Ein tragischer Held

In wenigen Minuten fängt in Hannover die Trauerfeier für Nationaltorwart Robert Enke an. 100.000 werden im und vor dem Stadion erwartet. 35.000 waren schon bei der Trauerandacht am Tage nach seinem Tod dabei. Die Anteilnahme nicht nur in Hannover und Deutschland, sondern im ganzen Weltfussball übersteigt jedes Mass an Vorstellung. In Deutschland ist die Rede von der grössten Trauerfeier seit Adenauers Tod. Sein Verein Hannover 96 hat beschlossen, niemals wieder seine Trikotnummer #1 wiederzuvergeben, die traditionelle Nummer des Stammtorwarts. Meines Wissens ist ähnliches bisher nur Michael Jordan (#23, Basketballer) und Wayne Gretzky (#99, Eishockeyspieler) nach dem Ende ihrer aktiven Karriere zu Ehren geworden. Posthum ist es mir nicht bekannt.

Die Trauer und die Anteilnahme um den Tod von Robert Enke ist ein Phänomen, nicht nur in den Medien, die diese Geschichte dankbar aufgenommen und in den Schlagzeilen verwertet haben. Es hat Robert Enke zum Mythos erhoben. Grösser als zu Lebzeiten. Die Pressekonferenz mit seiner Frau, 18 Stunden nach seinem Tod, hat alle berührt. Sie war offen und ehrlich und hat alle Spekulationen beiseite geräumt. Das war gut so und sehr mutig von ihr. Enke litt an starken Depressionen und hat für sich keinen anderen Ausweg gesehen. Die angebotene Hilfe hat er nicht annehmen können und wollen.

Robert Enke ist zum universellen Helden geworden. Zum tragischen Helden. Zur Projektion der Massen. Ihrer Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte. Wie kommt das?

Enke war bei seinen Fans beliebt und bewundert. Ein Idol zum Anfassen, der gerne auch die Nähe seiner Anhänger nicht scheute. Er war ein Sympathieträger. Ein sensibler Mensch auch wie es nachgesagt wird. Das Volk liebt solche Helden. Keiner ahnte, dass er an seiner Krankheit litt. Mehr ausgehalten hatte, als er verdiente. Ein Guter, der leidet und der wiederholt ein schlechtes „Schicksal“ erfährt, dem er nicht entkommen konnte. Tod seiner Tochter, sportliche Misserfolge oder Rückschläge kurz vor den ganz grossen Erfolgen und Zielen. Einer, der seine Schwäche nicht zugestehen konnte. Einer aus gutem Elternhaus, sein Vater war Psychologe, der sich aber unter das Volk gemischt hatte. Der Angst hatte, aber auch Einfühlungsvermögen. Ein intelligenter Sportler, der aber aus dem Gefängnis seiner Seele nicht ausbrechen konnte. Ein Einsamer. Ein Zerrissener.

Ein tragischer Held. Der gewaltsame Tod in jungen Jahren. Die gebrochene Ehefrau. Die entsetzten Fussballfürsten. Das trauernde Volk. Aus diesem Stoff sind die grossen Heldensagen und Archetypen in den Mythen und in den Dramen der Antike und der Klassik. Siegfried, Macbeth, Hamlet sind solche tragischen Helden. Es ist eine der Ur-Geschichten der Menschheit. Und immer noch gültig. Die Medien haben das nur aufgegriffen und sicher auch verstärkt. Die Anteilnahme und das Mitgefühl des Volkes ist aber echt.

Bleibt nur zu hoffen, dass Robert Enke nicht zum Kult wird, sondern Mahnung und Nachdenken über die Schattenseiten des Leistungssports und allen anderen Lebensbereichen, wo Menschen verzweifeln und einsam sind, weil sie Angst vor Versagen haben, Angst davor, andere zu enttäuschen, zuzugestehen, dass sie Hilfe brauchen, wo sie glauben, die Erwartungen nicht erfüllen zu können, die in sie gesetzt worden sind, wo sie einfach innerlich nicht dem Menschen entsprechen, dessen Bild wir uns von ihnen gemacht haben. Für Robert Enke war es zu spät.

Ruhe in Frieden.


9 thoughts on “Ein tragischer Held

  1. Da ist einer mit Ausrufezeichen aus dem Leben geschieden. Der Freitod auf den Gleisen gehört zu den Lautesten, ist Anklage, bedeutet: seht her was ist! Der Freitod auf den Gleisen bedeutet aber immer auch erstmal eine tiefe und langanhaltende seelische Belastung für den Zugführer und für die Rettungskräfte, die über viele Kilometer die Leiche bergen müssen.

    Ich habe in den letzten Tagen viel an diese Menschen gedacht, sie verdienen eine Teil des Respekts den Robert Enke postum erfährt – auch von jenen Menschen erfährt, die ihn, hätte er seine Krankheit Öffentlich gemacht, wahrscheinlich direkt im Stadion mit Gelächter und Häme übergossen hätten. Die tragische Scheinheiligkeit ist bemerkenswert.

    Dass dem Fußballer Enke in Deutschland eine Ehre erfährt, die in ihrer Größe letztmals Konrad Adenauer erfuhr, ist sicherlich auch den schweren Zeiten geschuldet. Angst um den Arbeitsplatz, der Verlust des Arbeitsplatzes – die Krise führt viele Menschen direkt in Unsicherheit, Versagensängste, Verlustängste, Depressionen. Enkes schwere Krankheit, ist für die Allgemeinheit in Nuancen nachvollziehbar, spürbar, seltsam persönlich, nah. Darauf ist der Hype aufgebaut, den wir jetzt erleben, das mediale Getöse bedient sich dessen. Ein Trauerspiel im doppelten Wortsinn.

  2. Danke Herr Paulsen für diese Worte. Der Freitod auf diese Weise erzeugt neue Opfer, Menschen, die mit seelischer Belastung zurückgelassen werden – um die kümmert sich niemand. Die Medien sind in ihrer üblichen Geier-Manier auf Schlagzeilen aus. Noch eine Träne, noch ein schwerer Kopf – am besten von „Promis“. Hurra, da ist ein Bekannter gestorben, da machen wir eine schöne Geschichte draus. So ein unbekannter Zugführer bringt keine Schlagzeilen.

    Es ist natürlich schade um Herrn Enke, aber mir geht das Schauspiel, das um seinen Tod gemacht wird, auf die Nerven. Sorry. Eine Sensibilisierung für das Thema Depressionen wird eh nicht stattfinden. Die nächsten zwei Wochen vielleicht, dann ist das Thema abgefrühstückt. Bitte die nächste Katastrophe oder der nächste Tote.

  3. Aus ganz persönlichen Gründen habe ich mich mit Kommentaren zum Thema Enke die ganze Woche zurück gehalten. Die Worte hier hätten aber nicht besser gewählt werden können und treffen genau. Bitte nicht vergessen was in dieser Woche in uns passiert ist und diese Welt kann eine etwas bessere werden.

  4. Mir geht es nicht um die Motive des Freitods von Enke. In letzter Konsequenz wird es uns verschlossen bleiben. Mir geht es um zwei andere Punkte: (1) Dass dieser Tod viele berührt hat, unabhängig von der Medienberichterstattung, Und (2) Dass ein Robert Enke kein Einzelfall ist. Ganz im Gegenteil. Aus welchen Gründen auch immer, es gibt sehr viele Menschen, die eine Fassade aufrecht erhalten und dahinter sieht es ganz anders aus. Das ist ganz schrecklich. Ich behaupte sogar, das ist fast der Normalfall. Menschen, die mit an diesem Spagat zwischen Schein und Sein fast verzweifeln. Und damit sehr einsam sind. Manche von ihnen zerbrechen daran.

    Der Medien“hype“ ist billig und furchtbar. Aber das ändert nichts daran, dass es diese Verzweifelten gibt.

  5. @Cem Richtig, der „hype“ ist mehr als grausam, denn wie am Samstag schon in der Sportschau spekuliert wurde, in 2 Wochen ist alles vergessen. Jetzt wird groß auf „Mitleid“ und „hätten wir das vorher“ gewußt gemacht, leider hätte das nur dahingehend etwas geändert, das Hr Enke nicht Nationaltorhüter geworden wäre. In unserer Leistungsgesellschaft ist nunmal kein Platz für „Depris“.

    Und als Betroffener: es interessiert keinen Menschen wenn man sich jemandem anvertraut. „Jaja, das hat ja heute jeder“. Abhaken und weiter. Ich kann Hr Enke gut verstehen, daß er es nicht erzählt hat.

  6. Der deutsche Einshockey_Nationaltorwart Robert Müller erlag am 21. Mai 2009 mit 28 Jahren seiner schweren Krebserkrankung. Seine Rückennummer 80 wird ligaweit in der DEL nicht mehr vergeben.

    Zu Robert Enke sind die letzten Tage ja unheimlich viele Zeilen geschrieben worden.

    Zwei Bemerkenswerte Texte haben für mich Jürgen Kalwa

    http://www.american-arena.blogspot.com/2009/11/lust-am-eigenen-gefuhlsrausch.html

    und spiegelfechter

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1147/der-freitod-eines-torwarts-und-die-ethik

    geschrieben.

  7. http://feydbraybrook.wordpress.com/2009/11/13/enke-trauer-als-freizeit-event/

    Lieber Cem, Dein Artikel ist schon einfühlsam, aber nicht selbstverliebt geschrieben. Ich kann die Trauer um Enke trotzdem nicht teilen, denn Trauer ist etwas anderes als das, was nach Enkes Tod passiert ist.

    Es stellt sich die Frage, was passiert wäre, wenn es keine Medien gegeben hätte. Richtig: genau das, was bei allen verzweifelten Menschen passiert, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Getrauert hätten Verwandte, Freunde, Bekannte, sonst niemand. Und das wäre in diesem Fall auch besser so gewesen.

    Jeder Mensch, der schon mal getrauert hat, weiß, daß der Tod eines Nahestehenden tiefe Einschnitte im Alltag hinterläßt. Davon kann im Fall Enke keine Rede sein. Es ist mehr so, daß die Enke-Trauer Teil einer geschmacklosen Collage von Einzelschicksal, medialer Aufarbeitung bzw. Verwertung, Werbeblöcken, Fernsehquoten, Projektion und Entertainment ist.

    Wie kann es sein, daß uns das – sicher erschütternde – Schicksal eines Menschen, den wir persönlich nie getroffen haben, wichtiger ist als (Achtung Beispiel!) die Oma im Altersheim, die wir seit Jahren nicht mehr besucht haben?

    Jeder von uns hat Menschen in seiner Umgebung, die Aufmerksamkeit verdient hätten und wir reden uns immer mit Zeitmangel raus, wenn es darum geht, diese Leute mal zu besuchen oder wenigstens anzurufen. Warum? Weil es sicher unbequem sein kann, mit den Ecken und Kanten bspw. eines senilen Opas oder vereinsamten Nachbarn klarzukommen, aber genau das macht doch echte Beziehungen aus, oder nicht?

    Stattdessen fahren alle auf die Enke-Sache ab, denn die – das ist meine Erklärung – ist bequemer: der arme Mensch, die arme Familie, man hatte nie Streit mit ihm, er war Nationalspieler und und und…sprecht ihn heilig.

    Ich tue es nicht. Ich habe kein recht, um ihn zu trauern, denn ich habe ihn nie gekannt und ich denke, das haben auch die ganzen anderen Leute nicht, die ihn nicht gekannt haben. Und wer glaubt, er habe ihn gekannt, weil er ihn in der Sportschau gesehen hat, hat keine Medienkompetenz.

  8. Ich schließe mich der Meinung von feydbraybrook an, ich habe um Enke ebenfalls nicht getrauert, zumal ich ihn bis dato nicht einmal vom Namen her kannte.

    Schlimm sind neben Verwandten und Freunden auch Lokführer und Rettungskräfte dran, wenn sie mit dem Geschehen konfrontiert werden.

    Am letzten Sonntag gab es wieder so einen traurigen Fall, ein Freund mailte es mir aus dem ICE von Leipzig nach Frankfurt – in Bad Kösen wurde abermals ein Mensch vom Zug zerfetzt, Zugführer und Mitreisende waren schockiert.

    Bisher habe ich nichts in der überregionalen Presse darüber gelesen, dafür war der Mensch wohl zu unbedeutend.

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