Ach, Willy..

Der deutsche Politiker, der mich wahrscheinlich am meisten beeinflußt hat, war Willy Brandt. Ich bin ihm sogar einmal persönlich begegnet.

Als Außenminister hatte er Ende der sechziger Jahre meine Schule besucht, die Deutsche Schule Istanbul. Ich durfte ihm damals als Schüler der neunten Klasse, die Hand geben. Ein freundlicher Mann mit hochrot sonnenverbranntem Gesicht. Und hochnervösen deutschen Sicherheitsbeamten.

Später in Deutschland bin ich dann nach dem Abitur auf „Willy muß bleiben“ Demos mit Spontis und Kommunisten gemreinsam marschiert.

Heute ist die SPD ganz weit weg von diesen Zeiten. Heute sehe ich meist nur noch aalglatte Parteikarrieristen. Die, die Geschichte nicht erlebt und erlitten haben. Schade eigentlich. Die Kernidee der SPD finde ich immer noch richtig und wahr: Soziale Gerechtigkeit. Ich finde sie allerdings heute eher links von der SPD – und links von der GroKo.

Die Menschen, die die Sozialdemokratie durch ihre eigene Geschichte geprägt haben, die gibt es in der Partei nicht mehr an den Schaltstellen.

Aber vielleicht habe ich das alles auch nur überlebt. Wer weiß.

Hass macht hässlich.

​Die Türkei ist ein freudloses Land geworden.

Bisher kannte ich die Türken als friedfertige und oft ernste Menschen. Manchmal auch etwas pathetisch, wenn die Sprache auf ihr Land und seine Geschichte kam. Immer gerne in Gesellschaft von Familie und Freunden am gut gedeckten Tisch, oft abends mit einer Flasche Rakı. Immer gastfreundlich und großzügig gegenüber Fremden.

Doch das ist Geschichte. So erscheint es mir mittlerweile. Nicht nur der härtere Überlebenskampf, sondern vor allem auch der Hass, der im Land geschürt wird gegen alle und jeden, der nicht dem Präsidenten gefällt. Gegenüber Kurden, Aleviten, Linke, Schwule, Juden, Armeniern, Christen, mittlerweile auch syrischen Flüchtligen und vielen anderen, die in ihrem Bild von der Norm abweichen.

Die Menschen sind aggressiv geworden. Und sehr misstrauisch. Nicht nur im Heimatland, sondern auch in Deutschland werden die Tūrken systematisch im Hass des Präsidenten und seiner Leute instrumentalisiert. In organisierten Aufzügen und Kundgebunhen, erkenne ich die in ihrem Hass nicht mehr wie aus den vertrauten Menschen ein unkontrollierbarer Mob voller Hass geworden ist. Hässlich. Der Führer vergiftet dieses Land. Das ist ein schleichender Prozess, der schon länger läuft und das Land bis zur Unkenntlichkeit verändert – wie ich es empfinde.

Die Türkei, die ich kenne, gibt es nicht mehr. Istanbul, diese großartige Stadt, die in 2.500 Jahren gewachsen ist, historisches Vielkulturengemisch aus Byzantion, Byzanz, Konstantinopel, das Vielvölkergemisch aus dem ganzen Orient und Europa.. ist verschwunden in Hass und Ignoranz.

Hass macht hässlich.

Nun Haymatlos.

Fanatischer, nationalistisch-relgiöser Wahn. (Update)

So schwer es mir auch fällt, ich rate gegenwärtig von Urlaubsreisen in die Türkei oder von Städtetrips nach Istanbul ab. Solange dieses Regime an der Macht ist.

Mir ist nicht klar, wie sich dieser von RTE und AKP entfachte fanatische national-religiöse Wahn weiter entwickeln wird. Durchaus möglich, dass dieser Wahn umkippt in Gewalt.

Heute kam die Nachricht, dass an meiner alten, ehrwürdigen Deutschen Schule in Istanbul das Thema „Weihnachten“ im Unterricht tabu ist. Ich war fast fünf Jahre dort Schüler. Die Schule wurde 1868 gegründet und gehört zu den renommiertesten Eliteschulen in der Türkei. Das Verbot kam zunächst völlig überraschend. Dieses Verbot ist do abstrus wie die Gedankengänge der Machthaber. Ist das der Anfang einer Abkehr von der säkularen Schulbildung?

Es mehren sich langsam die Anzeichen, dass ein fanatischer, nationalisch-religiöser Wahn aus unterschiedlichen Richtungen in der Türkei anrollen kann.

Das war schon mal am 6./7. September 1955 beim sogenannten „Progrom von Istanbul“ der Fall. Never forget.

Das war der Anlaß,  aus dem meine Eltern mit mir nach Europa weg gegangen sind. In dieser Nacht hatten sie ihre gesamte Existenz verloren. Ihre kleine Textilfabrik, die sie mühsam aufgebaut hatten, ging während dieses Progroms in Flammen auf und mein Vater sah noch, wie die Nähmaschine durch die Scheiben geworfen wurden.

In dieser Nacht hatten meine Eltern ihre komplette Existenz verloren. Türkische Kristallnacht.

Das kann gegenwärtig jederzeit wieder geschehen. Wenn der Mob einmal in Bewegung gerät.. RTE neigt ja stark dazu seine Anhänger zu mobilisieren und auf die Strasse zu bringen.

[Edit: 19.12.2016 15:40]

Der Streit ist wohl beigelegt. Der ursprüngliche Ausgangsartikel bei Spiegel Online war sehr verwirrend schlecht geschrieben. Ich hatte die Schule mit meiner „Deutschen Schule Istanbul“ verwechselt. Es ging jedoch um die andere staatliche Schule „Istanbul Erkek Lisesi“. Ziemlicher Unterschied. In den Berichten war nur die Rede von der deutschsprachigen „Istanbul Lisesi“, was ungenau und falsch ist.

Der Schleier über Istanbul.

Das einst weltoffene, quirlige, liberale, multikulturelle, kreative Istanbul verblasst und schwindet langsam.

Erst fast tot saniert und in Teilen stark gentrifiziert zu einer der teuersten Städte der Welt für ihre Bürger. Jetzt das öffentliche und private Leben und die Schulen binnen kurzer Zeit zunehmend reglementiert und islamisiert.

Der legendäre Hüzün von Istanbul, diese bittersüße Melancholie der Metropole am Bosporus, weht jetzt das ganze Jahr durch alle Straßen, Viertel, über alle Menschen und legt sich jetzt wie ein schwarzer Schleier auf die Schöne.

Ich höre dich nicht mehr, mein Istanbul – wie einst Orhan Veli. Ich sehe dich nicht mehr.

Aber das Leben und die Liebe sind stärker. Sie werden wieder kommen.

Quiddje oder Butter bei die Fische.

Ich bin Quiddje und lebe mit weitem Abstand schon länger in Hamburg als die meisten hier Gebürtigen und Geborenen an Lebensjahren haben. Von fast allen Hamburgern in Facebook ganz zu schweigen. In der Summe sind es mehr als ein halbes Jahrhundert vor Ort. Sogar länger als unser verehrter Herr Erster Bürgermeister in Hamburg ist. Also kann ich mich durchaus mit einigem Recht Hamburger nennen. Auch wenn meine Eltern jeweils aus den entgegensätzlichsten und entferntesten hinteren Ecken aus Europa kamen, meine Mutter aus einem klitzekleinen schwedischen Dorf genau an der norwegischen Grenze und mein Vater aus einer tükischen Hafenstadt fast an der Grenze nach Georgien, und ich genau wenige hundert Meter von der geografischen Grenze zwischen Europa und Asien zur Welt gekommen bin, genau am Ufer des Bosporus im amerikanischen Krankenhaus in Istanbul. Und Hamburger Lokalpatriot bin ich sowieso. Soviel zum Quiddje. Als Kind habe ich sogar Hamburger Missingsch gesprochen. Also, und nu Butta bei die Füsche!

Da hat jeder Einzelne seine individuelle Biografie und seinen weiteren Lebensweg. Seine Wurzeln und die ursprüngliche Sozialisierung wird man aber dabei nie vergessen. Heimat, Zuhause, Lebensmittelpunkt sind dabei schwierige und changierende Begriffe und Gefühle. Ein Rest des eigenen Ursprungs wird wohl bleiben. Knapp 20% der Bevölkerung der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Weit mehr sind es in Grossbritannien, soweit ich weiss. Dieser Post ist aus einem Gespräch mit Armin Grewe entstanden, der schon lange als gebürtiger Deutscher und knapp Bremer in Großbritannien lebt und arbeitet und der sich spiegelbildlich in einer ähnlichen Situation wie ich befindet.

Wie meine Eltern sich kennengelernt hatten.

Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.  Das haben mir meine beiden Eltern unabhängig voneinander immer wieder erzählt.  Eine für damalige Zeiten ungewöhnliche Romanze zweier Menschen unterschiedlichster Herkunft und Geschichte. Aus dieser schicksalhaften Begegnung bin ich dann viel später als deren einziges Kind hervorgegangen.

Cem etwa 4 Jahre alt in HamburgIhre Ehe hielt 53 Jahre lang treu und ergeben, mit allen Höhen und Tiefen des Lebens, bis zum Tod meines Vaters. In den schlechten Zeiten haben sie  bedingungslos zueinander gehalten, um die Herausforderungen Schulter an Schulter zu bewältigen. Und es gab viele schlechte Zeiten. In guten Zeiten haben sie das Leben Arm in Arm genossen. Sie haben gemeinsam gelebt, zusammen gearbeitet und gleichberechtigt den Haushalt geführt. Ich kenne sie nur, wie sie alles zusammen gemacht haben. Selten waren sie mal wegen Beruf oder Krankheit getrennt. Bis zum Schluss war es eine Ehe voller Respekt voreinander und aufopferungsvoller Liebe füreinander. Mich haben sie überallhin mitgenommen. Das alles hat mich bis heute geprägt. Das habe ich erst in den späten Jahren verstanden.  (Foto: Ich mit etwa 4 Jahren in Hamburg)

Doch wie sind sie sich damals zum ersten Mal begegnet?

Im Frühjahr 1945 war mein Vater nach einer langen Schiffsreise von Istanbul, im Zickzackkurs durchs Mittelmeer, über den Nordatlantik, der Englische Kanal war ja noch vermint, in Göteborg angekommen. Während seiner Passage, auf der Höhe von Nord-Schottland, wurde das Kriegsende ausgerufen.

Sein Vater, mein Großvater Kitabi Hamdi Efendi, hatte seinen jüngsten Sohn nach Schweden geschickt, um für das Familienunternehmen in der Türkei Handelsware einzukaufen. Kameras, Radios, technische Geräte. Europa lag in Schutt und Asche und nur ganz wenige neutrale Länder auf dem Kontinent wie Schweden, waren noch intakt und hatten eine funktionierende Industrie. Die Türkei war ebenfalls nicht in die aktiven Kriegshandlungen im Zweiten Weltkrieg verwickelt. Im Gegenteil, sie war Zufluchtsort für für sehr viele Immigranten aus den Kriegswirren, darunter auch sehr viele Deutsche, die teilweise bis heute seit Generationen im Land leben.

Nach einigen abenteuerlichen Monaten in Göteborg und voller Anekdoten, die er später immer gerne zum besten gab, lud ein neuer Bekannter aus der Hafenstadt meinen Vater nach Stockholm zu einer öffentlichen Silvesterfeier ein. Die Party muss grandios gewesen sein, die erste große Feier nach Kriegsende. Es wurde ausgelassen zu Swing getanzt, getrunken und gegessen.

Punkt Mitternacht stoppte aber die Musik und der Tanz, alle sprangen auf und sangen die schwedischen Nationalhymne. Und da mein Vater die Nationalhymne nicht kannte und nicht mitsingen konnte, schaute er sich einfach um und die Leute an, freute sich mit ihnen. In dem Moment, während alle noch inbrünstig sangen, fiel sein Blick auf ein junges blondes Mädchen mit großen blauen Augen, meine spätere Mutter. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Er forderte sie gleich zum ersten Tanz im neuen Jahr auf. Und sie tanzten alle weiteren Tänze zusammen. Kismet.

Britta 1946 mit 24 JahrenAuch sie muss in dieser Stimmung ihm verfallen gewesen sein. Ein einfaches junges Mädchen vom Lande, Mitte Zwanzig. sehr schön und schlank, Zahnarzthelferin beim Hofzahnarzt des Königs Gustav V.  Mein Vater, Mitte Dreißig, dunkle Haare, dunkle Augen, elegant und drahtig, Abendanzug und Menjou-Bärtchen. Ein geschmeidiger Tänzer.  (Foto: Meine Mutter 1946 mit 24 Jahren)

Sie blieben das ganze Jahr über zusammen. Es gibt viele schöne Fotos aus dieser Zeit. Sie beschlossen zu heiraten. Mein Vater reiste zurück nach Istanbul und fragte seinen Vater, ob er einverstanden sei. Er willigte als aufgeklärter demokratischer Orientale und Patriarch sofort und ohne jegliche Bedenken ein. Frisches Blut sei gut und willkommen, soll mein Großvater damals gesagt haben. Meine Mutter, als praktische Schwedin, ging ihrerseits zum schwedischen Auswanderungswerk. Auch sie sollen keine Bedenken gehabt haben.

Sie heirateten am 8. August 1947 in Istanbul. Meine Mutter ist von der türkischen Familie mit offenen Armen aufgenommen worden. Sie wurde im Laufe der Zeit mehr und mehr eine Osmanin und Istanbulerin, ohne ihre Herkunft zu leugnen. Die letzten Jahrzehnte war sie die respektierte Familienälteste, zu der alle mit ihren Nöten und Sorgen kamen. Sie war eine warmherzige und praktische Frau.  (Foto: Hochzeitsfoto meiner Eltern 1947 in Istanbul, Auf dem Ball 1948/49 ebenda)

Gestern ist nun auch sie von mir gegangen.

Hochzeit Istanbul 1947Ich vermisse beide sehr. Meine Mutter und mein Vater haben ein gemeinsames Leben geführt und eine Liebe gelebt, dass es heute vielleicht so nicht mehr gibt. Mir fehlt ihre Herzenswärme. Das ist meine Heimat, die mir fehlt. Ich kann dieses Gefühl und den Stab nur meinen drei Söhnen für ihre Leben weitergeben. Wenn ich sie mir anschaue und erlebe, haben sie es auch angenommen. Liebe. Nähe, Wärme, Mitgefühl. Das ist mein einziges wahres Erbe an sie drei.

Wir sind für unsere Kinder immer Vater oder Mutter unser ganzes Leben lang. Für die Kinder ihrerseits auch nach unserem eigenen Tod deren ganzes Leben lang. Wir leben in ihnen weiter, durch ihre Erinnerungen und Geschichten.

Britta und Sami. Allah rahmet eylesin. Mekanları cennet olsun, inşallah. Ruht gemeinsam in Frieden. Jetzt wieder vereint.

Manzara-Stipendium für deutsch-türkische Kreative.

Zwei Monate im Herzen von Istanbul leben und arbeiten. Im quirligen Stadtteil Galata. Ein Freund macht es möglich. Erdoğan Altındiş, Deutsch-Türke, Architekt, Künstler und jetzt Heimkehrer, hat ein Stipendium für deutsch-türkische Kreative für einen zweimonatigen Aufenthalt ausgeschrieben:

Bewerben können sich alle deutsch-türkischen Bildenden Künstler, Medienkünstler, Schriftsteller, Journalisten, Filmemacher, Musiker sowie freie kreative “Köpfe”, die einen Migrationshintergrund haben und deren Arbeit einen Bezug zum Thema “Leben in zwei Kulturen” hat. 
Die Ausschreibung richtet sich an Deutschtürken, die bereits eine gewisse öffentliche Anerkennung erfahren haben und sich in ihrem Arbeitsprozess mit ihren Wurzeln auseinandersetzen möchten.

Alles weitere finden Interessenten auf der Webseite zum Stipendium.

Erdoğan Altındiş engagiert sich nicht nur stark für die Kulturmetropole und seine Künstler, er vermietet auch wochenweise wunderschöne Dachgeschosse und Penthäuser mit fantastischen Ausblicken auf den Bosporus und die Skyline von Istanbul. Ich selber hatte schon mal das Vergnügen 2010 dort zu wohnen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn der Hinweis auf das Stipendium kräftig weiterverbreitet werden würde.

Berthas Reise nach Konstantinopel

Bei dieser kleinen Randnotiz von Merlix über Urgrossväter kommen mir Erinnerungen und Erzählungen meiner Eltern an längst vergangene Zeiten. Zeiten, von denen hier und in Europa keiner mehr etwas wirklich noch weiss. Eine Marginalie der Historiker vielleicht.

Ich hätte gerne einen Grossvater gehabt, geschweige denn einen Urgrossvater. Ich habe sie leider verpasst. Oder sie mich. Eine Frage der Perspektive. Als einziges und sehr spätes Kind von zwei jüngsten Geschwistern war es mir nicht vergönnt. Aber Grossmütter sind auch nicht schlecht. Ich habe sie in guter Erinnerung. Beide hatten goldene Damen-Taschenuhren an goldenen Ketten, mit denen ich gespielt habe, als ích auf deren Schoss sass.

Ich habe übrigens vor einigen Jahren das Tagebuch meiner schwedischen Grossmutter wiedergefunden, aus dem Jahr 1955. Darin beschreibt sie ihre Reise aus der tiefsten und dunkelsten schwedischen Provinz per Frachtschiff nach Istanbul, um ihre Tochter, also meine Mutter, mich, meinen Vater und ihre merkwürdige Verwandtschaft im Orient zu besuchen, Eine Frau, die nie vorher oder später je etwas geschrieben hat. Ihre erste Reise aus dem Drei-Häuser-Dorf. Es gibt auch schöne Fotos aus dieser Zeit. Ich muss sie mal wieder herauskramen. Meine Mutter als eine grosse, schlanke, blonde Schönheit mit meinem Vater mit schwarzen gegelten Haaren und einem Menjou Bärtchen, ein sehr eleganter und gutaussehender Mann. Meine Grossmutter daneben, verschmitzt lächelnd und wie Grossmütter eben so aussehen. Und dazwischen ich in kurzen Hosen und Hosenträgern. Dann kam wenige Tage später die Katastrophe in der Nacht zum 6./7. September 1955. Alles brach zusammen. Die kleine Textil-Fabrik meiner Mutter ging in Flammen auf. Seitdem bin ich in der Diaspora. Oder Gurbet wie es auf türkisch heisst. Sitze immer noch auf gepackten Koffern. Im Herzen bin ich jedoch angekommen.

Berthas Reise nach Konstantinopel. Ihre goldene Uhr, die sie von meinem Grossvater zur Hochzeit bekommen hat, habe ich noch.

Hagia Sophia – Kathedrale und Moschee

207_253_hagia_sophiaAbbildung: Hagia Sophia, Lithographie der Gebrüder Fossati, „Aya Sofia Constantinople“, London 1852, pl. 25 (Athens Gennadeios Library) digital wieder aufgelegt bei Octavo Editions.

Die Hagia Sophia in Istanbul ist einer der weltweit majestätischsten Denkmäler der sakralen Architektur. Sie war lange Zeit die grösste christliche Kathedrale der Welt. Eine orthodoxe Basilika. Erbaut 537 vom byzantinischen Kaiser Justinian wurde sie nach der Eroberung der Stadt 1453 von den türkischen Osmanen als Moschee umgestaltet und um vier Minarette und einige Nebenbauten erweitert. Heute ist sie nach der Gründung der Republik 1923 ein Museum. Sie liegt prächtig zwischen dem Goldenen Horn, dem Bosphorus und dem Marmara-Meer gut sichtbar auf einem der Hügel Istanbuls. Ihre grosse abgeflachte Kuppel war das spätere Vorbild für die grossen imperialen Baumeister des Osmanischen Reiches, wie für den grossen Architekten Sinan, Erbauer der berühmtesten grossen Moscheen und Paläste des 16. Jahrhunderts . Die Hagia Sophia symbolisiert durch ihre Geschichte wie kein zweites Gebäude die Befruchtung zwischen Oxident und Orient. Aber auch zwischen dem arabischen Nordafrika und dem slawischen Kulturraum im Norden. Bis heute ist in Istanbul übrigens immer noch der Sitz des Metropoliten, des Oberhaupts der griechisch-orthodoxen Kirche.

Interessanterweise gibt es auch ein berühmtes Gegenstück zur Hagia Sophia, am anderen Ende des Mittelmeeres: Die Mezquita de Córdoba, die von einer islamischen Moschee (erbaut 784) in eine christliche Kathedrale (1236) umgewandelt wurde. Dabei hat man ihr einen Glockenturm hinzugefügt. Auch sie steht für die wechselvolle Geschichte zwischen Muslimen und Christen. Ich würde sie sehr gerne einmal besuchen eines Tages.

Ich bin stolz, genau an diesem Schnittpunkt der Kulturen geboren zu sein. Meine Heimatstadt ist Byzanz, Konstantinopel und Istanbul gleichermassen. Einer der ältesten noch bestehenden Städte der Welt mit über 2.500 Jahren ununterbrochener Geschichte, die heute noch spürbar ist. Stadt der Begegnung zwischen Ost und West. Nord und Süd. Heute, Gestern und Morgen. Stadt der Völker. Stadt der Verständigung der Kulturen, Sprachen und Religionen. Stadt der Toleranz. Das hat mich in meiner Haltung geprägt wie keine andere Stadt.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Deutsche Schule Istanbul

Von der Deutschen Schule Istanbul aus kann man die Altstadt Istanbuls und den Bosporus sehen. [Quelle Text und Foto: Wikipedia]

Meine Schule von der fünften bis zur zehnten Klasse. Ein Intermezzo zwischen unserer ersten und zweiten Zeit in Deutschland. Was Erziehung und Herzensbildung angeht waren das meine vielleicht prägnantesten Jahre. Ich bin bis heute mit vielen aus meiner damaligen Klasse noch gut befreundet.

Es war eine Stadt und eine Gesellschaft, die es heute nicht mehr gibt. Sie scheint fast spurenlos verschwunden zu sein. Die Strassen und Plätze, die Uferpromenaden und die weiten offenen Flächen, wo noch Schafe grassten, die vielen Bazare in den Gassen, die dunklen Strassenhäuser aus Holz mit den weissen Gardinen, die schattigen Maulbeerbäume mit weissen oder violetten Früchten im Spätsommer, das flaschentürkisfarbene Wasser des Bosporus, die vielen kleinen Fischerboote im Morgengrauen, die alten kohlebetriebenen Fähren, die unzähligen Strassenhändler, die jeder zu ihrer Tages- und Nachtzeit mit ihren jeweils charakteristischen Rufen in den Häuserschluchten ihre Waren anpriesen, die nach Flieder duftenden Gärten, all das gibt es nicht mehr. Und auch die Menschen, das Leben und ihre Kultur nicht mehr. Vielleicht war das ganze auch nur der Traum eines Heranwachsenden.

Tee auf der Bosporus Fähre

cayEs gibt Tage wie diesen, da möchte ich einfach auf einer der Holzbänke auf dem Achterdeck einer der alten Fähren sitzen, halbsteuerbord mit Blick auf die europäische Seite, den Kragen hochgeklappt, den Wind im Haar und vom Anleger „Eminönü“ unten in der Altstadt losfahren nach Norden, vorbei an der Galatabrücke, nach „Dolmabahce“ und „Ortaköy“ und dann weiter im Zickzack-Kurs zwischen Europa und Asien, vorbei an den Stadtteilen, alten Moscheen und gebrechlichen Holzvillen aus der Sultanszeit, die man am ausgestreckten Arm fast zu berühren glaubt in den Kurven der Meerenge, immer weiter nach Norden, unter den grossen Spannbrücken durch, wo die Stadt langsam immer ländlicher und grüner wird, von Anleger zu Anleger, wo jedesmal immer eine andere Gruppe fliegender Händler zusteigt, die im Wechsel, Jogurt, Süssigkeiten, Minzbonbons oder Gebäck den Reisenden anbieten, ein Glas heissen ungezuckerten schwarzen Tee in der Hand, immer weiter im zickzack, mit kurzen Pausen an den Anlegern, zwischen denen sich die schwere Fähre in den Abschnitten auf dem offenen Wasser gelegentlich abwechselnd je nach Wind sanft in die eine oder andere Richtung neigt, immer weiter, wo sich der Bosporus öffnet und man das Schwarze Meer schon ahnen kann, fast riechen, bis zur letzten Haltestelle „Anadolu kavagi“, um dort auszusteigen, einige wankende Schritte auf dem ungewohnt festen Boden zu gehen, bis zu den kleinen einfachen Restaurants, dort draussen auf den wackeligen Stühlen und Tischen zu sitzen, bei einem frisch gegrillten Barbunya mit Salat und vielleicht einem Duble, einem Raki mit beigestellter kleinen Karaffe mit Eis und Wasser, auf die wartende Fähre zu schauen und sie ohne mich zurückfahren zu sehen. Es gibt solche Tage. Heute ist so einer.