Carls in der Hafencity: Geisterstadt für Singles

Spätnachittags an einem Freitag war ich zum Abschluss eines Bummels durch die Hafencity im Bistroteil von „CARLS an der Elbphilharmonie”. Es hat mich leider nicht überzeugt.

Das Positive vorweg: Der Service war aufmerksam und sehr freundlich. Da merkt man deren Abstammung vom Edelhotel- und Restaurants Louis C. Jacob an der Elbchaussee. Der kleine Bruder „Carls“ in der Hafencity allerdings wird seinem Anspruch nicht ganz gerecht, finde ich.

Das liegt teilweise auch an der Lage. Ich war jetzt Ende Mai gegen 18 Uhr das erste Mal zu dieser Stunde dort. Das Lokal liegt im gigantischen Schatten der Elbphilarmonie im Bau, das erst 2011 fertig werden soll. Die ganze Hafencity macht in den Nachmittags sogar bei klarem Wetter einen schattigen, düsteren und kalten Eindruck. Es kommt keine Atmosphäre rüber, es sei denn man ist ganz vorne am Kaiserkai und hat einen halbwegs freien Blick auf den Hafen. Die überdimensionale Legostadt in Glas, Stahl und Stein im Rücken.

Zurück zum „Carls“: Gut gemeint, aber völlig überdesignt, Bistrokarte zu gewöhnlich. Ich hatte eine Tartine mit Tunfisch, die nach Dose schmeckte. Die „hausgemachte“ Majonäse konnte ich nicht entdecken. Der Elsässer Flammkuchen war OK, zwar bischen trocken, da ziemlich wenig Schmand drauf war.

Die Karte des Brasserieteils, dem Restaurant also, bestand aus deutschen Klassikern mit italienischen Pasta-Akzenten. Nicht originell, aber wohl dem erwarteten bürgerlichen Philharmonie-Publikum in zwei Jahren angemessen. Also: Keine Experimente. Durchschnitt im Angebot. Schade eigentlich.

Bemerkenswert allerdings die grosse und gute Gewürzauswahl, die man dort kaufen kann. Eine Hommage an die grosse Gewürzhandelstradition des Hamburger Hafens. Das finde ich gut. Die Preise dafür allerdings jenseits von Gut und Böse.

Ich weiss nicht, ob und wie sich die Hafencity entwickeln und beleben wird. Heute habe ich noch meine Zweifel. Bei Mietpreisen für Wohnungen bei etwa Euro 30/qm (Mai 2009) sieht es mir mehr nach Abschreibungsobjekten und gelangweilter Nachbarschaft in einem toten Viertel aus. Eine Geisterstadt für Singles mit hohem Einkommen und ohne Kinder. Schaunmermal.

Update: Lightartist twittert mir daraufhin zu: „Auf die Elbphilharmonie gehört zu 100% ein Städtelaser von mir: http://www.youtube.com/watch?v=PxrrzxRfyHg #Lichtwahrzeichen“Meine Antwort postwendend: „Gute Idee. Und ein paar Scheinwerfer gegen die Schatten in der laserfreien Zeit :-)“.

Update 2: bosch hat ähnliche Erfahrungen gemacht in der Hafencity und belegt es mit (zu) schönen Photos.


9 thoughts on “Carls in der Hafencity: Geisterstadt für Singles

  1. Ich finde auch, dass sich die Hafencity zu einer Betonwüste entwickelt hat. Der Hammer ist, dass sie bei der neuen Grundschule den Pausenhof jetzt aufs Dach verlegt haben, weil die Grundstückspreise so teuer sind. Ansonsten finde ich es auch sehr kalt dort.

  2. Hamburg hat ja leider eine lange Tradition in Sachen „Geisterstadt“. Kaum eine andere Kulturmetropole in Europa hat eine so tote Innenstadt. Nach 20 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt. Traurig. Die Hafencity setzt diese katastrophale „Stadtentwicklung“ konsequent fort. Kalte Architektur, lebensfeindliche Räume und ein geldfressender Moloch namens Elbphilharmonie. Ein groteskes Trauerspiel in einer Stadt, die ich eigentlich so liebe.

  3. @Boogie, dass ist mir auch aufgefallen, nachdem ich jetzt ein wenig in Deutschland rum gekommen bin. In wirklich keiner anderen City ist außerhalb der Geschäftszeiten so wenig los.

    Ich wünsche mir, dass sich die HafenCity NICHT so entwickelt wie die City Nord, vielleicht hilft mir ja die Finanzkrise, diesen Wunsch zu erfüllen…

  4. Interessantes Post. Ähnliche „Gefühle“ hatte ich, als ich mal bei klirrender Kälte, durch das Techno-Monster am Potsdamer Platz gelaufen bin, bevor ich mich in ein modernes gastronomisches Ambiente flüchtete. Und bei dem Wort „Bistrokarte“ las ich versehentlich „Bistrokratie“.

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