Quiddje oder Butter bei die Fische.

Ich bin Quiddje und lebe mit weitem Abstand schon länger in Hamburg als die meisten hier Gebürtigen und Geborenen an Lebensjahren haben. Von fast allen Hamburgern in Facebook ganz zu schweigen. In der Summe sind es mehr als ein halbes Jahrhundert vor Ort. Sogar länger als unser verehrter Herr Erster Bürgermeister in Hamburg ist. Also kann ich mich durchaus mit einigem Recht Hamburger nennen. Auch wenn meine Eltern jeweils aus den entgegensätzlichsten und entferntesten hinteren Ecken aus Europa kamen, meine Mutter aus einem klitzekleinen schwedischen Dorf genau an der norwegischen Grenze und mein Vater aus einer tükischen Hafenstadt fast an der Grenze nach Georgien, und ich genau wenige hundert Meter von der geografischen Grenze zwischen Europa und Asien zur Welt gekommen bin, genau am Ufer des Bosporus im amerikanischen Krankenhaus in Istanbul. Und Hamburger Lokalpatriot bin ich sowieso. Soviel zum Quiddje. Als Kind habe ich sogar Hamburger Missingsch gesprochen. Also, und nu Butta bei die Füsche!

Da hat jeder Einzelne seine individuelle Biografie und seinen weiteren Lebensweg. Seine Wurzeln und die ursprüngliche Sozialisierung wird man aber dabei nie vergessen. Heimat, Zuhause, Lebensmittelpunkt sind dabei schwierige und changierende Begriffe und Gefühle. Ein Rest des eigenen Ursprungs wird wohl bleiben. Knapp 20% der Bevölkerung der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Weit mehr sind es in Grossbritannien, soweit ich weiss. Dieser Post ist aus einem Gespräch mit Armin Grewe entstanden, der schon lange als gebürtiger Deutscher und knapp Bremer in Großbritannien lebt und arbeitet und der sich spiegelbildlich in einer ähnlichen Situation wie ich befindet.

Wie meine Eltern sich kennengelernt hatten.

Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.  Das haben mir meine beiden Eltern unabhängig voneinander immer wieder erzählt.  Eine für damalige Zeiten ungewöhnliche Romanze zweier Menschen unterschiedlichster Herkunft und Geschichte. Aus dieser schicksalhaften Begegnung bin ich dann viel später als deren einziges Kind hervorgegangen.

Cem etwa 4 Jahre alt in HamburgIhre Ehe hielt 53 Jahre lang treu und ergeben, mit allen Höhen und Tiefen des Lebens, bis zum Tod meines Vaters. In den schlechten Zeiten haben sie  bedingungslos zueinander gehalten, um die Herausforderungen Schulter an Schulter zu bewältigen. Und es gab viele schlechte Zeiten. In guten Zeiten haben sie das Leben Arm in Arm genossen. Sie haben gemeinsam gelebt, zusammen gearbeitet und gleichberechtigt den Haushalt geführt. Ich kenne sie nur, wie sie alles zusammen gemacht haben. Selten waren sie mal wegen Beruf oder Krankheit getrennt. Bis zum Schluss war es eine Ehe voller Respekt voreinander und aufopferungsvoller Liebe füreinander. Mich haben sie überallhin mitgenommen. Das alles hat mich bis heute geprägt. Das habe ich erst in den späten Jahren verstanden.  (Foto: Ich mit etwa 4 Jahren in Hamburg)

Doch wie sind sie sich damals zum ersten Mal begegnet?

Im Frühjahr 1945 war mein Vater nach einer langen Schiffsreise von Istanbul, im Zickzackkurs durchs Mittelmeer, über den Nordatlantik, der Englische Kanal war ja noch vermint, in Göteborg angekommen. Während seiner Passage, auf der Höhe von Nord-Schottland, wurde das Kriegsende ausgerufen.

Sein Vater, mein Großvater Kitabi Hamdi Efendi, hatte seinen jüngsten Sohn nach Schweden geschickt, um für das Familienunternehmen in der Türkei Handelsware einzukaufen. Kameras, Radios, technische Geräte. Europa lag in Schutt und Asche und nur ganz wenige neutrale Länder auf dem Kontinent wie Schweden, waren noch intakt und hatten eine funktionierende Industrie. Die Türkei war ebenfalls nicht in die aktiven Kriegshandlungen im Zweiten Weltkrieg verwickelt. Im Gegenteil, sie war Zufluchtsort für für sehr viele Immigranten aus den Kriegswirren, darunter auch sehr viele Deutsche, die teilweise bis heute seit Generationen im Land leben.

Nach einigen abenteuerlichen Monaten in Göteborg und voller Anekdoten, die er später immer gerne zum besten gab, lud ein neuer Bekannter aus der Hafenstadt meinen Vater nach Stockholm zu einer öffentlichen Silvesterfeier ein. Die Party muss grandios gewesen sein, die erste große Feier nach Kriegsende. Es wurde ausgelassen zu Swing getanzt, getrunken und gegessen.

Punkt Mitternacht stoppte aber die Musik und der Tanz, alle sprangen auf und sangen die schwedischen Nationalhymne. Und da mein Vater die Nationalhymne nicht kannte und nicht mitsingen konnte, schaute er sich einfach um und die Leute an, freute sich mit ihnen. In dem Moment, während alle noch inbrünstig sangen, fiel sein Blick auf ein junges blondes Mädchen mit großen blauen Augen, meine spätere Mutter. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Er forderte sie gleich zum ersten Tanz im neuen Jahr auf. Und sie tanzten alle weiteren Tänze zusammen. Kismet.

Britta 1946 mit 24 JahrenAuch sie muss in dieser Stimmung ihm verfallen gewesen sein. Ein einfaches junges Mädchen vom Lande, Mitte Zwanzig. sehr schön und schlank, Zahnarzthelferin beim Hofzahnarzt des Königs Gustav V.  Mein Vater, Mitte Dreißig, dunkle Haare, dunkle Augen, elegant und drahtig, Abendanzug und Menjou-Bärtchen. Ein geschmeidiger Tänzer.  (Foto: Meine Mutter 1946 mit 24 Jahren)

Sie blieben das ganze Jahr über zusammen. Es gibt viele schöne Fotos aus dieser Zeit. Sie beschlossen zu heiraten. Mein Vater reiste zurück nach Istanbul und fragte seinen Vater, ob er einverstanden sei. Er willigte als aufgeklärter demokratischer Orientale und Patriarch sofort und ohne jegliche Bedenken ein. Frisches Blut sei gut und willkommen, soll mein Großvater damals gesagt haben. Meine Mutter, als praktische Schwedin, ging ihrerseits zum schwedischen Auswanderungswerk. Auch sie sollen keine Bedenken gehabt haben.

Sie heirateten am 8. August 1947 in Istanbul. Meine Mutter ist von der türkischen Familie mit offenen Armen aufgenommen worden. Sie wurde im Laufe der Zeit mehr und mehr eine Osmanin und Istanbulerin, ohne ihre Herkunft zu leugnen. Die letzten Jahrzehnte war sie die respektierte Familienälteste, zu der alle mit ihren Nöten und Sorgen kamen. Sie war eine warmherzige und praktische Frau.  (Foto: Hochzeitsfoto meiner Eltern 1947 in Istanbul, Auf dem Ball 1948/49 ebenda)

Gestern ist nun auch sie von mir gegangen.

Hochzeit Istanbul 1947Ich vermisse beide sehr. Meine Mutter und mein Vater haben ein gemeinsames Leben geführt und eine Liebe gelebt, dass es heute vielleicht so nicht mehr gibt. Mir fehlt ihre Herzenswärme. Das ist meine Heimat, die mir fehlt. Ich kann dieses Gefühl und den Stab nur meinen drei Söhnen für ihre Leben weitergeben. Wenn ich sie mir anschaue und erlebe, haben sie es auch angenommen. Liebe. Nähe, Wärme, Mitgefühl. Das ist mein einziges wahres Erbe an sie drei.

Wir sind für unsere Kinder immer Vater oder Mutter unser ganzes Leben lang. Für die Kinder ihrerseits auch nach unserem eigenen Tod deren ganzes Leben lang. Wir leben in ihnen weiter, durch ihre Erinnerungen und Geschichten.

Britta und Sami. Allah rahmet eylesin. Mekanları cennet olsun, inşallah. Ruht gemeinsam in Frieden. Jetzt wieder vereint.

Berthas Brot

Genau in diesem Moment denke ich an das ofenwarme weiche weisse Fladenbrot meiner Grossmutter Bertha in Schweden. Bestrichen mit kühler gesalzener Butter aus dem Keller, die ganz langsam anfing, auf dem warmen Brot zu schmelzen. Darauf eine dünne Scheibe norwegischen Bergkäse. Ein Glas mit eiskalter Milch mit Kakao von O’boy dazu. Der Duft der warmen Brotlaiber auf den karierten Tüchern, ausgebreitet auf der Küchenbank, erfüllte den ganzen Raum. So sassen wir in der Küche zu zweit und blickten aus dem Fenster ins enge Tal. Selten fuhr ein Wagen vorbei. Meist ein alter Buckelvolvo. Ich war sechs Jahre alt. Herbst. Tausende Kilometer von meinen Eltern entfernt.

Schlüsselübergabe

Ich habe meine dritte Grundschulklasse teilweise in einer entlegenen Provinz in Schweden abgesessen. In einer Zwergenschule mit einem einzigen Klassenraum und einem jungen Lehrer, der drei Klassenjahrgänge gleichzeitig unterrichtete, und einer älteren Schulköchin. Wir waren zwölf Schüler und wurden früh morgens mit dem einzigen Taxi der Gegend, einem alten amerikanischen Kombi, einzeln aufgesammelt, auf extrem kurvigen und hügeligen Schotterpisten zur Schule gefahren und spätnachmittags an unsere Familien in den einsamen weitverstreuten Häusern und Höfen wieder zurückgebracht. Die nächste asphaltierte Strasse war damals rund 150km entfernt. Die meisten in der Klasse waren Kinder von Bauern, Förstern und Waldarbeitern. Bullerbü vom Feinsten. Aus dieser Zeit habe ich heute noch Kontakt zum einen oder anderen Mitschüler.

Einer dieser Mitschüler, nennen wir ihn Mats, war eine Ausnahme. Er hatte einen besonders geschäftstüchtigen Vater. Sagen wir mal, er hiess Sven. Ein lebensfroher und hartarbeitender Mann, der in den Fünfziger Jahren mit einem Lastwagen alle Höfe der Gegend abfuhr, Töpfe, Pfannen und andere Haushaltswaren von der offenen Ladefläche verkaufte und so langsam sich einen bescheidenen Wohlstand aufbaute, sodass er nun einen kleinen Laden, eher eine Baracke,  mit Lager sein eigen nennen konnte. Ein klassischer Hardware-Store am Rande der Piste in einer ziemlich armen Ecke Schwedens. Einige kleinere Landmaschinen ergänzten sein Sortiment. Ein geachteter und beliebter Mann. Dass Sven auch ein mutiger, praktischer und lebensweiser Mann war, habe ich erst viele Jahre später erfahren. Durch seinen Sohn und meinen Schulfreund Mats.

Sein Vater Sven soll ihn am Morgen seines fünfzigsten Geburtstags unsanft geweckt und ihm die Schlüssel des Ladens kurz  in die Hand gedrückt haben. Mit folgendem einzigen Satz:

„Mats, wenn du Fragen hast, kannst du zu mir kommen. Ich bin unten am Fluss und angele.“

Mein Schulfreund, damals ein etwa achtzehn Jahre alter schwedenblonder Hallodri, überrascht und etwas erschrocken über seine neue Verantwortung, machte sich sogleich in den Laden und fing an, ihn nach seinen eigenen Vorstellungen zu führen. Binnen sechs Monaten stand er kurz vor der Pleite. Wohl oder übel musste er sich auf dem Weg runter zum Fluss machen, zu Sven, der sich in dieser ganzen Zeit nicht einmal im Laden hatte blicken lassen. Mats musste ihm seine düstere Lage beichten und ihn um seinen Rat fragen.

Sein Vater nahm ihm die Schlüssel wieder ab, schickte ihn für ein Jahr zu einer Business School und händigte ihm die Schlüssel wieder mit den gleichen Worten zurück. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Aus dem Laden ist heute eine grosse Ladenkette geworden, Mats hat zudem einen Micro-Traktor erfunden, ihn gemeinsam mit einem nordischen Grosskonzern produziert und damit den asiatischen Markt erobert, wo er heute noch auf den Reisfeldern marktführend ist. Die Schlüsselübergabe vor fast vier Jahrzehnten hat sich gelohnt, auch wenn sie naturgemäss riskant war. Sven und Mats haben das gefunden, was sie glücklich gemacht hat. Der eine seine Freiheit und der andere seine Aufgabe.

Was lernen wir daraus?

Einiges. Erstens, ein guter Unternehmer weiss im Innersten, wann er loslassen muss. Er weiss auch, dass er sich nicht ins Tagesgeschäft einmischen darf, wenn er losgelassen hat, da es die Authorität des Neuen konterkariert und seine Mitarbeiter, sich bei jeder Kleinigkeit an den Alten wenden würden und somit eine Schlüsselübergabe nicht funktioniert. Drittens der Vorgänger sollte seinem Nachfolger immer direkt mit Rat und Tat zur Verfügung stehen, wenn dieser ihn darum bittet. Sowie auch der Neue bereit sein muss, den Alten, um Rat und Tat zu fragen und dieses auch annehmen – in seiner eigenen Verantwortung. Viertens, eine Schlüsselübergabe ist  ein symbolischer Akt, der schnell gehen muss. Der Neue muss (gut gebrieft zwar) gleich selber schwimmen und auch seinen Stempel aufprägen dürfen. Schleichende Übergaben funktionieren nicht. Kronprinzen aus dem eigenen Unternehmen auch sehr selten. Oft werden Mitarbeiter dabei den Neuen nicht akzeptieren, wenn er aus den eigenen Reihen kommt. Letztens, man muss den Neuen sehr gut auswählen und bestimmen – und ihm dann auch Vertrauen und freie Hand lassen. Nun, der letzte Punkt ist bei Sven und Mats fast schiefgegangen. Aber sonst haben beide es mutig und richtig gemacht. Eine Schlüsselübergabe ist eben auch riskant. Aber – no risk no fun.

Kleines nicht unwichtiges Update: Kirstin wies mich eben in den Kommentaren hin: Den Mut Fehler zu machen, aber auch machen zu lassen. Das ist mein sechster Punkt. Das hatte ich vergessen, im Artikel zu erwähnen. Übrigens, Sven lebt nicht mehr. Ein kluger Mann. Es gibt nicht viele von der Sorte.