Fanatischer, nationalistisch-relgiöser Wahn. (Update)

So schwer es mir auch fällt, ich rate gegenwärtig von Urlaubsreisen in die Türkei oder von Städtetrips nach Istanbul ab. Solange dieses Regime an der Macht ist.

Mir ist nicht klar, wie sich dieser von RTE und AKP entfachte fanatische national-religiöse Wahn weiter entwickeln wird. Durchaus möglich, dass dieser Wahn umkippt in Gewalt.

Heute kam die Nachricht, dass an meiner alten, ehrwürdigen Deutschen Schule in Istanbul das Thema „Weihnachten“ im Unterricht tabu ist. Ich war fast fünf Jahre dort Schüler. Die Schule wurde 1868 gegründet und gehört zu den renommiertesten Eliteschulen in der Türkei. Das Verbot kam zunächst völlig überraschend. Dieses Verbot ist do abstrus wie die Gedankengänge der Machthaber. Ist das der Anfang einer Abkehr von der säkularen Schulbildung?

Es mehren sich langsam die Anzeichen, dass ein fanatischer, nationalisch-religiöser Wahn aus unterschiedlichen Richtungen in der Türkei anrollen kann.

Das war schon mal am 6./7. September 1955 beim sogenannten „Progrom von Istanbul“ der Fall. Never forget.

Das war der Anlaß,  aus dem meine Eltern mit mir nach Europa weg gegangen sind. In dieser Nacht hatten sie ihre gesamte Existenz verloren. Ihre kleine Textilfabrik, die sie mühsam aufgebaut hatten, ging während dieses Progroms in Flammen auf und mein Vater sah noch, wie die Nähmaschine durch die Scheiben geworfen wurden.

In dieser Nacht hatten meine Eltern ihre komplette Existenz verloren. Türkische Kristallnacht.

Das kann gegenwärtig jederzeit wieder geschehen. Wenn der Mob einmal in Bewegung gerät.. RTE neigt ja stark dazu seine Anhänger zu mobilisieren und auf die Strasse zu bringen.

[Edit: 19.12.2016 15:40]

Der Streit ist wohl beigelegt. Der ursprüngliche Ausgangsartikel bei Spiegel Online war sehr verwirrend schlecht geschrieben. Ich hatte die Schule mit meiner „Deutschen Schule Istanbul“ verwechselt. Es ging jedoch um die andere staatliche Schule „Istanbul Erkek Lisesi“. Ziemlicher Unterschied. In den Berichten war nur die Rede von der deutschsprachigen „Istanbul Lisesi“, was ungenau und falsch ist.

Der Schleier über Istanbul.

Das einst weltoffene, quirlige, liberale, multikulturelle, kreative Istanbul verblasst und schwindet langsam.

Erst fast tot saniert und in Teilen stark gentrifiziert zu einer der teuersten Städte der Welt für ihre Bürger. Jetzt das öffentliche und private Leben und die Schulen binnen kurzer Zeit zunehmend reglementiert und islamisiert.

Der legendäre Hüzün von Istanbul, diese bittersüße Melancholie der Metropole am Bosporus, weht jetzt das ganze Jahr durch alle Straßen, Viertel, über alle Menschen und legt sich jetzt wie ein schwarzer Schleier auf die Schöne.

Ich höre dich nicht mehr, mein Istanbul – wie einst Orhan Veli. Ich sehe dich nicht mehr.

Aber das Leben und die Liebe sind stärker. Sie werden wieder kommen.

Quiddje oder Butter bei die Fische.

Ich bin Quiddje und lebe mit weitem Abstand schon länger in Hamburg als die meisten hier Gebürtigen und Geborenen an Lebensjahren haben. Von fast allen Hamburgern in Facebook ganz zu schweigen. In der Summe sind es mehr als ein halbes Jahrhundert vor Ort. Sogar länger als unser verehrter Herr Erster Bürgermeister in Hamburg ist. Also kann ich mich durchaus mit einigem Recht Hamburger nennen. Auch wenn meine Eltern jeweils aus den entgegensätzlichsten und entferntesten hinteren Ecken aus Europa kamen, meine Mutter aus einem klitzekleinen schwedischen Dorf genau an der norwegischen Grenze und mein Vater aus einer tükischen Hafenstadt fast an der Grenze nach Georgien, und ich genau wenige hundert Meter von der geografischen Grenze zwischen Europa und Asien zur Welt gekommen bin, genau am Ufer des Bosporus im amerikanischen Krankenhaus in Istanbul. Und Hamburger Lokalpatriot bin ich sowieso. Soviel zum Quiddje. Als Kind habe ich sogar Hamburger Missingsch gesprochen. Also, und nu Butta bei die Füsche!

Da hat jeder Einzelne seine individuelle Biografie und seinen weiteren Lebensweg. Seine Wurzeln und die ursprüngliche Sozialisierung wird man aber dabei nie vergessen. Heimat, Zuhause, Lebensmittelpunkt sind dabei schwierige und changierende Begriffe und Gefühle. Ein Rest des eigenen Ursprungs wird wohl bleiben. Knapp 20% der Bevölkerung der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Weit mehr sind es in Grossbritannien, soweit ich weiss. Dieser Post ist aus einem Gespräch mit Armin Grewe entstanden, der schon lange als gebürtiger Deutscher und knapp Bremer in Großbritannien lebt und arbeitet und der sich spiegelbildlich in einer ähnlichen Situation wie ich befindet.

Wie meine Eltern sich kennengelernt hatten.

Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.  Das haben mir meine beiden Eltern unabhängig voneinander immer wieder erzählt.  Eine für damalige Zeiten ungewöhnliche Romanze zweier Menschen unterschiedlichster Herkunft und Geschichte. Aus dieser schicksalhaften Begegnung bin ich dann viel später als deren einziges Kind hervorgegangen.

Cem etwa 4 Jahre alt in HamburgIhre Ehe hielt 53 Jahre lang treu und ergeben, mit allen Höhen und Tiefen des Lebens, bis zum Tod meines Vaters. In den schlechten Zeiten haben sie  bedingungslos zueinander gehalten, um die Herausforderungen Schulter an Schulter zu bewältigen. Und es gab viele schlechte Zeiten. In guten Zeiten haben sie das Leben Arm in Arm genossen. Sie haben gemeinsam gelebt, zusammen gearbeitet und gleichberechtigt den Haushalt geführt. Ich kenne sie nur, wie sie alles zusammen gemacht haben. Selten waren sie mal wegen Beruf oder Krankheit getrennt. Bis zum Schluss war es eine Ehe voller Respekt voreinander und aufopferungsvoller Liebe füreinander. Mich haben sie überallhin mitgenommen. Das alles hat mich bis heute geprägt. Das habe ich erst in den späten Jahren verstanden.  (Foto: Ich mit etwa 4 Jahren in Hamburg)

Doch wie sind sie sich damals zum ersten Mal begegnet?

Im Frühjahr 1945 war mein Vater nach einer langen Schiffsreise von Istanbul, im Zickzackkurs durchs Mittelmeer, über den Nordatlantik, der Englische Kanal war ja noch vermint, in Göteborg angekommen. Während seiner Passage, auf der Höhe von Nord-Schottland, wurde das Kriegsende ausgerufen.

Sein Vater, mein Großvater Kitabi Hamdi Efendi, hatte seinen jüngsten Sohn nach Schweden geschickt, um für das Familienunternehmen in der Türkei Handelsware einzukaufen. Kameras, Radios, technische Geräte. Europa lag in Schutt und Asche und nur ganz wenige neutrale Länder auf dem Kontinent wie Schweden, waren noch intakt und hatten eine funktionierende Industrie. Die Türkei war ebenfalls nicht in die aktiven Kriegshandlungen im Zweiten Weltkrieg verwickelt. Im Gegenteil, sie war Zufluchtsort für für sehr viele Immigranten aus den Kriegswirren, darunter auch sehr viele Deutsche, die teilweise bis heute seit Generationen im Land leben.

Nach einigen abenteuerlichen Monaten in Göteborg und voller Anekdoten, die er später immer gerne zum besten gab, lud ein neuer Bekannter aus der Hafenstadt meinen Vater nach Stockholm zu einer öffentlichen Silvesterfeier ein. Die Party muss grandios gewesen sein, die erste große Feier nach Kriegsende. Es wurde ausgelassen zu Swing getanzt, getrunken und gegessen.

Punkt Mitternacht stoppte aber die Musik und der Tanz, alle sprangen auf und sangen die schwedischen Nationalhymne. Und da mein Vater die Nationalhymne nicht kannte und nicht mitsingen konnte, schaute er sich einfach um und die Leute an, freute sich mit ihnen. In dem Moment, während alle noch inbrünstig sangen, fiel sein Blick auf ein junges blondes Mädchen mit großen blauen Augen, meine spätere Mutter. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Er forderte sie gleich zum ersten Tanz im neuen Jahr auf. Und sie tanzten alle weiteren Tänze zusammen. Kismet.

Britta 1946 mit 24 JahrenAuch sie muss in dieser Stimmung ihm verfallen gewesen sein. Ein einfaches junges Mädchen vom Lande, Mitte Zwanzig. sehr schön und schlank, Zahnarzthelferin beim Hofzahnarzt des Königs Gustav V.  Mein Vater, Mitte Dreißig, dunkle Haare, dunkle Augen, elegant und drahtig, Abendanzug und Menjou-Bärtchen. Ein geschmeidiger Tänzer.  (Foto: Meine Mutter 1946 mit 24 Jahren)

Sie blieben das ganze Jahr über zusammen. Es gibt viele schöne Fotos aus dieser Zeit. Sie beschlossen zu heiraten. Mein Vater reiste zurück nach Istanbul und fragte seinen Vater, ob er einverstanden sei. Er willigte als aufgeklärter demokratischer Orientale und Patriarch sofort und ohne jegliche Bedenken ein. Frisches Blut sei gut und willkommen, soll mein Großvater damals gesagt haben. Meine Mutter, als praktische Schwedin, ging ihrerseits zum schwedischen Auswanderungswerk. Auch sie sollen keine Bedenken gehabt haben.

Sie heirateten am 8. August 1947 in Istanbul. Meine Mutter ist von der türkischen Familie mit offenen Armen aufgenommen worden. Sie wurde im Laufe der Zeit mehr und mehr eine Osmanin und Istanbulerin, ohne ihre Herkunft zu leugnen. Die letzten Jahrzehnte war sie die respektierte Familienälteste, zu der alle mit ihren Nöten und Sorgen kamen. Sie war eine warmherzige und praktische Frau.  (Foto: Hochzeitsfoto meiner Eltern 1947 in Istanbul, Auf dem Ball 1948/49 ebenda)

Gestern ist nun auch sie von mir gegangen.

Hochzeit Istanbul 1947Ich vermisse beide sehr. Meine Mutter und mein Vater haben ein gemeinsames Leben geführt und eine Liebe gelebt, dass es heute vielleicht so nicht mehr gibt. Mir fehlt ihre Herzenswärme. Das ist meine Heimat, die mir fehlt. Ich kann dieses Gefühl und den Stab nur meinen drei Söhnen für ihre Leben weitergeben. Wenn ich sie mir anschaue und erlebe, haben sie es auch angenommen. Liebe. Nähe, Wärme, Mitgefühl. Das ist mein einziges wahres Erbe an sie drei.

Wir sind für unsere Kinder immer Vater oder Mutter unser ganzes Leben lang. Für die Kinder ihrerseits auch nach unserem eigenen Tod deren ganzes Leben lang. Wir leben in ihnen weiter, durch ihre Erinnerungen und Geschichten.

Britta und Sami. Allah rahmet eylesin. Mekanları cennet olsun, inşallah. Ruht gemeinsam in Frieden. Jetzt wieder vereint.

Manzara-Stipendium für deutsch-türkische Kreative.

Zwei Monate im Herzen von Istanbul leben und arbeiten. Im quirligen Stadtteil Galata. Ein Freund macht es möglich. Erdoğan Altındiş, Deutsch-Türke, Architekt, Künstler und jetzt Heimkehrer, hat ein Stipendium für deutsch-türkische Kreative für einen zweimonatigen Aufenthalt ausgeschrieben:

Bewerben können sich alle deutsch-türkischen Bildenden Künstler, Medienkünstler, Schriftsteller, Journalisten, Filmemacher, Musiker sowie freie kreative “Köpfe”, die einen Migrationshintergrund haben und deren Arbeit einen Bezug zum Thema “Leben in zwei Kulturen” hat. 
Die Ausschreibung richtet sich an Deutschtürken, die bereits eine gewisse öffentliche Anerkennung erfahren haben und sich in ihrem Arbeitsprozess mit ihren Wurzeln auseinandersetzen möchten.

Alles weitere finden Interessenten auf der Webseite zum Stipendium.

Erdoğan Altındiş engagiert sich nicht nur stark für die Kulturmetropole und seine Künstler, er vermietet auch wochenweise wunderschöne Dachgeschosse und Penthäuser mit fantastischen Ausblicken auf den Bosporus und die Skyline von Istanbul. Ich selber hatte schon mal das Vergnügen 2010 dort zu wohnen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn der Hinweis auf das Stipendium kräftig weiterverbreitet werden würde.

Berthas Reise nach Konstantinopel

Bei dieser kleinen Randnotiz von Merlix über Urgrossväter kommen mir Erinnerungen und Erzählungen meiner Eltern an längst vergangene Zeiten. Zeiten, von denen hier und in Europa keiner mehr etwas wirklich noch weiss. Eine Marginalie der Historiker vielleicht.

Ich hätte gerne einen Grossvater gehabt, geschweige denn einen Urgrossvater. Ich habe sie leider verpasst. Oder sie mich. Eine Frage der Perspektive. Als einziges und sehr spätes Kind von zwei jüngsten Geschwistern war es mir nicht vergönnt. Aber Grossmütter sind auch nicht schlecht. Ich habe sie in guter Erinnerung. Beide hatten goldene Damen-Taschenuhren an goldenen Ketten, mit denen ich gespielt habe, als ích auf deren Schoss sass.

Ich habe übrigens vor einigen Jahren das Tagebuch meiner schwedischen Grossmutter wiedergefunden, aus dem Jahr 1955. Darin beschreibt sie ihre Reise aus der tiefsten und dunkelsten schwedischen Provinz per Frachtschiff nach Istanbul, um ihre Tochter, also meine Mutter, mich, meinen Vater und ihre merkwürdige Verwandtschaft im Orient zu besuchen, Eine Frau, die nie vorher oder später je etwas geschrieben hat. Ihre erste Reise aus dem Drei-Häuser-Dorf. Es gibt auch schöne Fotos aus dieser Zeit. Ich muss sie mal wieder herauskramen. Meine Mutter als eine grosse, schlanke, blonde Schönheit mit meinem Vater mit schwarzen gegelten Haaren und einem Menjou Bärtchen, ein sehr eleganter und gutaussehender Mann. Meine Grossmutter daneben, verschmitzt lächelnd und wie Grossmütter eben so aussehen. Und dazwischen ich in kurzen Hosen und Hosenträgern. Dann kam wenige Tage später die Katastrophe in der Nacht zum 6./7. September 1955. Alles brach zusammen. Die kleine Textil-Fabrik meiner Mutter ging in Flammen auf. Seitdem bin ich in der Diaspora. Oder Gurbet wie es auf türkisch heisst. Sitze immer noch auf gepackten Koffern. Im Herzen bin ich jedoch angekommen.

Berthas Reise nach Konstantinopel. Ihre goldene Uhr, die sie von meinem Grossvater zur Hochzeit bekommen hat, habe ich noch.

Hagia Sophia – Kathedrale und Moschee

207_253_hagia_sophiaAbbildung: Hagia Sophia, Lithographie der Gebrüder Fossati, „Aya Sofia Constantinople“, London 1852, pl. 25 (Athens Gennadeios Library) digital wieder aufgelegt bei Octavo Editions.

Die Hagia Sophia in Istanbul ist einer der weltweit majestätischsten Denkmäler der sakralen Architektur. Sie war lange Zeit die grösste christliche Kathedrale der Welt. Eine orthodoxe Basilika. Erbaut 537 vom byzantinischen Kaiser Justinian wurde sie nach der Eroberung der Stadt 1453 von den türkischen Osmanen als Moschee umgestaltet und um vier Minarette und einige Nebenbauten erweitert. Heute ist sie nach der Gründung der Republik 1923 ein Museum. Sie liegt prächtig zwischen dem Goldenen Horn, dem Bosphorus und dem Marmara-Meer gut sichtbar auf einem der Hügel Istanbuls. Ihre grosse abgeflachte Kuppel war das spätere Vorbild für die grossen imperialen Baumeister des Osmanischen Reiches, wie für den grossen Architekten Sinan, Erbauer der berühmtesten grossen Moscheen und Paläste des 16. Jahrhunderts . Die Hagia Sophia symbolisiert durch ihre Geschichte wie kein zweites Gebäude die Befruchtung zwischen Oxident und Orient. Aber auch zwischen dem arabischen Nordafrika und dem slawischen Kulturraum im Norden. Bis heute ist in Istanbul übrigens immer noch der Sitz des Metropoliten, des Oberhaupts der griechisch-orthodoxen Kirche.

Interessanterweise gibt es auch ein berühmtes Gegenstück zur Hagia Sophia, am anderen Ende des Mittelmeeres: Die Mezquita de Córdoba, die von einer islamischen Moschee (erbaut 784) in eine christliche Kathedrale (1236) umgewandelt wurde. Dabei hat man ihr einen Glockenturm hinzugefügt. Auch sie steht für die wechselvolle Geschichte zwischen Muslimen und Christen. Ich würde sie sehr gerne einmal besuchen eines Tages.

Ich bin stolz, genau an diesem Schnittpunkt der Kulturen geboren zu sein. Meine Heimatstadt ist Byzanz, Konstantinopel und Istanbul gleichermassen. Einer der ältesten noch bestehenden Städte der Welt mit über 2.500 Jahren ununterbrochener Geschichte, die heute noch spürbar ist. Stadt der Begegnung zwischen Ost und West. Nord und Süd. Heute, Gestern und Morgen. Stadt der Völker. Stadt der Verständigung der Kulturen, Sprachen und Religionen. Stadt der Toleranz. Das hat mich in meiner Haltung geprägt wie keine andere Stadt.