Fressen, gefressen werden oder einfach verhungern lassen.

Wo ich gerade diesen schönen Artikel in Carta lese, wie aus Internet-Plattformen Verlage werden, fällt mir ein:

Bei Microsoft gab es mal in den 90er Jahren den Spruch: „embrace, enhance, extinguish“. Verdrängungswettbewerb Galore! Umarme deinen Wettbewerb, erweitere gemeinsam mit ihm den Markt, um ihn dann am Ende zu schlucken oder zu vernichten. Hat bei Microsoft damals recht gut funktioniert. Später haben sie dann so ziemlich alles verschlafen oder die falschen gefressen.

Gleiches machen die Platzhirsche im Web wie Google, Amazon, Facebook und Twitter mit ihrem online Wettbewerb oder mit den Papier-Verlagen zum Teil. Fressen, gefressen werden oder einfach verhungern lassen. Ein Haifischteich. Oder wie die Amerikaner sagen: The 800 Pound Gorilla Game.

Facebook & Co: Glasperlen gegen Perlen

Facebook ist mittlerweile so komplex und so neugierig geworden. Ich steige da nicht mehr ganz durch. Das ist mir langsam unheimlich. Manche Soziale Netzwerke, wie eben Facebook, beunruhigen mich immer mehr. Sie saugen grosse Datenmengen aus ihren Communities im Tausch gegen ein Bespassungsangebot.

Sie bieten Glasperlen gegen echte Perlen. Sie verhalten sich wie Conquistadoren gegenüber den Eingeborenen der Neuen Welt, des Neuen Web. Wie Dealer zu Junkies. Kostenloses Anfixen. Ich halte Facebook für eine Bedrohung gegenüber den Communities und des Neuen Web. Twitter ist ein Waisenknabe dagegen. Manche drücken es drastischer aus. Sie unterwandern und korrumpieren Communities.

Manche andere rufen nach dem Gesetz oder verweisen auf die technischen Möglichkeiten. Welches Gesetz welchen Landes? Das sind internationale Gebilde. Es ist in meinen Augen zunächst keine Frage des Gesetzes, sondern eine Frage der Aufklärung und Haltung der Community-Mitglieder. Facebook & Co sind überhaupt nicht transparent in ihrem Tun. Wie Ibrahim „Ibo“ Evsan sagt und schreibt: Sie sind gigantische Silos und hochsystematische Sammelmaschinen für Informationen über die Nutzer von ihren Webservices. Wahre Gravitationszentren von Daten. Schwarze Löcher im sozialen Universum.

Facebook ist Weltmeister in der Soziologie der Communities und der Vernetzung ihrer Nutzer untereinander, so wie Google im individuellen Profiling und amazon im Kaufverhalten. Alle diese Gorillas 2.0 sind Spezialisten im Deep Datamining. Die Menschen verschenken zwar nicht ihre Seele an Facebook, aber ihre Gedanken, ihre Beziehungsstrukturen. „Was tun“, fragt Jürgen Fenn in Facebook auf meinen Tweet. Er bittet aber auch zu differenzieren:  „Bin mir übrigens auch nicht so sicher, ob FB in jedem Fall „eine Bedrohung“ ist. Ich beobachte, daß Menschen grundlegend unterschiedlich mit FB umgehen: drei-/vierstellige Freundeszahl vs. 20 Freunde; keine Einträge auf der Pinnwand vs. ständige Twitter-Updates; eingehende Angaben im Profil vs. gar nix usw. Dementsprechend unterschiedlich durchsichtig ist der User und seine Umgebung. Das ist sehr heterogen und sehr individuell“.

Ich glaube, dass dieses Verhalten von Facebook & Co, auch eine Gegenreaktion hervorruft. Vielleicht erleben wir dieses Jahr einen Höhepunkt dieser gigantischen „Sozialen Netzwerke“. Eine Abkehr vieler Nutzer könnte die Folge sein. Eine Besinnung auf das reale Leben. Die Leute haben einfach genug, mit Statusmeldungen und Spam vollgedröhnt zu werden. Genug, sich mit vollkommenen Fremden zu verbinden und zu befreunden.

Es geht nicht um die Verteufelung des Web und der Sozialen Netzwerke, sondern es geht um das Bewusstsein und die Sensibilität der Nutzer gegenüber den Auswüchsen dieser Datenkraken. Manchmal komme ich mir vor wie der letzte Indianer, der sich auf einen billigen Tausch eingelassen hat und sich nun spät und verzweifelt dagegen wehrt. Geronimo!

Mashable zeigt, wie man Facebook daran hindert, persönliche Informationen ungefragt an bestimmte Dritte weiterzugeben. Man muss nur die versteckte Opt-out Checkbox finden. Vertrauenserweckend ist das Ganze dadurch für mich immer noch nicht.

Anmerkung: Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung der Diskussion in Twitter und Facebook aus dieser Nacht.

Video: Jeff Bezos zur Übernahme von Zappos.com

Heute morgen hat Amazon angekündigt, den Kult-Online-Schuhhändler Zappos für $847  Millionen in bar und in Aktien zu übernehmen. Der grösste Deal in der 14-jährigen Geschichte des grössten Online-Einzelhändlers der Welt. Beide Unternehmen sind höcht intelligent und innovativ in der absoluten Kundenorientierung und bei der Mitarbeitermotivation und -führung.

Mir hat kurz der Atem gestockt. Zappos CEO Tony Hsieh (hier neulich in einem Video-Interview mit Loic le Meur im Badezimmer) hat sich in einem offenen Brief an seine Mitarbeiter gewandt. Jeff Bezos, Gründer von Amazon, hat das mit einem Video getoppt:

Jeff Bezos, erzählt dabei auch recht unterhaltsam einiges aus der Gründungszeit von Amazon. Drei (eigentlich vier) Geschäftsweisheiten gibt’s gratis dazu: “Obsess over customers”, “Invent”, “Think long term” und zum Schluss, “It’s always day #1″. Der letzte Punkt ist grossartig. Das alles hat er sicher auch in Zappos gesehen, auch wenn es dort natürlich in einer anderen Weise umgesetzt und gelebt wird. Das hat ihn begeistert.

Nico Lumma sieht Gefahrenpotential für den europäischen Branchenprimus Otto Group aus Hamburg, und weitere grosse Versandhäuser. Er meint, „dies dürfte sehr weh tun, denn mit Amazon dürfte sicher sein, daß demnächst auch der europäische Markt in den Fokus rückt“.

Ich glaube nicht, dass das Otto & Co kurz- oder mittelfristig weh tut, wenn Amazon eines nicht fernen Tages auch Schuhe und passende Klamotten auch in Europa online anbietet. Aber es ist ein Zeichen, wohin die Reise geht. Otto unternimmt ja seit einigen Jahren grosse Anstrengungen im Online-Geschäft Fuss zu fassen. Kann sein, dass der Amazon/Zappos Deal einiges in der taktischen Vorgehensweise ändert. An der Strategie von Otto ändert sich glaube ich nicht so viel. Tempo und Intensität werden aber zugelegt werden müssen. Und auch einige neue Wege ausgetestet. (Eigenzitate aus meinen Kommentaren dort bei Nico)

Wer aber bei Innovation, Kundenorientierung und langfristiger Denke nachlässt, den erwarten härteste Zeiten. Karstadt und Quelle haben es zu spät gemerkt. Wenn überhaupt.

Nie vergessen: Es ist immer Tag Eins.