Eine Nachbarin

Unscheinbar war sie. Fast eine graue Maus. In ihrem abgewetzten Parka und den Plasiktüten vom Supermarkt. Manchmal sah sie aus fast wie eine Stadtstreicherin. Haare immer ins Gesicht gewuselt. Eine ältere Frau an der Kasse eben. Wenn man nicht aufmerksam hinsah, erkannte man sie auf den ersten Blick nicht. Ganz anders als im Fernsehen. Und man sah eben möglichst nicht hin. In Hamburg gilt das als unfein. Erst recht im Stadtteil Eppendorf, wo viele Fernsehschaffende wohnen. Sie hatte feine weiche Züge und war gar nicht dieses fast maskenhaft geschminkte Komödiantengesicht. Den deadpan, den man aus ihren Loriot-Sketchen kannte. Zuletzt sah man sie eine Weile nicht mehr bei uns im Supermarkt. Das fällt hier erstmal nicht so auf. Man dreht ja wieder mal. Ist ja viel unterwegs. Dann gestern die Nachricht. Man hält kurz inne. Gestern einige ganz junge Mädchen im Supermarkt. Schülerinnen des benachbarten Gymnasiums. Unterhalten sich über Adelheid und ihre Mörder. Eine sagt, aah, fand ich ganz toll. Alle lächeln bestätigend. Erstaunlich. Ich sah sie zuletzt genau an der Stelle, wo die Mädchen jetzt stehen. Auch wenn wir nie ein Wort gewechselt haben. Sie war doch eine Nachbarin. Evelyn Hamann.