SMS und die Herrschaft der Kanäle

Die Messaging-Industrie steigert weiterhin ihr Wachstum und erreicht weltweit 130 Milliarden Dollar in 2008. Nach einer Studie von Portio Research wird erwartet, dass sie voraussichtlich 224 Milliarden Dollar in 2013 erzielen wird. Das wären fast 60 Prozent der Einnahmen der Telekommunikationsunternehmen im non-voice Bereich. Vergleicht man das beispielsweise mit den Umsatzzahlen der weltweiten Kinoindustrie (27 Milliarden Dollar in 2007) oder den globalen Umsätzen in der Online-Werbung (26 Milliarden Dollar in 2007), die im gleichen Zeitraum gerade mal ein fünftel der Einnahmen erwirtschaften konnten, dann wird einem das Gewicht dieser Zahlen erst richtig bewusst.

Noch krasser wird das Bild, wenn man bedenkt, dass Messaging, speziell SMS, die Telkos sogut wie nichts kostet, da dafür keine teure Infrastruktur benötigt und sie auf den schon zur Verfügung stehenden Leitungen und Reservekanälen übertragen wird. Die Gewinnmargen sind exorbitant hoch. Eine SMS, die kaum Bruchteile von Euro-Cents kostet, wenn sie allein schon für wenige Euro-Cents verkauft wird, ist das bei weitem das lukrativste Geschäft der Telkos. Bis zu einigen tausend Prozent je SMS. Entsprechend wachen sie eifersüchtig auf ihre Pfründe und Quasi-Monopolstellungen.

Portio definiert den mobilen Messaging-Markt, nicht nur als SMS, sondern auch als MMS, mobiles E-Mail und mobilen Chat. SMS bleibt allerdings der „König“ des mobilen Messaging, dank seiner Allgegenwart und der Fähigkeit nahtlos über Cross-Carrier-Netze übertragbar zu sein. SMS wächst eindrucksvoll selbst angesichts der konkurrierenden, alternativen und weitaus komfortableren Technologien, wie die webbasierten Messaging-Dienste IM oder Twitter & Co, die zudem auch noch kostenlos sind. Erstaunlich. Wie Paul Jozefak es heute auch bemerkt hat.

Das reizt natürlich ungemein, mit Microblogging Technologien diese lukrativen Monopolstellungen zu durchbrechen. Voraussetzung allerdings wäre, sich unabhängige Übertragungswege zu sichern, die nicht auf die Telekommunikationsunternehmen angewiesen sind. Es gab in der Vergangenheit zahlreiche Anläufe dazu, die alle nicht gefruchtet haben.

Solange es diese alternativen Übertragungskanäle nicht gibt, wird sich an dem internationalen Preisgefüge kaum etwas ändern. Die nationalen und internationalen Telkos haben untereinander keinen oder kaum Wettbewerbsdruck, da sie ihre gegeneinender rechtlich oder de facto abgesicherten Hoheitsgebiete haben. Die einzige Chance wäre „offene herrschaftsfreie Kanäle“ zu schaffen. Darauf sollten sich Innovatoren und Investoren konzentrieren. Übertragungskanäle sind „die Infrastruktur der Infrastruktur“ der Telekommunikationsindustrie. Sie sind das technische Fundament. Alles andere ist Kosmetik und sind nice-to-haves. Nur über die Kanäle sind die Telkos auszuhebeln.

Ich würde es lieben, wenn die Kids mit ihren schicken neuen mobilen Geräten sich via Microblogging unterhalten würden, anstatt ihr Taschengeld den Telko-Multis in den Rachen zu stopfen.


7 thoughts on “SMS und die Herrschaft der Kanäle

  1. *applaus-klatsch* Stimmt das ist ja auch noch so ein Grund, warum man Telkos hassen muss.

    Aber warum Microblogging statt SMS? Sicher kann man das anbinden, aber wäre nicht eigentlich ein Instant Messenger Protokoll sinnvoller? (XMPP)

  2. Die Entwicklung bei den SMS Preisen ist – analog zu den Voice Preisen – in den letzten Jahren wieder deutlich fallend. SMS ist ein Nebenprodukt der mobilen Kommunikation und wurde quasi zufällig entdeckt. Nachzulesen hier http://de.wikipedia.org/wiki/Sms#Begriff

    Dass jedoch keine separate Infrastruktur vonn Nöten sei, kann ich so nicht stehen lassen. Selbst bei einem Serviceprovider, wie meinem Arbeitgeber, betreiben wir ein nicht gerade günstiges SMS-System, ein vSMSC (sog. virtual SMSC), welches neben Anbindungen zu allen deutschen Netzbetreiber-SMSC eine Vielzahl weiterer Anbindungen an Partner und Dienstleister hält. Neben dem Hosting der Systeme, der Entwicklung von Diensten, der Überwachung des Routings etc. bedarf es bei der enormen Anzahl an gesendeten SMS einer umfangreichen und sicheren Technik-Landschaft. Bei den Netzbetreibern wird dies noch einmal um ein Vielfaches übertroffen. Wir sprechen hier über hochleistungsfähige mehrfach redundant ausgelegte System.

  3. A) @cemb Sehr gute Analyse und ich stimme Dir auch bei den Schlussfolgerungen voll zu

    B) @kaffeeringe Microblogging ist heutzutage XMPP und OMB. Das sind die beiden offenen Protokolle auf die es aufzubauen gilt.

    Nicht ohne Grund hat Fastmonopolist Twitter gerade die Implementierung von OMB auf ‚won’t fix‘ Status gesetzt. Ich übersetze das mit ‚wir wollen das nicht, weil es unsere Stellung gefährdet‘.

  4. Das einzig positive bei SMS-Stückkosten ist, dass eben sichtbar wird, dass _nichts_ in der Welt nichts kostet. Dies vor allem auch in Bezug auf Energie und Rohstoffe. In der Realwirtschaft (und den natürlichen Kreisläufen) gibt es keine Flat Rate.

    In dem Sinne sind zwar offene Systeme vorzuziehen, aber immer kostenwahr abgerechnet.

  5. 1.) Bei den technischen Unwägbarkeiten eine so genaue Pronose wie „224 Mrd.“ zu treffen, halte ich doch für ziemlich anmaßend, wenn nicht sogar kompletten Humbug.

    2.) „Telkos haben untereinander keinen oder kaum Wettbewerbsdruck.“ Finde ich auch ein bißchen zu spitz formuliert. Wenn Sie das so sehen, für welche Branche gilt das denn dann nicht?

    3.) Ich muß Reto da auch aus einem anderen Grund zustimmen: Dienste wie Twitter haben immer noch nicht ihre Wirtschaftlichkeit bewiesen. Warum sollte man sich auf ungewisses Terrain begeben?

    4.) Es hört sich so an, als würde die heutige Jugend sich um Haus und Hof SMSen. Gut, es kostet ein paar Euro, aber durch illegale Musikdownloads sind die doch schnell wieder reingeholt.

    5.) Der Tod der SMS wird ja alle paar Monate verkündet. Und seit das Internet wirklich mobil geworden ist, stimmt die Prognose sogar – auch wenn sie nicht so schnell eintreffen wird. Erstes Anzeichen ist da meines Erachtens die Tatsache, daß Apples iPhone den MMS-Dienst gar nicht mehr unterstützt, da er in Zeiten von UMTS und W-lan überflüssig geworden ist.

  6. Du hast es selbst gesagt:

    „dank seiner Allgegenwart und der Fähigkeit nahtlos über Cross-Carrier-Netze übertragbar zu sein“

    Hinzu kommt noch die Einfacheit. Ich habe Freunde, die noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse haben und Wikipedia nur vom Hörensagen kennen. Und die sind nicht etwa uralt, sondern in den Vierzigern. Aber SMS begreift jeder.

    Da kommt so schnell nichts ran. Zum Glück. Wenigstens ein Kanal, auf den ich mich verlassen kann.

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