Bearhug Camp (Erste Eindrücke)

Photo: Evan Prodromou erklärt Laconi.ca. Draufklicken zum Vergrösseren. [Some rights reserved, on September 12, 2008, by magerleagues]

Evan Prodromou war ganz klar der Star des Tages beim Bearhug Camp in San Fransisco nach Ansicht der meisten Kommentatoren. Einer meinte sogar, „a class of its own“. Strukturiert, klar, offen, verständlich, menschlich seine Sprache. Kreativ und alle Anwesenden einbeziehend sein Verhalten.

Rund 30 der talentiertesten Köpfe aus dem Valley waren gestern zusammengekommen, um über die Zukunft des Microblogging und des Messaging zu sprechen. Ein echtes Gipfeltreffen der Experten. Etwa 1.500 Interessierte waren weltweit online live dabei, haben sich parallel in diversen Kommunikationskanälen über die Diskussionen ausgetauscht und konnten per Chat oder Microblogging die Teilnehmer des Camp direkt ansprechen und kommentieren. Es war ein besonderes Ereignis mit Modellcharakter. Ein Live-Labor der Ideen, Konzepte und Lösungen. Wann hat man mal die Gelegenheit solche Leute bei der Arbeit über die Schulter zu schauen und Mäuschen zu spielen. Es war ein bemerkenswerter Tag.

Ein Folgeartikel listet alle wesentlichen aktuellen Links zum Bearhug Camp auf. Der Artikel wird dort fortlaufend ergänzt:

Siehe hier: Bearhug Camp in San Francisco on 9/12/2008

[Heute abend schreibe ich diesen Bericht fort, da ich den Rest des Tages verplant bin. Wollte aber meinen allerersten Eindruck festhalten. Sorry.]

Microblogging ist in Wahrheit Micromessaging

Die Architektur von Microblogging-Lösungen ist tatsächlich eher „Micromessaging“. Technich gesehen hat Microblogging nichts mit Bloggen zu tun. Es ist nur ein optisches Vexierspiel an der Benutzeroberfläche. Es geht um das öffentliche Posten von kurzen Nachrichten in Echtzeit. Der Standard für Echtzeit-Nachrichtensysteme ist Jabber, eine Sammlung XML-basierter Netzwerkprotokolle, die hauptsächlich für Instant Messaging verwendet werden. Der Kern des Protokolls (XMPP) ist ein Internetstandard für Instant Messaging, wie die Wikipedia es kurz und bündig definiert.

Genau das ist das Problem, das heute bei der Skalierung von Twitter auftritt. Das wird auch das Problem sein, wenn identi.ca wächst und skaliert. Denn beide Plattformen und sogut wie alle anderen basieren nicht auf Jabber.

identi.ca ist eine PHP-Lösung, die Jabber nur als aufgesetzten Service nutzt, den sie regelmässig aufruft. Twitter beispielsweise, schreibt alle Nachrichten zunächst in eine Datenbank, von er aus sie ebenfalls nur an einen Jabber-Service zum Weitersenden weitergeleitet werden. Geht die Datenbank in die Knie, kommt es zur Überlast oder gar zum Ausfall, so taucht dort der berüchtigte Failwhale auf. Auf Dauer sind das keine tragfähigen Lösungen für grossen Datendurchsatz bei einer grossen Nutzeranzahl.

Bei unserem experimentell-kommerziellen System Brokerz, eine Microblogging-Plattform für Börsianer (Invitation only, brokers only, der Public Stream zeigt nur einen kleinen Ausschnitt), haben wir uns für eine reine voll-skalierbare Jabber-Lösung entschieden. Extrem perfomant, da sie keinerlei konzeptionellen Flaschenhälse aufzuweisen hat. Der Nachrichtenstrom wird ohne Unterbrechung durchgeschleust. Dabei werden alle Messages parallel in die Datenbank zur Archivierung geschrieben und können jederzeit beim Browsen oder gezielt abgerufen werden. Eine technisch recht anspruchvolle aber zukunftssichere Lösung, das von der konkreten Anwendung aktuell in der Erprobung ist, dessen Architektur aber sich voll bewährt hat in den Lasttests.

Architektonisch hat Twitter keine Zukunft, ungeachtet der sehr grossen Anzahl von Nutzern und dem aktuellen Marktanteil, den es gegenwärtig hat. Micromessaging ist das neue Microblogging.

Wechselwirkung zwischen Blogging und Microblogging

Mir fällt auf, dass zunehmend starke Wechselwirkungen zwischen Blogging und Microblogging herrschen:

  1. Microblogging löst zunehmend den Feedreader ab. Man sucht, scannt und surft nicht mehr systematisch die Blogs ab. Sondern lässt sich lesenswerte einzelne Artikel ausserhalb der Stammblogs aus dem unüberschaubaren Meer der anderen Blogs empfehlen und findet eher. Der Feedreader seinerseits hatte vor einiger Zeit die Blogroll de facto abgelöst. Heute gilt: Finden statt suchen.
  2. Microblogging treibt Blogs neue Leser zu und erhöht den Traffic. Durch Linktipps in Twitter & Co. von Bloglesern sowie durch „schamlose Eigenwerbung“ (Linkbaits) von Bloggern.
  3. Die Textlänge der Kommentare in den Blogs verkürzt sich. Fast wie auf Message-Länge in den Microblogs. Gelegentlich habe ich sogar in Blogkommentaren #hashtags gesehen. Die Schreibgewohnheiten in den Microblogs färben auf Blogs ab.
  4. Blogs verlieren Kommentare an Microblogs. Zunehmend werden von Blog-Lesern Kommentare zu Blogartikeln ausserhalb auf Microblogging-Plattformen abgesetzt.
  5. Blogs und Microblogs wachsen im Verhalten der Nutzer immer mehr zusammen. Ein interessantes konzeptionelles Experiment, das diesem Verhalten Rechnung trägt, ist 83degrees, dass Tweets als Blogkommentare benutzt. Dadurch entsteht eine extrem virale Verbindung zwischen beiden Medien. Jeder Kommentar wird unter allen Abonnenten des Kommentarautors verbreitet.
  6. Microblogging ist in Wahrheit Micromessaging. Technisch gesehen.

Ich glaube, dass diese Tendenzen sich in naher Zukunft noch mehr verstärken werden und in dieser Melange neue Formen der Kommunikation enstehen.

PS: Ungeachtet dessen ist natürlich ein Blog immer noch die beständige Heimat eines Netizen – Aber der Mix macht es eben. Vergleiche hierzu auch Roberts Gedanken.

Die 9 wichtigsten Vorteile des Microbloggings

Ihr macht es. Ich mache es. Sogar Barack Obama macht es. Aber wozu machen wir es eigentlich?

Jetzt hat es auch die deutsche Wirtschaft entdeckt und listet die neun wichtigsten Vorteile des Microbloggings für die Unternehmenskommunikation auf:

  1. Öffentliche Meinung verfolgen („Marktforschung“). Sie erfahren Meinungen, Ansichten von Marktteilnehmern schnell, ungefiltert und komprimiert.
  2. Feedback und Ideen sammeln. Sie können laut nachdenken und sich Einfälle holen.
  3. Lösungssuche. Sie erhalten schnell Antworten und Lösungen, wenn Sie Informationen, Rat oder etwa einen neuen Designer suchen.
  4. Online Relations. Sie können ihre Netzwerke mit niedrigem Aufwand ausbauen, Kontakte pflegen und direkt erreichen.
  5. Informationen teilen. Sie können zeitnah etwa über Links Hinweise auf interessante Inhalte weitergeben oder über die von Ihnen organisierte Veranstaltung.
  6. Channel-Funktion. Sie können Twitter & Co als einfache Kommunikationskanäle für Veranstaltungen oder Themen nutzen. Relativ unabhängig vom Ort entsteht ein dauerhafter und hochaktueller kleiner Nachrichten- oder Informationsticker.
  7. Projektmanagement. Bei einfachen Projekten können die Projektteilnehmer einzelnen Akteuren jeweils unkompliziert ihren Stand via Twitter mitteilen. Alle wissen dann etwa über SMS oder ihr jeweiliges Medium über den aktuellen Stand Bescheid, d.h.: schnellere Informationsverteilung z.B. an Veranstaltungsteams, Vertriebler, Promoter.
  8. Persönliche Marke. Wie andere Werkzeuge können Sie Micro-Blogging nutzen, um Ihre persönliche Marke aufzubauen und sich mit sinnvollen kurzen Gedanken bekannt zu machen.
  9. Linkbaiting.  Sie können auf ihre neuesten Blog-Einträge verweisen und so ein klein wenig Linkbaiting betreiben und andere Nutzer dazu bewegen, ebenfalls auf Sie zu verlinken.

Ja, natürlich kann man auch damit kurze private ad hoc Statusmeldungen in die Gegend pusten. Was ja auch am meisten Spass macht.

Social Networking Starts at Home

Kleiner Dialog in identi.ca zwischen Evan Prodromou, Gründer von identi.ca, und mir heute abend…

cemb übrigens, @evan’s vater ist hier auch ganz schön aktiv. @stav dentet hier fleissig mit :-) super sache. from web ( in reply to… )

[15 Stunden später wegen Zeitunterschied und Arbeit…]

evan @cemb My mom, wife, daughter, brothers, sister- and mother- and brother-in-law and lots of other family are also here.

cemb @evan you’re a family guy! this is great! in my next project i’ll copy your strategy! so i’ll have my first 100 users :-))) from web ( in reply to… )

evan @cemb social networking starts at home. B-) from xmpp ( in reply to… )

Good point. Bingo! Ich glaube, der Trend in Web 2.0 und Microblogging geht in Richtung Grossfamilie… zumindestens in der frühen Beta-Phase.

NoseRub DevCamp am 13./14. September in Köln

Wer generell an offenen, verteilten sozialen Netzwerken interessiert ist, ist herzlich willkommen, am 13./14. September in Köln am NoseRub DevCamp teilzunehmen.

Was ist NoseRub? Dirk Olbertz, Kopf und Architekt von NoseRub erklärt es in einer Mail so:

NoseRub zeigt, wie mit den bereits vorhandenen Standards hCard, OAuth, OpenID, RSS und XFN die soziale Netzwerke aufgebaut werden können. Der Content und die Kontaktbeziehungen einzelner geschlossener Plattformen werden aggregiert und erlauben dem Benutzer somit einen zentralen Anlaufpunkt all seiner Aktivitäten und Kontakte im Web 2.0 zu erschaffen.

Zwischen den Ideen und Konzepten von NoseRub und Microblogging gibt es einen starken Zusammenhang. Ganz deutlich wird das bei der Open Source Software Laconi.ca (aka identi.ca & Co.) und beim OpenMicroBlogging, die ja auf ähnlichen Grundsätzen und Technologien basieren, aber einen etwas anderen Schwerpunkt haben. NoseRub und Microblogging ergänzen sich gut. NoseRub kann verteilte Microblogging Server und Netzwerke mit weiteren Technologien des Web 2.0 verbinden. Es kann als Kitt („glue“) dienen aus der Perspektive der User und so reichhaltigere Welten schaffen.

Dirk hat vor, auf dem NoseRub DevCamp eine praktische Arbeitsatmosphäre zu schaffen, wo insbesondere auch ganz konkret an NoseRub gearbeitet und entwickelt wird. Hands-on für Developer. Die Stunde. wo das Produkt weitergetrieben und neue Ideen eingebracht werden können. Super!

NoseRub DevCamp ist für Macher.

[Mehr über NoseRub hier in der „Sprechblase“]

Microblogging, Blogs, Wikis, Foren, Chats – Die Unterschiede (Updates)

Im Web haben sich in den vergangenen Jahren einige grundlegende Kommunikationsformen etabliert. Jede dieser Formen hat seinen eigenen Schwerpunkt. Nicht jedem sind diese Unterschiede auf den ersten Blick sofort deutlich. Die Grenzen zwischen diesen Formen sind fliessend, wobei jede seine eigene Berechtigung hat. Durch die unterschiedlichen Verhaltensmuster in der Kommunikation der Nutzer auf diesen verschiedenen Plattformtypen ergeben sich kontinuierlich auch eine Reihe von neuen Mischformen. Der Gebrauch diktiert den Nutzen für den einzelnen dabei. So entsteht ein einziger grosser, reichhaltiger und vernetzter Kommunikationsraum, der sich ständig erweitert, ändert, durchmischt und sich den Gewohnheiten der Nutzer anpasst. Ich nenne diesen Raum, der alle diese Strukturen in sich vereint und alle Nutzer im Web miteinander ins Gespräch bringt, einfach „die Sphäre“.

Gehen wir fünf Grundmuster der Sphäre einmal exemplarisch kurz durch:

  1. Chats verkörpern einen „privaten“ Kommunikationsfluss zwischen zwei oder mehr eingeladenen Gesprächsteilnehmern. Sie finden adhoc und in Echtzeit statt. Es gibt keinen öffentlichen Raum, wo andere den Chatverlauf verfolgen können. Chats sind private Unterhaltungen unter Ausschluss der allgemeinen grossen Öffentlichkeit. Einzelne Chatverläufe können individuell von den Nutzern gespeichert und gesichert werden.
  2. Foren dienen der öffentlichen thematischen „Diskussion“. Foren sind organisiert in Kategorien, unter die jedes Forenmitglied ein Thema posten kann. Alle Forenmitglieder können sich zu diesem Thema äussern. Alle zusammengehörigen Diskussionsbeiträge zu einem Thema stehen chronologisch untereinander. Dadurch lassen sich gut Diskurse zu komplexeren Themen von allen auch über einen langen Zeitraum verfolgen und vertiefen. Alle Forenteilnehmer sehen i.d.R. alle Beiträge. Der Diskussionsverlauf ist ständig allen präsent. Foren sind starr hierachisch organisiert: Kategorie, Thema, Diskussionsbeitrag. Foren werden von Dritten angeboten und betrieben. Nutzer sind Teilnehmer. 
  3. Wikis sind ein Mittel, um „gemeinschaftlich“ (gesichertes) Wissen auf einzelnen Webseiten zu aggregieren und der Öffentlichkeit einfach zugänglich zu machen. Eine sehr produktive und effiziente Methode, geordnet aber selbstorganisiert durch die Autoren, Wissen mit anderen zu teilen. Hier geht es nicht um das Gespräch oder die Diskussion in erster Linie, sondern um die systematische Darstellung von Knowhow. Die Diskussion um die möglicherweise strittigen Inhalte findet hier auf speziellen Seiten statt oder mit Hilfe der anderen Kommunikationsformen. Ein Wiki dient in erster Linie der Dokumentation.
  4. Blogs sind momentan die reichhaltigste Form im Web für ein „individuelle“ Person sich im Web sehr persönlich auszudrücken. Jedes Blog gehört dem Inhaber des Blogs und steht in seiner alleinigen Verantwortung. Gemeinschaftliche Blogs können natürlich auch vorkommen. Ein Blog erlaubt seinem Inhaber jede Freiheit. Es ist im Prinzip die Heimat eines Netizen. Durch die Kommentare der anderen zu den Blogbeiträgen entstehen Diskussionen. Durch Verlinkung und Backlinks zwischen Blogs und anderen Kommunikationsformen ensteht ein äusserst komplexer Raum. Blogs sind in meinen Augen die Schwergewichte, wichtigsten Fixpunkte und Ankerpunkte in der Sphäre. Das Geflecht der Blogs ist das Rückgrat der Sphäre. Ohne sie würde wahrscheinlich die Sphäre zu einem flüchtigen Gebilde.
  5. Microblogging ist ein „öffentlicher“ Kommunikationsfluss von kurzen Statusmeldungen an alle Abonnenten einer individuellen Person. Beim Microblogging sehe und lese ich nur die Messages von den Leuten die ich abonniert habe. Von den anderen nicht. Durch die wechselseitigen Abos entsteht ein Kreis von „Freunden“ der ständig in Kontakt und über den Status der anderen immer informiert ist. Die Messages sind dabei kurz und idealerweise prägnant. Beim Forum dagegen sehe ich alle Messages von allen zu allen Themen. Beim Microbloging ist der kontinuierliche persönliche Strom der Nachrichten rein zeitlich geordnet. Die thematische Ordnung kann beim Microblogging durch “#hashtags” hergestellt werden. Natürlich ergeben sich beim Microblogging auch chat-ähnliche Situationen. Diese sind aber öffentlich. Das Wort „Microblogging“ täuscht etwas: Es ist in Wahrheit ein Messagingmedium, das aber eine rudimentäre blog-ähnliche Oberfläche hat. Die komplette Technologie für die Realisierung dadrunter ist reinrassige Messaging-Technologie. „Micromessaging“ dazu zu sagen, wäre eigentlich angebrachter.

Das Ganze wird noch angereichert durch diverse sogenannte Social oder Business Netzwerke, den mehr oder weniger vernetzten elektronischen Visitenkarten, durch unzählige Foto-, Video- und Audi-Sites im Web, Social Bookmarkings sowie natürlich durch eine unüberschaubare Anzahl von klassischen Websites. Aber Motor und Triebkraft des Web sind für mich die obengenannten fünf Kommunikationsformen. Sie sind eigentlich das Web wie wir es heute empfinden, erleben, erfahren, gestalten und nutzen. Das Web erweitert unsere Fähigkeiten und die Reichweite zu kommunizieren. Über jeden Raum und jede Zeit. Das ist das gemeinsame aller dieser fünf Kommunikationsformen. Die richtige Mischung macht’s für jeden einzelnen.

Und wir sind erst am Anfang.

Nachträglicher Linktipp: Christian Henner-Fehr hat ebenfalls eine ähnliche Fragestellung untersucht in Der Unterschied zwischen Foren, Blogs und Social Networks. Mit der Bitte um die geschätzte Aufmerksamkeit. [Witzigerweise hat er das gleiche WordPress-Theme wie ich seit zwei Tagen…]

Update: Sean Carmody, Sydney, Australia, has translated and adapted my humble thoughts into English and posted them on his blog StubbornMule. Thank you for translating and mentioning, Sean! It’s an honour :-)