Anschweigende Paare

Neulich in einem kleinen gediegenen Privathotel. Früh morgens beim Frühstück. Ein ausgesuchtes Buffet mit lokalen Produkten. Sieben Zimmer. Sieben Paare. Gutsituiert. Fünfzig, plus minus zehn. Er im Ralph Lauren Polo Hemd. Sie sportlich adrett und frisiert. Die Paare sitzen sich an kleinen Zweier-Tischchen genau gegenüber. Keiner spricht. Sie schauen sich nicht einmal an. Er schmiert sich die Leberwurst auf’s Minibrötchen. Sie tupft einen kleinen Klecks Quark auf’s Schwarzbrot. Schweigen. Hackfressen.

Wie lange sind sie zusammen, die Paare? Zehn Jahre? Zwanzig? Mehr? Keiner spricht den anderen an. Schauen sich nicht in die Augen. Lächeln nicht. Sie ignorieren sich. Und das Frühstück. Die Sonne draussen. Den blauen Himmel. Die Vorfreude auf den Tag. Gelangweilt. Stumm. Haben sie sich nichts mehr zu sagen? Ist alles schon gesagt? Müssen sie sich ertragen? Wie muss die Nacht gewesen sein? Geteiltes Bett, halbes Bett? Keiner lächelt. Keiner spricht.

Diese Szenen beobachte ich auch mittags und abends. In Restaurants, in Cafés und Bars. Überall. In allen Lokalen und Vierteln. Anschweigende Paare. Sie erdulden sich. Oder ist es einfach nur stummes Einverständnis? Geheime Taubstummensignale, die ich nicht erdeuten kann? Ein Gefühl der Leere macht sich breit. Kein Händedruck. Berührungsvermeidung. Er legt seine Hand nicht auf ihren Rücken. Keine Tuchfühlung. Sie wirken isoliert. So als ob sie zufällig zusammensitzen. Zusammengewürfelt. Wie im Bus, in der U-Bahn oder auf der Bank in einem überfüllten Park an einem Sonntag. Sind sie glücklich? Zumindestens zufrieden? Ich weiss es nicht. Irgendwie traurig. Das Werben hat nachgelassen. Ist verschwunden. Stumpf wirkt es manchmal. Sie wirken wie die Insassen einer Ehe.

Die Liebe ist abhanden gekommen. Was geblieben ist bei ihnen, ist nur die Aneinandergewöhnung. Manche sagen dazu auch euphemistisch: Vertrautheit. Ich kann mir das bei mir nicht vorstellen. Langweilig. Wer weiss, wo sie alle in Gedanken sind. Und bei wem.

Ich glaube nicht, dass das zwangsläufig so sein muss. Sich öffentlich anschweigende Paare. Das ist kein Naturgesetz der verhaltenspsychologischen Paarforschung. Oder doch?


26 thoughts on “Anschweigende Paare

  1. Oh ja, das kenn ich! Also aus Beobachtungen. ;)

    Persönlich unvorstellbar, denn Liebe ist wie ein Vulkan. Mal ruhig, mal eruptiv. Aber immer unterschwellig brodelnd.

    Wenn Menschen wirklich aus innerlicher Zuneigung zusammen sind, dann findet man irgendwann einen „modus operandi“ für den Alltag. Jener Modus wird aber nicht zu ebenjenem Alltag.

    Denn Überraschung, Auf-dem-falschen-Fuß-erwischen und Verblüffung des Partners ist kein Streß, sondern Absporn, Herausforderung und Freude.

    Zumindest für mich! ;)

  2. Das kommt, weil sie permanent zusammen sind. :-) Daher haben sie sich nichts mehr zu erzählen und mögen sich nicht mehr sehen.

    Ich denke, die besten Ehen dürfte es bei den Wikiingern gegeben haben, wo die Männer den Sommer über auf Heerfahrt gewesen sind. (Oder bei vergleichbaren Konstellationen.)

  3. Eine sensible Beobachtung, die ich so auch schon gemacht habe. Solche kleinen Momentaufnahmen können recht grausam sein. Natürlich kennt man nicht die Situation des Einzelnen … Schön geschrieben – ruft nach einem Gedicht ;-)

  4. „Kommst Du mit in den Alltag?“ sangen Blumfeld einst, als sie noch was zu sagen hatten, und selbst das war nur geliehen. Dafür aber umso wahrer. Es ist die zentrale Frage jeder Beziehung, die zentrale Herausforderunge und … ja und nicht zuletzt vielleicht auch die zentrale Freude. Der gemeinsame Alltag bietet für manche vielleicht mehr Glück und Zufriedenheit als uns das die Romantik weiß machen möchte.

    Und Schweigen, Ruhe, Nebeneinander und Stillhalten würde ich (als Westfale) nicht sofort und in jedem Fall als stumpf, gefangen und lieblos interpretieren. Es gibt Verbundenheit jenseits eines geselligen Frühstücks.

  5. einerseits berührt es mich auch, was du da schreibst, ein bisschen traurig, ja. Andererseits bin ich mir nicht so sicher. Vor einiger Zeit habe ich Freunden gegenüber, die auseinanderlaufen wollten, weil „es nicht mehr prickelt“, genau so etwas als Liebe (im Gegensatz zum Verliebtsein) geschildert.
    Die Gesichter, die du gesehen hast, irritieren, aber das vertraute Schweigen mich zumindest noch nicht.
    Es muss eben nicht jeden Tag prickeln, es kann auch mal langweilig sein. Oder?

  6. Oh ja, Oh ja. Gibt es dabei eine soziale Komponente? Kann es sein, dass diese Lethargie vor allem Paare befällt, die gemeinsam nichts mehr erreichen können. Ich höre die Ralph Laurent Männer vor meinem geistigen Ohr sagen: Ich habe alles erreicht… ?

  7. @Cem: Sehr schön eingefangen!

    Ich habe solche Szenen zuletzt bei meinem jüngsten Hotelaufenthalt in Stuttgart beobachtet.

    Es ist ja durchaus nachvollziehbar, wenn es im normalen Alltag mal kurze Pausen in der nonverbalen und verbalen Kommunikation gibt.

    Aber wenn man bei einer gemeinsamen Reise während des Frühstücks nicht mal den vergangenen Tag nachbereiten kann, ist das bitter …

  8. … und wenn sie sich nicht anschweigen, so beschreiben sie nur die Natur, statt etwas Neues der gegenseitigen Welt hinzuzufügen: „Schatz, guck die Alte mit dem Koffer! Jetzt hebt sie ihn hoch. Sieh mal, wie sie ihn greift. Das kann ja nicht gutgehen. Jetzt noch mit der Linken. Der fällt gleicht. Oh. Siehste. Hab ich doch gesagt.“
    „Das ist ein Croissant.“

    Manchmal denke ich, wie schön, daß es die Liebe gibt, sonst würden sie nicht zusammenbleiben …
    Zum Zusammenbleiben gehört aber mehr als die Liebe, die uns unerklärlicherweise befällt. Dazu gehört eine Welt, die wir teilen, die uns und den Partner interessieren, immer wieder neugierig und wandelbar halten, zur Beziehung gehört die Wandlung, die Entwicklung – des Einzelnen mehr zu sich selbst, und der Beziehung insgesamt mehr zu sich selbst. Oder so … mit 46 kann ich noch kein Experte sein.

  9. Naturgesetz? Ich denke nicht, denn zum Glück sieht man auch immer wieder langjährige (Ehe-)Päärchen die das genaue Gegenteil leben.

    Grauhaarige Päärchen, die sich immernoch genauso verliebt ansehen wie früher, die Hand in Hand durch Hagenbeck laufen, zusammen lachen und sich jeden Tag aufs neue darüber freuen den anderen an der Seite zu haben.

    Ich empfinde es immer wieder als etwas besonderes solche Päärchen zu sehen, denke persönlich es ist eine Sache von gegenseitigem Respekt und kontinuierlicher Investition in die Liebe.
    Wenn man nicht füreinander und die Liebe da ist kann das Schweigen schon nach wenigen Monaten eintreten.

  10. Hm, ich kann nicht leugnen, dass ich das auch schon erlebt habe. Bei mir selbst. Aber ist es nicht auch legitim, einfach einmal müde zu sein, in sich versunken zu sein, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen?

    Wie auch immer, ein Dauerzustand darf es nicht werden, da stimme ich zu. Und er regt auch zum Hinterfragen eigener Verhaltensweisen an.

    Jedenfalls habe ich den Artikel als sehr treffend empfunden, danke dafür!

  11. Wenn man aufmerksam beobachtet, dann kriegt man schon mit, ob Schweigen gleich Sich-Anöden ist oder einfach nur ein morgenmuffeliges Vor-Sich-Hinbrüten.

  12. Schön geschrieben, Cem.

    Als Brite und „grumpy old man“ bevorziehe ich (und Gattin) eine wortkarge Unterhaltung zu früher Stunde. Das gehört schließlich auch zum guten Ton in der Öffentlichkeit.

    Ich erinnere mich daran wie mir mal morgens meine Frau im Hotel mit strahlendem Grinsen zugeflüstert hat: „I do wish they’d shut the fuck up…“

    Gegenseitiges ignorieren ist jedoch ätzend.

    Eben sehe ich auf Twitter eine Verlinkung zu dieser Nachricht vom 4.8.2009: Edward Hall, Expert on Nonverbal Communication, Is Dead at 95. http://www.nytimes.com/2009/08/05/science/05hall.html?_r=1&hpw

    “One example he always gave was the way that married couples do not need to say much to know how the other is feeling,” said Gladys Levis-Pilz, a former research assistant to Mr. Hall at Northwestern University. “By looking at each other’s faces or reading each other’s gestures, they can instantly get more information than they could from explicit statements.”

    Dem stimme ich zu.

  13. Die allgemeine Sprachlosigkeit von Paaren im gesetzten Alter kann aber auch daran liegen, das ihnen das Gesprächsthema abhanden gekommen ist, was sie in den letzten zwanzig oder noch mehr Jahren beschäftigt hat.

    Wenn das Hauptgesprächsthema irgendwann auszieht, sieht es bei vielen mangels anderer Interessen etwas mau aus. Gerade in den ersten Jahren, wenn die Kinder noch klein sind, bleibt ja wenig Zeit für anderes. Und da Kinder sowieso ständig die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sind sie eben auch schnell Gesprächsthema.

    Wäre schon mal interessant zu wissen, ob die von dir beobachteten Paare Kinder hatten oder nicht.

  14. Ich darf in der erlauchten Runde ein großes Geheimnis lüften: Menschen sind unterschiedlich. Die Pauschalisierung ist meist fehl am Platze. Zum Beispiel kenne ich Personen, die in der frühen Morgenstunde absolut nach innen gewandt sind und total authistisch aussehen. Es gibt Personen, die es als Paare vermeiden, sich in der Öffentlichkeit auszustellen. Und ja, klar, es gibt auch Spießer, die einander nicht zu viel zu sagen haben. Dagegen hat man auch genug solche erlebt, die einander voll texten, ohne Rücksicht auf die anderen zu nehmen. Noch schöner, wenn sie sich realityshowlike schmusen, in voller Überzeugung, dass die Aussenwelt das erwartet usw.
    Ich glaube, so eine Momentaufnahme sagt dem Autor unterm Strich eher etwas über seinen eigenen augenblicklichen seelischen Zustand, über seine Einstellung zur Vertrautheit und Einsamkeit… :-)

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