Seneca: Der ganze übrige Teil ist nicht Leben, ist bloße Zeit.

In den letzten Tagen hatte ich Ruhe und Muße Seneca zu lesen: Von der Kürze des Lebens (PDF) – Das Leben ist lang, wenn du es zu gebrauchen verstehst.

Was klagen wir über die Natur? Sie hat sich gütig erwiesen: das Leben ist lang, wenn man es recht zu brauchen weiß. Aber den einen hält unersättliche Habsucht in ihren Banden gefangen, den anderen eine mühevolle Geschäftigkeit, die an nutzlose Aufgaben verschwendet wird; der eine geht ganz in den Freuden des Bacchus auf, der andere dämmert in trägem Stumpfsinn dahin; den einen plagt der Ehrgeiz, der immer von dem Urteil anderer abhängt, den anderen treibt der gewinnsuchende, rastlose Handelsgeist durch alle Länder, durch alle Meere; manche hält der Kriegsdienst in seinem Bann; sie denken an nichts anderes, als wie sie anderen Gefahren bereiten oder ihnen selbst drohende Gefahren abwehren können; manche läßt der undankbare Herrendienst sich in freiwilliger Knechtschaft aufreiben; viele kommen nicht los von dem Glücke anderer oder von der Klage über ihre eigene Lage; die meisten jagt mangels jeden festen Zieles ihre unstäte, schwankende, auch sich selbst mißfällige Leichtfertigkeit zu immer neuen Entwürfen. Manche wollen von einer sicher gerichteten Lebensbahn überhaupt nichts wissen, sondern lassen sich vom Schicksal in einem Zustand der Schwäche und Schlaffheit überraschen, so daß ich nicht zweifle an der Wahrheit des Wortes jenes erhabenen Dichters, das wie ein Orakelspruch klingt:

«Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben»; der ganze übrige Teil ist nicht Leben, ist bloße Zeit.

[Hervorhebung am Schluss von mir]

Ich habe beschlossen, mich mehr dem „wahren Leben“ zuzuwenden und mich nach der Blogpause ebenfalls aus Twitter und Facebook grösstenteils zurückzuziehen. Auch Social Events werden eher die Ausnahme sein. Ich möchte einfach die mir verbliebene Zeit besser nutzen. Die Liebe. Das Reisen. Der Beruf. Das Erleben. Das Leben. Frei und unabhängig. Carpe diem.

Das Leben ist nicht digital. Das Leben ist ein brennender Dornbusch.


10 thoughts on “Seneca: Der ganze übrige Teil ist nicht Leben, ist bloße Zeit.

  1. Du weißt ja aus der Tradition: Der brennende Dornbusch ist immer Herausforderung und Neuanfang. Also wie immer eigentlich, ob digital oder nicht. :-) Grüße aus dem Süden.

  2. Ganz starke Worte, Cem.
    Deine Gedanken sprechen mir aus der Seele.

    Weiterhin alles Gute nach Deiner OP und viele Grüße aus Dortmund,
    Jan

  3. Cem, ich kann Dir bei Deiner Entscheidung nur zustimmen und Dich dazu beglückwünschen. So eine Entscheidung entspringt meist eines längeren Entwicklungs- und Gedankenprozesses.

    Auch ich habe in den letzten Wochen meine digitales Verhalten überdacht und bin zum gleichen Schluss gekommen. Meine Online-Partizipation habe ich deutlich eingeschränkt und auch zu Offline-Events der digitalen Branche gehe ich nur noch selten. Das wird in der nächsten Zeit auch erstmal so bleiben.

    So schön und interessant das Internet und seine Inhalte in all seinen Facetten ist, der Computer war schon immer mein größter Zeitfresser; es bleibt einfach zu viel liegen. Das kann belasten. Und das sage ich als Vollblut-Digitaler.

    Speziell durch Social Media ist die Informationsdichte nochmals deutlich gestiegen. Viel zu viel Interessantes dort draußen ist nur einen Mausklick entfernt. Und alles findet im (Social Media) Stream statt. Ist man nicht drin, ist man mittlerweile von einem Großteil der Kommunikation abgeschnitten. Leider ist es für viele wichtiger, Informationen nur zu verbreiten und nicht zu reflektieren, was zu einer unnötigen Aufblähung des Informationsvolumens führt, den kaum noch jemand angemessen aufnehmen und verarbeiten kann. Unterm Strich stand der Aufwand in keinem gesunden Verhältnis mehr zu den Vorteilen.

    Daher mein neues Credo: „Offline first.“

    Ich versuche die Dinge zu erledigen, meistens Offline-Dinge, deren Erledigung nicht vermeidbar ist und nutze nur die verbleibende Zeit für Digitales.

    Gleichzeitig versuche ich, nach und nach alles zu verschlanken und nur die wichtigsten Dinge überhaupt zu erledigen, um mehr frei verfügbare Zeit zu haben. Quasi ein Abtrainieren des Always-On. Eine einfache Richtlinie dafür ist: Kein Tagesgeschehen konsumieren, sondern nur die nachhaltigen Ideen und Umbrüche im Online- und Offline-Bereich. Viele Dinge können einfach ignoriert werden. Die Welt dreht sich trotzdem weiter.

    Bis jetzt fühle ich mich damit sehr gut. Es ist für mich eine Art „Informationshygiene“. Und vielleicht komme ich dann auch mal dazu, „Letters from a Stoic“ von Seneca zu lesen, welches jetzt schon ein halbes Jahr bei mir herum liegt. So schließt sich der Kreis.

    Dir, Cem, wünsche ich alles Gute und tolle Erlebnisse bei Deinem „Neuanfang“ auf dem Weg ins und durchs Offline-Leben jenseits der zwanghaften Online-Beschäftigung.

  4. Danke, lieber Michael, für deine guten Worte.

    Das „Abtrainieren des Always-On“ ist einfacher als man glaubt. Ich freue mich, dass ich offensichtlich nicht der Einzige bin, der sich stärker abnabelt.

    Dein neues Credo: „Offline first.“ finde ich gut. Als digitaler Nativer sollten wir nie vergessen, wo das eigentliche Leben spielt.

  5. Auch wenn ich deine Argumente gut und richtig finde, so kann ich nur sagen, dass es traurig ist einen solchen Blog zu finden und dann festzustellen, dass er bald nur noch wenig neues bringen wird. Zum Glück hört es aber zumindest nicht ganz auf.
    Ich kann dir nur alles gute beim Abnabeln wünschen…

  6. „Sich zurückziehen“ klingt nach einer Pause, nach Abwesenheit bei weiterhin bestehendem Konto und damit nach einer Rückkehr.

    Kommst bald wieder, wetten?

    Wie dem auch sei, gute Idee, die Auszeit.

  7. Hallo Cem,

    auch wenn dein Block für mich mit einer ansprungsvollsten üerhaupt war, im Gegensatz zudem was das Internet sonst zu bieten hat, kann ich deine Entscheidung nur befürworten. Das Leben hat einfach mehr zu bieten als nur das Internet. Ich selbst hab mir immer wieder vorgenommen meine Online Aktivitäten zu minimieren und erwische mich dabei, dass ich es einfach nicht so schaffe wie ich es mir vorstelle, was mich verdammt ärgert. Dabei bin ich doch früher auch ohne ausgekommen?!
    Ich danke dir für deine starken Worte, die mich sehr zum nachdenken angeregt haben und wünsche dir viel Kraft für dein Vorhaben.

    Gruß
    Mareike

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