Der Tod auf den Bahngleisen (Update 3)

Zwei Ereignisse haben mich in den letzten Tagen nachdenklich gemacht. Zwei Todesfälle auf den Bahngleisen. Eine schreckliche Vorstellung.

Das erste fand Sonntag vormittag auf den Gleisen der S-Bahn tief unten im Gewölbe des Berliner Hauptbahnhofs statt. Als ich ankam, war der Bahnsteig auf den letzten 15 Metern schon abgesperrt. Die S-Bahn stand im Scheinwerferlicht der Bergungstrupps hell erleuchtet an der Tunnelausfahrt. Jemand muss sich unmittelbar vor die einfahrende Bahn geworfen haben. Bahnbedienstete und Fahrgäste standen stumm an der Absperrung. Ein beklemmendes Bild.

Den zweiten Vorfall habe ich am nächsten Mittag unmittelbar auf der Heimfahrt von Berlin nach Hamburg direkt miterlebt. Auf der Höhe Boizenburg, an der Grenze von Mecklenburg-Vorpommern nach Niedersachsen, 20 Minuten vor Hamburg, hat sich eine junge Frau auf offener Strecke vor den ICE geworfen. Ich hörte den Aufschlag und das Rumpeln des Zugs. Der ICE verlangsamte sich schlagartig und kam zum Stehen. Ich dachte sofort an das Bild vom Berliner Hauptbahnhof. Kurz danach die Durchsage im Zug, dass es einen „Personenschaden“ gegeben habe. Krankenwagen, Feuerwehr und Polizei sowie Bahnfahrzeuge rückten kurze Zeit später über Feldwege an. Zwei Stunden später konnten wir in einen parallel abgestellten ICE umsteigen und weiter bis nach Hamburg fahren. Beim Vorbeifahren am vorderen Triebwagen konnte man an der Nase ein grosses Einschlagsloch sehen.

Beide Vorfälle sind nicht mal eine Kleinmeldung wert gewesen in der Presse (deswegen gestrichen). Alltag eben in der Öffentlichkeit. Die Gesichter der Bergungskräfte sprachen vor Ort eine andere Sprache.

Wie gross muss die seelische Not, die Einsamkeit, die Verzweifelung und die Hoffnungslosigkeit dieser Menschen gewesen sein, dass sie sich zu dieser letzten Tat entschlossen haben. Achtet in eurem Umfeld auf Menschen, die Hilfe benötigen. Wir können vielleicht ihre Probleme nicht lösen. Aber wir können mit ihnen zumindestens sprechen. Wir können ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind. Das sollten wir tun.

Update: Hier die bewegende Perspektive des ehemaligen Lokführers Roger in seinen eigenen Worten – Nachtschicht mit Freitod. Dank an caro für den Link.

Update 2: Roger hat hier einen umfassenden Kommentar geschrieben. Danke, Roger!

Update 3: Last year I killed a man – Linktipp via Twitter von misscaro. Danke.


26 thoughts on “Der Tod auf den Bahngleisen (Update 3)

  1. Was bei sowas gerne, und auch hier, vergessen wird ist der seelische Schaden der bei den Lokführern entseht. Einige davon schaffen es nach sowas nicht mehr in den Job zurückzukehren und perfider weise wird meist auch direkt ein Strafverfahren gegen diese eröffnet um zu prüfen ob sie tatschlich keine Schuld haben. Meist nur pro forma, aber die Aussage ist deutlich.

  2. Dass man von Selbstmorden und -versuchen in der Presse nur wenig liest, hat etwas mit der medialen Wirkung derartiger Schilderungen zu tun („Werther-Effekt“). Deshalb gibt es auf diesem Gebiet zahlreiche Richtlinien zur zurückhaltenden Berichterstattung.

  3. Ich meine, mich zu erinnern, dass es eine Selbstverpflichtung der Presse gibt, über derartige Selbstmorde nicht zu berichten, um nicht Nachahmungstäter zu ermutigen.

    Und Valentin, perfide ist in diesem Zusammenhang übrigens komplett das falsche Wort.

  4. Nee, auch noch im Sterben anderen Menschen das Leben zur Hölle machen, das gehört sich nicht.

    Kill yourself, gerne – aber nicht auf der Autobahn, am Steuerknüppel eines Jumbo-Jets oder auf Bahngleisen. Alles Feiglinge, die auf die letzten Meter noch den Rest der Welt an ihrem bedeutungslosen Dasein teilhaben lassen wollen, ohne dass man sich mit ihnen dann noch auseinandersetzen kann.

    Beklemmend ja, aber eine Beklemmung, die mich wütend macht. So wütend, dass kein Mitleid übrig bleibt.

  5. @Valentin, die Lokführer müssen mit diesen schrecklichen Erlebnissen leben. Das ist eine sehr schwere Belastung. Strafverfahren sind sicher nicht das geeignete Mittel.

    @ furukama, @ Malte Diedrich, das wusste ich nicht. ich habe gestern auch mit mir gerungen, ob ich darüber überhaupt schreiben sollte. Ich habe mich aber doch dazu entschlossen, da mir es wichtig war. Es ist Teil der Realität und unserem Umfeld.

  6. @ring2, solche Fälle machen mich auch wütend und fassungslos, wenn Leute andere unbeteiligte Menschen „mitnehmen“. Ich würde gerne mehr über ihre Gründe wissen. Es ist ja irgendwie ein Zeichen, dass sie damit setzen wollen.

  7. Tatsächlich hat das ein Bekannter von mir so gemacht. Der jedenfalls hatte vorher schon psychische Probleme, tiefe Depressionen etc. Dazu hatte er ein lange anhaltendes Drogenproblem, das zu dem Zeitpunkt allerdings als überwunden galt. Gesprungen ist er schließlich nach einer heftig durchzechten Nacht, in der er sich ziemlich zum Affen gemacht hatte. Viele vermuten heute, dass es im Affekt geschah, also nicht geplant war.

  8. Wenn man häufiger mit der Bahn unterwegs ist, merkt man schon, dass sowas einigermaßen regelmäßig passiert – im Jahr gibt es wohl um die 1000 Bahn-Suizide. Die Bahn ist darauf mit Psychologen und Bergungsspezialisten im Rahmen ihrer Möglichkeiten vorbereitet.
    Das ist wohl einfach eine der sichereren Möglichkeiten, aber keine der heimlichen.

  9. Roger, ein Ex-Kollege und Blogger aus Freiburg (mittlerweile im Ruhrgebiets-Exil) war bis vor einigen Monaten Lokführer. Irgendwann einmal hat er erzählt, dass eine der ersten Frage, wenn Leute von seinem Beruf erfuhren, immer war „Hast Du schon mal jemanden überfahren?“

    Daraufhin hat er für unserer Website, fudder, einmal einen Artikel darüber geschrieben, wie es ist, einen ICE zu fahren, mit dem sich jemand umbringen will: Nachtschicht mit Freitod

  10. Wow, tut mir leid für dich für diese schlimme Erfahrung. Hier in Wien passiert das leider auch häufig in der U-Bahn, und wenn man regelmäßig fährt, kennt man diese „Zugschäden“ usw., wie es dann heißt, schon. Ich selber hab es gottseidank noch nie direkt selber erlebt.

  11. Interessant finde ich auch die Anzahl der durch Suizid und Terror ums Leben gekommenen zu vergleichen, in Beziehung zu dem darum betriebenen Aufwand.

    @ring2: Zynismus finde ich amüsant, aber den ihren hier nicht. Wenn sie mit den unbedeutenden Menschen gemeinsam öffentliche Verkehrsmittel nutzen müssen, sitzen sie eben mit diesen in einem Boot. Fahren Sie doch Yacht.

  12. Danke für den Artikel und die Kommentare. Hier in Greifswald ist die Selbstverpflichtung der Presse noch nicht angekommen. Die Ostsee-Zeitung hatte vor einigen Monaten eine riesige Berichterstattung über einen Unternehmer, der zunächste seine Frau umgebracht hatte und dann vom Dom sprang. Unter anderem gab es ein Foto von der abgedeckten Leiche. Die Zeitung war sich nicht zu schade, die letzten Worte abzudrucken, die er via Handy mit der Polizei wechselte. Die Polizei war sich nicht zu schade, die letzten Worte mitzuteilen.

    Einige Wochen später ist eine Studentin vom Dom gesprungen. In der Zeitung wurden Passanten interviewt, die den Sprung gesehen hatten. Es gab ein Foto, auf dem persönliche Dinge zu erkennen waren, die die Frau im Flug verloren hatte.

    Es gab keine öffentliche Kritik an der Berichterstattung. Die beiden Suizide werden noch immer erwähnt, wenn es darum geht, dass der Turm gesperrt ist und die Gemeinde die Aussichtsplattform vergittern lassen wird.

    Ich verlinke die Artikel mal nicht.

  13. Hallo zusammen. Ich bin der Roger, der den Artikel bei fudder geschrieben hat. Ich habe Cems Artikel und auch die Kommentare mit großem Interesse verfolgt und würde gerne noch einiges dazu sagen. Zwar bin ich mittlerweile kein Lokführer mehr, die beiden Personenunfälle, die ich erleben musste, werden mir aber wohl immer im Gedächtnis bleiben. Es ist, wie ich in dem Artikel geschrieben habe: der Lokführer wird schlagartig vom Täter zum Opfer, denn er muss ab sofort damit fertig werden.

    In der Tat ist es so, dass die Bahn nur von Personenunfall spricht, das Wort Suizid oder Selbstmord niemals kommuniziert wird. Das hat auch den Hintergrund, dass oftmals gar nicht klar ist, ob es tatsächlich ein Suizid war. Denn das darf man nicht vergessen und ist bisher noch von keinem Kommentator erwähnt worden. Es gibt ja nicht nur Selbstmörder, sondern auch Trottel, die sich im Gleisbereich aufhalten. Die dort spielen, oder schnell mal rüber rennen wollen, um noch die S-Bahn zu erreichen, die einfach den Weg abkürzen wollen oder was auch immer. Das ist allergrößte Dummheit. Mein zweiter Personenunfall geschah durch eine solche Dummheit. Ein Mann in meinem Alter, der nur mal schnell zum anderen Bahnsteig wollte, ohne die Unterführung zu benutzen. Wie schnell ein ICE mit 140 km/h plötzlich da sein kann, war ihm nicht bewusst.

    Rückblickend gesehen war dieser Unfall für mich schlimmer. Bei einem Selbstmord kann man sich zumindest einreden, dass der Betreffende es so wollte. Beim Unfall geht das nicht.

    Es ist auf jeden Fall ein unangenehmes Thema und die Bahn spricht auch nicht gerne darüber. Was aus oben genannten Gründen verständlich und sinnvoll ist. So musste ich erst diese Woche ein Interview mit RTL absagen, die wegen der häufigen Unfälle in letzter Zeit eine Reportage mit mir machen wollten.

    Nicht alle Medien haben die Scheu, sich bei diesem Thema zurück zu halten. Immerhin sollte es in der Reportage nicht um Selbstmörder, sondern eben um diese noch viel unnötigeren Unfälle gehen.

    Übrigens werden die Lokführer tatsächlich auch psychologisch unterstützt, wenn sie das wollen. Von Strafverfahren habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Sicherlich werden Tatbestände aufgenommen (wie schnell fuhr der Zug, hat der Lokführer seine Pausen und Dienstzeiten eingehalten etc.) aber ich kenne nicht einen Fall in Deutschland, wo ein Lokführer zu einem Strafverfahren herangezogen wurde. Auch die Aussagen bei der Polizei geschehen erst Tage später und nicht vor Ort, wo man ohnehin noch unter Schock steht.

    Ich möchte mich also Cems Bitte in seinem Artikel anschließen. Doch genauso sehr möchte ich die Leute bitten, etwas gegen Dummheit zu tun. Depressiven und Traurigen kann geholfen werden. Dummen leider nicht. Ein Gleis darf nie betreten werden, ein Zug ist immer schneller, in den meisten Fällen hört man ihn nicht mal. Ein Gleis ist kein Spielplatz. Niemand sollte noch fauler sein, als er schon dumm ist, und den Weg über ein Gleis abkürzen. Jeder sollte diese Idioten davon abhalten, „die nur mal eben übers Gleis wollen“.

    1. ich will nur mal einen komentar als „helfer“ dazu abgeben ich bin bei der freiwilligen feuerwehr und beriets zwei mal zu einem Personenunfall gerufen ein mal musten wir einen verunfallten im wahrsten sinne des wortes vom zug wegspritzen einmal nur ausleuchten für mich perönlich war es jedes mal am schwersten zu begreifen das die person vor 4 -5 minuten bevor wir eingtroffen sind noch gelebt hat und wohl auch überlegt hat wie er das wohl alles machen soll und was danach kommt. wie es den helfern danach geht darüber wird er wohl nicht nachgedacht haben das sie eigndlich helfen wollen und dann nur noch mtasch vor finden. nur mal so von seite der Helfer…..

  14. Cem es hat in den meisten Fällen andere Gründe als ein Zeichen setzen zu wollen:

    Es ist sicher, wenn ein Zug auf dich zurollt, bei dem schon jedes Rad mehr als eine Tonne wiegt, kannst du dir sicher sein, dass es klappen wird. Nicht wie beispielsweise beim Erhängen, wo das Seil reißen könnte oder anderes. Es ist jedermann zugänglich, im Gegensatz zu z.B. Schusswaffen. Und, und das ist fast das Entscheidende, man ist nicht gezwungen, den letzten Schritt selber zu machen. Man muss nicht vom Stuhl springen, nicht den Abzug drücken, nicht den Fön fallen lassen, sondern einfach nur warten.

    Dass dabei andere Menschen einbezogen werden ist dafür (leider) nicht relevant, es geht bei der Wahl der Mittel größtenteils um die genannten Faktoren.

  15. Angesichts von 11.000 bis 12.000 Freitoden plus Dunkelziffer pro Jahr in Deutschland, gehört der Tod auf den Schienen mehr oder weniger zum Alltag. Auch für diejenigen, die auf Grund dieses Umstands dann beispielsweise ein Trauma erleiden oder ihren Beruf nicht mehr ausführen können. Der Freitod ist tabuisiert und da es nur wenige halbwegs legale Mittel gibt, die für einen schnellen und sicheren Tod sorgen können, haben solche Methoden wie der Tod auf den Gleisen einen großen Zulauf. Hinstellen oder hinlegen und in der nächsten Sekunde ist nur noch ein zerfetzter Fleischklumpen übrig – fertig.

    Solange aber die Anzahl der Freitode und entsprechender Versuche nicht als Spiegel für die gesellschaftlichen Zustände begriffen und nur mit einer Stigmatisierung durch die Erben Mengeles beantwortet wird, kommen wir in unserer Gesellschaft bei dem Thema nicht weiter. Die – seit Jahren wieder wachsende – Unmenschlichkeit unserer Gesellschaft darf nicht thematisiert werden, alles Einzelfälle, die Ursachen liegen natürlich nur in den Betroffenen und sind selbstverständlich ein Ausdruck eines konstruierten Krankheitsbegriffs, bei dem man seelisches Leid ebenso physisch behandelt wie Zahnschmerzen. Die verabreichten Drogen erzielen häufig die gleiche Wirkung wie Soma in Orwells 1984: Dämpfung, Schwächung des Willens zum Aufbegehren, Pseudo-Happiness auf Rezept, in den USA z.B. mit Prozac, welches dort ein Massendroge für jedermann geworden ist.

    Dass unsere verbleichende Rest-Demokratie am Arsch ist und der Kapitalismus weltweit täglich am laufenden Band mordet – bitte nicht aussprechen! Das könnte die Millionäre und Milliardäre beim Dinner mit Politikern und Funktionären stören. Eine humanistische Gesellschaft wäre wünschenswert, nachdem der Pseudo-Sozialismus des Ostens zusammengebrochen und der Kapitalismus lediglich zuletzt übrig geblieben ist. Dann müßten die Reichen und Mächtigen aber das Zuhören und Teilen lernen, das geht ja nicht. Außerdem sollen eh bis zu 80% der Menschen vernichtet werden, da ist Freitod den Eliten eher willkommen als ein Problem. Je mehr „nutzlose Esser“ sich selbst richten und dann weder Energie noch Nahrungsmittel mehr verbrauchen, umso länger schnurrt der riesige Motor des SUV weiter und die Klimaanlage kann auf Hochtouren laufen. Und sollte man doch wieder ein paar Leute brauchen, holt man sie sich aus Afrika, ein Konzept zur „Rettung des weißen Mannes“ hat ja schon Manfred Pohl erarbeitet, seines Zeichens Historiker der Deutschen Bank, welcher diverse deutsche Konzerne von ihrer NS-Vergangenheit reingewaschen hat und heute im Konvent für Deutschland und im Frankfurter Zukunftsrat für mehr neoliberale, menschenverachtende Reformen wirbt, welche das Ziel der Vernichtung vorantreiben.

    Jeder kann solidarisch sein und sich gegen die wachsende Unmenschlichkeit, welche von oben postuliert wird, zur Wehr setzen. Dieses kranke System zu überwinden, das wird uns aber nur gemeinschaftlich gelingen, im (Klassen-) Kampf mit allen möglichen Mitteln. Dann lieber ein paar dieser asozialen Snobs opfern als jedes Jahr weiter 12.000 unschuldige Menschen verlieren.

    Gruß

    Alex

  16. @ring2
    …du bist ein Idiot, genau wegen teilnahmslosen und mitgefühlsslosen Typen wie Du, nehmen sich Menschen das Leben!

  17. Nachgewiesener Weise animiert öffentliche Berichterstattung über Selbstmorde zur Nachahmung. Deswegen verstehe ich das schweigen der Presse und heisse das auch gut in diesem Fall.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s