Was kostet Luft, Freundschaft, Liebe, Wasser, … Nahrung?
    Das Klingt ganz schön nach einem Aussteiger leben, währe aber eine Möglichkeit ohne Gepäck/Belastung zu reisen.
    Die andere Möglichkeit ist das eingehen von Verpflichtungen und das schaffen von ausgleich. Man kann glaube ich auch ganz gut ohne Gepäck reisen und sich als erden Bürgen fühlen wenn man ein Haus und einen festen Job hat.

    Richard Backminster Fuller hat dazu auch mal etwas kluges geschrieben…

    Grüße Orlando

  5. Hallo Cem

    …. Wir leben in einer globalen Welt ohne Grenzen. Das Internet ist dafür das beste Beispiel.

    Das kann ich für mich nur bedingt bestätigen. Das Internet ist ein Teil des ‚real life‘ und kann meiner Meinung nach nicht mit diesem verglichen werden. Von der Globalisierung profitiert hauptsächlich die Industrie. Spätestens bei der nächsten Zollkontrolle am Flughafen stellt man fest, dass wir von ‚Grenzenlos‘ noch Meilenweit entfernt sind.

    Have a nice day
    Wolfgang

  6. @Wolfgang, da fällt mir folgendes Zitat ein… Peter Ustinov hat mal vor sehr vielen Jahren im deutschen Fernsehen in einem Interview gesagt: “Erst wenn in Europa ein Zigeuner ohne Papiere eine Grenze überschreiten kann, erst dann haben wir ein geeintes, freies und tolerantes Europa.”… Eine Europa oder eine Welt ohne Grenzen. Und doch: das Internet weicht diese Barrieren immer mehr auf.

  7. @ Cem

    …Unabhängigkeit kostet Geld…?

    Eine größere Abhängigkeit als die vom Geld kann ich mir nicht vorstellen.

    Auch an eine Welt ohne Grenzen mag ich nicht so recht glauben. Religiöse, politische und soziale Dogmen werden immer für reichlich Grenzen sorgen – zumindest in den Köpfen. Es stimmt, das Internet weicht Grenzen immer mehr auf. Ich weiß aber nicht ob ich mich darüber freuen soll.

  8. Cem, ich sehe es ehr wie Jochen. Deine Beschreibung funktioniert nur für ein sehr kleine Anzahl von Reisenden, werden es zu viele dann werden die Staaten darauf reagieren. Die Folgen dann für Deine Reisenden??

    Von der Sache mache ich einen Job als Projektreisender, leider viel zu oft ohne Begleitung. Und da macht nicht jeder Tag Spaß und wie Moritz empfinde ich dann den ersten Schritt in Hamburg wie eine Heimkehr – Freude auf zu Hause, Familie, Freunde und meine eigene ‚Höhle‘.

    Aber Du hast Recht, das Internet reißt immer mehr Grenzen auf, die Gesellschaften weltweit und die Arbeitswelt insgesamt verändern sich damit.
    Spannende Frage wie wir in ein paar Jahren Leben und Arbeiten werden.

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