Corporate Inhouse Social Software

Gestern hat mich Björn Ühss aus Wien für seine Diplomarbeit bei IBM interviewt. Sein Thema lautet „Nutzen von Social Software für Unternehmen anhand Best Practices verglichen mit IBM“. Dabei haben wir auch über die Zukunft von Social Software in (grossen) Unternehmen gesprochen, der klassischen Klientel von IBM. Björn meinte völlig zu recht, die Einführung von Wikis, Blogs und anderen Social Tools in diesen Unternehmen sei wegen der mangelnden Akzeptanz (im Management) sehr schwierig. Von Twitter ganz zu schweigen.

Dabei kam mir folgender Gedanke. Ich glaube, der Weg mit dem geringsten Widerstand die neuen Corporate Social Services, so nenne ich sie mal, einzuführen ist, sie auf den vorhandenen Messaging Servern aufzusetzen und diese um „soziale Funktionen“ aufzubohren. Was heisst das?

Man nehme einen Mail/Messaging Server von einem der beiden Marktführer, IBM Notes oder Microsoft Exchange, und bohre sie auf zu Inhouse Social Network Plattformen. Die Server enthalten ja schon mal alle Nutzerprofile des Unternehmens, Diese gilt es nun um relevante weitere userbezogene Daten zu erweitern. Die Grunddaten dazu gibt es überall im Unternehmen, insbesondere in den Organisations- oder Personalabteilungen. Je nach System und Ausprägung können diese erweiterten Profile im Active Directory (AD) und/oder im LDAP abgelegt und automatisch mit den Quellensystemen ständig synchronisiert werden. Diese „angereicherten Profile“ bilden die „Knoten“ des internen sozialen Netzes, dass es nun zu weben gilt.

Die „berufsbedingten sozialen Beziehungen“ zwischen diesen Knoten ist der „Social Graph“, den diese Mailsysteme noch nicht haben. Diesen Graph gilt es als Add-on den Servern hinzuzufügen. Relativ simpel am praktischten eben auch im AD oder LDAP. Und schon hätte man ein „Corporate Inhouse Social Software“ basierend auf den schon vorhandenen Messaging Servern. Warum ist das interessant?

Die Organisationsstrukturen von Grossunternehmen (10.000+ IT-Arbeitsplätze) werden flacher, verteilter und dadurch de facto vernetzter. Sie wandeln sich immer mehr von hierarchisch starren Strukturen hin zu flexiblen serviceorientierten Gebilden. Die Linien lösen dadurch natürlich nicht vollständig auf, aber sie werden komplexer. Es ist für den einzelnen Mitarbeiter nun viel wichtiger, aufgabenbezoge Beziehungen im  Unternehmen zu knüpfen und zu pflegen. Einfache Adressbücher, auch hierarchisch gegliederte interne „Gelbe Seiten“, reichen da nicht mehr aus, um den Anforderungen gerecht zu werden.

Unternehmen werden i.d.R. nicht ihre sensitiven personenbezogenen Daten in externe webbasierte Services wie LinkedIn, Xing o.ä. herausgeben. Webbasierte Services, die mittlerweile Alltag in der Web 2.0 Welt sind und die wir alle privat und viele auch berufsbedingt nutzen. Vorallem Freiberufler und Selbstständige. Aber die haben andere Anforderungen als (grosse) Unternehmen.

Im Gegenzug macht es auch keinen Sinn, sogenannte „White Label“ Lösungen dieser öffentlichen webbasierten Plattformen zu verwenden. Solche Lösungen bedeuten deutlich mehr Entwicklungs-, Wartungs- und Pflegeaufwand für die Softwarehersteller, dessen Geschäft es ja gerade ist, einen einheitlichen Dienst im Internet allen anzubieten. Jede Version für einen Kunden würde eine eigenständige Aufmerksamkeit (Entwickler) bedeuten. Das ist meist nicht wirtschaftlich für die Anbieter.

Eigenständige Inhouseprodukte wie beispielsweise das wikibasierte SocialText bringen uns in dieser Grössenordnung auch nicht weiter. Meist ist es so dass IT Abteilungen die Einführung zusätzlicher technologischer Plattformen, die schwer mit der restlichen Infrastruktur zu integrieren sind, scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Zu recht. Denn das bedeutet Mehraufwände im Betrieb, Sicherheitsrisiken, Bedenken in der Kette der Verfügbarkeiten und mehr.

Deswegen finde ich meinen Ansatz eigentlich am attraktivsten. Man nimmt, was man schon hat und kennt, was sich bewährt hat und bohrt es nur auf. Und man muss nicht über so abstrakte Begriffe wie „Neues Web“, „Web 2.0“ oder „Cool“ argumentieren. Der Bedarf ist da. Ich bin schon mehrfach in grossen Intranetvorhaben nach solchen praktikablen Lösungen gefragt worden. So etwas kann man auch als Add-on Produkt entwickeln und vertreiben.


19 thoughts on “Corporate Inhouse Social Software

  1. Für grosse Unternehmen, die diese Anwendungen schon nutzen gebe ich Dir völlig Recht.
    Ich habe gerade in meiner Firma (~150Mitarbeiter) eine Projektgruppe geleitet, die sich genau mit dieser Thematik beschäftigt hat. Aufgrund mehrer Büros in Deutschland weiß man überhaupt nicht wer was kann und weiß, der Austausch über die Bürogrenzen hinweg ist aufwendig und so wirklich warm wird man mit den Kollegen aus den anderen Büros auch nicht wenn man sie nur einmal im Jahr sieht..
    Auf dem OpenSpace Event letzten November habe ich das Thema interne Kommunikations- und Wissensplattform mal als Session angesprochen und bekam überraschen hohen Zuspruch.
    Seit Februar/März etwa haben wir uns eingehend damit beschäftigt was wir haben wollen, welche Anbieter es gibt und was es kostet.
    Im Endeffekt haben wir uns für eine Whitelabel Lösung eines kleinen Anbieters entschieden – dort bekommen wir alles was wir für uns brauchen und haben dafür nicht die Kosten der Grossen – das war bei uns für die Geschäftsleitung ein wichtiges Argument, für die Projektgruppe an sich waren eher Aspekte wie Bedienbarkeit und Funktionen wichtiger.

    Interessant fand ich allerdings wie unterschiedlich die Anbieter in Kundenfreundlichkeit, Verlässlichkeit und Schnelligkeit waren. Auf manche Angebote warte ich heute noch, andere haben sich unglaublich viel Mühe gegeben – auch mit ein Auswahlkriterium.

    Nachsten Mittwoch werde ich das Projekt als Ergebnis auf einer Firmenveranstaltung vorstellen und ich bin gespannt ob es funktioniert

  2. Sehr cool, zeniscalm. Bin auf deine Wahl gespannt. Kannst mir Dienstag auf der Qype Connection Hamburg ins Ohr flüstern :-)

    Dein Argument für eine Inhouse Social Software Lösung als Bestandteil des Intranets bei räumlich stark verteilten Mitarbeitern und Standorten ist vielleicht eines der wichtigsten Argumente dafür. Good point!

  3. Nur ganz kurz:
    Das Wort social ist zu streichen, das wird mit „teuer und nutzlos“ assoziiert. Der Bedarf fängt m.E. bereits bei Unternehmen mit 5.000+ an, zumindes für die Assekuranz kann ich das mit Sicherheit sagen und last but not least: Hochinteressant!

  4. Wie gesagt, schwer ins Unreine gesprochen, aber es beschäftigt mich immerhin :-)…. Etwas mit den Funktionalitäten von Pownce fände ich persönlich ja richtig gut. Noch ggf je einen Button für’s Tel- und Mailsystem der Company drauflegen.

  5. Cem, Michael hat schon recht – das Wörtchen „social“ hat für Entscheider unangenehme Untertöne.

    Wenn das Branding wichtig ist – und das ist es ohne Frage – kann ja eine Konkretisierung helfen: Es geht zentral um Zusammenarbeit, also „Corporate Collaboration Software“.

    Nicht das Nachbilden von Xing o.ä. im Unternehmen ist ja die Aufgabe sondern die Unterstützung der (oft ja auch informellen) Arbeitsbeziehungen und -prozesse.

    Und noch etwas, dieses mal in Richtung @Michael: +5000 ist bei weitem zu hoch gegriffen, auch kleinere Mittelständler könnten von Enterprise 2.0 u.ä. profitieren. Dass im KMU-Bereich noch viel Reserviertheit zu spüren ist steht aber ausser Frage.

    Just my two cents,
    Martin _ frogpond

  6. Nicht das Nachbilden von Xing o.ä. im Unternehmen ist ja die Aufgabe sondern die Unterstützung der (oft ja auch informellen) Arbeitsbeziehungen und -prozesse.

    Genau, Martin.

  7. @Martin
    Ich gebe Dir da vollkommen Recht. Potential und Erkenntnis decken sich aber noch nicht :-) Man müsste eine „Leidensdruckliste“ abarbeiten. Schönes Wochenende allseits!

  8. Ich würd den Bedarf bereits unter 5000+ ansetzen, da ich es konkret bereits im Projekt merke und da sind es 2000+
    Es kommen Kollegen uns unterschiedlichen Standorten und du hast keine aufbereiteten Infos aus den internen Systemen. Was tun? Bei Xing bekommt man dann immerhin ein paar Infos…
    Ich find Deine Idee gut Cem und bin gespannt ob von zeniscalm mehr Infos folgen..

  9. Stimmt das Wort „social“ habe ich auch so schnell wie möglich raus gelassen „internes Netzwerk“ war der Begriff mit dem alles was anfangen konnten.

    Bei uns ist die Entscheidung auf mixxt gefallen, mit einer Inhouse Lösung. Die haben uns genau die Elemente geboten, die wir brauchen.
    Ausserdem war die Zusammenarbeit sehr unkompliziert – sowohl mit unserer internen IT als auch mit der Projektgruppe und in der Endphase dann mit der Geschäftsleitung.

    Wenn ich mit dem Projekt durch bin und wieder etwas zur Ruhe komme werde ich einen ausführlichen blogpost darüber schreiben, es war nämlich wirklich eine interessante Erfahrung.

  10. Hallo Cem,

    für die MS-Welt, die Du oben mit Exchange und ActiveDirectory ja schon angesprochen hast (btw, AD ist auch LDAP :-) ) ist eine denkbare Lösung sicher Sharepoint plus dem Community Kit – übrigens OSS, siehe http://www.codeplex.com/CKS. Da hat man dann auch die Integration mit Exchange. Dafür spricht aus meiner Sicht, dass durch diese Kombination bei vielen MS-lastigen Kunden eben keine neuen Plattformen einzuführen sind.

  11. Habe im Rahmen eines großen Outsourcing Projektes (Transition komplexe SAP Landschaft) versucht neue Medien zur Zusammenarbeit zu etablieren. Durch den Einsatz eines Projekt-Blogs wurden Mitarbeiter und Management auf dem Laufenden gehalten. Neben dem formellen, wöchentlichen Projektreport konnte ich im Blog nun in lockerer Form über die Stimmung im Projekt berichten.
    Die sonst üblichen „Wie läufts denn?“-Anfragen waren wesentlich weniger als in vergleichbaren Projekten.

    In der heißen Phase der Migration haben viele Spezialisten sich im Homeoffice die Nächte um die Ohren geschlagen. Alle waren über einen Skype-Chat miteinander verbunden. Hatte jemand ein Problem, hat er einfach die Fehlermeldung in den Chat kopiert. Kurz darauf wurde er dann mit Hinweisen, Links oder Kommandobefehlen bombardiert, die ihm bei der Lösung geholfen haben.
    Ein weiterer schöner Nebeneffekt war der durch den Chat hervorgerufene Zusammenhalt. Alle saßen in einem Boot. Wem aufgrund der frühen Stunde, oder auftretenden Problemen die Stimmung in den Keller sank, wurde schnell durch den Rest der Mannschaft aufgemuntert.
    In früheren Projekten hat einfach jeder vor sich hingearbeitet und bei Problemen einen Kollegen oder den Projekteiter angerufen.

    Ob sich diese Tools in anderen Projekten wieder einsetzen lassen, muss man sehen. Der Einsatz von Skype ist zum Beispiel im Unternehmensnetz immer noch verboten. Aber steter Tropfen….

  12. Danke für deinen Hinweis, Henning! Ich habe „AD und/oder LDAP“ deshalb gesagt, weil ich eine ganze Reihe von grossen bis sehr grossen Umgebungen kenne, wo beides parallel betrieben wird. Das hat teilweise historische Gründe („Legacy“), teilweise andere Gründe. Drittens gibt es gerade in solchen Umgebungen auch noch eine ganze Menge host-basierte Implementationen, die weder dem einen noch dem anderen zugerechnet werden können. Deshalb hier meine Differenzierung. Da AD LDAP beinhaltet, könnte man natürlich alles angesprochene auch rein mit AD realisieren… Sofern man es als Standardsystem implementieren möchte.

    Wie du aber auch weisst, ist die KOnsolidierung aller LDAP-Dienste unter einen Hut eine ziemliche Herausforderung. Nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch und vorallem (unternehmens-)politisch :-)

  13. @ Christian B., verständlich, dass sich grosse Unternehmen (zumindestens unternehmensweit) nicht immer mit Skype und ähnlichen Diensten anfreunden können. Diese Dienste sind „extern“ und ihre Verfügbarkeit unterliegt nicht der Kontrolle und dem Einfluss der IT Abteilung. Bei einer i.d.R. geforderten Verfügbarkeit von 99,998% für unternehmenskritische Anwendungen, hat Skype schlechte Karten. Hinzu kommen Datensicherheits- und Datenschutzaspekte.

  14. @zeniscalm, @Martin, @Michael stimmt, Worte, Benamsungen, Bezeichnungen und Branding haben einen Einfluss auf Entscheidungen. Ich erinnere mich, wie vor längerer Zeit, etwa 8 Jhare her, einer der Kommentatoren(!) hier in einer Beratung für ein Unternehmun, für das ich die Verantwortung trug, den Begriff „Collaboration Software“ einführen wollte. Damals war dieser Begriff noch nicht im Deutschen üblich. Auf deutsch hat „Kollaboration“ einen Beigeschmack und erinnert an längst vergangene Zeiten. Ich hatte damals gebeten einen anderen Begriff zu wählen, da ich mir nicht sicher war, wie meine (stockkonservativen) Geschäftsführerkollegen darauf reagieren würden :-)… „Kleiner Schwank aus meinem Leben“ :-)

  15. Einen habe ich auch noch, nein, keinen Schwank sondern einen Linktipp: http://twurl.nl/s2xxfv

    Michael Idinopulos über die Potenziale die bereits mit „Grundfunktionalität“ von Yellow Pages erreichbar sind – huge steps gegenüber dem Status Quo:

    „Just having a real company directory–where you can see who everyone is, what they do, and what they look like–would be a huge step forward for us.”

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