Der Tod und seine Kinder.

Eines Tages kam der Christian gar nicht mehr. Wir waren damals in der zweiten Klasse. Alles Jungs. Getrennter Untericht von Jungs und Mädchen. Das war damals noch so. Volksschule hiess es damals auch noch. In einem noblen Stadtteil in Hamburg.

Schon in der ersten Klasse fehlte Christian sehr häufig. Es hieß er sei krank. Wir wußten nicht was er hatte. Unsere Lehrerin Fräulein Harder sprach damals nicht darüber.

Alle Lehrerinnen waren damals Fräuleins. Heirateten sie, mußten sie aus dem Schuldienst susscheiden. So war das Beamtengesetz noch.

Als erwachsener Mann hatte ich sie zufällig wieder gesehen. Mit einer Klasse Grundschüler der gleichen Schule auf der Straße. Sie war sehr alt und füllig geworden. Vielleicht war sie in der Schule auch nur zu besuch, denn die Klasse wurde auch begleitet von zwei jungen Lehrerinnen. Ich zögerte. Ich war auf der anderen Straßeseite. Und ziemlich viel Verkehr dazwischen. Ich sah sie noch alle um die Ecke verschwinden. Dann war es schon zu spät.

Fräulein Harder stellte sich eines Tages kurz vor die Klasse und sagte, dass Christian gestorben war. Er hätte Magenkrebs gehabt. Wir alle schwiegen.. Der Unterricht lief danach einfach weiter. Für uns war es aber ein Schock.

Das war meine allererste Begegnung mit dem Tod. Ich denke öfter mal an Christian. Ein hübscher, sehr aufgeweckter, intelligenter Junge. Weißblond mit einem runden, rosa Gesicht. Wir hatten ihn in der Klasse sehr gern.

Heute ist keine zweihundert Meter von der Schule weiter ein Kinderhospiz. Damals gab es sowas noch nicht. Der lokale Supermarkt sammelt das Geld von den Pfandflaschen und spendet es für das Hospiz.

Jedesmal, wenn ich heute an der Schule oder am Hospiz vorbei gehe, oder wenn ich Schulklassen mit Grundschülern aus meiner Schule sehe, wenn ich morgens zur U-Bahnhaltestelle gehe, muß ich jedesmal unweigerlich an Christian denken.

Throwbackfriday.

Ich bin gerne Vater.

Wenn ich sie beobachte und an ihrem Leben teilnehme, ist es so als ob ich meine eigene Kindheit noch einmal erlebe. Ich kann sie nur noch in den Arm nehmen, für sie da sein, ihnen zuhören und sie auf ihrem Weg unbemerkt begleiten.

Meine letzte Aufgabe.

Deutschland deine Kinder.

Gestern hat die Bundesregierung verkündet, was sie für Kinder und gegen Kinderarmut zu tun gedenkt. Das Ergebnis ist für mich erschreckend:

Schämt euch! Der Sozialstaat in einem der reichsten Länder der Welt mit Rekordsteuereinnahmen. Schämt euch! Das ist schäbig, überhaupt so etwas zu beschliessen und öffentlich groß zu verkünden.. Das ist eine komplette Verarschung!

Zumal das eine Maßnahme gegen Kinderarmut sein sollte. Natürlich kann man das nicht nur allein durch eine Erhöhung des Kindergelds bekämpfen. Das Nettoeinkommen der Eltern muß verbessert werden.

Die Zahl der insbesondere Alleinerziehenden, die trotz Vollzeitbeschäftigung in die Armut rutschen ist rasant. Gerade alleinerziehende Mütter ohne Unterhalt vom Partner.

Der GroKo-Berg gebar eine winzige Spitzmaus. Wieviele Meetings in wievielen Ausschüssen in Begleitung von wievielen Beratern hat diese Entscheidung gekostet? Erbärmlich. Schande.

Da helfen solche homöopathischen Dosen von einigen wenigen Euro natürlich nicht. Ich habe den Eindruck, dass Politiker, die so etwas beschliessen und vollmundig verkünden, keine eigenen Kinder im schulpflichtigen Alter haben oder einfach die Bodenhaftung verloren haben.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Große Koalition mit dieser Einstellung nach der Bundestagswahl 2017 im Oktober noch Bestand haben kann.

Initiative: Kids sicher im Web (Update2)

Kinder gehen heute früher und ungezwungener ins Web als noch vor wenigen Jahren. Mit dem Schulwechsel von der Grundschule in die weiterführenden Schulen, mit Start in die fünften Klassen, fangen sie an, gezielt im Internet zu surfen und aktiv zu werden. Das gehört zum Entdecken der Welt.

Einer der beliebtesten Anlaufpunkte ist schülerVZ. Ist einer aus der Klasse drin, folgen die anderen ziemlich sicher in wenigen Wochen nach. Laut AGB, die sich natürlich keiner der Schüler durchliest, darf schülerVZ nur von Schülerinnen und Schülern ab zwölf (12) Jahren genutzt werden. Das ist in der Praxis graue Theorie. Sie sind alle drin. Für viele der anderen Social Media Plattformen gilt Vergleichbares. Das besorgt viele Eltern ziemlich.

In den letzten Jahren bin ich deswegen häufig von Eltern von Mitschülern meiner zwei jüngeren Söhne angesprochen worden. Was sie teilweise über ihre Kinder erzählt haben, hat mich in einigen Aspekten doch beunruhígt. Meinen Jungs kläre ich ziemlich genau auf über Verhaltensregeln und die Gefahren des Internet für Minderjährige. Doch was teilweise die Eltern mir erzählen, da sträuben sich mir die Haare. Von Mobbing der Lehrer und Kinder bis hin zum Anbaggern durch Erwachsene ist alles drin. Aber auch viel Positives erleben sie. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wie sollen aber Eltern ihren Kindern das Verhalten im Internet beibringen, wenn sie es selber nicht wissen? Kinder brauchen Regeln. Heute ganz besonders auch für den Umgang mit dem Web.

Deshalb wünsche ich mir, dass an den Schulen der sichere und richtige Umgang mit dem Web gelehrt, gelernt und gemeinsam trainiert wird. So wie Verkehrserziehung, Gewaltpräventions-Programme oder auch Sexualkunde-Unterricht. Die Lehrer und Schulen sind inhaltlich und zeitlich mit einem Internet-Training völlig überfordert. Sie werden es nicht leisten können. Die Schulbehörden sind ferner chronisch unterfinanziert und mit sich selber beschäftigt, sodass sie es ebenfalls nicht auf die Reihe bekommen werden. Das Thema ist wichtig und dringlich. Was also tun?

Grundsätzlich müssen drei Aufgaben gelöst werden:

  1. Ein pädagogisches Programm muss zunächst dafür entwickelt werden. Ich denke, dass 2-3 Nachmittage á 2-3 Stunden für ein Training über „Richtiges Verhalten im Web für Kinder im Alter von 12-14“ ab der 5. oder 6. Klasse ausreichen sollte. Eventuell mit einer Nachbesprechung 8-12 Wochen nach dem Training.
  2. „Train the Trainer“ Programme müssen durchgeführt werden. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das nicht nur engagierte Lehrer und Profis sind, sondern dass das auch ein Schülerprojekt der Oberstufen sein kann. Ältere Schüler trainieren junge Schüler. Warum eigentlich nicht? Das spart zudem auch eine Menge Geld.
  3. In dieses Programm müssen alle Interessenvertreter eingebunden werden: Schüler, Eltern, Lehrer, Schulen und die Schulbehörden.

Wer kann so etwas finanzieren? Bei aller Selbsthilfe und bei allen Engagement, Geld braucht man schon dafür etwas. Die Internetbranche sollte das finanzieren: Google, Amazon, Ebay & Co. Sie verdienen am Internet, also sollten sie der Gesellschaft auch ein gewisses Payback in Form solcher Programme leisten. Das ist nicht unrealistisch.

Ich halte ein systematisches Training für „Richtiges Verhalten im Web für Kinder im Alter von 12-14“ für absolut notwendig, sinnvoll und auch finanzierbar. Ich würde mir eine breite Initiative dafür wünschen. Kriegen wir das für den Schluanfang 2010/11 hin? Es ist machbar.

Das ist ein Beispiel für praktische Netzpolitik. Kids sicher im Web.

Update [2009-10-11 09:40]:

Gut wäre als konkrete Massnahme angepasst für Schüler, Eltern, Lehrer, Schulen und die Schulbehörden:

  1. Eine Website mit Verhaltensregeln und Tipps sowie Foren jeweils für Schüler, Eltern, Lehrer und Schulen, um offene Fragen zu diskutieren.
  2. Ein Satz Unterrichtsmaterial und zum Selbststudium zum Herunterladen für die verschiedenen Zielgruppen. Gerne mit Multimedia Material, Links und vielleicht einem kleinen Test oder Quiz.
  3. Verlinkungen auf diese Webseite von den gängingen Webseiten, die Kinder regelmässig besuchen.
  4. Eine Broschüre der Schulbehörden, die an alle Schüler, Eltern und Lehrer verteilt werden kann.
  5. Die Möglichkeit, dass Schüler, Klassen, Eltern und Lehrer an einem Training „Kids sicher im Web“ teilnehmen können.

Finanziert von Staat und Industrie.

Update2 [2009-10-11 13:30]:

Den Schwerpunkt der Initiative „Kids sicher im Web“ sehe ich hier:

  1. Schülern der 5. und 6. Klassen, ihren Eltern und Lehrern das Bewusstsein für Chancen und Risiken des Internet schaffen.
  2. Ihnen grundlegende sichere Verhaltensregeln aufzeigen und einüben.
  3. Den Kindern ein selbstbestimmtes sicheres Handeln im Web auf Basis von Vertrauen zu ermöglichen.