Der Ort, den nie ein Mann sah

The Staten Island Ferry Powder Room.

Lenz setzt mit der Staten Island Fähre rüber und erzählt:

Eigentlich könnte ich den Artikel beenden, wenn ich nicht auf etwas aufmerksam geworden wäre, von dem ich Null Ahnung habe: Schminke und Frauengespräche. Mich hat ein 40-Minuten-Film völlig fasziniert, und dieser Film, „Ferry Tales“ der Poppenbütteler Katja Esson, zeigt meiner Ansicht nach etwas, was untrennbar zur Fähre gehört wie sonst kaum etwas. Auf der Fähre gibt es nämlich eine Damentoilette mit Spiegeln und Stühlen, wie Schminktische beim Modefotografen, und dieser Ort ist während der kurzen Überfahrt am Morgen die Zuflucht und das Kommunikationszentrum von Frauen jeglicher Couleur.

Dieser Bericht aus dem für Männer sonst nicht erlebbaren Ladies Room hat mich berührt. Respektive die Frauen und ihre eigene, sehr menschliche Art, für kurze Zeit den amerikanischen Albtraum zu vergessen. Zwischen 8:15 und 8:45 Uhr werden Schminkutensilien ausgepackt, Tipps verschenkt und Niedergeschlagenheit in Heiterkeit verwandelt. Natürlich gibt es eine Hackordnung, dafür sorgen die meist selbstbewussten Schwarzen, aber auch weiße Vorstadtprimeln. Plätze vor dem Spiegel gehören den Durchsetzungsfähigen, aber keine Regel ist da, um nicht gebrochen zu werden. Es gibt keine Vorurteile, und wenn doch, werden sie zum gegenseitigen Verstehen. Alles hat eine sonderbare Dynamik. Allianzen werden geschmiedet und verändert. Freundschaften zwischen den ärgsten Feindinnen geschlossen. Es kommt vor, dass die Ehefrau neben der Geliebten desselben Beaus sitzt. Dass die Managerin neben der Lageristin den Liedstrich zieht. Dass die frisch Geschiedene neben der frisch Verliebten das Make-up aufträgt.

Es entsteht der Eindruck, dass dieser allmorgendliche Moment den Frauen Mut für den ganzen Tag gibt. Es ist ein Ort der Hektik, aber auch eine Oase gegenseitigen Vertrauens zwischen wildfremden Menschen. Schlicht ein Paradies. Für mich schien es etwas zu sein, was ich gerne „Kleine Fluchten“ nenne. So kann ich es verstehen, weil jeder die kleinen Fluchten braucht. Sei es nur für 30 Minuten.

Lenz, fang an zu bloggen! Ich bestehe darauf.

Die erwähnte Katja Esson ist Hamburgerin aus Poppenbüttel und Dokumentarfilmerin. Ihr Film Ferry Tales, schönes Wortspiel mit fairy tales, Märchenstunden, wurde 2004 in der Kategorie „Kurzdokumentation“ für den Oscar nominiert.

Barbara Streisand in Alt-Moabit

Ich übe mich schon mal in Boulevardjournalismus und Namedropping: Barbara Streisand war nach ihrem Konzert in Berlin mit ihrem Mann James Brolin im Gourmet- und Promi-Restaurant Paris-Moskau bei Wolfram Ritschl in Alt-Moabit und sie hat dort Salat, Gurkensuppe mit Flußkrebsen und Perlhuhn im Hauptgang, dann Pfannkuchen bestellt – auf ihren Wunsch hin dazu Stachelbeergelée… Sie sollen sehr sehr nett gewesen und drei Stunden geblieben sein… Trägt mir mein interner Nachrichtendienst samt Augenzeugenbericht aus erster Reihe vertraulich zu. [Absolut nachweisbar verbürgte Informationen].

Auflagenstarke Frauenzeitschriften, Online-Werbenetzwerke der Friseurinnungen sowie die Samwers & The Young Venture Capitals haben mich mittlerweile auf dem Radar. Robert zieht schon mal rechts auf den Standstreifen. Gala und Frau im Spiegel finden mich durchaus interessant. Aber stimmt der Preis schon? Ja, ist denn schon Weihnachten?? Andererseits, was ist die Sprechblase ohne ihren Sprecher: Mich? Ich zick noch ein bischen rum. Der Preis müsste mit jeder weiteren Social Message steigen… Solange der Auslutschfaktor noch Geschmack anzeigt. Ansonsten bleibt ja als Goldener Exit immer noch der Gang zum Auktionator bei ebay.

Loïc Le Meur geht nach Silicon Valley

Loïc, unternehmerischer Serientäter und digitaler Tausendsassa aus Frankreich, zieht mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack zum Nabel der innovativen Internetwelt um, berichtet sein Kumpel Michael Arrington:

I am currently in the process to create a fifth startup, based in the US and currently finalizing the initial funding. Can’t say much at this stage but it will be in the video content space, so hot and competitive these days because most remains to be done. I have uploaded to date about 450 podcasts, so I feel something very different than what we see today is ahead of us. What I can say is that I will crowdsource the company itself, grow it as I learnt in always beta mode and grow it with the feedback of my community. I have already gathered my advisory board, a group on facebook open to everyone.

Bonne chance, Loïc!

Neues Blogzeichen


Bevor ich vergesse, es zu erwähnen, Isabel hat ein neues Bloggerzeichen erfunden: Den „Punkt“ in den Kommentaren als einfaches Zeichen für „Ich habe es gelesen und denke wie du, denke an dich, fühle mit dir, finde ich auch“… Einfach. Elegant. Der Punkt als persönliches „Ping!“.

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an sie für die Wortpatenschaft und die schöne Urkunde mit der stilvollen persönlichen Überreichung … Jetzt bin ich offiziell anerkannter Beschützer vom „Kümmeltürken“.

documenta 6 (1977)



documenta 6 (1977), der Katalog in meinem Bücherregal, originally uploaded by Cem Basman.

Meine erste dokumenta. Die amerikanischen Fotorealisten beeindruckten mich damals. Und zwei zufällige Begegnungen mit Joseph Beuys: Das erste mal früh morgens in einem düsteren Raum voller Steinplatten alleine mit ihm und das zweite mal am gleichen Tag an der berühmten Honigpumpe im Treppenhaus des Fridericianums. Da durfte ich den gekleckerten Honig probieren bei einem kleinen Gespräch mit ihm. An den Gesprächsinhalt kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Ich war mir der Bedeutung damals nicht ganz bewusst. Manchmal komme ich mir vor wie in Woody Allens Zelig

frerk listet die Kunstevents der Saison 2007 auf. Wird es Bloggertreffen der Kunstinteressierten geben dort irgendwo? Schön wäre es … Wer initiiert? Art & Blogger in Deutschland. Ein Artcamp für Blogger … Mal kein Tekkischeiss oder Zwonull.

Jimmy Wales: Warum Crowdsourcing Gift ist

Wikipediagründer Jimmy Wales hat sich beim elektrischen Reporter zu Crowdsourcing und Web 2.0 geäussert. Ich finde seine Gedanken im Kontext von UGC , UGCV und AAL („Andere Arbeiten Lassen“) recht bemerkenswert.

Hier ein Ausschnitt aus dem frischen Interview als Transskript von Siggi Becker:

Eines der Themen gegen die ich in letzter Zeit auf die Barrikaden gehe ist dieser Begriff der im letzten Jahr etwas populärer geworden ist: Crowdsourcing der wie ich meine sehr, sehr schlecht ist. Ich mag ihn wirklich nicht. Ich denke das jeder der in diesen Raum gehen will und denkt sein Geschäftsmodell wäre Crowdsourcing, das wesentliche missversteht.

Es ist eigentlich eine Missachtung ihrer Communities. Sie denken eigentlich ihre Communities wären billige Arbeitskräfte. Aber Freiwillige sind keine Angestellten! Das ist eine vollkommen andere Motivation und man muss sie eigentlich wie seine Kunden sehen.

Ich habe schon in den Anfangstagen von WikiPedia über Kundenservice geredet, was heissen soll, die Leute kommen und wollen etwas für WikiPedia schreiben. Das ist ein Kunde für uns. Als Community und Organisation müssen wir so jemanden sehr gut behandeln.

Ich habe mir sagen lassen das das eine sehr amerikanische Sicht auf die Welt sei. Jemanden wie einen Kunden behandeln heisst freundlich zu ihm sein. Ich weiss nicht ob das so amerikanisch ist, aber ich denke das die Idea des Crowdsourcing wirklich Gift ist.

Nehmen wir nur mal an wir wollen eine Bowlinghalle eröffnen und Du stellst Dir vor das ginge indem man billig von den Leuten durch Crowdsourcing “Bowling” produzieren lässt. Das macht keinen Sinn, nicht? Das ist der vollkommen falsche Ansatz um eine erfolgreiche Bowlinghalle zu bekommen.

Du musst über die Leute die bei Dir bowlen wollen als Deine Kunden denken und darüber nachdenken was Du ihnen bereitstellen musst damit sie Spass haben, wie Bier und Hotdogs. Man sagt nicht: Wir werden kein Bier haben weil immer wenn Bier im Spiel ist, geht die Qualität des Bowlens runter.

So macht man keine Geschäfte. Man stellt einen Ort zur Verfügung damit die Leute das tun was ihnen Freude macht. Das Crowdsourcingmodell sagt aber: Geb ihnen das nicht. Sie mögen es vielleicht aber es mindert den Wert. Nein. Was eine Menge Leute da nicht verstehen sind die wirklichen Ideen von Gemeinschaft. Leute kommen zu Deiner Website um so was zu erleben. Vielleicht arbeiten sie auch für Dich. Sie sind glücklich wenn ein Nebenprodukt ist, das es anderen hilft.

Im allgemeinen gehen sie online um solche Situationen zu erleben, um Freundschaft zu schliessen und manchmal – obwohl sie das vielleicht nicht so ausdrücken würden – um Feinde zu finden. Ich meine damit jemanden zu finden dem man widersprechen kann und hoffentlich einen unterhaltsamen und respektvollen Streit haben kann.

Viele Web 2.0 Websites lassen all diese Dinge, die die Leute interessieren vermissen. Ich verstehe das ganz gut.

Zum Beispiel bin ich ein großer Fan von Flickr. Die Leute da wollen Dich nicht verletzen. Sie machen einen guten Job nicht indem sie darüber nachdenken wie sie die Seiten besser für Anzeigen machen, sondern wie sie die Seiten besser machen damit die Leute Photos hochladen und teilen. Sie denken also über sie wie ihre Kunden nach. Ich denke also man braucht da langfristiges, kein kurzfristiges Denken.

Das ist eine kleine Lehrstunde in Sachen Communitydesign.

Der Lawblogger im tagesschau-Chat

Auszug aus dem Chat mit Udo Vetter:

Bernardo: Können Sie eine Rechtsprechungstendenz in Deutschland ausmachen? Man hört hier und da von Firmen, die lieber im Bundesland XY klagen (auf Blogs bezogen), obwohl der Firmensitz sich dort gar nicht befindet.

Udo Vetter: Es gibt eine Tendenz. Das Landgericht Hamburg und das Landgericht Berlin werden von Leuten, die sich verunglimpft sehen, gern in Anspruch genommen.

Mehr über fliegende Gerichtsstände, Raubritter, Kopfgeldjäger und Abmahner sowie Datenschutz, Auskunftsansprüche, Kommerz, YouTube und vieles mehr hier nachzulesen im Chatprotokoll. Ein Walkthrough durch so ziemlich jeden rechtlichen Morast im deutschen Internet.

Der deutsche TechCrunch

Der deutsche Michael Arrington ist für mich immer noch Robert Basic. Er hat in den letzten Jahren rund um die Uhr(!) so gut wie jeden deutschen Startup aus dem Web 2.0 kommentiert, aufmerksam und kundig mit Rat und Schlag begleitet. Indian Scout und Spürhund. Während Arrington immer auch die Brille des Investors trägt, schaut Robert immer aus dem Blickwinkel des Nutzers, des Marktes, der Community und vor allem des Innovators. Meist hat er recht. Mal kühl analysierend, häufig aber auch direkt aus dem grossen Bauch heraus, immer positiv und optimistisch. Auch der Spassfaktor kommt dabei nicht zu kurz. Musste mal gesagt werden. Er gehört für mich zu den glorreichen Fünf des deutschen Bloggens.

Ein intimer Abend auf dem Südbalkon


Hamburg Wilhelmsburg ist das neue Schanze, Karo und Pauli. Und der Südbalkon, ein handtuchgrosses Lokal tief auf dem Kiez, der Sub Culture Club im Reiherstiegviertel, ist sein neues Herz. Mek Wito und Merlix hatten geladen und lasen im Wechsel aus ihren Blogs und im Doppel neu geschriebenes unter dem Licht einer schiefen roten Stehlampe. Der Abend war intim was die Lokalität und was die Texte anging. Besonders gefallen hat mir diese Geschichte. Aber auch diese. Die Herzdame machte Fotos (Siehe auch oben). Zwei handvoll Gäste hatten den Weg aus ihren angestammten Stadtteilen auf die Elbinsel gefunden. Und einige einheimische junge Zaungäste. Das Astra und das Beck’s in den Flaschen hatte genau die richtige Temperatur. Der Wirt war freundlich. Die Luft stickig und rauchgeschwängert. In der Pause traf man sich mangels Platz und Sauerstoff einfach auf dem Bürgersteig davor zum anregenden Smalltalk während drinnen Platten aufgelegt wurden. Von den hamburger Bloggern habe ich mich unterhalten mit bosch und Sakana. Barmblognord war auch da. Gelegentlich mussten wir dabei Platz machen für nächtliche Radfahrer und Nachbarn, die mit ihren plüschigen Fernsehsesseln schiebend offenbar mit Kind und Kegel umzogen. Proletarische Vorstadtidylle. Chillout. Es war ein schöner und entspannter frühsommerlicher Abend. So wie er sein sollte.