Sentiment

Ich mag Sentimentaliäten nicht. Gefühle sind zwar etwas wunderschönes, aber nur solange sie wahrhaftig sind. Ich mag es nicht, wenn Leute sich in ihre Gefühle verrennen und darin verharren. Manche suhlen sich richtig darin. Sie werden zu leblosen Denkmälern ihrer Emotionen. Starre Ikonen. Ob nun Freude, Liebe, Verlust, Trauer, Rührung, Ärger, Furcht, alles grosse Gefühle, ja. Natürlich gibt es Momente, die einen damit überwältigen. Natürlich sehnt man sich danach. Im wahren Moment berührt es einen auch. Aber dann. Dann rutscht es häufig ab in Sentimentalitäten. Es wird Kitsch.

Gefühle dauern nicht ewig und wir sollten uns nicht darin fangen lassen. Gefühle wandeln sich. Wir sollten offen für diese Veränderungen bleiben. Der Schlager kennt nur zwei Gefühle: Herz und Schmerz. Doch das Spektrum ist sehr viel differenzierter und sehr viel grösser. Es hat sehr viel mehr Dimensionen und es wird ein Leben nicht ausreichen, um sie alle zu erleben.

Die Redensart sagt, das Gefühl sitzt im Bauch. Ein guter Seismograf und Detektor von Stimmungen, Strömungen und Vibrationen. Ein guter Bauch lügt selten. Aber wir haben ja auch noch den Kopf. Der ist überlebenswichtig.

 


7 thoughts on “Sentiment

  1. Dass man Gefühle im Bauch lokalisiert, kommt daher, dass jeder von Anbeginn, also schon als Kind, Angst, Spannung, Aufregung als das „komische Gefühl im Bauch“ erlebt hat. Das kann unangenehm wie Flauheit im Magen vor einer Anforderung, oder höchst verwirrend sein wie die sprichwörtlichen „Schmetterlinge im Bauch“, die Verliebtheit signalisieren. In einer solchen Lage kann ist der Magen wie zugeschnürt vor Angst oder vor Vorfreude: Der Körper will keine unnötige Belastung, er muss fluchtbereit und beweglich bleiben.

    Meine vegetative Anzeige für Kitsch, Schund – unechtes Gefühl – sind meine Unterarmhärchen. Ihr Aufstellen signalisiert mir mit unabweisbarer Genauigkeit die Falschheit von Gefühlen.

    Sentimentalität betrachte ich dagegen weniger streng. Jeden übermannt sie mal. Man wischt sich verstohlen eine Träne ab über ein Bild, ein Wort, eine Begebenheit, eine Begegnung, deren Bedeutung geringfügig ist im Vergleich zu den wirklich wichtigen Problemen der Welt. Ich finde das einen glücklichen Zug.

  2. Gunhild,
    da hättest du gestern meine Unterarmhärchen sehen sollen, als ich gigantischen Spinnenradnetzen vor meinen Fenstern mit dem Staubsauger zu Leibe rückte – die Gänsehaut war meterdick!

    Insofern stimme ich zu – unechte Gefühle sind im Angesicht von Radnetzspinnen vor dem Fenster absolut falsch. ;-)

  3. Um deine Spinnenphobie beneide ich dich nicht. Die Auswirkungen dieses irrationalen Ekels musst du selbst tragen: das Radnetz vor dem Fenster, das für anfliegende Insekten unsichtbar ist, hätte dich vor Mücken und Motten verschont. Spinnen und ihre in mühevoller Nachtarbeit mit geometrischer Genauigkeit und bewundernswerter Statik hergestellten Netze nicht zu schonen zeugt für meine Begriffe von, milde ausgedrückt, Unachtsamkeit.

  4. Ja, alles kleine Viechzeug plus Pollen, Flusen und Staub bleibt drin hängen – das sieht dann sehr appetitlich aus, wenn man zum Fenster herausschaut. Und all die dicke Spinnenkacke auf der äußeren Fensterbank, garniert mit ausgelutschten Opferhüllen – ganz, ganz faszinierend!

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