Facebook & Co: Glasperlen gegen Perlen

Facebook ist mittlerweile so komplex und so neugierig geworden. Ich steige da nicht mehr ganz durch. Das ist mir langsam unheimlich. Manche Soziale Netzwerke, wie eben Facebook, beunruhigen mich immer mehr. Sie saugen grosse Datenmengen aus ihren Communities im Tausch gegen ein Bespassungsangebot.

Sie bieten Glasperlen gegen echte Perlen. Sie verhalten sich wie Conquistadoren gegenüber den Eingeborenen der Neuen Welt, des Neuen Web. Wie Dealer zu Junkies. Kostenloses Anfixen. Ich halte Facebook für eine Bedrohung gegenüber den Communities und des Neuen Web. Twitter ist ein Waisenknabe dagegen. Manche drücken es drastischer aus. Sie unterwandern und korrumpieren Communities.

Manche andere rufen nach dem Gesetz oder verweisen auf die technischen Möglichkeiten. Welches Gesetz welchen Landes? Das sind internationale Gebilde. Es ist in meinen Augen zunächst keine Frage des Gesetzes, sondern eine Frage der Aufklärung und Haltung der Community-Mitglieder. Facebook & Co sind überhaupt nicht transparent in ihrem Tun. Wie Ibrahim „Ibo“ Evsan sagt und schreibt: Sie sind gigantische Silos und hochsystematische Sammelmaschinen für Informationen über die Nutzer von ihren Webservices. Wahre Gravitationszentren von Daten. Schwarze Löcher im sozialen Universum.

Facebook ist Weltmeister in der Soziologie der Communities und der Vernetzung ihrer Nutzer untereinander, so wie Google im individuellen Profiling und amazon im Kaufverhalten. Alle diese Gorillas 2.0 sind Spezialisten im Deep Datamining. Die Menschen verschenken zwar nicht ihre Seele an Facebook, aber ihre Gedanken, ihre Beziehungsstrukturen. „Was tun“, fragt Jürgen Fenn in Facebook auf meinen Tweet. Er bittet aber auch zu differenzieren:  „Bin mir übrigens auch nicht so sicher, ob FB in jedem Fall „eine Bedrohung“ ist. Ich beobachte, daß Menschen grundlegend unterschiedlich mit FB umgehen: drei-/vierstellige Freundeszahl vs. 20 Freunde; keine Einträge auf der Pinnwand vs. ständige Twitter-Updates; eingehende Angaben im Profil vs. gar nix usw. Dementsprechend unterschiedlich durchsichtig ist der User und seine Umgebung. Das ist sehr heterogen und sehr individuell“.

Ich glaube, dass dieses Verhalten von Facebook & Co, auch eine Gegenreaktion hervorruft. Vielleicht erleben wir dieses Jahr einen Höhepunkt dieser gigantischen „Sozialen Netzwerke“. Eine Abkehr vieler Nutzer könnte die Folge sein. Eine Besinnung auf das reale Leben. Die Leute haben einfach genug, mit Statusmeldungen und Spam vollgedröhnt zu werden. Genug, sich mit vollkommenen Fremden zu verbinden und zu befreunden.

Es geht nicht um die Verteufelung des Web und der Sozialen Netzwerke, sondern es geht um das Bewusstsein und die Sensibilität der Nutzer gegenüber den Auswüchsen dieser Datenkraken. Manchmal komme ich mir vor wie der letzte Indianer, der sich auf einen billigen Tausch eingelassen hat und sich nun spät und verzweifelt dagegen wehrt. Geronimo!

Mashable zeigt, wie man Facebook daran hindert, persönliche Informationen ungefragt an bestimmte Dritte weiterzugeben. Man muss nur die versteckte Opt-out Checkbox finden. Vertrauenserweckend ist das Ganze dadurch für mich immer noch nicht.

Anmerkung: Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung der Diskussion in Twitter und Facebook aus dieser Nacht.


18 thoughts on “Facebook & Co: Glasperlen gegen Perlen

  1. Für mich ist immer noch eines entscheidend und daher rate ich zu einer ganz entspannten Haltung zu aller angeblichen oder tatsächlichen Datensammelwut (egal ob FB, Google oder wer auch immer): Ich bin bei FB *freiwillig* angemeldet und jeder Post dort ist ebenso freiwillig. Wer dort sein ganzes Privatleben ausbreiten möchte: Hey, das ist ein freies Land. Mich stören vielmehr Politiker wie Ilse und andere, die diese Unternehmen mit ihren Angeboten angreifen, mit regelmässigen Abfragen auf mein Konto zu Steuerzwecken oder Vorratsdatenspeicherung oder oder oder aber mal so gar kein Problem haben. Die wahren Feinde der Privatsphäre sitzen nicht im Silicon Valley sondern in Berlin.

  2. So ganz verstehe ich die Aufregung um die Datenkrake Facebook nicht. Seit Jahren füttern wir das Netzdingens mit Bespaßung und bekommen das zurück, was Big Brother unter Spaß versteht: Werbung. Okay, FB hat uns noch Farmville und Co beschert. Aber da hilft schlicht ignorieren. Ich „like“ den Verbergen-Button. Den hätte ich bei Twitter auch gern für all die „I became Mayor of my toiletseat w/ 17 others and I favored a Video of 18 people on a toiletseat at Youtube“-Tweets. Aber man kann nicht alles haben.

    Ich glaube nicht an die Big Bang Theorie. Natürlich wird es auch immer die jenigen geben, die weder bei Twitter noch bei FB oder irgendeinem anderen Webzwonulldings sind. Sie haben schlicht keine Zeit und Lust auf diesen „Blödsinn“ (das meistgebrauchte Wort, wenn ich in meinem näheren Bekanntenkreis nach deren FBxingqypetwittersecondmyspacevz-Aktivitäten frage). Und es wird immer die jenigen geben, die ihr reales Leben mit einem unüberschaubaren virtuellen „Freundes“kreis aufpimpen wollen. Und irgendwo dazwischen sind wir und nutzen das Webzwonulldingens zur Bespaßung, Informationen austauschen, Links recyclen, Freund und Bekannte treffen, Musik hören und der Welt sagen, das wir gerade Kaffee trinken. In absehbarer Zeit sehe ich kein Ende dieses Bedürfnisses.

    Just my 0.13 cent. Ich trinke Kaffee. Jetzt.

  3. Danke für diesen Beitrag, Cem. Sozialen Netzen wie facebook, den Holtzbrinck-VZs, geht es weder um die User noch sind sie sozial. Es sind bei Licht betrachtet nur dichte Spinnennetze, und es geht der Spinne ausschließlich ums Geld. Das ist wunderbar für Firmenpräsenzen und für SM-Berater (nie war eine doppedeutige Abkürzung weniger doppeldeutig…), aber Otto Normalverbraucher sitzt gehirngewaschen und nackt ausgezogen unter grellem Scheinwerferlicht in einem Raum mit Einwegspiegel. Wer behauptet, das beruhe ja schließlich alles auf Freiwilligkeit und mündige Bürger wären halt selbst schuld, hat vermutlich auch kein Problem damit, daß im Supermarkt die buntesten und zuckerhaltigsten Süßigkeiten in Kinderaugen und vor allem -handhöhe liegen und als “voll mit wertvollen Inhaltsstoffen” beworben werden.

    @Henning: Ein Unrecht wiegt das andere nicht auf und wenn Politiker mit ihrem facebook-bashing von ihren eigenen Unzulänglichkeiten ablenken wollen, so ist es an uns mündigen Bürgern, sie daran zu erinnern, sich gefälligst beiden Buastellen anzunehmen.

    Es sind drei oder vier Klicks zum fertigen facebook Account. Wie tief und lange muss man sich in den Einstellungen aufhalten um die gegen jede Netiquette und meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich auch gegen geltende Datenschutzrechte defaultmäßig auf “opt-out” gestellte Checkbox zu finden?

    Wer seinen facebook-Account löschen will, kann das nicht so einfach, wie sich anzumelden. Er kann es auch nicht selbst tun, er kann nur den Account deaktivieren. Ich wette, die meisten belassen es dabei, weil sie gar nicht wissen, daß sie damit trotzdem noch bei fb sind. Man bekommt noch Tage und Wochen nach dem deaktivieren noch Jammermails, was man denn alles tolles verpassen würde wenn man jetzt so antisozial einfach die Party verlassen würde.

  4. Das stimmt! Es ist mir in der Tat völlig gleichgültig, wo welche Waren im Supermarkt stehen bzw ich gehe sogar soweit, dass es ein Teil der unternehmerischen Freiheit ist, die eigenen Waren dort zu platzieren, wo man es für sinnvoll erachtet. Wem es nicht passt, der gehe in einen anderen Supermarkt oder zum Bioladen oder sonstwohin. Und wer glaubt, dass diese Dinge gesund sind, dem ist durch die Politik nun wahrlich nicht zu helfen … aber wer gerne im Nanny-State leben möchte, kann sich dann ja Facebook verbieten lassen. Der mündige Bürger muss die Politik an nix erinnern (das bringt nämlich auch nix) sondern seine Konsumentscheidungen frei und eigenverantwortlich treffen.

  5. Mit deiner berechtigten Sorge bist du nicht allein, den wie du siehst, denken schon viele darüber nach.
    Wie man sich letztendlich dafür entscheidet, ist ja jedem selbst überlassen – vor allem, wie derjenige facebook nutzen will.
    Erst vor ein paar Tagen habe ich meinen Account deaktiviert (ich konnte es mir nicht verkneifen, dass zu bloggen), weil ich generell die Nase voll habe und facebook bestimmt nicht dabei unterstütze, ein erfolgreiches Netzwerk zu werden. Da gibt es Bessere und „ehrlichere“.

  6. Opting-Out nutzt nicht wirklich, denn offensichtlich haben die Applications ungehinderten Zugriff auf die meisten persönlichen Daten. Am besten hilft es halt, wenn man einen falschen Realnamen eingibt und auch sonst keine privaten Daten hinterlässt oder nur falsche oder auch erst gar nicht Mitglied wird. Ganz abgesehen davon, hat sich mit der wahre Nährwert von facebook noch nicht erschlossen, auf der Timeline erscheinen lediglich absolute Banalitäten, die ich definitiv nicht wissen will, dagegen erscheint Twitter fast ein Bronn der Poesie. Aber vielleicht bin ich auch schon zu alt für sowas (andererseits: ältere mir bekannte Qyper scheinen mir dort so ungefähr jedes verfügbare Spiel mitzunehmen).

  7. Moin Cem und moin Crowd,

    ich kann die momentane FB Angst nur zum Teil nachvollziehen. Natürlich ist ein fahrlässiger Umgang mit Kunden/ Nutzer Daten grundsätzlich kritisch zu beurteilen und natürlich ist Dünnsinn in Statusmeldungen, Bärchen und verlorene Schafe oder Angebote der FB Mafia Content den man getrost vergessen kann. Aber deshalb gleich die Sense zu heben um zum vernichtenden Schlag anzusetzen wird den positiv Effekten die Facebook bringen kann nicht gerecht.

    Das Arbeiten in Netzwerken und Gruppen und das Organisieren von Veranstaltungen ist soviel einfacher, direkter und schneller mit Facebook, da sollte Facebook meiner Meinung nach gleich mehrere Preise für gewinnen.

    „Die Deutschen“ kennen Facebook gefühlt ja auch nicht so gut, hier sind eher Xing und die VZs bekannt und werden genutzt. (Schön dargestellt von Jürgen Fenn übrigens, Heterogenität der Profile)

    Das wird sich, wie im letzen halben Jahr bereits begonnen, aber schnell ändern.
    Und ich finds gut so!

  8. P. S.

    Und was von Ibrahim Evsan zitiert wird …

    „Sie sind gigantische Silos und hochsystematische Sammelmaschinen für Informationen über die Nutzer von ihren Webservices. Wahre Gravitationszentren von Daten. Schwarze Löcher im sozialen Universum.“

    … findet man in ähnlicher Form auch hier.

    Sagen wir, es handelt sich um eine „polemisierende Erweiterung“ des Themas.

  9. Jörn Hendrik Ast schreibt: „ich kann die momentane FB Angst nur zum Teil nachvollziehen“

    Mit dem „Gefällt mir“-Knopf und den im Browser gespeicherten Facebook-Cookies lassen sich ganz detaillierte Interessenprofile eines jeden Facebook-Users erstellen. Das Facebook diese in irgendeiner Form zu Geld machen wird, ist doch wohl ziemlich klar.

    Sehr schön illustiert http://mattmckeon.com/facebook-privacy/ den Verlust der Privatheit bei Facebook.

  10. Irgendwann wird diese ganze Zwonulligkeit uns das sein, was Prilblumen und Schlaghosen aus den 70ern heute für uns sind. Das Internet ist viel größer als Facebook, Myspace und ZingVZ zusammen – und mich findet man immer noch auf meiner eigenen Seite. Per Google ebenso wie per Bing. Oder Whatever.

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