Zeitung und Fernsehen im Jahre MMIX

Weshalb sollte ich eigentlich noch regelmässig Zeitungen lesen oder Fernsehen schauen? Frage ich mich langsam nach einigen Monaten Abstinenz. Es gibt kaum noch Gründe dafür:

  • Aktuelle Nachrichten (und bewegte Bilder) erhalte ich schneller und direkter aus dem Web per diversen Feeds in meinem Reader. Ich kann dabei durch einen Mix konträrer Quellen meine eigene Meinung bilden. Ferner kann ich, wenn ich mich mehr für ein aktuelles Thema interessiere, im Kontext ad hoc recherchieren und tiefer drillen. Ich kann aus der gigantischen Auswahl an Quellen mich auf diejenigen mit meinen eigenen Themenschwerpunkten konzentrieren. Die 20 Uhr tagesschau ist dagegen nur noch ein lauwarmer zweiter Aufguss. Bedrucktes ist der dritte oder vierte und gerade gut genug für den Fisch vom Markt.
  • Gestern abend der Einmarsch der Israelis in Gaza war ein gutes Beispiel dafür. Bevor eine Nachrichtenagentur die Meldung überhaupt auf den Ticker für ihre Abonnenten in den Redaktionen bringen konnte, war in den diversen Microblogging Communities diese Nachricht schon längst rum. Dank lokaler Microblogging-Quellen und direkten Augenzeugen-Mitteilungen vom Schlachtfeld aus dem Nahen Osten. Selbst eine „CNN Breaking News“ war später dran.

Es gibt aber einige wenige Punkte, die ich an den Medien 0.0 doch noch schätze:

  • Lokale Geschichten aus meinem urbanen Kiez um die Ecke und den Lokalteil der anderen Stadtviertel in meiner örtlichen Tageszeitung
  • Durch eigene Reporter gut recherchierte eigene originäre Geschichten mit Hintergrundinformationen
  • Ein gutgeschriebenes Feuilleton mit Entdeckungen und Ansichten über Autoren, Werke, Inszenierungen, Ausstellungen
  • Ein interessantes Reisemagazin mit Reportagen über besondere Orte
  • Ausserdem in meinem Stammstrassencafé lese ich lieber in Ruhe eine Papierzeitung, am liebsten eine dicke mit vielen engbedruckten Seiten und breite sie während eines doppelten Espressos oder Milchkaffees weit um mich herum aus. Gerne eine Süddeutsche. Manchmal auch eine Die Zeit, wenn das münchner Blatt vergriffen sein sollte. Beide wegen dem Feuilleton und wegen der Reisereportagen. Dazu noch schnell ein Blick in das lokale Käseblatt. Eine FAZ/FAS habe ich sicher auch schon mal in der Hand gehabt. Tja.
  • Soweit zu Zeitungen. Fernsehen? Dazu fällt mit partout kein Grund ein. Fernsehen? Ich glaube, das ist tot. Filme schaue ich lieber im Kino oder auch mal auf DVD. Der Rest interessiert mich nicht wirklich im Fernsehen. Kaugummi für’s Auge. Sedativa für die Seele. So aufregend wie eine Überdosis Tai-Ginseng.

Ich fürchte, ich bin nicht die Ausnahme, meine Damen und Herren Intendanten und Verleger. Was machen Sie jetzt?


25 thoughts on “Zeitung und Fernsehen im Jahre MMIX

  1. Auch wenn es mir persönlich sehr ähnlich geht, ist es doch eine rein subjektive Einschätzung. Es steigt zwar die Internet-Nutzung, aber die TV-Nutzung geht trotzdem nicht zurück. Vielmehr nimmt die Doppel-Nutzung zu. Immer mehr Menschen schauen gleichzeitig fern und surfen durchs Web.
    Praktisches Beispiel: Twitter kennt Sonntagabends nur ein Thema: den Tatort. Alle sitzen vor der Mattscheibe und zwitschern online.

  2. Ich stimme Dir fast ohne Einspruch zu.
    Insbesonder beim Lokalen finde ich funktionieren Tageszeitungen am besten, meines Erachtens ist das der einzige Grund, warum viele Zeitungen noch existieren. Die meisten Lokalzeitungen bekommen den Mantel mehr oder weniger von der dpa, im Lokalen spielen sie dann ihre Stärke aus (wenn auch einige nicht so, wie sie könnten).

    Fernsehen ist imho noch nicht tot. Erstens, weil der Flimmerkasten im kollektiven Gehirn steckt (siehe auch http://tinyurl.com/87rxrb oder schau Dir mal an, wieviele Leute sonntags den Tatort mit-twittern). Zweitens spielt das Fernsehen die visuelle Karte, und die ist bei uns Menschen enorm wichtig – warum sonst versuchen alle Online-Portale einen auf Fernsehen zu machen …
    Darüber hinaus spielt das Fernsehen seine beste Karte noch besser als Zeitungen bei diesem Punkt aus:
    > Ein interessantes Reisemagazin mit Reportagen aus besonderen Orten
    Ich liebe gut gemachte Reise-Reportagen, Dokumentationen, gefilmtes Kabarett und gute fiktionale Serien, von denen es in den letzten Jahren viele, viele gibt. Fernsehen ist ebenso wenig tot wie Print, auch wenn beide mit dem „neuen“ Medium Internet zurecht kommen müssen.

  3. Full d’acc. Seit Jahren kein TV mehr,es fehlen mir nur Kulturinfos. Ansonst nur Brot und Spiele, liebes ein gutes Buch. Bei den Kieler Nachrichten, unserem Lokalblatt, würde ich gern auf den Mantel verzichten, denn das meiste weiss ich schon ein bis zwei Tage.

  4. Das Lokalzeitungen auch ohne Mantel eine Chance hätten denke ich schon seit einiger Zeit. Das es sie aber noch mit Mantel gibt, liegt an den älteren Lesern und den älteren Machern ;) Das Web-Volk kann auch den Mantel gut und gern verzichten. Irgendwann denke ich werden wir eine Mantelfreie Lokale sehen, irgendwer wird sich in den nächsten Jahren trauen – allein, weil es ein Kostenfaktor ist, und man im sparen ja gerade groß ist ..

  5. Ein so gut gemachtes Lokalblatt wird sicher seine Leser finden, die direkte Umgebung interessiert die Menschen immer.

    Ansonsten stimme ich Dir zu, Filme im Kino oder DVD (nix Blue), beim TV stört mich immer mehr die Werbung und sonst lieber lesen und Infos aus dem Web.

    Wobei eine Zeit mal ohne auch gut ist, sowie bei mir die letzten zwei Wochen. Es geht auch ohne das Netz, aber nicht ohne die lokalen Infos.

  6. Ein Unterschied ist für mich noch, dass ich längere Texte lieber in einer Zeitung oder in einem Buch lese als am Bildschirm. Das Internet ist gut für kürzere Texte, aber ab vier oder fünf Seiten wirds anstrengend. Vielleicht ändert sich das, wenn Geräte wie Amazons Kindle nach Deutschland kommen, aber bis jetzt haben die Printmedien für mich immer noch einen Vorteil.

    Fernsehen? Ich schaue kaum noch fern, aber das hat eher damit zu tun, dass die nicht den Inhalt bieten, der mich interessiert, Arte oder Phoenix mal ausgenommen.

  7. Ich sehe es genauso. Ich habe auch das Problem, dass die Nachrichten aus Zeitung und TV nicht mehr aktuell im eigentlichen Sinne sind. Wenn ich Abends von der Arbeit komme, habe ich mich bereits über das Internet informiert.

    Abendzeitungen oder Wochenzeitungen wären eine Möglichkeit das Zeitunglesen attraktiver zu machen. Den einen oder andere Gedanken haben ich hier auch schon daran „verschwendet“: http://twurl.nl/wzmlbv

  8. Völlige Übereinstimmung, was Bedrucktes angeht. Allerdings bin ich ein TV-Fan. Auch wenn ich glaube, das das Web nach und nach das Fernsehen ersetzen wird (bzw: TV- und Computer-Monitor „zusammenwachsen“ werden). Ich mag gut gemachte TV-Dokus, vor allem auf Phoenix, BBC, 3sat und Arte, aber ich kann mich genauso auch zum zehnten Mal über den Pate III freuen (der zB gestern auf Arte lief, danach eine gut gemachte Mafia Doku). Meine Prognose: TV und Computer werden zusammenwachsen. Und ich glaube, das wird gut.

  9. Warum gibt es sowenig lokale Blogs? Kommunalpolitik zum Beispiel. Kann sehr nerven, betrifft die Leute aber direkt, auch finanziell.

    Ich verstehe im Moment nicht, woher die gedruckte Form eines Lokalblattes den Vorteil herbekommen soll, den der „Mantel“ aus beschriebenen Gründen nicht hat.

    Wenn ich neutrale Information brauche, darf ich eben nicht in den Lokalteil schauen, denn der besteht zu großen Teilen aus Eigenberichterstattung von Parteien, Vereinen und Wirtschaft. Oder kommt von einer gut „vernetzten“ Redaktion. Vielleicht nicht so sehr in Großstädten, sicher aber außerhalb.

  10. breite zustimmung: mir ist neulich der gedanke in den sinn gekommen, dass ich inzwischen hauptsächlich aus beruflichen gründen fernsehe. schon komisch oder? wenn ich vor 15 jahren meiner damaligen lehrerin erzählt hätte, dass ich mein geld u.a. mal damit verdienen werde, das fernsehprogramm zu verfolgen. tse.

  11. Vorteil von Zeitungen: Also Zeitungen kann man auf dem Klo lesen; da hab ich noch keinen großen Bildschirm zum Blättern. Außerdem kommt es manchmal auch auf die gefühlte Papierqualität an *gg*

    Vorteil von Fernsehen: Mir gehört die Fernbedienung und ich kann bestimmten, welches Programm geschaut wird. Mach das mal mit deinem Laptop: Keiner wird zuschauen wollen, weil du zu dicht davor sitzt. Kannst dein Machtpotential nicht ausspielen.

    Inhaltlich ist eh alles für die Katz … weil die gute Werbung in Zeitungen eh schon lange fehlt, die intelligente Werbung im TV erst so spät am Abend erfolgt und die Werbung im Web immer so penetrant ist (weder gut noch intelligent).

    Ansonsten frag ich mich, wozu man Journalisten braucht. Hübsche Moderatorinnen, die die Webinhalte vorlesen reichen doch – oder? Da ist dann doch eindeutig, dass sie mit Inhalten nicht wirklich was zu tun haben.

  12. Rob> „Warum gibt es sowenig lokale Blogs? Kommunalpolitik zum Beispiel.“

    Oh, es gibt eine Riesenliste von lokal ausgerichteten Webseiten & Blogs mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Techniken.

    Sodele & jetzt suche ich mir den Wolf nach dem Link… Wie hieß nochmal der netzeitung Ableger… und der Macher… komme nicht drauf… Aha:

    – Hugo E. Martin
    – Placeblogs

    1) http://hem-social-media.blogspot.com/2007/04/placeblogs-regionale-stadt-lokale-kitz.html
    2) http://hem-social-media.blogspot.com/2008/03/placeblogs-regional-stadt-lokal-und.html

    Ob er da noch eine aktuellere Sammlung hat, das gucke ich jetzt aber nicht mehr nach :)

  13. 1. TV

    Das TV ist nicht tot, weil es
    a1) über Rundfunkgebühren Milliarden zur Erstellung von mehr oder weniger gut gemachten Content zur Verfügung hat
    a2) genügend Private gibt, die damit zumindest Milliarden-Umsätze generieren und
    um die Gunst der Zuschauer über gerade mal 4-5 Konkurrenten (ÖR, RTL-Familie,SAT1-P7) auf den direkten Kanälen an die Empfänger kommen

    b) es nur in eine Richtung funktioniert. So schön individuelle Spielwiesen wie web2.0 und anderes interaktive auch ist – sich berieseln lassen mit nur 2-3 Knopfdrücken wird das Primärbedürfnis der Menschheit bleiben, die zum grössten Teil Konsumenten sind

    Die Zeitung ist nicht tot, weil …

    „was nix kostet, ist auch nix wert“ Durch die begrenzte Fläche werden Informationen gefiltert und unwichtiges nicht veröffentlicht.

    a) Auch wenn die Zeitung nur der vierte Aufguss ist, kann ich anhand der Auswahl der Artikel und deren Grösse am Frühstückstisch einschätzen, welche Wertigkeit welche Information besitzt.
    b) diese mich vor Informationsüberflutung schützt
    c) der Milchkaffee über der Zeitung keinen so grossen Schaden anrichtet, wie über der Tastatur :-)

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