Wo warst du am 9. November 1989?

Ich war spät abends gegen zehn Uhr aus dem Büro nach Hause gekommen. Müde und abgespannt hatte ich noch vor, ein Angebot für einen Kunden zu schreiben. Ein kleines lokales Netz für die Hamburger Filmförderung. Die Zeit drängte und ich musste es am nächsten Morgen, Freitag früh, abgeben.

Um meinen Kopf etwas frei zu machen, schaltete ich den Fernseher ein. Das erste Bild, was ich sah, war ein schlecht ausgeleuchtetes Studio mit einigen aufgeregten berliner Journalisten, die konfus über etwas redeten. Offenbar eine improviserte Sendung. Zwischendurch hektische Schaltungen zum SFB-Reporter Robin Lautenbach, der draussen in der kalten Nacht vor einer Handkamera stand, und immer wieder den Satz wiederholte: „Also hier ist nichts los“. Ich verstand gar nichts. Auch einige andere Sender der dritten Programme zeigten die gleiche Sendung. Ich hatte die Sache mit Schabowski und der legendären Pressekonferenz einige Stunden vorher gar nicht mitbekommen.

Ich blieb fasziniert und gespannt an der Sendung kleben. Irgend etwas war passiert. Das verstand ich. Ich hatte aber immer noch keine Vorstellung, was es sein könnte. Es gärte in der damaligen DDR. Montagsdemonstrationen, Sprechchöre mit „Wir sind das Volk!“, schwarz-rot-goldene Fahnen aus denen Hammer und Sichel ausgeschnitten waren, sogar die bundesdeutsche Nationalhymne wurde dabei gesungen. Das Undenkbare war eingetreten. Die Stimmung in diesen Tagen schwankte zwischen Euphorie – und Angst vor einer Eskalation und einem militärischen Eingreifen der Sicherheitskräfte der DDR.

Plötzlich während einer Aussenschalte auf den frierenden und völlig einsam vor der Mauer stehenden Lautenbach huschte ein junger Mann hinten durchs Bild, um wieder zurückzukommen. Lautenbach griff sich den Mann und fragte ihn, woher er komme. Von drüben? Nee, grinsend, er sei aus Westen. Minuten später jedoch kamen immer mehr Menschen ins Bild. Aus Berlin Mitte. Aus Treptow. Aus Pankow, Lichtenberg, Marzahn. Heftig in die Kamera winkend, lachend, singend und schreiend. Der Rest ist Geschichte. Lautenbachs Kamerateam rückte immer näher an den Grenzübergang, drang in die Sperrzone ein, filmte live die glücklichen Gesichter und verdutzten Grenzer, die sichtbar bemüht waren, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Tagelang danach hing auch über Hamburg noch der Geruch der Zweitakter aus Schwerin, Zarrentin und den anderen grenznahen Orten, die am nächsten Morgen in die Hansestadt strömten. Es war der bisher grösste Moment der deutschen Geschichte.

Ein winziger historischer persönlicher Nachtrag noch: In dieser Nacht habe ich mein Angebot fertiggeschrieben. Noch vor dem Mauerfall kurz vor Mitternacht. Und ich habe den Auftrag am Folgetag erhalten.

Hier die Ereignisse der Nacht in der journalistischen Sicht und chronologischen Reihenfolge.


28 thoughts on “Wo warst du am 9. November 1989?

  1. Immer wieder spannend zu lesen, wie die Geschichte und das persönliche Erfahren der selben von jedem Einzelnen erinnert werden. Ich habe heute auch darüber gebloggt; während das Besondere bei mir war, dass ich als Student im Auslandsjahr die komplette Wiedervereinigung in Mexiko erlebt hatte und „meine“ ersten Trabbis erst nach meiner Rückkehr ein Jahr später, im Sommer 1990, in Saarbrücken sah, wo Deutschland gerade den Gewinn der Weltmeisterschaft bejubelte, während ich im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer die Welt nicht mehr verstand. ;)

  2. Die Antwort ist einfach: Ich habe grade meinen 6. Geburtstag mit meiner Familie gefeiert und kann mich daran erinnern, dass keiner der Erwachsenen mit mir und meinen tollen, neuen Spielsachen spielen wollte sondern alle vor dem Fernseher gesessen haben. Viel habe ich nicht verstanden, von dem was da los war, aber ich habe immer noch meinen Opa, der im thüringer Wald gebohren und dort noch einiges an Verwandschaft hatte, vor Augen, wie er mit Tränen in den Augen verfolgt hat was da vor sich ging.

  3. Ich war damals 22 Jahre alt, also im besten Ausgehalter. ;)

    Die Maueröffnung selber habe ich bis spät in die Nacht am Fernseher verfolgt.

    Freitag (10.09.89) Abend war es noch relativ ruhig in der Düsseldorfer Altstadt, aber schon am Samstag trafen wir viele Menschen aus der Partnerstadt Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), feierten, tranken „ein paar“ Altbier & übersetzten Düsseldorper Platt ins Sächsische & umgekehrt.

    Mich packen die Dokus im TV immer wieder. Was für eine Energie, was für Emotionen.

    Es ist in den letzten 20 Jahren sicher einiges schief gelaufen, aber wenn wir Deutschen zweifelsfrei auf etwas stolz sein können, dann auf diese friedliche Revolution.

    Ich wohne jetzt im ehemaligen Ostteil Berlins & laufe am WE über einsame Felder in Brandenburg. Schön, das!

  4. @Florian noch ein „Mauerkind“ ;-)

    Der 9. November 1989 war mein achter Geburtstag und ich merkte, dass an diesem Tag etwas ganz Besonderes passierte. Natürlich verstand ich noch nicht, welch großes Ereignis das war, doch ich spürte, dass es etwas war, das nicht alle Jahre passierte. Ein bisschen hatte ich sogar das Gefühl, ich könne ein wenig stolz auf meinen Geburtstag sein. Ich glaube mich zu erinnern, zu meinen Eltern gesagt zu haben: „Ich will auch da hin und mitfeiern!“, als ich die gelösten und jubelnden Menschen auf der Berliner Mauer stehen sah.

    Viele Bilder habe ich ob des Alters nicht mehr im Kopf, wie oft bei spannenenden Ereignissen. In Erinnerung blieben aber die langen Schlangen in den nächsten Tagen am Münchner Hauptbahnhof, als die einreisenden DDR-Bürger, die alle so seltsam (sächsisch) sprachen, ihr Begrüßungsgeld abholten.

  5. Ich war damals als Austauschschüler in Saratoga, CA (USA). Ein Freund aus meiner Jahrgangsstufe verbrachte sein Auslandsjahr an der Ostküste. Er rief mich an. Die Mauer sei offen, ich solle mal den Fernseher anmachen.

    Einer Wiedervereinigung stand ich anfangs eher ablehnend gegenüber, woraus man wohl lernt, dass man bei Entscheidungen von solch historischer Tragweite auf die Weisheit der älteren Generationen lieber nicht verzichten sollte. ;-)

  6. Ich war in Salvador de Bahia. Jeden Abend sendeten die Fernsehnachrichten genau zwei kurze Auslandsmeldungen. In Brasilien war Wahlkampf, und der Rest der Welt interessiert dort eh nicht so wirklich. Aus den Bildern konnte man sich in etwa zusammenreimen, was in Deutschland los war. Ich dachte nur: „Oh Gott, jetzt kommen sie alle rüber.“ Die Idee, einfach in Brasilien zu bleiben, haben wir dann aber verworfen.

  7. ich habe ganz zufällig in einer (west) berliner kneipe wortfetzen aus dem radio mitbekommen und nicht für´n sechser für vollgenommen.
    dann wurde es plötzlich klar, dass es doch stimmt; trabi-korso off´m ku-damm. unfassbar!
    gegen 1 uhr morgens bin ich mit taxi zum brandenburger tor gefahren – die menschenmenge reichte zu der zeit schon bis zur siegessäule.
    nachdem ich mich durchgekämpft habe, fand ich mich irgendwann rotz und wasser heulend auf der mauer wieder.
    es war unglaublich – das gefühl werde ich nie vergessen!
    mein ganzes leben (geb. 1952 in ungarn – seit 1966 in west-berlin) war bis dahin durch den „eisernen vorhang“ bzw, durch die mauer geprägt und plötzlich passierte das unvorstellbare.
    meine söhne (1980 und 1981 in berlin geboren) waren zum glück schon gross genug, um die ereignisse halbwegs zu verstehen und sind nun auch authentische zeugen eines der grössten historischen ereignisse des 20 jh.

    aber bei aller feierei sollte man nie vergessen wieviel leid und unglück der politische wahnsinn in das leben von millionen menschen und ihren familien gebracht hat – ich finde es immer wieder erstaunlich, wie leidensfähig menschen doch sein können.

  8. Ich war 20 Jahre alt und lebte zu dieser Zeit in Andalusien und kann mich noch genau daran erinnern. -ich war mit einem Spanier zusammen und hatte kaum Kontakt zu Deutschen; wir hatten wohl einen SW-Fernseher, da kamen aber nur 3 Programme in Spanisch und da das Leben dort eh mehr auf der Strasse stattfindet, war der Tv auch mehr aus als an …. ich war an diesem Abend mit spanischen Freunden in einer Strandbar und wir hatten einen lustigen Abend… -auf einmal kamen echt viele Leute auf mich zu, schüttelten mir die Hand, umarmten mich und sagten … „DU, du bist doch Deutsche“ … „nun seid Ihr wieder eins“ ….“ Herzlichen Glückwunsch zur Wiedervereinigung“ …. ich wusste gar nicht wie mir geschah … ich kam mir vor wie jemand der grad geheiratet hatte..oder einen runden Geburtstag feierte …. Tags drauf musste ich dan doch mal den Tv anschalten und sah dann die Bilder und was da überhaupt alles passiert war …

  9. Ich war an dem Tag als Soldat im Grundwehrdienst in einer Kaserne in Delmenhorst. Seit Wochen verfolgten wir gebannt die Ergeignisse in der DDR. Im Laufe des Oktobers war die Macht der SED bereits so weit erodiert, dass die Demokratisierung unaufhaltsam schien. Und seit einigen Tagen war auch die Grenze faktisch offen. DDR-Bürger konnten ungehindert in die Bundesrepublik ausreisen – wenngleich dazu der Umweg über tschechisches Gebiet genommen werden musste. Über eine neue Reiseregelung, die diesen Zustand beenden sollte, wurde diskutiert. Man erwartete allgemein, dass bis Weihnachten eine Lösung dafür gefunden würde.

    In den Radio-Nachrichten, es muss wohl um 20 Uhr gewesen sein, hörten wir, dass Günter Schabowski wieder etwas Neues dazu angekündigt hatte. Einen Kameraden, der unsere Stube etwa gegen 21:30 Uhr mit dem Satz, „die Mauer kann weg“, über die sich anbahnenden Ereignisse informieren wollte, warfen wir hinaus, da wir alle früh schlafen wollten. Wir maßen all dem keine zu große Bedeutung bei und ahnten nicht, dass Berlin eine solche rauschhafte Nacht erleben sollte. Die Berichterstattung die Medien löste eine Dynamik aus, der das im Umbruch befindliche DDR-Regime nichts mehr entgegen zu setzen hatte.

    Am nächsten Morgen hörten wir dann, was geschehen war. Zum Glück war inzwischen Freitag und wir konnten am Mittag nach Hause fahren und am TV dabei sein. Die verunglückte Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus habe ich dann bereits live gesehen. In dem Moment fand ich die Störungen ausgesprochen ärgerlich. In der Rückschau spielt es aber fast keine Rolle mehr. Dieser Tag und die folgenden werden mir auf immer unvergesslich bleiben – ebenso wie einige Wochen später die Silversterfeier in Eisenach, zu der ich mich gemeinsam mit einem Freund auf machte.

  10. Wir waren in Saarbrücken und hatten eine ziemlich daneben gegangene Zwischenevaluierung eines Forschungsprojekts hinter uns, und unser Prof hatte die brilliante Idee, dass man das am besten verarbeitet, indem man _richtig_ gut essen geht.

    Das La Bastille am St Johanner Markt wurde zum Lokal der Wahl, und dort wurde dann den ganzen Abend _sehr_ gepflegt gespeist (wenn ich mich recht entisnne, gab es unter anderem Fasan …).

    Selbstverständlich in Abwesenheit von plärrenden Fernsehgeräten.

    Die dabei erworbene Bettschwere (der Fasan möchte gerne mit gediegenem Rotwein seinem Schicksal zugeführt werden) führte dazu, dass – entgegen der sonst herrschenden Gewohnheit – auch der Fernseher im Hotelzimmer nicht noch einmal zwecks Konsumierung der Spätnachrichten eingeschaltet wurde.

    … die Überraschung beim Frühstück war dafür dann umso größer :-)

  11. Ich war damals 27 und hatte mir einen herrlich faulen Tag mit Musikhören und Lesen vorgenommen und schon halb vollbracht. Meine Mutter rief an: „Die Mauer ist offen!“ Ich dachte erst, das ist ein neuer Witz, und wartete auf die Pointe. Als ich es begriffen hatte, radelte ich zum Kurfürstendamm – lauter strahlend frohe Leute gingen da lang, auf den für Autos unpassierbaren Fahrbahnen – es war ein Anblick wie in einem modernen Märchen.

  12. In der Begeisterung über den gewaltlosen Mauerfall fiel es vielleicht nicht auf, dass in der DDR-Flagge Hammer und _Zirkel_ ausgeschnitten waren (nicht „Sichel“). Ein beliebter Fehler, auch von mir. Aber vielleicht ist das wirklich Wissen, das die Welt nicht mehr braucht.

  13. Ich war auf einem Zivildienstlehrgang in Trier, ohne TV, da der einzige im Aufenthaltsraum stand. Mit meinen Zimmerkollegen spielte ich Karten, bis ein weiterer Zivi an die Tür pochte und rief: „Die Mauer ist weg!“.
    Zunächst hielten wir es für einen Scherz, doch dann sahen wir die Bilder im Aufenthaltsraum. Großartig, wenn man sich mit dem Eintritt in den Zivildienst auch für Frieden ausgesprochen hatte, und dann diese friedliche Revolution eine Wende herbeiführte. Wenige Jahre später ging ich zum Studium an die Ostsee, ins tiefste Vorpommern. All den Menschen, die in den Demonstrationen für dieses Unglaubliche gesorgt haben, muss ich meinen Dank aussprechen, denn sonst hätte ich viele Freunde „von drüben“ nie kennenlernen dürfen.
    Bonifatius

  14. ach gottchen laaange her:

    Entscheidend für den 9. November war wohl die riesige Demonstration am 4. November 1989. Mein verstorbener Cousin war damals bei den Spezialtruppen der NVA. Er hat mir kurz vor seinem Selbstmord erzählt, dass sie an diesem Tag rings um Berlin in Stellung gegangen waren und nur auf den Angriffsbefehl gewartet haben. Dieser Tag hätte leicht ein 17. Juni 1953 werden können. Und der Alexanderplatz zum Platz des himmlischen Friedens.

    Die Potsdamer Division hatte Berlin umstellt. Die Soldaten waren schon Tage nicht mehr aus den Kasernen gekommen. Ihnen wurde erzählt, dass am 4. November ein Mauerdurchbruch vom Westen und vom Osten geplant sei und dass Lynchjustiz für Militärangehörige vorbereitet würde.

    weiter gehts hier:

    http://www.ontai.de/archives/1513

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