Smalltalk ist das Social Media des Real Life.

Vergangene Nacht hatte ich zum Thema „Smalltalk“ ein kleines Wortscharmützel in Twitter mit Jochen Mai vom allseits (auch von mir) sehr geschätzten Blog Karrierebibel. Leichtsinnigerweise hatte ich ihm einen Blogpost als Replik zugesagt. Hier ist er:

Smalltalk ist die Kleinkunst, leicht und entspannt miteinander ins Gespräch zu kommen. Leicht und entspannt heisst hier: Beide Gesprächspartner sollen sich wohlfühlen und sich gut unterhalten. Smalltalk ist das Social Media des Real Life.

Das kleine Gespräch ist das beste Mittel, um schnell und viele Fremde bei einer Versammlung kennenzulernen, sich und sie mit anderen bekannt zu machen und damit in die Gemeinschaft einzuführen oder bestehende Kontakte und Bekanntschaften wieder aufzufrischen. Smalltalk ist das beste Mittel, um Kontakthemmnisse abzubauen oder die Kontaktängste des anderen abzubauen.

Ich sehe einige gute Einstiegspunkte und einfache Regeln für einen Smalltalk, wenn man jemanden, der/die einen interessiert, ansprechen möchte oder selber angesprochen wird:

  • Stell dich vor und gib die Hand nach einigen Sätzen. Wenn der andere vergisst sich vorzustellen, frag kurz nach einigen Gesprächsfetzen ohne zu Drängen nach.
  • Ein Smalltalk sollte kurz sein. Kleb nicht an jemandem. Wenn es interessant war, komm nach einer Pause wieder. Wenn er oder sie mag.
  • Wenn du den Smalltalk verlassen möchtest, stell dem anderen einen Bekannten vor und überlass ihn nicht allein in der Ecke.
  • Für den Gastgeber sind die ersten drei Punkte eine eiserne Regel. Punkt drei ist deine Kernaufgabe, Leute miteinander zu kontakten.
  • Der Smalltalk hat nur das Ziel, dass beide Gesprächspartner sich wohlfühlen und eine Chance haben, sich besser kennenzulernen – nicht etwas zu verkaufen oder sich selber als grossartig darzustellen.
  • Fast alles, was man über das Flirten sagen kann, gilt auch hier: Leicht, entspannt, den anderen nicht bedrängen, im Bedarfsfall den Notausgang für die Flucht im Auge behalten. Für beide.
  • Smalltalk besteht grössententeils aus Zuhören und sich selber zurückzunehmen. Andy Warhol war der World Champion darin. Schaff die Bühne für den anderen.
  • Vergiss nicht zu lächeln, sei charmant, sei positiv. Sowohl beim Einstieg, während des Gesprächs wie auch insbesondere beim Abgang.
  • Kernpunkt beim Smalltalk ist, schnell einen gemeinsamen Nenner, ein gemeinsames nicht strittiges Thema zu finden, der/das beide interessiert. Es gibt immer einen. Gemeinsame Bekannte, ein gemeinsames Interesse im Fachthema, Leben, Sport oder etwas anderes. Vermeide zunächst Strittiges. Das schafft Unwohlsein. Ziel ist es ja, das der andere sich gerne mit dir unterhält und wohlfühlt.

Wie steige ich als Geek, Nerd oder Nitehawk  in einen Smalltalk ein? Und wieder aus?

  • Bekannte: „Na, hallo, wie geht’s?“, dann Anreissen der Themen aus den letzten Tweets, Facebook Nachrichten, Blogposts des anderen, gemeinsamer vergangener oder des aktuellen Events: Ich interessiere mich für dich, heisst das.
  • Fremde: „Hallo, wie findest du diese Veranstaltung“, „Wie kommst du hierher“, „Kennst du den Verantalter/Gastgeber?“, Warst du schon mal auf hier?“, „Wie fand’s du den letzten Vortrag?“
  • In beiden Fällen: Möglichst offene Fragen. Lass Raum für die Meinung des anderen. Drück ihm nicht deine Meinung auf.
  • Sei beim Einstieg nicht zu gekünstelt oder originell. Bleib immer du selbst. Sei natürlich.
  • Nach den ersten Sätzen: „Ich bin übrigens [Name] und mache [Aktivität] oder Interessiere mich für [Interesse]“.
  • Beim Abgang: “ Darf ich dir [Name] vorstellen? Das ist jemand, der [Aktivität/Interesse]“ – Niemals niemals niemals jemanden nach einem Smalltalk alleine im Regen stehen lassen!
  • Der letzte Punkt gilt übrigens ganz besonders auch, wenn man mit jemandem zusammen gekommen ist. Immer den anderen vorstellen und/oder mit Gesprächspartner zusammenbringen. Immer mit einbinden. Eiserne Regel.

    Smalltalk ist der Kitt und das Gleitmittel einer zivilisierten sozialen Gemeinschaft. Für social-media-gestärkte und twittnite-gadgetnite-barcamp-gestählte Geeks, Nerds und Nitehawks kein Problem. Sollte man denken. Das ist übrigens auch der Hauptgrund, weshalb Digital Citizens auf Real Life Events gehen. Wie gut Leute miteinander ins Gespräch kommen, ist das Erfolgsgeheimnis einer guten Veranstaltung. Smalltalk ist auch etwas wie Flirten. Smalltalk ist ein Spiel. Florett statt Schwert. Wie ein bisschen geistiges und soziales Anschnuppern. Ein Smalltalk ist dabei meist kurz. Ohne in ein Speed Dating auzuarten.

Dem Smalltalk haftet in Deutschland etwas das Vorurteil an, es sei oberflächlich und unverbindlich. Das sehe ich nicht ganz so. Ein Smalltalk, der offen ist und ein echtes Interesse an dem anderen zeigt, ist nicht oberflächlich und unverbindlich.

Beim Smalltalk sollten anfangs strittige Themen möglichst vermieden werden. Was strittig ist, hängt vom Gespächspartner ab: Deutsche sprechen höchst ungern über Einkommen und Status, bei Amerikanern auf Partys im Valley dagegen ist das sogar oft der Einstieg. Gläubige Muslime könnten irritiert über Fragen nach dem Ehepartner reagieren. Gründer könnten sich in der Vor-Alphaphase ihres Startups unwohl fühlen, wenn die Unterhaltung gleich mit Fragen nach Idee und Investoren daherkommt.

Zum Schluss: Ich habe viele viele viele Events gemacht. Habe viele Menschen zusammengebracht. Aber ich war in meiner Jugend ein sehr schüchterner Mensch. Bin es eigentlich irgendwo heute noch. Ich mag aber Menschen. Und ich bin neugierig und wissbegierig. Immer mit Respekt für den anderen. Eine gute Voraussetzung für Smalltalk. Gelernt habe ich es als Nitehawk in den Bars und Kneipen während des Studiums. Und später auf Events und im Beruf. Die Menschen mögen es, wenn man auf sie respektvoll zugeht. Keine Scheu. Viele warten darauf, dass sie angesprochen werden. Deshalb sind sie gekommen. Sie sind alle positiv eingestellt. Und freuen sich auf euch. Probiert es aus.

Ich freue mich auf die nächste Begegnung mit euch.

Credits: – Grafik:  Josh Elligson. Nighthawks 2.0, Foto: Stefan Grönveld. Gadget Nite Hamburg 2011.


10 thoughts on “Smalltalk ist das Social Media des Real Life.

  1. Lesenswerter Blog Cem! Man muss einfach Emphatie beim Gespräch mitbringen, zuhören und aufrichtiges Interesse zeigen. Abturner sind jene Leute, die gleich eine Vistenkarte in die Hand drücken, sich als Ichlinge präsentieren und sich an das nächste Opfer anpirschen.

  2. Hallo Cem,
    zunächst einmal herzlichen Dank, dass du dein Wort gehalten, dir Zeit genommen und dich ausführlich ein paar Vorschlägen gewidmet hast. Ich kann dem durchweg zustimmen.

    Aber: Ich erkenne darin – insb. wenn man sich rein auf die Einsiegsempfehlungen konzentriert (und darum ging es ja) – keinen Widerspruch, der das gestrige „Bullshit“ oder „dünn“ rechtfertigen würde.

    Du sagst letztlich, es geht um einen lockeren Einstieg, eine gute Atmosphäre, offene Fragen, die dem anderen die Möglichkeit geben, sich zu öffnen oder zu erzählen. Oder wie du es schreibst: „Die Bühne für den anderen schaffen“ Mit Verlaub, meine gestrigen Empfehlungen für einen Einstieg, die unsere kleine Debatte überhaupt erst ausgelöst haben, tun nichts anderes. Nur sind sie etwas anders, als das übliche „Hallo, darf ich mich vorstellen…? Wie war Ihre Anreise?“

    Ich selbst habe in meinen 20 Berufsjahren selbst schon zig solcher Gespräche geführt, Menschen zusammengebracht, Fremde angesprochen oder bin angesprochen worden. Und irgendwann kannst du die üblichen Empfehlungen einfach nicht mehr hören. Sie wirken schlicht genauso gekünstelt und aufgesetzt. Und heute bin ich jedes Mal dankbar, wenn ich jemanden treffe, der sich etwas Neues, Originelles ausgedacht hat – weil ich sofort weiß: Ich habe hier keinen Langeweiler vor mir, sondern jemanden, der sich die Mühe gemacht hat, mit intellektuell zu kitzeln und zu überraschen. Sehr charmant finde ich das. Und viel charmanter als „Bullshit“… ;)

  3. Verstehe.

    Wir Saarländer beginnen meisten den Smalltalk mit „Und…?“ ;-) In der Regel erwidert der Einheimische dann „Joa gut, und selbst?“ Ein Dialog der nur im Saarland geht. :-)

  4. Wenn Smalltalk das Social Media des Real Life ist lässt sich dieser Schluss dann auch umdrehen?
    Es gibt viele Menschen, die sich nicht wohl fühlen wenn sie Smalltalk führen oder die sich erst gar nicht dazu in der Lage fühlen einen Smalltalk zu beginnen.
    Kommen diese Menschen auch mit Social Media nicht klar, oder handelt es sich um 2 unterschiedliche Menschentypen? Es könnte natürlich auch sein, dass es einfach nur darauf ankommt warum jemand Smalltalk bzw. Social Media nicht mag.

  5. Guter Beitrag. Es wird einfach klar, dass letztlich im Netz und im „Real Life“ dieselben Regeln gelten. Das ist doch grundsätzlich das „Geheimnis“ von social media: Sie machen nichts anderes, als Kommumnikation (hier: Smalltalk) auf eine andere technische Basis zu stellen – mit den Chancen, mit noch mehr Menschen gleichzeitig ins Gespräch zu kommen. Und Originalität hat da noch nie geschadet…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s