Wie meine Eltern sich kennengelernt hatten.

Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.  Das haben mir meine beiden Eltern unabhängig voneinander immer wieder erzählt.  Eine für damalige Zeiten ungewöhnliche Romanze zweier Menschen unterschiedlichster Herkunft und Geschichte. Aus dieser schicksalhaften Begegnung bin ich dann viel später als deren einziges Kind hervorgegangen.

Cem etwa 4 Jahre alt in HamburgIhre Ehe hielt 53 Jahre lang treu und ergeben, mit allen Höhen und Tiefen des Lebens, bis zum Tod meines Vaters. In den schlechten Zeiten haben sie  bedingungslos zueinander gehalten, um die Herausforderungen Schulter an Schulter zu bewältigen. Und es gab viele schlechte Zeiten. In guten Zeiten haben sie das Leben Arm in Arm genossen. Sie haben gemeinsam gelebt, zusammen gearbeitet und gleichberechtigt den Haushalt geführt. Ich kenne sie nur, wie sie alles zusammen gemacht haben. Selten waren sie mal wegen Beruf oder Krankheit getrennt. Bis zum Schluss war es eine Ehe voller Respekt voreinander und aufopferungsvoller Liebe füreinander. Mich haben sie überallhin mitgenommen. Das alles hat mich bis heute geprägt. Das habe ich erst in den späten Jahren verstanden.  (Foto: Ich mit etwa 4 Jahren in Hamburg)

Doch wie sind sie sich damals zum ersten Mal begegnet?

Im Frühjahr 1945 war mein Vater nach einer langen Schiffsreise von Istanbul, im Zickzackkurs durchs Mittelmeer, über den Nordatlantik, der Englische Kanal war ja noch vermint, in Göteborg angekommen. Während seiner Passage, auf der Höhe von Nord-Schottland, wurde das Kriegsende ausgerufen.

Sein Vater, mein Großvater Kitabi Hamdi Efendi, hatte seinen jüngsten Sohn nach Schweden geschickt, um für das Familienunternehmen in der Türkei Handelsware einzukaufen. Kameras, Radios, technische Geräte. Europa lag in Schutt und Asche und nur ganz wenige neutrale Länder auf dem Kontinent wie Schweden, waren noch intakt und hatten eine funktionierende Industrie. Die Türkei war ebenfalls nicht in die aktiven Kriegshandlungen im Zweiten Weltkrieg verwickelt. Im Gegenteil, sie war Zufluchtsort für für sehr viele Immigranten aus den Kriegswirren, darunter auch sehr viele Deutsche, die teilweise bis heute seit Generationen im Land leben.

Nach einigen abenteuerlichen Monaten in Göteborg und voller Anekdoten, die er später immer gerne zum besten gab, lud ein neuer Bekannter aus der Hafenstadt meinen Vater nach Stockholm zu einer öffentlichen Silvesterfeier ein. Die Party muss grandios gewesen sein, die erste große Feier nach Kriegsende. Es wurde ausgelassen zu Swing getanzt, getrunken und gegessen.

Punkt Mitternacht stoppte aber die Musik und der Tanz, alle sprangen auf und sangen die schwedischen Nationalhymne. Und da mein Vater die Nationalhymne nicht kannte und nicht mitsingen konnte, schaute er sich einfach um und die Leute an, freute sich mit ihnen. In dem Moment, während alle noch inbrünstig sangen, fiel sein Blick auf ein junges blondes Mädchen mit großen blauen Augen, meine spätere Mutter. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Er forderte sie gleich zum ersten Tanz im neuen Jahr auf. Und sie tanzten alle weiteren Tänze zusammen. Kismet.

Britta 1946 mit 24 JahrenAuch sie muss in dieser Stimmung ihm verfallen gewesen sein. Ein einfaches junges Mädchen vom Lande, Mitte Zwanzig. sehr schön und schlank, Zahnarzthelferin beim Hofzahnarzt des Königs Gustav V.  Mein Vater, Mitte Dreißig, dunkle Haare, dunkle Augen, elegant und drahtig, Abendanzug und Menjou-Bärtchen. Ein geschmeidiger Tänzer.  (Foto: Meine Mutter 1946 mit 24 Jahren)

Sie blieben das ganze Jahr über zusammen. Es gibt viele schöne Fotos aus dieser Zeit. Sie beschlossen zu heiraten. Mein Vater reiste zurück nach Istanbul und fragte seinen Vater, ob er einverstanden sei. Er willigte als aufgeklärter demokratischer Orientale und Patriarch sofort und ohne jegliche Bedenken ein. Frisches Blut sei gut und willkommen, soll mein Großvater damals gesagt haben. Meine Mutter, als praktische Schwedin, ging ihrerseits zum schwedischen Auswanderungswerk. Auch sie sollen keine Bedenken gehabt haben.

Sie heirateten am 8. August 1947 in Istanbul. Meine Mutter ist von der türkischen Familie mit offenen Armen aufgenommen worden. Sie wurde im Laufe der Zeit mehr und mehr eine Osmanin und Istanbulerin, ohne ihre Herkunft zu leugnen. Die letzten Jahrzehnte war sie die respektierte Familienälteste, zu der alle mit ihren Nöten und Sorgen kamen. Sie war eine warmherzige und praktische Frau.  (Foto: Hochzeitsfoto meiner Eltern 1947 in Istanbul, Auf dem Ball 1948/49 ebenda)

Gestern ist nun auch sie von mir gegangen.

Hochzeit Istanbul 1947Ich vermisse beide sehr. Meine Mutter und mein Vater haben ein gemeinsames Leben geführt und eine Liebe gelebt, dass es heute vielleicht so nicht mehr gibt. Mir fehlt ihre Herzenswärme. Das ist meine Heimat, die mir fehlt. Ich kann dieses Gefühl und den Stab nur meinen drei Söhnen für ihre Leben weitergeben. Wenn ich sie mir anschaue und erlebe, haben sie es auch angenommen. Liebe. Nähe, Wärme, Mitgefühl. Das ist mein einziges wahres Erbe an sie drei.

Wir sind für unsere Kinder immer Vater oder Mutter unser ganzes Leben lang. Für die Kinder ihrerseits auch nach unserem eigenen Tod deren ganzes Leben lang. Wir leben in ihnen weiter, durch ihre Erinnerungen und Geschichten.

Britta und Sami. Allah rahmet eylesin. Mekanları cennet olsun, inşallah. Ruht gemeinsam in Frieden. Jetzt wieder vereint.


16 thoughts on “Wie meine Eltern sich kennengelernt hatten.

  1. Eben solche Beiträge geben den Blogs den Sinn, den sie stiften sollen: Gedächtnis, Verständnis und Teilhabe. Danke für den einfühlsamen Beitrag!

  2. Mein Beileid.

    Auch meine Eltern leben nicht mehr und waren einander beinahe 60 Jahre verbunden. Ihre Liebe zueinander erlebt zu haben empfinde ich als ein unvergessliches Geschenk. Wir Kinder wurden von familiärer Wärme getragen, die ein stabiles Gerüst für das spätere Leben war. Davon zehrt man ein Leben lang. Mit meiner Liebe auf den ersten Blick bin ich nun seit 43 Jahren verheiratet und unsere Kinder und Enkel haben die Sicherheit, einen Hafen zu kennen, in den sie immer
    einlaufen können, wenn nötig.
    Sich gern und dankbar erinnern zu können ist wunderbar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s