Instagram: Die Sicht der Dinge.

Meine Timeline in Instagram liefert mir die ganze Zeit eine seltsam vertraute hermetische Welt, die mir zu denken gibt. Menschen kommen darin kaum vor. Und wenn, dann sind sie selten gelöst oder fröhlich. Eher bedrückt. Oft starr. Oder erstarrt. Mutlos erscheinen sie mir. Vorherrschende Sujets: Leere, Verfall, Dinge, Details und Essen & Trinken. Viel Wolken und Himmel. Deutscher Gemütszustand?

Zweifellos, die meisten Aufnahmen sind interessant, schön, elegant, teilweise sehr ästhetisch. Sehr viel mehr als in anderen Fotodiensten. Es sind nicht nur die Filter und das quadratische Format. Es ist etwas, das die Instagram Community vereint. Das Lebensgefühl. Es ist eine sehr persönliche Sicht auf die Umwelt und das Leben. Eine sehr deutsche, so kommt es mir vor.

Ich habe mich in den letzten 10 Tagen durchgeklickt durch viele viele Timelines aus Deutschland. Leute, die ich gut oder die ich nur virtuell kenne oder auch viele Unbekannte. Überwiegend die gleiche Stimmung. Als ob eine unausgesprochene Sehnsucht herrscht nach dem Verlorenen. Was haben sie verloren? Das Vertrauen? Die Wärme? Die Bilder wirken auf mich verloren. Gebrochen. Eine Scheu vor den anderen Menschen. Sie sind distanziert. Eine Scheu vor menschlicher Nähe. Aber ich spüre die Sehnsucht danach. Vielleicht täusche ich mich ja auch.

International, insbesondere ausserhalb Nord- und Mitteleuropas sieht es anders aus. Leichter, beschwingter, bunter.

Ich würde gerne mehr Menschen und Portraits sehen. Mehr Leben. Mehr Lächeln.

PS: Mich findet man als cbasman in Instagram. Ach, und wer nicht die Instagram App auf seinem Smartphone hat, kann meine Fotos hier sehen.

Update [19. Mai 2012]: Mercedes Bunz ist es auch schon aufgefallen und sie fragt nach den Ursachen: Looking at digital pictures: Where have all the humans gone?


12 thoughts on “Instagram: Die Sicht der Dinge.

  1. Alles richtig und wahr und schade eigentlich Die Motivation auf Verzicht der Abbilundg von Leuten ist denke ich unterschiedlicher Natur. In meinem Fall wird dadurch ein Grenze zur Privatheit überschritten, von der ich nicht weiß ob dies die Beteiligten billigen. Darum sind meist keine Menschen auf meinen Bildern.

  2. Ich fotografiere in D schon recht lange – ich werde selbst nicht gern fotografiert, das ist das eine; aber in D ist das Fotografieren von Menschen auch aus rechtlichen Gründen problematisch, das ist das andre, und ich bin nicht der Typ der auf Fremde losgeht und sie fragt ob es okay ist Bilder von ihnen zu veröffentlichen; vorher gefragt sind sie gestellt, und das ist dann auch etwas das ich eher mit der DSLR als dem Handy mache, in anderem Kontext, mit anderen Gedanken dazu. Ich weiss nicht was für andere der Hintergrund ist – für mich ist es die Hemmschwelle mich mit einem Schnappschuss in den juristischen zweiten Kreis der Hölle zu begeben…

  3. @foodfreakhh, @bebal: Ja, natürlich. Beide Faktoren sind richtig. Dei „Hemmschwelle“ und die „Privatsphäre“. Das erste ist aber etwas, das eher im Kopf stattfindet. Das zweite zusätzlich auch im Gesetz.

  4. Treffer. Alles richtig, Text und Kommentare. Und vermutlich hat dieser Stil dann (wie jede Mode und jedes Mem) selbstverstärkende Tendenzen.

  5. Ich bin mir nicht sicher, ob ich meinen Gedanken richtig in Worte fassen kann…

    Wenn wir glücklich und euphorisch sind, leben wir. Wir geniessen die Situation in vollen Zügen und sind rundum zufrieden. Wir denken häufig nicht im ersten Gedankengang dran, die Situation mit noch mehr Menschen zu teilen. Es sind ja alle da, die zum Glück dazugehören.

    Wenn wir jedoch traurig sind, fehlt meistens etwas. Da ist eine Lücke, die irgendwie gefüllt werden muss. Wir sind allein, und haben dank instagram (oder andern Diensten) die Möglichkeit, die Leere zu fassen, zu teilen und sie damit kleiner zu machen.

    Uuuuund…. da wir alle immer noch und immerzu auf Selbstfindung sind, sind die kleinen und großen Erfolge in unserem Leben immer wieder kleine Highlights. Ein besonderes Essen. Ein besonderes Buch. Ein besonderer Blickwinkel. Ein Detail, dass nur mir ins Auge fällt. Und dass will ich mitteilen. Hier! Ich hab wieder ein Kieselsteinchen meiner Persönlichkeit gefunden! Ich kann jetzt Sauerbrauten! Was haltet ihr davon?

    Das denkt die Anna. Die instagramt seit wenigen Tagen unter „karamellworte“.

    1. Ich hab die Rechtschreibfehler gesehen, aber mein Läppi schien auf einmal den Text zu verschlucken, also hab ich schnell schnell auf „absenden“ gedrückt…

  6. Schön gesagt. Gleich meinen Instagram Stream durchgeschaut. Und ja, wenig Menschen, viele Steine. Manchmal melancholisch, manchmal sehr leer. Oft schieße ich Bilder mit interessanten Menschen, und drücke dann doch den Upload Knopf nicht. Privacy. Eigentlich schade. Aber man sollte es respektieren. Es ist eben der öffentliche Stream.

    Bilder nahestehende Menschen finden sich bei mir nur bei Path. Kontrollierte Umgebung, nur enge Freunde.

  7. @alecmcint: Mir ist so, als ob seit heute mehr Menschen und Portraits in der Instagram Timeline zu sehen sind. Vielleicht weil Wochenende ist. Ausflugszeit mit Familie und Freunden. Oder sie haben alle diesen Artikel gelesen… :-)

  8. Vielleicht auch etwas selektive Wahrnehmung/Filter Bubble? Einige der führenden Instagram-Nutzer aus D pflegen das Genre der Street Photograhy (@jn, @thomas_k) und erhalten auf ihre Fotos deutlich mehr Resonanz als die meisten anderen Still-Fotografen. Auch die Beliebt-Seite auf Instagram ist voller Porträts, man muss sie nur finden.

    Andererseits: die technischen Voraussetzungen sind so, dass mit Blick auf die Auslösungsverzögerung, Schnappschüsse nur schwer möglich sind. Gestellte Porträts sind oft nicht so interessant und entsprechen weniger dem Wesen der iPhonegraphy (instant etc.), zudem wirken sie schnell langweilig – insbesondere wenn man die gezeigten Personen nicht kennt und das Bild keine weitere Aussage hat (quadratische Form lädt auch eher zum Kopfporträt ein). Hinzu kommt, dass sich viele Menschen einfach auch nur ungern fotografieren (und anschließend im Netz zeigen) lassen.) Street Photography wiederum mag interessanter erscheinen, ist aber zumindest in D rechtlich eine heikle Angelegenheit.

    Weiterhin lohnt es sich zu beobachten, wie die Nutzer Instagram sehen: oft ist es die Dokumentation des eigenen Alltags, die persönliche Narration (welche tollen Orte habe ich erlebt, welche gutaussehenden Speisen habe ich zu mir genommen etc.). So aufregende und bedeutende Menschen trifft man eben nur selten, um den Followern die Tollheit des eigenen Lebens zu vermitteln.

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