Das Web ist kein Salon. Und keine Kneipe.

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Was ich im realen Leben und bei Facebook & Co vermisse.

Heiterkeit, Leichtigkeit, Intelligenz, Vielfalt und Liebe in den Gesprächen.

Eine positive und amüsante Konversation ist für mich ein Flirt von Geist und Esprit nicht nur mit sprachlichen Mitteln in angenehmer und anregender Umgebung. Eine gute Konversation ist demnach auch im gewissen Sinn erotisch. Dieser Flirt kann mit einem Blickkontakt, durch Smalltalk, durch einen vieldeutigen Blick oder durch eine Handlung begonnen werden. Der Flirt lebt vom Aufbau, dem Spiel mit Spannung und auch inspirierenden Gedankenblitz. Oder auch durch einen überraschenden Perspektivwechsel im Gespräch.

Das ist heute größtenteils verloren gegangen. Zwischen zwei Menschen, aber auch und insbesondere in größeren Gesellschaften und Online-Plattformen. Florett und offenes Visier statt Schwert und Morgenstern wäre mir lieber.

Vieles ist heute aber zu Marketinggetöse von Lautsprechern oder auch Selbstgerechten und Selbstdarstellern verkommen. Ein echtes Gespräch kommt häufig nicht zustande. Dafür sind die sozialen Medien auch zu schnell, zu überfrachtet, zu voll, zu laut. Zu viel Hintergrundrauschen und Ablenkung. Es fehlt die Ruhe und die Konzentration für ein gutes Gespräch. Das Web ist kein Salon. Eher eine Bahnhofshalle. Manchmal auch eine Bahnhofsmission.

Man kann das Verlorene wieder erlernen. Es ist eine Frage der Herzensbildung. Und der Gemeinschaft der Gefühle und der Haltung Ähnlichgesinnter mit Überraschungsgasten. Frischen Ideen, die en pasant vorbei kommen. Ein virtueller und realer moderner Salon. Ein imaginänerer Club. So wie Twittnite in Hamburg vielleicht einer mal war.

Die sozialen Medien spiegeln die reale Welt wider in meinen Augen. Und auf Dauer auch umgekehrt. Ich habe keine Erwartungen an die sozialen Medien, die ich nicht auch gleichermaßen an die reale Welt haben würde. Ich würde mir wünschen, dass die Online-Konversationen sich Gesprächen unter Freunden angleichen. Befürchte aber eher das Gegenteil. Überspitzt gesagt, viele gleichen ihr Verhalten dem Web an.

Es wäre schön, den Salongedanken in der realen Welt wieder zu beleben. Wieder zurückzukehren in die Welt der Salons in modernem Gewand. Das Leben ist nicht digital. Das Leben ist ein brennender Dornbusch. Hatte ich das schon erwähnt?

Inspiriert durch die Lektüre von Die Kunst der Konversation von Chantal Thomas und die Diskussion in Facebook. Der Klappentext zum Buch:

Die Geschichte der Konversation wird anhand dreier französischer Berühmtheiten und ihrer Salons erzählt: dem Blauen Zimmer der Madame de Rambouillet im 17. Jahrhundert, den Zusammenkünften bei Madame du Deffand im 18. Jahrhundert und im Schloss der Madame de Staël im 19. Jahrhundert. Konversation ist weit mehr als ein intellektuelles Geplänkel in angenehmer Umgebung, das Austauschen mehr oder weniger literarisch geformter Artigkeiten. Jene drei herausragenden Frauen bemühten sich, jede zu ihrer Zeit, um diese Spielform des Gesprächs, weil sie darin ein emanzipatorisches Moment sahen für sich selbst, die sich vorgesehenen Rollenmodellen verweigerten, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Unabhängig davon, ob sie sich in eine Feenwelt flüchteten, auf das distanzierende Moment des Humors setzten oder an die Literatur als Waffe glaubten: Sie schufen sich mit der Konversation nicht nur selbst Freiräume, sondern hofften darauf, den Umgang ihrer Mitmenschen positiv zu verändern. Und in diesem Glauben an die  gesellschaftsverändernde Kraft der Sprache sind sie erstaunlich modern.

[Links im letzten Zitat auf Wikipedia von mir.]


12 thoughts on “Das Web ist kein Salon. Und keine Kneipe.

  1. Ich führe viele geistreiche Gespräche in den Social Media. Viele auf G+, viele auf FB, bis vor ca. 4 Jahren auf Xing. In seltenen Fällen sogar auf Twitter. Ansonsten ist Social Media Kneipe oder Küche bei einer Party. Kommt auf dich selber an. Und wie oft du da bist.

    1. Natürlich führe ich real oder virtuell auch gute Gespräche im Web. Ich freue mich dabei auch, wenn ich dabei auf neue Ideen und Gedanken komme. Und wenn eigene Ideen in diesen Gesprächen die Ideen reifen. Dein Bild mit der Küche finde ich gut übrigens. Das ist immer der beliebteste Ort bei einer Party. Zumm Smalltalk, zum Kennenlernen. Zum Anbandeln. Schön aber auf, wenn man sich mal auch an einen ruhigeren Ort für ein gutes Gespräch zurückziehen kann.

  2. Vielleicht sollte man bestimmte Sachen auch einfach aus dem Netz rauslassen. Mich hat es seit Wochen in den Finger gejuckt mehr über die Idee und Realtität der kleinen Firma zu bloggen, die mir mitgehört, ich wurde aber von Sascha, einem der mitgründer gebremst, der sagte, dass das viel glaubhafter und ehrlicher und beeindruckender ist, wenn wir den Menschen das von Angesicht zu Angesicht erzählen. Und das Kennenlernegespräch mit einem jungen Entwickler, wenige Stunden danach hat das ein weiteres Mal eindrucksvoll bewiesen.

    Du kennst mich ja auch schon eine Weile, ich halte ja mit vielen Dingen nicht hinterm Berg. Aber Saschas Idee gefällt mir zusehends besser. Das Beste … das Beste heben wir uns auf, für wenn wir uns gegenübersitzen und in die Augen schauen.

    Nebenbei: Hach, Cem, wie gut, dass Du noch hier bist! Danke!

    1. Lieber ben, danke für deine warmen Schlussworte! habe dich auch schon ewig auf dem Zettel. Hoffe, dass wir uns mal dieses Jahr doch mal sehen und sprechen können.

      Sascha hat recht, finde ich. Berufliches poste ich so gut wie gar nicht wie bekannt. Privates und Befindliches auch kaum. Aber Persönliches schon, wenn sie denn über das Persönliche hinaus auch einen allgemeinen Wert für andere haben. Stimmt, im Gespräch von Angesicht zu Angesicht kommt jede Botschaft besser, glaubwürdiger und genauer an. Privates, Befindliches (Jammern), Persönliches und auch Berufliches. Über Berufliches zu posten, kann auch verständlicherweise Kunden verärgern. Und ein bisschen Geheimnis und Myihos muss auch erhalten bleiben. Grüß‘ mir auch den lieben Sascha! Bis auf bald!

  3. Ich denke, die von Dir, Cem, bemerkte nachlassende Kommunikationskultur hat vielmehr damit zu tun, dass es einfach zu viele Information gibt, die jeder täglich konsumieren möchte oder glaubt konsumieren zu müssen. Da bleibt jede eingehende Formulierung oder gar jeder tiefsinnige Gedanke auf der Strecke. Das hat aber nur bedingt mit der Medienform zu tun.

    Ich habe z.B. das Lesen von News-Sites komplett eingestellt, da einfach zu viele Beiträge pro Tag pro Site veröffentlicht werden. Es ist ohne weiteres möglich, sich selbst bei Beschränkung auf die seriöseren Sites rund um die Uhr zu beschäftigen. Viel hilft leider viel in der Pageview-getriebenen Aufmerksamkeitsökonomie.

    Wer sich diesem Informationsstrom hingibt, hat nur noch wenig Kapazität übrig, sich anderweitig sinnvoll zu äußern oder länger an etwas teilzunehmen.

    Der Besuch eines Salons bedeutet aus meiner Sicht, sich Zeit zu nehmen und an etwas teilzunehmen. Der Salon und dessen Kultur steht im Mittelpunkt. Ein Bahnhof hingegen beutet, dass man von A nach B reisen möchte. Er ist nur eine Durchgangsstation, die man zwangsläufig in Kauf nimmt, um den Zug zu besteigen. Und wegen der enormen Informationsflut nimmt sich keiner mehr Zeit, Salons zu besuchen, sondern lungert nur noch auf Bahnhöfen herum.

    Solange man sich nicht von der schnellen und einfachen Belohnung eines „Likes“, „Faves“ oder „Rewteets“ lösen kann, wird sich das aber nicht ändern.

    Besonders schade ist in diesem Zusammenhang, dass Algorithmen wie die von Facebooks News Feeds häufiges Sharen belohnen und den eigenen Feed dahingehend anpassen, dass solche Posts häufiger gezeigt werden, als diejenigen, die weit weniger teilen.

    Aus diesem Grund gravitieren wir zu Dingen, die letztlich weniger wertvoll für uns sind. Was sehr schade ist.

    1. Ja, Michael. das ist auch mein Eindruck. Ein Gespräch braucht Zeit und Konzentration auf den Gesprächspartner. Das bedeutet für mich auch mein Gegenüber zu respektieren. Ich hasse es, nebenbei bemerkt, wenn der andere beim Gespräch oder beim Essen (!) ständig auf sein Smartphone schaut, postet oder laut kommentiert.

      Es müssen ja nicht immer tiefgreifende Gespräche sein. das würde, glaube ich, fast alle überfordern. Für einen guten kurzen Smalltalk in wenigen Sätzen auf einem Event gelten ja auch alle guten Regeln einer fruchtbaren Konversation.

      Die einzige Möglichkeit, sich für ein Gespräch Zeit zu nehmen, ist sich Zeit zu nehmen und, ja, alle störenden Elemente wie die Informationsflut dabei wegzublenden. Es ist möglich. Freue mich auf das nächste Gespräch mit dir, Michael! ;)

      1. Re: „Ein echtes Gespräch kommt häufig nicht zustande. Dafür sind die sozialen Medien auch zu schnell, zu überfrachtet, zu voll, zu laut. Zu viel Hintergrundrauschen und Ablenkung. Es fehlt die Ruhe und die Konzentration für ein gutes Gespräch. Das Web ist kein Salon. Eher eine Bahnhofshalle. Manchmal auch eine Bahnhofsmission.“

        Die sozialen Medien sind doch letzten Endes nur ein „Vertriebsweg“, den jeder so nutzen kann, wie er will. Ob man sich vom Hintergrundrauschen ablenken lässt, liegt an einem selbst. In der Kohlenstoffwelt ist das genauso: Wer sich nicht gerade zu zweit in einer abgeschiedenen Kemenate trifft, muss sich ebenso aufs Gegenüber seiner Wahl konzentrieren.

        Und sogar in einer lauschigen Kemenate kann das passieren, was du, Cem, selbst erwähnt hast: das Gestiere aufs Smartphone. Mit einer Person, die sich einem Gesprächspartner im „wahren Leben“ gegenüber so asozial verhält, kann man vielleicht per Chat ein tiefschürfenderes Gespräch führen.

        Re: „Ich würde mir wünschen, dass die Online-Konversationen sich Gesprächen unter Freunden angleichen.“

        Wie ich schon bei Facebook schrieb: Echte Freunde sind echte Freunde; egal, ob off- oder online. (Für die Zwischentöne bevorzuge aber auch ich Offline-Konversationen – wobei es natürlich hilfreich ist, dass ich das Glück habe, mit Menschen befreundet zu sein, denen unser persönliches Miteinander in dem Moment wichtiger ist als ihr Smartphone.)

        Re: „Befürchte aber eher das Gegenteil. Überspitzt gesagt, viele gleichen ihr Verhalten dem Web an.“

        Wenn man der o. g. Prämisse folgt (dass die sozialen Medien lediglich nur ein besonders sexy strukturierter technischer Vertriebsweg sind), dann wäre das Eintreffen deiner Befürchtung extrem bedauerlich. Es würde nämlich bedeuten, dass „viele“ ihr Offline-Verhalten dem anpassen, was online technisch möglich ist – „instant gratification“ statt tiefer Befriedigung, 140-Zeichen-Appetithäppchen statt sorgfältig ausformulierter ausführlicherer Gedanken, oberflächliches Multitasking statt Konzentration auf das, was bei einem Zweiergespräch wesentlich sein sollte.

        (Ich sage nicht, dass die fürs „wahre Leben“ abschreckend gemeinten Beispiele für die Online-Kommunikation typisch sind, Ich halte sie auch online oft nur für vermeidbare negative Auswüchse, denen man mit einer gewissen Willenskraft genauso gut wie bei Offline-Interaktionen aus dem Weg gehen kann.)

  4. Ich hätte gerne einen Salon. Für heitere, leichte, intelligente, vielfältige und liebevolle Begegnungen und Gespräche in entspannter und angenehmer Umgebung. Über Kultur, Kunst, Literatur, Lebenslust und Liebe. Digital und real. Ich habe das Gefühl, es entsteht da gerade etwas. Mehr dazu in wenigen Wochen. Geduld. Wir, ein kleiner Kreis von Freunden so wie ich, arbeiten daran. Ein kleines, neues Format. Für Hamburg. Und mehr. Geduld… Please don’t ask me yet… but stayed tuned.

  5. Ich habe neulich gelesen das es mittlerweile einen allgemeinen ausdruck dafür gibt wenn mehrere Meschen in einem einem Raum gleichzeitig alle auf einmal auf ihren Handys herum spielen oder auf Social Medien verkehren, und das heißt Febbing….
    Jetzt frage ich mich was schlimmer ist, das es dafür einen ausdruck gibt, oder die Tatsache das sich die Menschen sogar wenn Sie ausgehen nicht mehr miteinander unterhalten und etwas unternehmen…???

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