Cézanne ist tot, aber ich lebe noch!

Irgendwann mal im letzten Jahrhundert in New York City in den Siebzigern. Ich war sehr jung. Hatte Zeit und bin an einem Nachmittag in das Museum of Modern Art gegangen, dem berühmten MoMA. Zufällig war im Untergeschoß eine temporäre Ausstellung über Cézanne und seine Aquarellstudien. Die Räume waren voll von Besuchern und ich hatte Mühe die Bilder zu sehen. Sie waren großartig! Das Schönste, was ich bisher gesehen hatte. Zart angedeutete Aquarelle in voller leuchtender Pracht in Pastell. An die hundert lavierende Farbschichten auf einem einzigen Blatt. Ich war damals sehr beeindruckt und bin es bis heute noch.

Als ich nach meinem weiteren Rundgang durch das Haus wieder auf die Straße trat, sah ich einen jungen Mann genau vor dem Ausgang, kaum älter als ich damals. Er hatte einen Bauchladen voll mit Postkarten und Prospekten. Er sah aus wie ein fliegender Händler. Vor seiner Brust hatte er ein Schild auf dem (übersetzt) stand:

Cézanne ist tot, aber ich lebe noch! Kommen Sie zu meiner Ausstellung!

Er sprach mich an. Wir redeten kurz. Ich kaufte ihm zwei Postkarten für je einen Dollar ab. Mich hatte er beeindruckt. Ich denke heute noch an diese Begegnung. Ich hoffe, dass er seinen Weg gemacht hat. leider habe ich die Postkarten nicht mehr und erinnere mich auch an seinen Namen nicht. Junge haben es nicht leicht am Anfang gegen etablierte Ikonen zu bestehen. Ich denke heute noch daran. Es war mir eine Lehre.

Ehret die Ahnen und Alten, aber die Jungen leben noch und kommen gewaltig.

Dass wir in den Medien bei inspirativen Ikonen und Kultfiguren immer nur ihren Tod betrauern und sie unantastbar auf den Olymp heben. Nie uns über ihre Geburt freuen können. Liegt wohl leider in der biologischen und biographischen Natur der Sache.

Facebook & Co werden bei jedem Trauerfall jedesmal zu einer weltweiten lauten Klagemauer, wo wir Elegien singen, teilen und liken. Es stirbt jedesmal auch ein Teil unserer eigenen Biografie mit dem Tod einer Ikone. Ob nun Trauer oder Selbstmitleid: Es weht immer ein Hauch von Wehmut durch die digitalen Medien… Gerade jetzt wieder. Wie zum Tod von Robin Williams gestern oder Lauren Bacall heute.

Vergessen wir nicht, die jungen Talente zu feiern, zu lieben und zu fördern. Das Leben ist ein ständiger, sich erneuernder Kreislauf. Die Alten übergeben den Stab an die Jungen. Es ist ein Stafettenlauf. Und das ist gut. Weiter geht’s.


2 thoughts on “Cézanne ist tot, aber ich lebe noch!

  1. Ich habe den Eindruck, dass auch deshalb so gern die Toten geehrt werden, weil die sich nicht mehr dagegen ihrer Werke oder ihrer Kunst wehren können. „Was für ein Unfug! So habe ich das gar nicht gemeint.“ Das hört vermutlich keiner der eilig herbeispringenden Exegeten gern.

    Manchmal entdeckt man aber auch erst nach dem Tod jemanden (neu). Das ist mir schon öfter passiert, vielleicht, weil ich die leise Wehmut so mag …

  2. Ja Cem, – die wunderbaren Aquarelle von Cézanne – ich habe sie im Original gesehen und später versucht diese vielen Farbschichten übereinander hinzukriegen, um irgendwann aufzuhören – non finito – ein Rätsel stehen zu lassen. Ja. Cem, ich lebe noch (wir haben schon mal 2007 korrespondiert). Nun habe ich einiges zu archäologischen Fundstücken gemacht – auch Aquarelle – aber ganz anders als Cézanne. Vielleicht schaust du es Dir im Original mal an: bis zum 9. November 2014 im Archäologischen Museum in Hamburg-Harburg Rathausplatz 5. Ich mache auch einige Führungen (zu finden im Internet).
    Liebe Grüße von
    Brigitte

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