Istanbul: Das nächste große Erdbeben..

Es verdichten sich die Anzeichen, dass Istanbul Opfer eines sehr schweren Erdbebens der Größe 7+ innerhalb der kommenden 24-36 Monate sein könnte. Praktisch keines der Gebäude in der Stadt ist erdbebensicher. Zwei mächtige Brücken überspannen zudem den Bosporus. Ein großer Bahntunnel durchquert die Meerenge.

Die Verwerfung am Riss wäre 2-3 Meter. Die Vorwarnzeiten wären etwa 2-6 Sekunden für die Bevölkerung. Also praktisch keine. Die Hauptspalte / Verwerfung verläuft etwa 20 km südlich der Innenstadt im Marmarameer.

Ich hatte einige Male schon einige leichte Beben erlebt während meiner Schulzeit. Kein gutes Gefühl. Direkt unheimlich. Hörte und fühlte sich an wie eine unterirdische U-Bahn. Damals gab es aber keine in der 15 Millionen Stadt.

Es gibt auf der asiatischen Seite in den Hügeln eine sehr gut ausgestattete Erdbebenstation unter deutscher Leitung und deutschen  Wissenschaftlern.

Hoffen wir, dass trotzdem alles glimpflich ausgeht. Inschallah!

Türkei: Was war; was ist.

Meine Mutter hatte mir damals als kleiner Steppke in Istanbul eingschärft, auf der Strasse und im Bus auf dem Weg zur und von der Schule nicht öffenlich über politische Themen zu sprechen. Man wisse nicht, wer neben einem stehe oder gehe und lange Ohren mache. Zwielichtige Figuren hörten mit.

Es ist jetzt dort schon wieder soweit: Denunziaten, Spitzel und Geheimestaatspolizei haben dort schon wieder Hochkonjunktur. Die Gefängnisse sind voll.

Deutsch-Türken seien alle vor einer Reise dorthin eindringlich gewarnt. Die Türkei ist ein paranoider Denunzianten- und Polizeistaat geworden. Freizügiges und offenes Reden und Schreiben ist höchst gefährlich.

Bei Doppelstaatlern wird die deutsche Botschaft und die deutschen Sicherheitskräfte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht helfen können und nicht helfen werden. Bei der Einbürgerung haben diese Eingebürgerten das höchstwahrscheinlich auch schon die Kenntnisnahme schriftlich in einem gesonderten Dokument den deutschen Behörden mit ihrer Unterschrift quittiert.

Ach, Willy..

Der deutsche Politiker, der mich wahrscheinlich am meisten beeinflußt hat, war Willy Brandt. Ich bin ihm sogar einmal persönlich begegnet.

Als Außenminister hatte er Ende der sechziger Jahre meine Schule besucht, die Deutsche Schule Istanbul. Ich durfte ihm damals als Schüler der neunten Klasse, die Hand geben. Ein freundlicher Mann mit hochrot sonnenverbranntem Gesicht. Und hochnervösen deutschen Sicherheitsbeamten.

Später in Deutschland bin ich dann nach dem Abitur auf „Willy muß bleiben“ Demos mit Spontis und Kommunisten gemreinsam marschiert.

Heute ist die SPD ganz weit weg von diesen Zeiten. Heute sehe ich meist nur noch aalglatte Parteikarrieristen. Die, die Geschichte nicht erlebt und erlitten haben. Schade eigentlich. Die Kernidee der SPD finde ich immer noch richtig und wahr: Soziale Gerechtigkeit. Ich finde sie allerdings heute eher links von der SPD – und links von der GroKo.

Die Menschen, die die Sozialdemokratie durch ihre eigene Geschichte geprägt haben, die gibt es in der Partei nicht mehr an den Schaltstellen.

Aber vielleicht habe ich das alles auch nur überlebt. Wer weiß.

Hass macht hässlich.

​Die Türkei ist ein freudloses Land geworden.

Bisher kannte ich die Türken als friedfertige und oft ernste Menschen. Manchmal auch etwas pathetisch, wenn die Sprache auf ihr Land und seine Geschichte kam. Immer gerne in Gesellschaft von Familie und Freunden am gut gedeckten Tisch, oft abends mit einer Flasche Rakı. Immer gastfreundlich und großzügig gegenüber Fremden.

Doch das ist Geschichte. So erscheint es mir mittlerweile. Nicht nur der härtere Überlebenskampf, sondern vor allem auch der Hass, der im Land geschürt wird gegen alle und jeden, der nicht dem Präsidenten gefällt. Gegenüber Kurden, Aleviten, Linke, Schwule, Juden, Armeniern, Christen, mittlerweile auch syrischen Flüchtligen und vielen anderen, die in ihrem Bild von der Norm abweichen.

Die Menschen sind aggressiv geworden. Und sehr misstrauisch. Nicht nur im Heimatland, sondern auch in Deutschland werden die Tūrken systematisch im Hass des Präsidenten und seiner Leute instrumentalisiert. In organisierten Aufzügen und Kundgebunhen, erkenne ich die in ihrem Hass nicht mehr wie aus den vertrauten Menschen ein unkontrollierbarer Mob voller Hass geworden ist. Hässlich. Der Führer vergiftet dieses Land. Das ist ein schleichender Prozess, der schon länger läuft und das Land bis zur Unkenntlichkeit verändert – wie ich es empfinde.

Die Türkei, die ich kenne, gibt es nicht mehr. Istanbul, diese großartige Stadt, die in 2.500 Jahren gewachsen ist, historisches Vielkulturengemisch aus Byzantion, Byzanz, Konstantinopel, das Vielvölkergemisch aus dem ganzen Orient und Europa.. ist verschwunden in Hass und Ignoranz.

Hass macht hässlich.

Nun Haymatlos.

Fanatischer, nationalistisch-relgiöser Wahn. (Update)

So schwer es mir auch fällt, ich rate gegenwärtig von Urlaubsreisen in die Türkei oder von Städtetrips nach Istanbul ab. Solange dieses Regime an der Macht ist.

Mir ist nicht klar, wie sich dieser von RTE und AKP entfachte fanatische national-religiöse Wahn weiter entwickeln wird. Durchaus möglich, dass dieser Wahn umkippt in Gewalt.

Heute kam die Nachricht, dass an meiner alten, ehrwürdigen Deutschen Schule in Istanbul das Thema „Weihnachten“ im Unterricht tabu ist. Ich war fast fünf Jahre dort Schüler. Die Schule wurde 1868 gegründet und gehört zu den renommiertesten Eliteschulen in der Türkei. Das Verbot kam zunächst völlig überraschend. Dieses Verbot ist do abstrus wie die Gedankengänge der Machthaber. Ist das der Anfang einer Abkehr von der säkularen Schulbildung?

Es mehren sich langsam die Anzeichen, dass ein fanatischer, nationalisch-religiöser Wahn aus unterschiedlichen Richtungen in der Türkei anrollen kann.

Das war schon mal am 6./7. September 1955 beim sogenannten „Progrom von Istanbul“ der Fall. Never forget.

Das war der Anlaß,  aus dem meine Eltern mit mir nach Europa weg gegangen sind. In dieser Nacht hatten sie ihre gesamte Existenz verloren. Ihre kleine Textilfabrik, die sie mühsam aufgebaut hatten, ging während dieses Progroms in Flammen auf und mein Vater sah noch, wie die Nähmaschine durch die Scheiben geworfen wurden.

In dieser Nacht hatten meine Eltern ihre komplette Existenz verloren. Türkische Kristallnacht.

Das kann gegenwärtig jederzeit wieder geschehen. Wenn der Mob einmal in Bewegung gerät.. RTE neigt ja stark dazu seine Anhänger zu mobilisieren und auf die Strasse zu bringen.

[Edit: 19.12.2016 15:40]

Der Streit ist wohl beigelegt. Der ursprüngliche Ausgangsartikel bei Spiegel Online war sehr verwirrend schlecht geschrieben. Ich hatte die Schule mit meiner „Deutschen Schule Istanbul“ verwechselt. Es ging jedoch um die andere staatliche Schule „Istanbul Erkek Lisesi“. Ziemlicher Unterschied. In den Berichten war nur die Rede von der deutschsprachigen „Istanbul Lisesi“, was ungenau und falsch ist.

Der Schleier über Istanbul.

Das einst weltoffene, quirlige, liberale, multikulturelle, kreative Istanbul verblasst und schwindet langsam.

Erst fast tot saniert und in Teilen stark gentrifiziert zu einer der teuersten Städte der Welt für ihre Bürger. Jetzt das öffentliche und private Leben und die Schulen binnen kurzer Zeit zunehmend reglementiert und islamisiert.

Der legendäre Hüzün von Istanbul, diese bittersüße Melancholie der Metropole am Bosporus, weht jetzt das ganze Jahr durch alle Straßen, Viertel, über alle Menschen und legt sich jetzt wie ein schwarzer Schleier auf die Schöne.

Ich höre dich nicht mehr, mein Istanbul – wie einst Orhan Veli. Ich sehe dich nicht mehr.

Aber das Leben und die Liebe sind stärker. Sie werden wieder kommen.

Quiddje oder Butter bei die Fische.

Ich bin Quiddje und lebe mit weitem Abstand schon länger in Hamburg als die meisten hier Gebürtigen und Geborenen an Lebensjahren haben. Von fast allen Hamburgern in Facebook ganz zu schweigen. In der Summe sind es mehr als ein halbes Jahrhundert vor Ort. Sogar länger als unser verehrter Herr Erster Bürgermeister in Hamburg ist. Also kann ich mich durchaus mit einigem Recht Hamburger nennen. Auch wenn meine Eltern jeweils aus den entgegensätzlichsten und entferntesten hinteren Ecken aus Europa kamen, meine Mutter aus einem klitzekleinen schwedischen Dorf genau an der norwegischen Grenze und mein Vater aus einer tükischen Hafenstadt fast an der Grenze nach Georgien, und ich genau wenige hundert Meter von der geografischen Grenze zwischen Europa und Asien zur Welt gekommen bin, genau am Ufer des Bosporus im amerikanischen Krankenhaus in Istanbul. Und Hamburger Lokalpatriot bin ich sowieso. Soviel zum Quiddje. Als Kind habe ich sogar Hamburger Missingsch gesprochen. Also, und nu Butta bei die Füsche!

Da hat jeder Einzelne seine individuelle Biografie und seinen weiteren Lebensweg. Seine Wurzeln und die ursprüngliche Sozialisierung wird man aber dabei nie vergessen. Heimat, Zuhause, Lebensmittelpunkt sind dabei schwierige und changierende Begriffe und Gefühle. Ein Rest des eigenen Ursprungs wird wohl bleiben. Knapp 20% der Bevölkerung der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Weit mehr sind es in Grossbritannien, soweit ich weiss. Dieser Post ist aus einem Gespräch mit Armin Grewe entstanden, der schon lange als gebürtiger Deutscher und knapp Bremer in Großbritannien lebt und arbeitet und der sich spiegelbildlich in einer ähnlichen Situation wie ich befindet.