Doppelbeflaggung: Deutschland-Türkei

Doppelbeflaggung 2008 bosch

Foto: boschblog.de mit freundlicher Genehmigung [2008]

Ich rechne mit einem fröhlichen und friedlichen innerdeutschen Fussballfest. Und einem hoffentlich schönen Spiel. Der bessere möge gewinnen.

Die Welt schreibt heute in der Sonntagsausgabe:

Am 25. Juni 2008 kommt es zu einem neuen innerdeutschen Match, die moderne Ausgabe in globalisierten Zeiten, aber nicht minder aufgeladen. Wieder verdichtet sich Geschichte zu 90, maximal 120 Minuten und womöglich Elfmeterschießen. Diesmal messen sich allerdings nicht Ost- und Westdeutsche, sondern Alt- und Neudeutsche. Grenzen und Mauern haben an Bedeutung verloren, aber die Rollen sind ähnlich verteilt: Hier das große reiche Deutschland, dort seine stärkste Einwanderergruppe, hungrig nach Wohlstand, vor allem aber nach Anerkennung, vielfach erfolgreich zwar und doch in der Rolle des Underdogs. Am Mittwoch geht es um Respekt, womöglich um Verständnis füreinander.

Der Blick des Statisten auf die Doppelbeflaggung der Berliner Autos während der EM-Wochen ergibt ein klares Bild. Die deutsch-österreichische Kombination war fast nie zu sehen, deutsch-niederländisch auch nicht. Deutsch-polnisch gelegentlich, deutsch-kroatisch auch. Die absolute Mehrheit jedoch entfällt auf die deutsch-türkische Variante, nicht nur bei Taxis und Döner-Lieferanten. Es ist ein Wille zum Miteinander spürbar, der sich von der sperrigen politischen Debatte entkoppelt hat. Mag der furchtsame Traditionsdeutsche auch Angst haben vor entfesselten Deutschtürken, die die Stadt niederbrennen, so bewiesen die feiererprobten Mitbürger bislang höchste Autokorso-Disziplin. Ein Zweitligaspiel in Leipzig fordert die deutsche Polizei allemal mehr als ein türkischer Viertelfinalsieg. Viele Einwanderer stehen dem europäischen Wertekanon deutlich näher als die deutsche Glatze.

und…

Die Sprache des Sports ist international, nicht muslimisch, oder christlich, sondern universell. Intrinsisch motiviert können beide Mannschaften und ihre Fans in diesem Halbfinale Geschichte schreiben, Integrationsgeschichte. Der türkische Torwart Rüstü hat schon einmal vorgemacht, wie sich maximale sportliche Rivalität und modernes Miteinander vereinen lassen. Nach dem gewonnenen Elfmeterschießen rannte er zu den trauernden Kroaten und umarmte jeden von ihnen. Eine große Geste, die mehr Integrationskraft birgt als ein Dutzend Podiumsdiskussionen mit den immer gleichen appellativen Textbausteinen.

Ich teile die Befürchtungen vieler Organisatoren von Public Viewings nicht, die hier und da verlautbart haben sollen, dass sie die Spiele aus Sicherheitsgründen nicht übertragen wollen. Die türkischen Fans sind selten alkoholisiert. Sie berauschen sich höchstens an sich selbst…

Ich denke, Deutschland ist haushoher Favorit gegen die Türken, die mindestens neun Verletzte oder Gesperrte beklagen müssen. Gegen Kroatien waren sie ja auch schon mit einer halben B-Mannschaft angetreten. Gegen die Deutschen werden sie nun mehr sogar auf Teile der C-Mannschaft zurückgreifen müssen. Sogar einer ihrer Torhüter muss wahrscheinlich als Feldspieler auflaufen. So dünn ist die Spielerdecke. Das wird vermutlich nicht ganz reichen. Ausserdem sind die Deutschen nun dreifach vorgewarnt über die “Kampfmaschinenqualitäten” der Türkei. Aber… das Spiel ist erst dann aus, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Bis dahin gilt es für die DFB-Auswahl im Spiel extrem wachsam zu sein.

Die meisten türkischen Fans sind in Deutschland geboren oder hier aufgewachsen. Sie sind genauso Deutsche wie Türken. Wie auch viele der Spieler in der türkischen Mannschaft. Und wie ich auch.

Dann lasst uns am Mittwoch alle gemeinsam ein spannendes Spiel sehen! Lasst uns zusammen ein schönes Fussballfest feiern!


20 thoughts on “Doppelbeflaggung: Deutschland-Türkei

  1. Lieber Cem, den letzten Absatz unterschreibe ich Dir glatt. Es ist doch schliesslich „nur“ ein Spiel.

    Aber das die deutsche Mannschaft so haushoher Favorit für das Spiel ist, das mag ich nicht so unbedingt auch so sehen. Sicher, sie haben haben durchaus gute Spiele abgeliefert, aber auch ziemlichen Müll zwischendurch gespielt. Von daher will ich die türkische Mannschaft nicht vollends abschreiben und ich würde mich nicht wundern, wenn wir im Finale eine rote Fahne mit Halbmond und Stern sehen :-)

    Ich freue mich jedenfalls auf ein spannendes Spiel, egal wie es ausgeht. Auch wenn ich „unseren“ Jungs die Daumen drücke ;-).

  2. Ich bin ja nicht wirklich das was man einen Fussball-Fan nennt. Dafür werde ich mehr und mehr zum Cem-Fan. Immerhin hat es dieser Beitrag geschafft, mir die em08 etwas näher zu bringen.

  3. Cem, ich freue mich sehr auf das Spiel am Mittwoch. Ich genieße es unglaublich, durch die Schanze zu schlendern, begeisterte Portugiesen zu sehen und mit ihnen zu feiern, dort ein tobender Spanier, großartig war es vor 4 Jahren mit den Griechen und jetzt, nach der tollen EM 2002, können endlich die Türken, Deutschtürken, deutsche Türken, türkische Deutsche – wieauchimmer – feiern. Mir macht das großen Spaß und fürs Halbfinale kann ich von Herzen sagen, dass ich mich freue, wenn derjenige gewinnt, der an dem Tag besser ist. Eine einzige Sache ist mir aber unangenehm: Cem, ich hoffe auch sehr auf ein friedliches Fußballfest – und sollte Deutschland gewinnen, mache ich mir keine Sorgen – es wird friedlich bleiben, denke ich. Sorgen macht mir eher ein Sieg der Türkei – ich fürchte, gerade dann werden es eher die Deutschen sein, die – gerne völlig alkoholisiert – dann irgendwo den schlechten Verlierer geben. Vielleicht nicht auf der Schanze, andernorts aber sicher. Schade, schade…

  4. In Stuttgart gab es schon vor Spielende Ausschreitungen und Kämpfe zwischen kroatischen und türkischen Fans. Ich erwarte für das Spiel am Mittwoch leider nichts anderes und werde deshalb nicht zum Public Viewing gehen. Hier sind türkische Fans genauso alkoholisiert, wie andere – die hält auch der Islam nicht vom Alkohol ab.

  5. @Martin Nee, zu vermeiden sind die sicher nicht. Das Leben als Fußball-Fan des magischen FC hat mich aber gelehrt, dass man eben deswegen sich dagegen stellen muss. Mit Sympathie und Mut.

  6. @ Cem, du hast absolut recht … nicht provozieren lassen heißt die Devise … und aus dem Spiel (bei gleich welchem Ausgang) ein Deutsch-Türkisches Sommermärchen daraus zaubern. Wie Erik schon gesagt hat: Zum Sommermärchen wird es jedoch nur, wenn wir alle es wollen – und den Hitzköpfen durch echte Freude am Fussball, dem Feiern und der Gewaltlosigkeit gar keinen Platz für Ausschreitungen geben.
    Ich hoffe auf großen Fussball am Mittwoch … und auf ein Deutsch-Türkisches Sommermärchen: Möge die Mannschaft mit der besseren Leistung am Mittwochabend gewinnen!

  7. Pingback: MAGIX Blog
  8. Cem, danke für diesen Beitrag. Ich sehe das genau so wie Du und freu mich einfach nur auf ein tolles und spannendes Spiel.

    Das es so viele Diskussionen und Befürchtungen bezüglich des Public Viewings gibt finde ich schade. Irgendwie habe ich ein gutes Gefühl und glaube nicht das es zu großen Ausschreitungen kommen wird (und kleine gibts immer ;)).

  9. Ich habe das letzte Spiel von Deutschland am Telefon erlebt, genauer die Zeit danach: Beim Telefonieren mit der Polizei, weil da unten ein paar Vollidioten Autos beschädigt haben, die sich nicht an die Flaggenwünsche gehalten haben: Tritte gegen Lampen, draufhauen, Flaschen unter Reifen legen. Einer von denen sagte dann zur Polizei: Den, der sie verraten hat, werden sie umbringen.

    Natürlich gebe ich dann meine Zeugenaussage ab. Aber ich fürchte, ich verstehe solche Völker einfach nicht. Weder die, die es tun, noch die, die dabeistehen und zuschauen. In meinen Augen bringt dieser Sport so viel Schlechtes in den Menschen zum Vorschein.

  10. Schön geschrieben und der Hinweis, dass türkische Fans selten betrunken sind, hatte ich so gar nicht auf dem Zettel.
    Ich freue mich auch auf das Spiel.

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