Schlüsselübergabe

Ich habe meine dritte Grundschulklasse teilweise in einer entlegenen Provinz in Schweden abgesessen. In einer Zwergenschule mit einem einzigen Klassenraum und einem jungen Lehrer, der drei Klassenjahrgänge gleichzeitig unterrichtete, und einer älteren Schulköchin. Wir waren zwölf Schüler und wurden früh morgens mit dem einzigen Taxi der Gegend, einem alten amerikanischen Kombi, einzeln aufgesammelt, auf extrem kurvigen und hügeligen Schotterpisten zur Schule gefahren und spätnachmittags an unsere Familien in den einsamen weitverstreuten Häusern und Höfen wieder zurückgebracht. Die nächste asphaltierte Strasse war damals rund 150km entfernt. Die meisten in der Klasse waren Kinder von Bauern, Förstern und Waldarbeitern. Bullerbü vom Feinsten. Aus dieser Zeit habe ich heute noch Kontakt zum einen oder anderen Mitschüler.

Einer dieser Mitschüler, nennen wir ihn Mats, war eine Ausnahme. Er hatte einen besonders geschäftstüchtigen Vater. Sagen wir mal, er hiess Sven. Ein lebensfroher und hartarbeitender Mann, der in den Fünfziger Jahren mit einem Lastwagen alle Höfe der Gegend abfuhr, Töpfe, Pfannen und andere Haushaltswaren von der offenen Ladefläche verkaufte und so langsam sich einen bescheidenen Wohlstand aufbaute, sodass er nun einen kleinen Laden, eher eine Baracke,  mit Lager sein eigen nennen konnte. Ein klassischer Hardware-Store am Rande der Piste in einer ziemlich armen Ecke Schwedens. Einige kleinere Landmaschinen ergänzten sein Sortiment. Ein geachteter und beliebter Mann. Dass Sven auch ein mutiger, praktischer und lebensweiser Mann war, habe ich erst viele Jahre später erfahren. Durch seinen Sohn und meinen Schulfreund Mats.

Sein Vater Sven soll ihn am Morgen seines fünfzigsten Geburtstags unsanft geweckt und ihm die Schlüssel des Ladens kurz  in die Hand gedrückt haben. Mit folgendem einzigen Satz:

„Mats, wenn du Fragen hast, kannst du zu mir kommen. Ich bin unten am Fluss und angele.“

Mein Schulfreund, damals ein etwa achtzehn Jahre alter schwedenblonder Hallodri, überrascht und etwas erschrocken über seine neue Verantwortung, machte sich sogleich in den Laden und fing an, ihn nach seinen eigenen Vorstellungen zu führen. Binnen sechs Monaten stand er kurz vor der Pleite. Wohl oder übel musste er sich auf dem Weg runter zum Fluss machen, zu Sven, der sich in dieser ganzen Zeit nicht einmal im Laden hatte blicken lassen. Mats musste ihm seine düstere Lage beichten und ihn um seinen Rat fragen.

Sein Vater nahm ihm die Schlüssel wieder ab, schickte ihn für ein Jahr zu einer Business School und händigte ihm die Schlüssel wieder mit den gleichen Worten zurück. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Aus dem Laden ist heute eine grosse Ladenkette geworden, Mats hat zudem einen Micro-Traktor erfunden, ihn gemeinsam mit einem nordischen Grosskonzern produziert und damit den asiatischen Markt erobert, wo er heute noch auf den Reisfeldern marktführend ist. Die Schlüsselübergabe vor fast vier Jahrzehnten hat sich gelohnt, auch wenn sie naturgemäss riskant war. Sven und Mats haben das gefunden, was sie glücklich gemacht hat. Der eine seine Freiheit und der andere seine Aufgabe.

Was lernen wir daraus?

Einiges. Erstens, ein guter Unternehmer weiss im Innersten, wann er loslassen muss. Er weiss auch, dass er sich nicht ins Tagesgeschäft einmischen darf, wenn er losgelassen hat, da es die Authorität des Neuen konterkariert und seine Mitarbeiter, sich bei jeder Kleinigkeit an den Alten wenden würden und somit eine Schlüsselübergabe nicht funktioniert. Drittens der Vorgänger sollte seinem Nachfolger immer direkt mit Rat und Tat zur Verfügung stehen, wenn dieser ihn darum bittet. Sowie auch der Neue bereit sein muss, den Alten, um Rat und Tat zu fragen und dieses auch annehmen – in seiner eigenen Verantwortung. Viertens, eine Schlüsselübergabe ist  ein symbolischer Akt, der schnell gehen muss. Der Neue muss (gut gebrieft zwar) gleich selber schwimmen und auch seinen Stempel aufprägen dürfen. Schleichende Übergaben funktionieren nicht. Kronprinzen aus dem eigenen Unternehmen auch sehr selten. Oft werden Mitarbeiter dabei den Neuen nicht akzeptieren, wenn er aus den eigenen Reihen kommt. Letztens, man muss den Neuen sehr gut auswählen und bestimmen – und ihm dann auch Vertrauen und freie Hand lassen. Nun, der letzte Punkt ist bei Sven und Mats fast schiefgegangen. Aber sonst haben beide es mutig und richtig gemacht. Eine Schlüsselübergabe ist eben auch riskant. Aber – no risk no fun.

Kleines nicht unwichtiges Update: Kirstin wies mich eben in den Kommentaren hin: Den Mut Fehler zu machen, aber auch machen zu lassen. Das ist mein sechster Punkt. Das hatte ich vergessen, im Artikel zu erwähnen. Übrigens, Sven lebt nicht mehr. Ein kluger Mann. Es gibt nicht viele von der Sorte.


15 thoughts on “Schlüsselübergabe

  1. Lieber Cem, Du schreibst: „Nun, der letzte Punkt ist bei Sven und Mats fast schiefgegangen.“

    … ist damit aber doch ein wunderbares Beispiel für ein weiteres „Learning“:

    Einmal Bockmist ist immer möglich, jeder hat eine zweite Chance verdient.
    Wie die Kings of Convenience schon texten: „Failure is always the best way to learn“:

  2. Very nice. Wenn jemand mich mal wieder fragen sollte, was denn das „Besondere“ am Bloggen und der Art des Schreibens ist, dann verweise ich in Zukunft auf diesen Beitrag. Kleine Geschichten – mit persönlichem Bezug- aus dem Leben, undogmatisch und nachvollziehbar. Wunderbar.

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