Zwei Freitodfälle an den Bahngleisen hatten mich vergangenes Wochenende ziemlich nachdenklich gemacht. Ich war in beiden Fällen zufällig am Tatort. Ich hatte in meinem Artikel darüber nachträglich auch auf einen Bericht eines zweifach betroffenen Lokführeres verlinkt. In dem Zusammenhang hatten wir in den kontroversen Kommentaren die Frage gestellt, was in dem Menschen vorgeht, der den Freitod sucht und dabei auch bereit ist, andere Menschen in seine Tat mit hineinzuziehen.
Heute früh habe ich eine Mail erhalten, die ich mit freundlicher Genehmigung und anonymisiert hier veröffentlichen darf. Der Text ist eine eindringliche subjektive Beschreibung dessen, was in jemandem vorgeht, der mit sich abgeschlossen hatte:
Man kann diese Menschen nicht mehr fragen, was sie wirklich bewogen hat. Bedauerlicherweise, denn sonst würde es bedeuten, man hätte ihnen helfen können. Aber das ist die Crux. Mich hat man letztes Jahr im Mai von einer Brücke geholt. Die Gründe, mit dem eigenen Leben abzuschliessen sind nicht immer nur rational zu erklären, denn dafür sind wir einfach Menschen und keine Maschinen. Wenn man als Betroffener in so einer Spirale drin steckt, dann ist es sehr schwer dort wieder den Weg hinaus zu finden. Der Weg zu diesem Punkt war lang. Trotz Therapie und Medikamente habe ich mich eines Nachts auf dieser Brücke wieder gefunden. Warum eine Brücke?
Ein Mensch, der mit dem Leben abgeschlossen hat, ist nicht automatisch gewissenlos. Lange habe ich überlegt, welches der beste Weg sei, das Leben zu beenden. Einerseits sollte es schnell und schmerzlos sein. Andererseits sollte auch sonst niemand zu Schaden kommen. So weit denken konnte ich noch. Aber ich kann auch die Gedankengänge derer nachvollziehen, die nicht mehr soweit denken. Wenn die Seele sich erst einmal in dieser Abwärtsspirale befindet, dann bekommt man so eine Art „Tunnelblick“. Und je nachdem, wie hoch die Verzweiflung ist, setzt dann irgendwann das logische Denken aus. Nachdenken, überlegen – das sind dann Dinge, die finden nicht mehr statt. Es gilt dann nur noch ein Ziel: dem Leben ein schnelles Ende bereiten, egal wie.
Leider ist es dann so, dass auch andere, unbeteiligte Menschen zu Schaden kommen. Ich glaube, dass in den seltensten Fällen ein Zeichen gesetzt werden soll. Es ist meist reine Gedankenlosigkeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Soll man diese Menschen deshalb verurteilen? Vor Jahren habe ich das. Zu einer Zeit, als es mir gut ging, meine Familie und meinen Job hatte. Da habe ich dann auch gedacht, was das für Spinner sind, die auch noch unschuldige mit sich reissen. Aber heute kenne ich die andere Seite. Heute weiss ich, dass ich damals dumm war. Ich war in dieser Beziehung oberflächlich. Heute weiss ich wie es ist, am Boden zu liegen und zu fühlen, wenn sich aufkeimende Hoffnung zu einem emotionalen Desaster entwickelt. Wenn dir nur noch der eine Gedanke durch den Kopf geht: der Tod ist dein bester Freund.
Daher verurteile ich diese Menschen heute nicht mehr. Tadeln – ja, durchaus. Aber nicht mehr verurteilen.
Ich hoffe, ich konnte Dir ein bisschen Deine Frage beantworten, nachdem was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht. Mit rationalem Denken hat es nichts mehr zu tun. Es ist reines, emotionales Handeln.
Der Text spricht für sich. Ich brauche es nicht weiter zu kommentieren. Es ist ein schwieriges Thema. Ein Tabuthema. Aber der Tod gehört zum Leben. Auch der Freitod. Danke, dass ich den Text veröffentlichen durfte.