Narzissmus und Macht.

Eine schwer narzisstische Persönlichkeitsstörung in Verbindung mit Macht ist eine besonders fatale Kombination.

Sie kann eine Nation spalten, ersticken, sie an den Rand des Verderbens bringen oder auch ganze Welten. Die deutsche Geschichte kennt dafür ihre eigenen sehr schmerzhaften Beispiele. In diesem Jahrhundert haben wir anderswo Narzissten unterschiedlichster Ausprägung kennengelernt wie Gaddafi, Berlusconi, Lukaschenko, Assad uvm.

Das grandiose Gefühl der eigenen Wichtigkeit. Stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, der Macht und der Unbesiegbarkeit. Der Glaube von sich besonders und einzigartig zu sein und von anderen, besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können. Verlangen nach übermäßiger Bewunderung. Das Legen eines Anspruchsdenkens an den Tag, d.h. übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen. Die Ausbeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen, d.h. Nutzen aus anderen ziehen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Mangel an Empathie zeigen: Ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder gar sich mit ihnen zu identifizieren. Häufig neidisch auf andere sein oder zu glauben, andere seien neidisch auf ihn und sie wiederum der Verschwörung bezichtigen und Sündenböcke stellvertretend zu bestrafen, um auch von den eigenen Unzulänglichkeiten und Missständen im Land abzulenken. Bei Zurückweisungen durch andere tief gekränkt zu sein und daraufhin maßlos überzogen zu reagieren. Arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen zu zeigen. Sich im Extremfall damit über Menschlichkeit und Gesetz zu stellen: „L’État, c’est moi!“.

Das alles zeichnet Politiker und Machthaber mit einer hohen narzisstischen Persönlichkeitsstörung aus. Sie sind für andere rational nicht mehr zugänglich und mit zunehmendem Druck von außen verbarrikadieren sie sich zunehmend mit ihren Anhängern und Getreuen in eine Bunkermentaliät und verbreiten Dolchstoßlegenden und Verschwörungstheorien.

Die Folge ist, diese Menschen umgeben sich nur mit ihnen ergebenen Ja-Sagern und sind vollkommen beratungsresistent, blind für die Realitäten und taub für Apelle an die Vernunft. Von Ausgrenzung und Inhaftierung bis zur Vernichtung der Andersdenken geht ihr Machterhaltungstrieb. Eine Verständigung mit ihnen ist fast nicht mehr möglich. Man kann nur versuchen, sie möglichst mit rechtsstaatlichen Mitteln aus ihrer Machtposition zu entfernen. Passiver Widerstand, Aufklärung und das Wahlrecht sind solche Mittel. Das ist ein langer Prozess.

Ich halte ein persönliches Einlenken von Erdoğan in der Türkei für nicht mehr realistisch. Ich halte mittlerweile aber auch ihn und seine Partei für zwei verschiedene Dinge. Habe also noch Hoffnung, dass eine Verständigung, um die Eskalation und gesellschaftliche Spaltung in der Türkei mit zivilen Mitteln zu beenden, für noch möglich.

Türkei: Radikale Veränderungen passieren in großen Schüben.

Wenn der Druck zu groß wird. Wenn die Situation nicht auszuhalten ist. Wenn die dynamischen Prozesse in der Gesellschaft heißlaufen. Dann entlädt sich dieser Druck schlagartig. Wie bei einem Erdbeben. Das kommt nicht überraschend. Werden die Zeichen der gesellschaftlichen Vorbeben nicht erkannt oder ignoriert oder sogar verächtlich gemacht und unterdrückt, dann trifft es die Ignoranten um so heftiger. Große tektonische Veränderungen lassen sich nicht aufhalten, wenn die Zeit reif ist. Sie entstehen an den Randzonen der Gesellschaft und beeinflussen sie nach und nach vollständig.

Rock’n Roll, die 68er, die Anti-AKW-Bewegung, aber auch die friedliche deutsche Revolution im Osten von 1989, und vieles mehr waren solche großen Schübe, die die Gesellschaft im Nachhinein sehr verändert und sehr geprägt haben. Bis heute. Die 68er beispielsweise hatten in Hamburg und Berlin als Proteste an den Hochschulen begonnen, die 1968 eskalierten. „Der Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ wurde weggeweht. Ähnliches droht jetzt dem Mufti von Ankara.

Die Bürgerrechtsbewegungen von heute, selbst im Web wie der Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung, gehen in ihren Wurzeln historisch auf die Haltung dieser damaligen Proteste zurück.

Letztendlich sind diese gesellschaftlichen Erdbeben nichts anderes als das Streben der Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmung und gegen die Machtwillkür, Bevormundung, Korruption und Vetternwirtschaft. Es ist gewissermaßen ein Marsch gegen die Verarschung.

Nichts anderes passiert gerade in der Türkei und nun auch in Brasilien. Die Anlässe sind scheinbar marginal. Der Abriss eines Parks oder Fahrpreiserhöhungen. Die Ursachen liegen in den zu großen Spannungen zwischen den Herrschenden und den von ihnen Beherrschten. Übrigens, dass die Herrscher gewählt worden sind, ist keine Entschuldigung für Ignoranz der Ermächtigten. Hitler ist 1933 in der Weimarer Republik auch gewählt worden. Seine Demagogie und eine schwache und zersplitterte parlamentarische Opposition hatte das möglich gemacht.

Lernen wir aus der Geschichte.

Radikale Veränderungen entkrusten die Gesellschaft und schaffen freie Räume, damit sie sich weiterentwickeln kann.