Kultur des Printjournalismus versus Online-Helden

In den Kommentaren zu Jakob Augsteins Online-Artikel im Freitag anlässlich der Kritik am Blatt und seiner Online-Community entwickelt sich langsam eine Kontroverse, die deutlich macht, wie unterschiedlich die Perspektiven und Wahrnehmungen von Printjournalisten und Onlinern voneinander sind. Augstein in seinem Artikel (Hervorhebungen von mir): 

Sie müssen bedenken, dass ich – und wir alle hier – aus der Kultur des Printjournalismus kommen. Eine andere gibt es im Moment in diesem Land auch noch nicht. Sie ist am entstehen, Projekte wie dieses helfen dabei. Im Printjournalismus gibt es ein bestimmtes handwerkliches Ethos. Ob sich die Zeitungen und die Kollegen daran halten, ist eine andere Frage. Aber die Regeln sind eigentlich klar. Und es gibt eine bestimmte institutionelle Tradition. Zeitungen sind komplexe Gebilde. Viele Leute müssen sehr differenzierte Arbeitsabläufe befolgen, damit eine Zeitung entstehen und verkauft werden kann. Der Aufbau solcher Strukturen braucht Zeit. Zeitungen brauchen Zeit. Zeitungen sind etwas sehr nachhaltiges. Verlagshäuser entstehen in Generationen. Abonnenten halten ihrem Blatt jahrzehntelang die Treue. Auf der Grundlage dieser Traditionen, dieser Nachhaltigkeit entsteht Qualität.

Das Internet ist anders. Schneller. Die Hierachien sind flacher. Das Experiment findet Raum. Das ist schön, das ist der Vorteil des Netzes. Und sein Nachteil. Es gibt weniger Bindungen. Weniger Geduld. Weniger Nachhaltigkeit. Weniger Tradition. Weniger Verantwortung. Es gibt, mit einem Wort, weniger Institutionen. Ohne Institiutionen aber ist alles nichts. Das Internet birgt das Risiko der Infantilisierung. Schnell rein. Schnell raus. Es ist bindungsarm. Unser Vorhaben, eine Community aufzubauen, will dieser Tendenz des Netzes entgegenwirken. Es geht um Bindung. Es geht darum, sich dem schnellen Sog entgegenzustellen. Es geht um Nachhaltigkeit.

Exemplarisch Martina Kausch in den Kommentaren dazu an gleicher Stelle (kann leider nicht direkt verlinkt werden, deshalb umfangreicheres Zitat):

Sie schreiben, dass das Internet weniger Bindungen hergibt. Das ist falsch. Die Bindungsfähigkeit im Web ist genauso stark oder ambivalent wie im realen Leben. Man setzt sich in einer Kneipe an einen Tisch zu Fremden, trinkt mit ihnen ein Bier, quatscht ein wenig und zieht dann weiter. Dennoch findet man so auch manchmal Menschen, mit denen sich später etwas wie Freundschaften herausbildet. So ist es auch im Internet.

Sie schreiben, dass das Internet weniger nachhaltig ist. Woher wissen Sie das? Worauf begründen Sie diese Aussage? Das Internet ist genauso nachhaltig wie das Fernsehen oder aber die Printmedien. Nicht aus dem Internet sondern aus dem Umgang mit den Printmedien nämlich stammt der Spruch: „Was interessiert mich am abend die Zeitung vom Vormittag!“

Es gibt weniger Tradition? Doch, die gibt es. Auch wenn das Internet erst wenige Jahre alt ist, haben sich dennoch bestimmte Verhaltensnormen entwickelt, die inzwischen als selbstverständlich angenommen werden. Oder meinen Sie mit Tradition solche Verhaltensweisen wie „Kaffeetrinken jeden Mittwoch um 15 Uhr bei Tante Erna“? Man muss sich nur der Mühe unterwerfen, sich mit Traditionen im Internet auseinander zu setzen.

Ach ja, Institutionen soll es auch weniger geben? Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter „Institution“? (lat: instituere=aufbauen, errichten…) Glauben Sie nicht, dass sich hier bei den Kommentatoren und Schreibern Personen befinden, die auch etwas instutiert haben? Z.B. schon seit Jahren bestehende Internetpräsenzen?

Das Internet birgt das Risiko der Infantilisierung? Starker Tobak, den Sie da von sich geben! Bitte bringen Sie doch entsprechende Beispiele für diese Aussage, die sich anhand von überdurchschnittlich vielen Exempeln nachvollziehen lassen.

Kampf der Kulturen? Das kann ja heiter werden. Ich kann nur bestätigen, dass gewachsene Communities im Web sehr fest und nachhaltig sind. Nicht immer im Sinne des Plattform-Betreibers. Siehe dazu auch die Diskussionen um den Qype Re-Launch vor kurzem in deren Communities.

In der Zwischenzeit gerne diese schöne Analyse von Matthias Schwenck lesen:

Auch wenn die Printexperten (aller Medien) das nicht wahrhaben wollen: Die Avantgarde ist heute mit ihren Ideen und Themen fast vollständig im Netz und über die alten Medien kaum mehr abzugreifen. […] Der Freitag müsste sehr viel konsequenter aus dem Netz heraus gedacht und entwickelt werden.

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde das Experiment „Freitag“ grundsätzlich sehr spannend.


6 thoughts on “Kultur des Printjournalismus versus Online-Helden

  1. Interessant finde ich dass Augstein eine Linie zwischen „sich“/Print und den Onlinern zieht. Ich betrachte mich heutzutage als Netizen, aber ich komme nicht anders als Augstein (und alle anderen) aus einer Kultur des Printjournalismus, ich bin mit Spiegel, ZEIT, der Woche, taz, FAZ, Süddeutsche, FR; Allgemeinem Deutschen Sonntagsblatt, Guardian, Times, uvm. grossgeworden, war Chefred einer Schülerzeitung – wir sind alle Kinder des Printmediums. Die Frage ist doch eher ob man sich darauf ausruht oder ob man wagt weiter zu denken. Das Internet, bindungsarm? da kann ich nur lachen. Meine engsten Freunde und selbst meinen Lebenspartner habe ich online kennengelernt. Und was bitte soll handwerkliches Ethos heissen? Nach meinem Verständnis ist das handwerkliche Ethos bei Bloggern nicht selten sehr viel höher als bei den Totholzmedien… und DAS ist das Problem der Printmedien.

  2. Es gibt nur guten oder schlechten Journalismus. Die Qualität wird nicht bestimmt darüber ob jemand vom Printjournalismus kommt oder nicht. Sonst müsste die Bild Zeitung immer qualitativ hochwertiger sein, als jeder Online-Artikel.

    Hinter vielen Blogs stehen Journalisten, die vom Printjournalismus kommen. Es ist nur leichter heute zu publizieren, da niemand mehr warten muss, bis er einen bezahlten Auftrag bekommt oder eingestellt wird.

    Sprich die Chefredakteure und Verleger haben weniger Macht. Viele Leser finden die Qualität, die sie lesen wollen heute im Internet und kaufen weniger Printmagazine. Daher diese ganze Hetzkampagne gegen Blogger.

    Wie „seriös“ klassische Printjournalisten arbeiten, beschreibt heute (mal wieder) Stefan Niggemeier in seinem Blog:

    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/niemandem-rechenschaft-schuldig/

    Kleiner Nachtrag zum Thema Nachhaltigkeit im Internet: Ich habe meinen Freund im Netz kennen und lieben gelernt (nicht via Partner-Such-Portal…sondern auf Last.Fm)
    …nun bloggen und leben wir zusammen.

    DifferentStars

  3. Die Frage ist weniger kürt man dieses oder jenes Medium oder kürt man den Inhalt. Ist letzterer maßgebend, quasi der Idealzustand, dürften sich auch keine Differenzen ergeben. Die Realität schaut jedoch anders aus, Community ist das Mittel zum Zweck in kommerziellen Weiten, um den Kunden an sich zu binden. Community im Netz meint jedoch, daß man sich eben diese Community „verdienen“ muß – der Aufbau kostet Zeit, mit einer erzkonservativen Erwartungshaltung holt man sich allenfalls eine blutige Nase. Und die Kultur im Netz? Die Kultur im Netz existierte schon in den 80ern in diversen Mailboxen und da schleppe ich noch Nachhaltigkeit mit, inkl. diverser gepflegter Kontakte bis heute.

    Mir deucht hier schnuppert mal eben jemand „Internet“ ohne dieses ganze Gebilde – abseits vom technischen Standpunkt – überhaupt nur ansatzweise zu erfassen.

    Ethos sehe ich in den traditionellen Medien und auch Pathos, beides gleich einem Wechselbad der Gefühle der allgegenwärtigen Quote unterworfen. Diese hängt wie Damokles Schwert über den Köpfen der Redakteure, drum auch dieser recht „arrogant“ gewirkte Appell and die Community. Wider die Netznomaden, die „Störer“ – dabei sind es eben jene Nomaden die in der Geschichte in der Regel als kulturelles Bindeglied wirkten und wirken. Bei all diesen Metaphern geht doch irgendwann die Sinnhaftigkeit verloren und damit auch der eigens formulierte Anspruch der Überlegenheit.

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