Wo war ich am 22.November 1963?

Meine Eltern und ich lebten zu dieser Zeit in Hamburg für einige Wochen in einer kleinen Pension, in einem kleinen Zimmer in unmittelbarer Nähe, gegenüber von unserer ehemaligen kleinen Dachgeschosswohnung an der Rothenbaumchausee 47, im schönen Stadtteil Rotherbaum. Ich erinnere mich noch gut an den Namen dieser Pension, „Le Mol“, genau in dem Eckhaus an Binderstraße und Schlüterstraße. Ein verschnörkeltes Gründerstilhaus aus der Jahrhundertwende um 1900. Die Inhaberin war eine ziemlich betagte, etwas tüddelige Dame wie man in Hansestadt sagt und hieß genauso, Madame Le Mol. Sie hatte eine silbergraue Perücke, die ihr immer schief auf dem Kopf saß, und war eine gebürtige Französin, die im gebrochenem Deutsch sprach.

Ich war zehn Jahre alt und in den Hamburger Herbstferien nicht in meine Schule zurückgekehrt.Ich hatte die dritte Klasse abbrechen müssen. Meine Eltern hatten unsere Wohnung aufgelöst und wir bereiteten gerade uns auf die Übersiedlung nach Schweden vor. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich sehr traurig war und Angst hatte vor dem ungewissen Schicksal. Ich verlor alle meine damaligen Freunde, die ich übrigens bis auf einen, Eddie, den ich sehr viel später in New York City zufällig wieder traf, nie mehr wiedersehen sollte. Es waren Tage in einem sehr großen Umbruch für mich und meine Eltern. Wir hatte viele Sorgen und Nöte.

Meine Mutter war damals sehr krank und sollte in Stockholm in das Karolinska Krankenhaus. Meinem Vater ging es geschäftlich sehr schlecht. Ich bekam natürlich mit, dass uns sehr große Geldsorgen plagten. Meine Eltern hatten beschlossen, dass mein Vater uns nach Schweden mit dem Auto fahren sollte, um dann kurz noch einmal nach Hamburg zurückzukehren. Ich sollte bei alleine meiner Großmutter in einem ganz kleinen, entlegenen, drei-Häuser-Dorf in Schweden bleiben, mein privates Bullerbü, und von dort in die etwa 10 km entfernte Zwergenschule gehen. Wie sich später herausstellte, eine Schule mit einem einzigen jungen Lehrer, Herrn Magnusson,  der in einem einzigen Klassenraum drei Schuljahrgänge, die dritten bis fünften, gleichzeitig unterrichtete. Ein guter respektabler Mann. Das Klassenfoto mit den knapp zehn Schülerinnen und Schülern samt Herrn Magnusson habe ich noch im Original. So habe ich übrigens schwedisch gelernt. Lernen müssen. Eine Schulhaushälterin versorgte uns mittags mit einem einfachen Mittagessen. An Blutwurst und Falukorv musste ich mich noch gewöhnen. An meine sehr strenge Großmutter auch. Nach Herbst, sehr hartem Winter und nach dem Frühjahr kamen meine alle Cousinen, und ich hatte viele und hübsche, die auch alle älter waren als ich, in ihren Sommerferien zu Besuch. Wir hörten Rock’n Roll auf ihrem kleinen tragbaren Plattenspieler. Mintgrün, weiß ich noch. Und Schnulzen. Ich war verliebt in einer der Cousinen und lernte tanzen. Mein Vater kehrte nie zurück und meine Mutter blieb lange, bis zum Sommer im Krankenhaus. Wir trafen uns alle wieder im Folgesommer in Hamburg wieder. Doch ich schweife ab.

Noch saß ich in der kleinen hamburger Pension im ersten Stock. Eines Morgens, kam ganz früh meine Mutter wieder ins Zimmer, nachdem sie um Bad im Flur gewesen war, und war fassungslos und aufgelöst. Im Schlepptau unsere Zimmernachbarin, eine junge dunkle Südamerikanerin, eine Venezulanerin oder Kolumbianerin, wie ich mich erinnere, die immer nur zu geheult hatte. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Es war offensichtlich etwas ganz furchtbares geschehen. Ich verstand alles mit meinen zehn Jahren noch nicht. Die Südamerikanerin hatte früh morgens die Nachrichten im Radio gehört.

John F. Kennedy war ermordet worden.

Wir erfuhren es durch die Zeitverschiebung erst am folgenden Morgen unserer Uhrzeit. Es war schon Sonntag. Die Bilder habe ich erst Jahre später gesehen. Vom Attentat, von der Beerdigung und von der weltweiten Erschütterung und Anteilnahme. Auch den politischen Kontext dieser Zeit verstand erst viel später. Fernsehen hatten wir damals nicht und ich war noch zu jung.

In wenigen Tagen ist es genau 50 Jahre her. Es ergreift mich immer noch. Auch, wenn wir alle heute über Kennedy sehr viel mehr wissen. Das Attentat hatte damals die Welt erschüttert und viele Menschen geschockt. Es war mitten im Kalten Krieg und keiner wusste, was daraufhin geschehen würde. Aber, das wusste ich alles noch nicht. Aber ich erahnte und spürte die Unruhe.

Ich wohne heute wenige Schritte von dieser damaligen Pension entfernt. Jedesmal wenn ich daran vorbeigehe, muss immer ich an diesen Moment denken. Ganz besonders in diesen Tagen. Das Haus existiert noch genauso. Die Pension gibt es nicht mehr.

Es war eine sehr beunruhigende, aber auch prägende Zeit für mich. Nicht nur wegen dem Mord an Kennedy.


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