Mensch mit Migrationshintergrund

Ich bin ein M³, ein „Mensch mit Migrationshintergrund“. Zumindestens in der offiziellen deutschen Beamtensprachregelung. Am Anfang war ich Ausländer und musste zunächst mit meinen Eltern, später alleine, regelmässig zur hamburger Ausländerpolizei, damals im Bieberhaus am Hauptbahnhof, und meine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen. Später als Student und junger Berufstätiger wurden in diesen Stempel im Reisepass Ausnahmeregelungen und Einschränkungen für diverse Tätigleiten eingetragen.

Aus der Aufenthaltserlaubnis wurde eine Aufenthaltsberechtigung. Befristetes wurde unbefristet. Die Gesetze änderten sich. Aus der EWG wurde die EU. Meine Pässe füllten sich mit Stempeln, Einklebern, handschriftlichen Anmerkungen, Beiblättern und Sondergenehmigungen. Hologramme wurden eingeführt, Visa diverser Länder reihten sich in die Seiten. Alle paar Jahre brauchte ich einen neuen Pass aus Platzmangel. Ich hiess nun Immigrant, Migrant, Einwanderer. Ich blieb Ausländer. Selbst in der wechselvollen Schulzeit zeitweilig auch in der Türkei und in Schweden. Ich war bis dahin immer Ausländer das ganze Leben lang.

Da beschloss ich ein Deutscher zu werden. Ratzfatz ging das ziemlich schnell. Ich war schon 32 Jahre alt, als ich zum ersten Mal in einer Fragestunde bei meiner Einbürgerung meine eigene Ausländerakte sah, die die damalige (hochschwangere) Beamtin mit mir Blatt für Blatt im Interview durchging. Die Akte war etwa 10-12 cm dick und alles – alles – war drin. Wie ich als Schüler mal Schwarzgefahren war, jede Menge Notizen, Behördenvermerke. Ich war etwas erschrocken. Das Angebot im gleichen Verfahren in einem „All-Inclusive-Paket“ einen deutschen Namen anzunehmen, habe ich mir doch kurz auch überlegt, habe mich aber dann entschlossen, doch meinen Geburtsnamen zu behalten. Mit einer Ausnahme: Ich habe den Vornamen meines schwedischen Grossvaters zusätzlich angenommen, „Fredrik“. Nach meinem bisherigen zweiten Vornamen „Ahmet“ sah ich nämlich nie aus. Drei Monate später war ich deutscher Staatsbürger. Und ich dachte nun, das war’s.

Denkste. Eine Ausländerpolizei-Akte vergilbt nie. Jetzt bin ich ein Mensch mit Migrationshintergrund. In Ordnung, das werde ich wohl auch noch überleben. Dabei wollte ich eigentlich nur Cem sein.

Laut Wikipedia ist Migrationshintergund ein Ordnungskriterium der deutschen amtlichen Statistik zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe, die aus seit 1950 eingewanderten Personen und deren Nachkommen besteht. Da ich als Sohn eines türkischen Vaters und einer schwedischen Mutter in Istanbul als türkischer Statsbürger geboren bin und 1956 mit drei Jahren in Deutschland erstmals ankam, gehöre ich sogar zu der Gruppe mit eigener Migrationserfahrung. Da knapp ein Fünftel der Wohnbevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund hat, finde ich, bin ich in bester Gesellschaft. Ich gehöre also damit zu den „Normalos“ der Bevölkerung. 2,5 Millionen Türkischstämmige wie ich, bilden dabei nach den Spätausiedlern aus Russland die zweitstärkste Gruppe.

Trotzdem. Das Gefühl, Ausländer zu sein und zu bleiben, wird mich wahrscheinlich den Rest des Lebens noch begleiten. Egal wo ich lebe und arbeite. Ob irgendwo in Deutschland oder ganz wo anders. Es prägt einfach zu sehr. Es hat etwas vom „fliegenden Holländer“ und vom „fahrenden Volk“. Meinen drei Kindern wünsche ein anderes Leben. Einem Freund habe ich aber auch neulich gesagt, die Migranten in Deutschland sind die Amerikaner Europas. Er hat laut gelacht. Er ist auch einer.

Es sind Themenwochen bei der ARD. Meike Richter vom NDR hat im Themenblog einige Artikel dazu verfasst. Dort ist auch das entsprechende Fernseh- und Radioprogramm zu sehen.

PS: Die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland hält sich in Grenzen. Das ist meine persönliche Erfahrung. Nur gelegentlich hier in den Kommentaren merke ich etwas. Aber das sind Ausnahmen.


21 thoughts on “Mensch mit Migrationshintergrund

  1. Da knapp ein Fünftel der Wohnbevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund hat, finde ich, bin ich in bester Gesellschaft.

    Ja. In Hamburg soll sogar jedes zweite Kind eine „Migrationsgeschichte“ – noch so eine Vokabel – haben.

  2. Andere Personen werden zuweilen auch zu „Mitbürgern“ („Liebe jüdische Mitbürger“) degradiert, also keine „ordentlichen“ Bürger, sondern spezielle Bürger, die dabei sein dürfen… Wie soll man diese Mentalität ändern?

  3. Eine gänzlich unbürokratische Eingbürgerung habe ich hier in Schweden erlebt. Nach 5 Jahren in GOT habe ich damals den Antrag runtergeladen, ausgefüllt, eingeschickt und 10 Tage später kam mit der Post die Urkunde, damit zur Passstelle und nocheinmal 10 Tage später den schwed, Pass bei der Post abgeholt. Seit dem Zeitpunkt erspare ich mir meinen Pass aus DE und ES zu verlängern – spart Aufwand, Mühe, Zeit und Geld. Schöner Artikel – ge- und beschrieben. Danke.

    1. „Sind die Bürger der DDR eigentlich auch Migranten?“

      Wikipedia: Menschen, die einzeln oder in Gruppen ihre bisherigen Wohnorte verlassen, um sich an anderen Orten dauerhaft oder zumindest für längere Zeit niederzulassen, werden als Migranten bezeichnet. Pendler, Touristen und andere Kurzzeitaufenthalte fallen nicht unter die Definition von Migration, saisonale Arbeitsmigration wird manchmal mit einbezogen. Überschreiten Menschen im Zuge ihrer Migration Ländergrenzen, werden sie aus der Perspektive des Landes, das sie betreten, Einwanderer oder Immigranten (von lat.: migrare, wandern) genannt.

      Sind Saarländer Migranten? (Beitritt zur Bundesrepublik 1957 nach §23 Grundgesetz, „kleine Wiedervereinigung“)

      Ich habe natürlich als „Ossi“ sowieso normalerweise nichts zu melden, aber:

      Wenn ich mir meinen ehemaligen Kiez in „Ostberlin“ so anschaue, bekommt der Begriff „Schwabenzug“ (Wikipedia) eine ganz neue Bedeutung ;-)

  4. Mich schüttelt es, wenn ich lese, wie sehr es dabei bleibt sich als Ausländer zu fühlen, trotz nicht so großer Ausländerfeindlichkeit, wie du schreibst.

    Die Realität ist wohl noch weit entfernt von:
    Alle Menschen sind Ausländer, fast überall.

  5. Ist noch jemanden aufgefallen dass es zu dem oben verlinkten Wikipedia-Eintrag Migrationshintergrund keine anderssprachige Entsprechung gibt (zumindest bis jetzt nicht)?

    Zur Frage sich als Auslaender zu fuehlen, kommt immer ein bisschen drauf an. Ich bin zumindest rechtlich noch Auslaender, aber irgendwann wird sich das wahrscheinlich aendern (kann ich meinem Vater im Moment nicht zumuten meinen Deutschen Pass aufzugeben). Gleichzeitig fuehle ich mich eigentlich nur recht selten als Auslaender. Schliesslich fuehre ich das gleiche Leben wie praktisch alle anderen hier. Klar, es gibt ein paar Einschraenkungen wie z.B das Wahlrecht (Lokal- und Europawahlen darf ich waehlen, National Elections nicht), aber im grossen und ganzen ist mein taegliches Leben nicht anders. Vielleicht liegt es auch daran dass es hier im UK zumindest in ein paar Bereichen etwas unkomplizierter ist (oder zumindest war). Als EG-Buerger konnte ich hier einfach herziehen und habe meine National Insurance Number bekommen. Meldepflicht gibt es nicht, also war auch nichts gross mit Aemterkram und so.

    Andererseits habe ich den „Vorteil“ so wie die Mehrheit und damit nicht wie ein Auslaender auszusehen. Da haben es Leute mit indischem, pakistanischen oder karibischem Hintergrund teilweise einiges schwieriger, selbst wenn sie teilweise seit Generationen Britisch sind. Auch spreche ich weitgehend akzentfrei, was zumindest einen Teil der Fragen (oder der hochgezogenen Augenbrauen) verhindert.

    Wenn man allerdings die „Das Boot ist voll“ Heinis von BNP, UKIP und Konsorten hoert wird einem doch manchmal etwas anders, ebenso wenn man manchmal die Kommentare in oeffentlichen Foren liest. Aber dann sagt man sich einfach dass es solche Idioten ueberall gibt und lebt sein Leben weiter. So wie alle Eingeborenen auch, mit denen man zusammenlebt und auch mal -leidet.

  6. Wenn sich immer alle als Ausländer fühlen, werden wir nie eine anständige Integration hinbekommen. Da sind sicherlich auch die Behörden und die Politik dran Schuld.

  7. Ich musste lachen, als ich „befristet“ und „unbefristet“ gelesen habe.
    Das hat mich und meine Familie einige Jahre begleitet.

    Sehr schoener Artikel!!

    Gruesse aus Bangkok.. hier heisse ich uebrigens „Farang“ ;)

  8. Absolut toll beschrieben, danke Cem !
    Regt total zum nachdenken an, ein Text für die Schulen …
    Chris hat recht ‚Cem, Du bist ein toller MENSCH³‘

  9. Vielleicht solltest Du mal mit Sascha Lobo reden. Der ist nämlich auch ein Mensch mit Migrationshintergund (Halb-Argentinier), was ihm aber erst seit einem halben Jahr klar ist. Er findet das super, und möchte etwas daraus machen, was seine Marke bereichert, weiß aber noch nicht was.

    N.B – Am beeindruckendsten finde ich Deine Beschreibung der Dicke der Ausländerakte. Klingt, als ob das Amt mit ähnlicher Sammelwut vorgeht wie einst die Stasi…

  10. Schön. Hab grad das erste Mal Migrationshintergrund gegoogelt.
    Früher gab es das Wort nicht. Heute habe ich mich selbst ertappt wie ich
    es benutzt habe, um dem Arzt zu erklären warum ich so komisch heiße wie ich heiße.
    Und ich habe mich mit dem Wort angefreundet. Das gibts ja auch noch nicht so lange.
    Werde nämlich jedesmal jedesmal jedesmal gefragt wo ich herkomme.
    Ich finde das Wort praktisch, bevor es erfunden wurde fühlte ich mich jedesmal genötigt, die Migrationsgeschichte meiner Eltern, die durch mehrere Länder und Sprachen und Religionen zu erzählen, und hach, aber von meinem Gegenüber weiß ich noch nicht mal, in welchem Stadtteil er wohnt.
    Dann von jedem bewundert WOOW dann sprichst du ja sooo viele Sprachen, du hast es gut! Find ich nicht, ich kann nichts dafür. Dafür kann ich kein Dialekt und habe keinen Humor, zumindest keinen, den jemand versteht, denn eine Migrationshintergrundkultur ist nicht wirklich eine Kultur, auch wenn sie aus noch so vielen Kulturen besteht. (Multi-Kulti-Shit)
    Jetzt sage ich, ja, ich bin deutsch mit Mitgrationshintergrund, so als würde ich sagen, ich komme aus dem Süden, wenn ich im Norden bin.
    Das passt schon. Klar, kann auch ne Schublade sein, aber irgendwie ist sie ok, ich mein jeder muss ja in eine, auch die Bio-Deutschen.

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