Der Film: Der Baader-Meinhof-Komplex

Als am 18. Oktober 1977 Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden wurden, endete die erste Generation der RAF, der ersten deutschen Stadtguerilla. Ulrike Meinhof hatte sich schon einige Monate zuvor in ihrer Zelle erhängt. Ich war damals 24 Jahre alt.

Ich gebe zu, dass ich zunächst ziemlich skeptisch war, als ich mich in den Kinosessel setzte. Die beiden bisher bekannteren filmischen Vorgänger zum Thema, Stammheim (1986) von Reinhard Hauff und Deutschland im Herbst (1978, unmittelbar nach den Ereignissen), waren schwere Kost gewesen. Dramaturgisch waren das Prozessaktentheater und engagierter Dokumentarfilm. Der Baader-Meinhof-Komplex hat mich jedoch sehr positiv überrascht. Grosses Kino.

Der Baader-Meinhof-Komplex erzählt die Geschichte der ersten Generation der RAF, ihre Vorgeschichte und die Hintergründe nach einem Buch von Stefan Aust, der übrigens auch die Vorlage zum Film „Stammheim“ lieferte. Die Geschichte wird konsequent aus der Perspektive der RAF-Mitglieder gezeigt. Ohne Anbiederung, ohne Schnörkel, ohne klare Helden, Identifikationsfiguren, Sympathieträger. Der Film erinnerte mich in seiner Haltung stellenweise an Filme in der Tradition wie „Z“ von Costa-Gavras. Politisches Kino.

Der Baader-Meinhof-Komplex erzählt eine der grossen modernen deutschen Geschichten, einen Mythos. Er zeigt die Motive der Handelnden. Ihre Leidenschaften. Ihre Konflikte. Aber auch ihren Irrsinn und das Morden. In einem rasanten Strom von Ereignissen und Szenen.

Eine äusserst komplexe und vielschichtige Geschichte der polischen Gewalt. Lauter einzelne Puzzleteile aus den Geschichten der einzelnen Personen und der Zeit, die in einem grossen Spannungsbogen auf ihr gewaltsames Ende zulaufen. Er zeigt viele Szenen der Gewalt, die zu dieser Geschichte gehören, direkt und ohne hollywoodhaft voyeuristisch zu wirken. Gut erzähltes deutsches Kino.

Der Film zeigt aber auch die Politisierung und eben auch die Radikalisierung der damaligen Jugend und Gesellschaft. Ein merkwürdiger Kontrast zu der scheinbar unpolitischen heutigen Weichspüler-Zeit. Auch damals übrigens herrschte eine Grosse Koalition. In den Siebziger Jahren lagen die Anfänge eines modernen Polizeistaates mit Rasterfahndung per Computer und systematischer Überwachung.

Verblüffend die Ähnlichkeit der Schauspieler mit ihren realen Vorbildern, bis in die kleinen Nebenrollen hervorragend besetzt, durchgängig stimmig die Details, die Originalschauplätze, die Sprache, die unterlegte Pop- und Rock-Musik der Zeit, die ganze nachempfundene Atmosphäre der Ära. Unauffällig Perfekt. Fast beiläufig.

Grossartig die drei Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu (Baader) als geltungsbedürftiger und antiautoritärer Anführer, Martina Gedeck (Meinhof) als Intellektuelle mit scharfem Verstand und ganz besonders Johanna Wokalek (Ensslin) als kompromisslose Leidenschaftliche. Regisseur Uli Edel (Christiane F., Letzte Ausfahrt Brooklyn) hat eine schwierige Geschichte in Bilder umgesetzt und ohne allzu grosse Erklärungen mitnehmend erzählt. Ich bin gespannt, wie diejenigen, die diese Zeit selber nicht miterlebt haben, diesen Film, seine Geschichte und die Zeit verstehen werden.

Der Baader-Meinhof-Komplex soll als deutscher Beitrag für den Oscar nominiert werden.

Update: Der Baader Meinhof Komplex – Extended Trailer bei den fünf Filmfreunden.
Update: Pepe Wietholz und bosch haben den Film auch bereits gesehen.
Update: Anke Gröner kommt zu einem etwas anderen Schluss als ich.


11 thoughts on “Der Film: Der Baader-Meinhof-Komplex

  1. Ich war 1977 13 Jahre alt. Die Bilder in den Zeitungen, die Tagesschau, die Diskussionen im Elternhaus und in der Schule sind heute noch lebendige Erinnerungen. Prägend. Nach wie vor. Ich bin gespannt, ob dieser Film diese Erinnerungen mit trägt.

  2. hab mir vor ein paar tagen das buch zum film mit vielen fotos und drehbuch angesehen. machte einen guten eindruck und lust auf den film. vielen dank für deine meinung.

    .~.

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