Das Leben ist vergänglich

Wer kennt noch die Namen seiner Ur-Grosseltern? Fast keiner hat sie noch erlebt. Die meisten werden ihren Namen nicht kennen. Manche werden vielleicht noch einige wenige Anekdoten im Familienkreis über sie gehört haben. Möglicherweise hier und da noch ein Erbstück, dessen Geschichte kaum jemand noch weiss. Das war’s. Dabei ist es selten länger als 100 Jahre her, dass sie gelebt haben.

Das Leben ist vergänglich wie unsere Erinnerungen daran. Flüchtig. Wie Asche im Wind. Wenn es niemanden mehr gibt, der sich erinnert und seine Erinnerungen weitererzählt, verschwinden die Menschen. Unweigerlich am Ende jeder von ihnen.

Selbst unser eigenes Leben verblasst in unserer eigenen Erinnerung. Manchmal verklärt es sich auch einfach für uns. Einige Begebenheiten, auch banale, werden zu bunten Episoden je häufiger man sie erzählt. Andere heroischer. Tragischer. Sie werden zu langweiligen Schwänken und Geschichten von anno dunnemals aus den Schützengräben der grossen Schlachten. Wir neigen dazu, in der Erinnerung uns aufzupimpen.

Es gibt kein Entrinnen aus der Vergänglichkeit. Mit uns sterben die Geschichten. Irgendwann auch diejenigen, die sie eine Weile weitererzählen könnten. Einige existieren noch als verklärter Mythos eine Zeit weiter. Doch auch dieser verflüchtigt sich später ebenfalls.

Einiges vom dem was ich hier schreibe, dient einfach dazu, mich selbst an mich selber zu erinnern. Es ist wirklich nur für mich. Der Akt des Schreibens hilft mir dabei und festig einige wenige Erinnerungen. Das Resultat, das Geschriebene, interessiert mich dann eher weniger. Es ist der Vorgang des Schreibens an sich, der mir wichtig ist. Deshalb tue ich mir leicht, von Zeít zu Zeit einen Blog ersatzlos und ohne Sicherung zu löschen.

Merkwürdigerweise gibt es jedoch einen einzigen Post, den ich schon seit drei Bloggenerationen mit mir rumschleppe. Diesen hier. Ich habe mich heute daran wieder erinnert. Valentin fragte mich heute per Mail, ob es mir nicht irgendwo weh tue, wenn man so viele alte Beiträge löscht? Meine Antwort war: Nein. Bis auf einen.

Aus den gleichen Gründen kann ich mir auch nicht vorstellen, ein Grab zu haben. Wir sind nur Gast auf der Erde. Und wenn sich einige Menschen an einen noch später erinnern, dann bitte nicht vor einem Haufen schrecklicher Steine. Dann lieber mit einem weiten Blick über das Meer, über den Strand. Oder über die Berge. Oder vor einem guten Glas Rotwein. Das ist mir lieber so. Ausserdem sehen wir uns alle sowieso im Rock’n Roll Himmel wieder, wie Boogie sagt.

Deshalb ist es wichtig, hier und jetzt zu leben.


9 thoughts on “Das Leben ist vergänglich

  1. Um es mal mit 37 Signals zu sagen: „Embrace Constaints!“

    Was uns Europäer so tragisch scheint – du schreibst selber Es gibt kein Entrinnen aus der Vergänglichkeit.“ – scheint eben nur so. Vergänglichkeit hat eine unbändige anmut. Sowohl im erzählerischen als auch im optisch/haptischen. Ich liebe Geschichen vom Niedergang. Hamlet oder Brother von Beat Takeshi. Und Gründerzeitgebäude werden gegenüber modernen Bauten v.a. als schön wahrgenommen, weil sie ander als Letztere altern können, und trotzdem schön bleiben, weil ihnen die Vergänglichkeit Anmut verleiht.

  2. @ben_, Verfall und Vergänglichkeit haben natürlich ihren Charme. Selbst der „Urban Decay“, der Verfall der Moderne, hat seinen morbiden. Es ist ständiges Werden, Sein und Verschwinden. So auch das Leben. Das IST das Leben. Deswegen meine ich, muss man das als gegeben akzeptieren. Man sich nicht dagegen stemmen. Das Hier und Jetzt ist die Zeit in der wir leben und wahrnehmen.

  3. Danke Cem, Du findest wunderbar Worte für so ein schweres Thema.
    Der Artikel weckt Erinnerungen – Vergänglichkeit des Lebens – da muss ich automatisch zurück denken. Um dann, wie Du schreibst, zu merken wie flüchtig die Erinnerungen sind.

    ‚Wir sind nur Gast… ist es wichtig, hier und jetzt zu leben.“
    Ja, das sollte sich jeder bewusst machen.

  4. nicht sterben wäre richtig scheiße. ich denke, der wert des lebens entsteht erst durch seine endlichkeit. treten hier unauflösbare widersprüche auf, könnte die frage falsch gestellt sein.

    .~.

  5. Ein sehr interressantes Thema. Vielleicht schweife ich jetzt etwas vom Thema ab.

    Ich bin in einer bestimmten kleinen Branche tätig, wo noch richtige Haudegen am Werk „waren“, die mit viel Mut damals wahnsinnige Dinge gestemmt haben und auch Erfolg hatten. Diese Dinge werden in dieser Form sich aber nicht wiederholen. Bei Gesprächen mit diesen weltgewandten Leuten ergaben sich viele wunderbare, fast unglaubliche lesenswerte Geschichten. Aber was macht man damit ? Ich finde, das mal solche Geschichten konservieren muß ! Aber wie denn ? Bestimmte Geschichten und Biographien von Menschen müssen weiterleben.

    Ansonsten stimme ich dir deinen Satz zu: „Es ist ständiges Werden, Sein und Verschwinden. So auch das Leben. Das Hier und Jetzt ist die Zeit in der wir leben und wahrnehmen.“. Dies betrifft aber nur die eigene physische Existenz.

  6. Cem, ein wunderbarer Artikel. Ich danke Dir dafür. Ich hab auch den gelesen, den Du immer mit Dir „rumschleppst“. Beides sehr bewegend. Schreiben gegen das Vergessen. Und manches wieder löschen. Und anderes teilen. Toll!

  7. „Es geht letztendlich darum, das Netz zu füttern. Mit allem, was in unseren Köpfen und Herzen herumspukt.“ Zitat Spreeblick-Johnny. Natürlich kann man sich trefflich darüber streiten, ob es wirklich mit „allem“ sein muss. Das mit dem „löschen“ sehe ich aber ähnlich wie Cem. Ich habe zwar noch keinen kompletten Blog von mir gelöscht, aber diverse persönliche Websites von mir. Okay, das Netz „vergisst“ nicht und irgendwo bei archive.org schwirren diverse Versatzstücke dieser Sites noch durch’s Web. Quasi herrenlose Erinnerungen. Ich kann damit gut leben. Es ist Teil der digitalen Erinnerungskultur. Ich lösche selten etwas in meinem Blog obwohl ich mir manchmal denke, es wäre an der Zeit, die Dinge, die mir nicht mehr im Herz und im Kopf rumspuken, einfach in den digitalen Papierkorb zu entsorgen. Dann ist es mir aber wieder so unwichtig, das ich gar keine Lust habe, nach diesen Erinnerungen zu suchen.

    In einem unterscheide ich mich aber von Cem. Der Vorgang des Schreibens ist mir an sich nicht wichtig. Auch, oder gerade, bei Geschichten die mir persönlich wichtig sind. Das Geschriebene bleibt oft eine Skizze. Wie z.B. gestern Abend, als ich las das Levi Stubbs, Sänger der Four Tops, verstorben ist. Ich habe in meiner kleinen Bloghütte Billy Bragg zitiert und angedeutet, was die Single „Levi Stubbs Tears“ bei mir ausgelöst hat. Doch die ungezählten Momente, in denen ich diesen Song gehört habe, die Situationen, in denen mir dieser Song mehr als nur eine Stütze war, das Knistern des Vinyls, das im Laufe der Jahre mehr und mehr zunahm und jeder weitere Knackser, der seine eigene Geschichte erzählte… all das blieb und bleibt ungeschrieben. Weil es mir nicht wichtig ist, es aufzuschreiben. Es ist einfach lebendige Erinnerung, seit nunmehr 22 Jahren… hier und jetzt.

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