Das Leben ändert sich

In den letzten 10-20 Jahren hat sich Leben in der Gesellschaft stark verändert im Vergleich zu den Jahrhunderten davor. Gerade in den vergangenen 5 Jahren hat es nochmal einen starken Veränderungsschub gegeben.

Zwei Trends fallen mir auf. Einerseits die Atomisierung der Gesellschaft in die Einzelnen, andererseits die stärkere Vernetzung der selben Akteure. Das, was Webbies im Netz als neue Avantgarde mit den Sozialen Netzwerken vorführen, kann man ebenfalls ausserhalb des Netzes in technologiefernen Gesellschaftsbereichen beobachten. Auflösung und neue Zusammensetzung in grössere, komplexere Gebilde. Langjährige Partnerschaften oder Freundschaften wandeln sich um in losere, aber umfangreichere Beziehungsgeflechte. Man deckt seine Bedürfnisse nicht bei einigen wenigen ab, sondern sucht und findet sich je nach Einzelaspekten in einem grösseren gesellschaftlichen Raum. Beruflich wie auch privat. Die Stärke der einzelnen Verbindungen im Gefüge wechselt ständig. Aber ohne, dass die Beziehungen wirklich beendet werden.

Die Gesellschaft ist liquide geworden. Wie das Web.

Bekanntschaften, Freundschaften, Liebe, Sex, Partnerschaften, Ehen wie auch Jobs, Aufgaben, Aktivitäten haben eine deutlich kürzere Lebensdauer als früher. Ob das Internet damit zu tun hat, kann ich nicht sagen. Oder ob das Internet der Spiegel der Gesellschaft ist. Wahrscheinlich ist beides nicht ganz falsch. Nicht richtig dagegen, wäre zu behaupten, diese Beziehungen wären dadurch oberflächlicher. Das glaube ich gar nicht. Im Gegenteil. Traditionalisten mögen diese Veränderungen als Bedrohung für sich und für ihre Gesellschaft als Ganzes empfinden. Ich sehe sie als Chance zu einem intensiveren und freieren Leben. Dass daraus Konflikte in der Gesellschaft entstehen, ist verständlich.

Wir leben mittlerweile in einer anderen Welt, als die, in die wir hineingeboren wurden. Und das ist gut so.

Nachtrag: Vergleiche auch komplementär dazu diesen hervorragenden Beitrag des elektrischen Reporters: Clay Shirky über die gesellschaftlichen Veränderungen durch das Internet.

Nachtrag 2: Paul hat diese morgendlichen Gedanken in seinem Blog weitergeführt. Seine Überlegungen beziehen sich hauptsächlich auf virtuelle Netzwerke. Unglücklicherweise in Englisch :-) [Irgendwie funktioniert sein Trackback nicht]


14 thoughts on “Das Leben ändert sich

  1. Wie wahr:
    „Bekanntschaften, Freundschaften, Liebe, Sex, Partnerschaften……. haben eine deutlich kürzere Lebensdauer als früher“

    Mich ruehrt es im Herzen, wenn ich, dies recht selten in Deutschland, ein Rentner Paar Hand in Hand die Strasse entlang schleichen sehe, die trotz der mir unvorstellbaren langen Zeit des Zusammenseins, immernoch diese Geste der Liebe aufrecht erhalten. Dies zudem nicht im gestelltem Werbefernsehen, sondern in real !

  2. Hi Cem,

    vorausgeschickt sei, dass ich längere Artikel von Dir wirklich mag. Sie kommen alternierend und treffen ins Schwarze. Auch wenn es vielleicht anstrengend zu lesen ist, zitiere ich, Dein Einverständnis voraussetzend, beim Kommentieren.

    1) „In den letzten 10-20 Jahren hat sich Leben in der Gesellschaft stark verändert im Vergleich zu den Jahrhunderten davor. Gerade in den vergangenen 5 Jahren hat es nochmal einen starken Veränderungsschub gegeben.“

    Aus der Vogelperspektive betrachtet, sicher ja. Kann es denn auch sein, dass die Veränderung schon durch eine ganze Generation vorgegeben war, es jedoch nun leichter ist, diese zu leben und im eigenen Leben zu manifestieren? Das Ganze, was passiert, fühlt sich für mich irgendwie wie Zuhause an.

    2) „Zwei Trends fallen mir auf. Einerseits die Atomisierung der Gesellschaft in die Einzelnen, andererseits die stärkere Vernetzung der selben Akteure….“

    Damit gehe ich im Ganzen ebenfalls konform. Beziehungen scheinen nicht wirklich beendet. Vielmehr stehen viele vor der Herausforderung, immer wieder Erinnerungen wegen der ständigen Präsenz des Anderen abrufen zu können, wann immer sie es wollen, weil die Menschen nicht aus der Bildfläche verschwinden. Ich glaube, dass es für einige auf die Dauer ganz schön hart ist, eine Erinnerung nicht dort zu verarbeiten, wo sie stattgefunden hat -nämlich in der sogenannten Vergangenheit-, sondern immer wieder mitbekommt, dass die Personen sich stetig ändern und man selber vielleicht nicht und deswegen vielleicht auch eine emotionale Phase nicht abgeschlossen wird, um zu einem echten Neuanfang zu finden. Andere schaffen wiederum den Sprung über den eigenen Schatten und verarbeiten trotzdem, weil sie nicht ständig daran denken, dass sie lieber vor allem weglaufen oder den anderen im Keim ersticken wollen würden. Andererseits glaube ich ebenfalls, dass der Mensch auch kein Lebewesen ist, was sich eigentlich gerne trennt, wenn man davon ausgehen könnte, dass man sich selbst beschneidet, in dem man den ehemals intensiven Kontakt zum anderen abschneidet. „Chirurgisch sauber“ ist anscheinend widernatürlich.

    3)“Die Gesellschaft ist liquide geworden. Wie das Web.

    Bekanntschaften, Freundschaften, Liebe, Sex, Partnerschaften, Ehen wie auch Jobs, Aufgaben, Aktivitäten…“

    Jepp. Ich denke auch, dass das Surfen und die Bloggerei einem auch einen intensiveren Zugang zum Unterbewusstsein ( manche nennen das auch Höheres Selbst) verschaffen kann, wenn man sich darauf einlässt. Man lebt zwar physisch in einem Haus mit seinen Nachbarn, fühlt sich aber mit jemandem aus Indien viel mehr verbunden, weil dieser vielleicht etwas von sich preisgibt, was etwas in einem selbst anspricht. Wobei ich immer wieder betone…es geht nichts über den Augenkontakt beim Austausch. Wenn man das auch mal mit seinem Nachbarn macht, sieht man vielleicht, das dieser auch Ähnliches „erzählt“ wie der „passendere“ Mensch in Indien.

    Zweitens zeigt das web mir persönlich die Relativierung von Zeit und Raum, weil mir das eben liegt. Nur, versuch das mal jemandem zu erklären oder aufzuzwingen,. der um 4 Uhr Morgens aufsteht, um die Weizenernte reinzuholen. Der würde verzweifeln. Wenn man das mit jedem macht, der um 4 Uhr Morgens für den Weizen aufsteht, hätten wir erst mal alle kein Brot und müssten wieder mal überlegen, wie wir das sog. Gleichgewicht wieder herstellen. Nur, die Evolution findet nun mal im Kleinen statt, in dem man einige Dinge entwurzelt. Ob das allgemein richtig oder falsch ist und/oder erstrebenswert, liegt mir fern zu behaupten. Ganz persönlich finde ich es gut, dass nicht jeder alle Werte aufhebt, sie aber für sich noch mal reformiert. Ich versuche, auch die ganzen „Miesepeter“ ernst zu nehmen, die alles Neue erst auseinander nehmen müssen aus der von Dir erwähnten Angst heraus, weil diese gerade auch so was von präsent sind und die Meinungsbildung auch beeinflussen wollen, um so viele Menschen wie möglich „zurück in den Stall“ holen, damit es dort nicht so einsam ist. Das Phänomen ist, dass sie sich dem gleichen Medium bedienen, welches sie gleichzeitig auch so fürchten, aber jedoch das Unbewusste so rationalisieren können, dass ihr Konstrukt einen für alle gültigen Anschein hat. Eine intuitiv und dynamisch gebildete Meinung, die nicht ebenfalls ausgefeilt rationalisiert herüberkommt, lassen sie meistens nicht gelten.

    Entschuldige die ganzen para- und hypotaktischen Sätze. Konnte gerade nicht anders schreiben. Sonntagsfluch:)

    Viel Spaß im Museum,

    zaliha

  3. @all: Es geht in dem Artikel nicht um das Web, sondern um das Leben in der Gesellschaft. Auch wenn es manche Parallelen im Webverhalten zu geben scheint.

    @miss_z. Interessante Anmerkung in (2): Man kann im Web nicht einfach aus den Augen der anderen „verschwinden“ oder sich „ausklinken“ bzw der andere ist irgendwie immer sichtbar, auch wenn man das nicht unbedingt will.

  4. Ist es wirklich so, daß die das Leben des heutigen Menschen bestimmenden Faktoren tatsächlich eine deutlich kürzere Lebensdauer haben?

    Einerseits scheint mir in meinem Leben heute tatsächlich mehr Dynamik enthalten zu sein, als in dem – sagen wir – meiner Großeltern. Mein Zuhause befindet sich 600km von dem meiner weiteren Familie, meinem Geburtsort entfernt. Ich habe viele verschiedene Kunden. Meine Arbeit heute bestreite ich über eine ganz andere Produktionsfaktoren, als die vor 15 Jahren.

    Andererseits bin ich von meiner Familie durch den Sprinter nur 3 1/2 bis 4 Stunden entfernt. Mit vielen Bekannten und Freunden bin ich durch Email und Telefon gleich weit weg verbunden.

    Und, früher gab es durchaus auch mehr Dynamik: Meine Großmutter wurde in Westfalen geboren, heiratete in Wiesbaden, bekam die Kinder in Berlin und erlebte ihre Altersjahre im Taunus.

    Und in meinem Umfeld heute finde ich überdeutliche Beispiele von Gegenbewegten: Dem Rush auf der Straße versuchen sie durch Konstanz in der Familie zu begegnen. Kommt Langfristigkeit in Jobs nicht zustande, engagieren sich diese Menschen eben langfristig in sozialen Projekten oder Hobbys. Der Freelancer hat vielleicht immer kürzere Einsätze, seine Konstante ist aber seine Freelancer-Identität.

    Menschen in unserer Zeit sind m.E.n. in ihren grundsätzlichen Möglichkeiten nicht so wesentlich anders ausgestattet, als die Menschen in vergangenen Jahrhunderten. Man kann nur eine bestimmte maximale „Änderungsgeschwindigkeit“ um sich herum vertragen. Die maximale Anzahl Menschen, denen man sich verbunden fühlen kann, die man also zu Vertrauten und Freunden entwickeln kann, ist auch begrenzt.

    In Deutschland gab es bereits einmal eine ausgeprägte Gründerzeit. Die damalige Ära und die damalige Ausprägung sind Eins. Bedingt durch eine rasante Entwicklung einer Infrastruktur namens Eisenbahn gründeten hunderte Unternehmer Fabriken, entwickelten diese Infrastruktur weiter oder nutzten sie erstmals zu nationaler und internationaler Distribution. Durch die Arbeitsangebote angelockte Menschen migrierten vom Land in die Stadt (z.B. aus ganz Preußen nach Berlin), vernetzten sich über Arbeiterräte und später politische Parteien, führten zum Bedeutungswechsel von Einkommensarten (Bodenertrag -> Entgelteinkommen) und schufen eine neuen Stufe des Wertekanons, die Demokratie.

    Andere Zeiten dominanter Infrastrukturen waren solche, die man heute mit den „Fuggern“ oder der „Hanse“ assoziiert.

    Ich vermute einfach, der sinuskurvenartige Verlauf der Dynamik bei der Infrastrukturgeschwindigkeit bringt es einfach mit sich, daß die gleichen menschlichen Potenziale unterschiedlich entwickelt werden. Ich halte das für ein wiederkehrendes Phänomen.

    Und zum Thema Ehe et.al.:

    Ehe war in der Vergangenheit alles andere als eine Abbildung einer Liebesbeziehung. Ehe war immer zum größten Teil eine wirtschaftliche Zweckgemeinschaft ohne deren Bestand die Existenz eines Individuums weitaus weniger stabil war.

    Ehe heute ist etwas ganz anderes.

    Daraus würde ich nicht ableiten, daß wachsende Scheidungszahlen resp. kürzere Ehezeiten Änderungen an Beziehungsqualitäten reflektieren. Hier hat sich einfach das Statut Ehe selbst geändert.

    (Ups, ist ja ewig lang geworden, das Posting. Sorry)

  5. Pingback: Aufgelesen: 55
  6. Den schnellen Wechsel in unserer Gesellschaft nehme ich auch dankbar wahr. Es kommt jetzt darauf an ob sich der Mensch in dieser wechselvollen Geschichte als geborgen und wichtigen Teil zur Weiterentwicklung und Vervollkommnung allen Guten begreift oder als ein ewig von Schuld beladendes Wesen erlebt.

    Ab dem Moment wo sich der Mensch verantwortlich für sein Denken sieht, ab dem Moment weiß er sich in der Beziehung zu allem was existiert. Beziehungen leben von der Gegenseitigkeit.
    Diese lässt sich in fünf Erscheinungsweisen erkennen.
    1. Augenblick und Dauer
    2.Verschiedenheit und Gleichheit
    3.Befriedigung und Versagung
    4.Stimulierung und Stabilisierung
    5. Nähe und Distanz
    Es kommt jetzt darauf an, wie der einzelne Mensch sich zu den immer vorhandenen Gegensätzen stellt. Verhärten sich die Standpunkte (negative Gegenseitigkeit) oder lösen sich diese Gegenseitigkeiten immer wieder auf, weil der Mensch in der Beziehung bleiben will und den Dialog sucht.
    So ist das Internet eine gute und sogar therapeutische Möglichkeit vorhandene Defizite aufzuarbeiten, auszuleben und weiter zuentwickeln, was mit meinem Nachbarn von nebenan noch nicht so möglich ist, weil der nichts versteht.

  7. Bin dem Lesebefehl von Sarah gefolgt :-) … ja, die Welt verändert sich, immer schneller … und wir hinken mit unseren alten (Verhaltens-)Mustern hinterher und sind irritiert, warum sie nicht mehr funktionieren.

    Wie hier schon angemerkt wurde: die Ehe z.B. war noch bis vor wenigen Jahrzehnten eine Versorgungsgemeinschaft mit klar definierten Regeln und Bedürfnissen. Die Frau bekommt die Kinder, hält „die Höhle“ in Ordnung und sorgt für das Wohlbefinden des Mannes – der wiederum täglich Beute jagt und damit für die Ernährung der Familie sorgt. John Gray vermittelt in seinen Bücher auf eine für mich geniale bildhafte Sprache, dass wir im Grunde immer noch dieses Programm in uns haben … obwohl immer mehr Frauen z.B. KEINE Kinder mehr bekommen und (oder bewusst MIT Kindern) selber „Beute jagt“. Na, das bringt doch alles durcheinander … ;-)

    Wir brauchen für viele Bereiche NEUE Verhaltensmuster … eine spannende, aber auch sehr herausfordernde Aufgabe … und da wiederum ist das Internet eine geniale Hilfe, weil wir uns austauschen können, ergänzen, gegenseitig unterstützen.

    Ich sehe die Veränderungen neutral – wir selber entscheiden, ob wir sie positiv oder negativ beurteilen und entsprechend handeln.

    Oh, irgendwie ein Thema, bei dem kaum ein Ende findet ;-)

    Fröhliche Grüße!

  8. ja die gesellschaft ändert sich – und zwar nicht zum guten.

    – keiner will sich mehr festlegen
    – keiner will sich mehr in eine schublade stecken lassen
    – alle denken nur noch an sich
    – ein gesellschaft voller ego-einzelgänger ist entstanden
    – die medien prägen die menschen mehr als alte werte
    – alles kann, nichts muss, lariflari wie in den usa

    fazit: uns hält nur noch das geld zusammen, sonst nichts!

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