Das Web ist kein Salon. Und keine Kneipe.

Processed with VSCOcam with c1 preset

***

Was ich im realen Leben und bei Facebook & Co vermisse.

Heiterkeit, Leichtigkeit, Intelligenz, Vielfalt und Liebe in den Gesprächen.

Eine positive und amüsante Konversation ist für mich ein Flirt von Geist und Esprit nicht nur mit sprachlichen Mitteln in angenehmer und anregender Umgebung. Eine gute Konversation ist demnach auch im gewissen Sinn erotisch. Dieser Flirt kann mit einem Blickkontakt, durch Smalltalk, durch einen vieldeutigen Blick oder durch eine Handlung begonnen werden. Der Flirt lebt vom Aufbau, dem Spiel mit Spannung und auch inspirierenden Gedankenblitz. Oder auch durch einen überraschenden Perspektivwechsel im Gespräch.

Das ist heute größtenteils verloren gegangen. Zwischen zwei Menschen, aber auch und insbesondere in größeren Gesellschaften und Online-Plattformen. Florett und offenes Visier statt Schwert und Morgenstern wäre mir lieber.

Vieles ist heute aber zu Marketinggetöse von Lautsprechern oder auch Selbstgerechten und Selbstdarstellern verkommen. Ein echtes Gespräch kommt häufig nicht zustande. Dafür sind die sozialen Medien auch zu schnell, zu überfrachtet, zu voll, zu laut. Zu viel Hintergrundrauschen und Ablenkung. Es fehlt die Ruhe und die Konzentration für ein gutes Gespräch. Das Web ist kein Salon. Eher eine Bahnhofshalle. Manchmal auch eine Bahnhofsmission.

Man kann das Verlorene wieder erlernen. Es ist eine Frage der Herzensbildung. Und der Gemeinschaft der Gefühle und der Haltung Ähnlichgesinnter mit Überraschungsgasten. Frischen Ideen, die en pasant vorbei kommen. Ein virtueller und realer moderner Salon. Ein imaginänerer Club. So wie Twittnite in Hamburg vielleicht einer mal war.

Die sozialen Medien spiegeln die reale Welt wider in meinen Augen. Und auf Dauer auch umgekehrt. Ich habe keine Erwartungen an die sozialen Medien, die ich nicht auch gleichermaßen an die reale Welt haben würde. Ich würde mir wünschen, dass die Online-Konversationen sich Gesprächen unter Freunden angleichen. Befürchte aber eher das Gegenteil. Überspitzt gesagt, viele gleichen ihr Verhalten dem Web an.

Es wäre schön, den Salongedanken in der realen Welt wieder zu beleben. Wieder zurückzukehren in die Welt der Salons in modernem Gewand. Das Leben ist nicht digital. Das Leben ist ein brennender Dornbusch. Hatte ich das schon erwähnt?

Inspiriert durch die Lektüre von Die Kunst der Konversation von Chantal Thomas und die Diskussion in Facebook. Der Klappentext zum Buch:

Die Geschichte der Konversation wird anhand dreier französischer Berühmtheiten und ihrer Salons erzählt: dem Blauen Zimmer der Madame de Rambouillet im 17. Jahrhundert, den Zusammenkünften bei Madame du Deffand im 18. Jahrhundert und im Schloss der Madame de Staël im 19. Jahrhundert. Konversation ist weit mehr als ein intellektuelles Geplänkel in angenehmer Umgebung, das Austauschen mehr oder weniger literarisch geformter Artigkeiten. Jene drei herausragenden Frauen bemühten sich, jede zu ihrer Zeit, um diese Spielform des Gesprächs, weil sie darin ein emanzipatorisches Moment sahen für sich selbst, die sich vorgesehenen Rollenmodellen verweigerten, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Unabhängig davon, ob sie sich in eine Feenwelt flüchteten, auf das distanzierende Moment des Humors setzten oder an die Literatur als Waffe glaubten: Sie schufen sich mit der Konversation nicht nur selbst Freiräume, sondern hofften darauf, den Umgang ihrer Mitmenschen positiv zu verändern. Und in diesem Glauben an die  gesellschaftsverändernde Kraft der Sprache sind sie erstaunlich modern.

[Links im letzten Zitat auf Wikipedia von mir.]

Das Hamburger Stadtportal. Eine Vision.

Hamburg braucht ein bürgernahes und nutzer-freundliches Stadtportal, das ihre Bürger online unterstützt, sich im Behördendschungel bedarfsgerecht und einfach zu orientieren, dabei ihre ersten und wichtigsten Fragen zu stellen und beantwortet zu bekommen sowie möglichst alle wesentlichen geforderten Dienstleistungen der Hansestadt über das Web abzurufen und zu erledigen.

Aktuelle Situation in Hamburg.

Hamburg ist die Medien- und Dienstleistungshauptstadt in Deutschland. Hier ist der Hauptsitz von vielen großen deutschen Webunternehmen wie Xing, Qype oder 9flats, deutsche Hauptniederlassungen von Weltunternehmen wie Google und Facebook sowie von bedeutenden Agenturen, Online-Dienstleistern und Experten für digitale Kommunikation. Wissen, Können und Erfahrung für zeitgemäße web-gestützte Portallösungen sind reichlich in Hamburg vorhanden. Die Stadt jedoch nutzt ihr Potential nicht. Die Freie und Hansestadt Hamburg scheint die Möglichkeiten des Web für sich selbst noch nicht entdeckt zu haben.

Versteckt in hamburg.de, dem aktuellen offiziellen Stadtportal, findet der Bürger mit Glück den Behördenfinder. Das Nutzererlebnis (User Experience, UX) ist frustrierend. Eine ausgedehnte Bleiwüste im Behördenjargon erwartet einen dort. Suchergebnisse sind nicht gut gewichtet und gefiltert. Nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch wird der Nutzer nicht geführt. Das vorhandene Stadtportal scheint aus den Anfangstagen des Web zu stammen. Der Bürger ist eher verwirrt.

In einer im Stadtgebiet räumlich stark verteilten und arbeitsteiligen unübersichtlichen Verwaltungsstruktur wie in der Metropole Hamburg, wäre ein gutes Stadtportal im Web sehr nützlich.

Aufgaben eines Stadtportals.

1. Einfache Orientierung. Die wichtigste Kernaufgabe mit höchster Priorität. Das Stadtportal ist nicht einfach ein Abbild der Hamburger Verwaltung (Organigramm), sondern ganz im Gegenteil, es unterstützt interaktiv die behördlichen Anliegen der Bürger aus ihrer Sicht (User Stories). Es navigiert die Bürger im Kontext und führt sie sicher zu ihrem Ziel. Beispiel: „Ich ziehe innerhalb der Stadt um. Welche Behörden und Stellen muss ich informieren und was muss ich tun?“ (-> Einwohnermeldeamt, Finanzamt, etc.). Gut wäre, beispielsweise dann das Ergebnis im Anschluss als kompletten Behördenfahrplan mit allen Stellen und Ansprechpartnern, Anschriften mit kartengestützten Wegeplanungen (Öffis, Auto, Fusswege), Öffnungszeiten, bei Bedarf mit Formblättern und vielem mehr ausgeben (PDF, Druck) zu können. Als Mashup lässt sich das gut realisieren. Eine weitere gute Orientierungshilfe sind grafische Unterstützungen wie Icons, Pictogramme, Farbgebung, Schriften u.ä. Ein Fall für Informationsarchitekten, Konzeptioner und Gestalter.

2. Erste Beratung. Eine Zusammenstellung von oft gestellten Fragen (Frequently Asked Questions, FAQ) und den dazugehörigen Antworten zu einem Thema wäre hilfreich und erspart dem Bürger unnötige Wege und Zeitverluste, weil beispielsweise bestimmte Dokumente fehlen, die benötigt werden, die Stelle für eine geforderte Dienstleistung doch nicht die richtige ist, Öffnungszeiten oder ob eine Dienststelle barrierefrei ist und vieles mehr. Möglichkeiten zur direkten persönlichen Kontaktaufnahme per E-Mail-Formular wären sehr wünschenswert. Heute ist es so gut wie nicht möglich, einem Sachbearbeiter oder einer Dienststelle eine E-Mail zu senden oder, wo es möglich ist, auf dem gleichen Weg eine Antwort zu erhalten. Für das Webangebot bedeutet das: Gute Texter sind hier gefordert, die in Alltagssprache komplexe Sachverhalte ausdrücken können. Für das Behördendeutsch der Dienststellen: Schreibberatung.

3. Online Erledigung. Das schwierigste Kapitel. Die meisten Dienstleistungen der Behörden lassen sich heute in Hamburg und Deutschland noch nicht online erledigen. Zu oft ist heute noch die persönliche Anwesenheit in den Behörden notwendig, weil Unterschriften zu leisten sind, Ausweise und Dokumente im Original vorgelegt werden müssen und vieles mehr. Das Thema „Online-Erledigung“ von Behördengängen bedarf also zunächst einer weitgehenden Verwaltungsreform auf Landes- und aber auch auf Bundesebene. Ein „Jahrhundertwerk“ nach Meinung einiger Politiker und Fachleute. Vieles scheint hier noch im wilhelminischen Zeitalter der Schreibstuben behaftet zu sein. Die deutschen Verwaltungen sind weitgehend noch nicht auf das Webzeitalter ausgerichtet. Die Skandinavier sind da beispielsweise weiter. Es gibt jedoch heute schon genug Potential in den Verwaltungsprozessen, um in Zusammenarbeit mit Verwaltungsfachleuten, Datenschützern und Juristen diesen wichtigen Aspekt nach Online-Möglichkeiten auszuloten. Erfahrene Prozess-Fachleute und Software-Entwickler können das optimiert umsetzen.

4. Nützliche Bewertungen. Zu jeder Dienstleistung gehört heute auch ihre Bewertung. Feedback dient dazu, zu erkennen, wo es Probleme in der Verwaltung gibt und die Dienstleistung der Stadt und des Portals verbessert werden kann. Hier sind die Bürger aufgerufen, als Teil eines „kontinuierlichen Verbesserungsprozesses“, Lob, Kritik und Vorschläge zu schreiben und von ihren Erfahrungen berichten.

Ein bürgernahes und nutzer-freundliches Stadtportal für Hamburg zu erschaffen, ist ein komplexes Vorhaben. Die Interessen vieler Stakeholder sind zu beachten. Es ist nicht nur eine Herausforderung in Design und Technologie sondern auch an die Politiker und den politischen Willen. Die Realisierung wird auch nicht in einem großen Schritt gelingen. Die Macher wären gut beraten, es in einem agilen und vor allem iterativen Entwicklungsprozess zu starten und dabei den bürokratischen Aufwand möglichst auf das notwendige zu beschränken. Das geht am besten, es mit einem kompakten Team und den richtigen Individuen anzupacken. Schritt für Schritt funktionierende Software online zu stellen. Auf enge Kooperation mit den Stakeholdern zu setzen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, das Vorhaben sich zerreden zu lassen. Auf sich verändernde Rahmenbedingungen schnell zu reagieren.

Es ist möglich und wünschenswert, ein bürgernahes und nutzer-freundliches Stadtportal für Hamburg zu erschaffen.

Und es hat Boom! gemacht.

Die Anzeichen mehren sich, dass die Blase in 12-18 Monaten platzt.

Der Motor des weltweiten Geschäfts mit dem Web sind immer noch die USA, die langsam in eine Rezession schlittern. Eine immense und steigende Staatsverschuldung drängt sie immer mehr an einen Abgrund. Rettung oder gar Heilung scheint nicht in Sicht zu sein. Wie wird die Webwirtschaft dem desaströsen Finanz-Strudel entkommen können? Die amerikanischen Investoren sind fast ausschließlich zahlengetrieben und meist durch institutionelle Anleger bestimmt. Geht ihnen das Geld aus in der Krise, werden sie sich zunächst aus den eher spekulativ orientierten Geschäftsfeldern wie das Web zurückziehen, dessen Zahlen meist nur in den hoffnungsvollen Businessplänen stehen. Das wird das Kapital killen. Und das Web.

Ferner, mir und einigen anderen, erscheinen die aktuellen astronomischen Investments in Startups, in bestehende Unternehmen oder auch in Übernahmen völlig überzogen und unrealistisch. Noch herrscht Goldgräberstimmung wie am Klondike. Nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa und Asien. Fast keiner der Investments bringt gegenwärtig einen Gewinn oder einen Return in anderer Form. Nachhaltige Geschäftsmodelle sind extrem selten geworden.

Drittens, die meisten Ideen und Geschäftskonzepte der jüngsten Zeit sind für mich nicht mehr wirklich überzeugend. Oder nachhaltig. Immer mehr Copycats und Me-toos tummeln sich auf dem Markt. Es geht immer mehr darum, lokale Märkte schnell zu erobern, bevor ein globaler Player mit dem gleichen Thema national irgendwo fussfasst. Das Spiel: Der lokale Gründer will schnellstmöglich seinen Brückenkopf dem internationalen Spielmacher gewinnbringend verkaufen. Der global Player will dabei schnell Märkte erobern und die lästigen Mitbewerber loswerden. Windfall-Profits für den Kleinen. Poker Player unter sich.

Zum Schluß: Ich halte das Web für die grösste Erfindung seit geschnitten Brot. In fast vierzig Berufsjahren in der IT habe ich fast alles erlebt und manches mitgestaltet. Noch nie hat eine Innovation die Welt so verändert wie das Web. Alle Lebensbereiche von allen Menschen auf dieser Erde. Es ist einfach grossartig. Und es ist auch furchtbar geworden. Zuviele Trittbrettfahrer. Zuviele Branchenfremde, die einen schnellen Dollar oder Euro machen wollen. Spekulationsobjekt. Auch zuviel Schnüffelei. Das hat das Web nicht verdient.

Gibt es aus dieser Todesspirale einen Ausweg? Wahrscheinlich nicht. It is the Human Nature. Vielleicht Open Source. Ich glaube es aber nicht wirklich. Die Regenbogenfarben auf der Riesenblase sind zu verführerisch. Eine Blase, die zerplatzt, hat aber auch eine reinigende Wirkung. Schafft Platz für Neues. Com’on, let’s dance with the devil a last waltz. Just for the sympathy. Boom.

Diesen Text bitte in 18 Monaten wieder lesen. Danke.

Update: Wie bestellt dieser Artikel vom 1. Mai im „Business Insider“, einem der Branchendienste in den USA: „MAY DAY, MAY DAY: The Ultimate Guide To The Slowing Global Economy“.

Update 2: …und hier auch noch mal ein aktueller Artikel mit Grafik zum mutmaßlichen Ende der Blase 2.0:  Don’t call it the next tech bubble – yet (via Loic in G+).

Links: Grid Systems in Design

Ich mag Gitter. Rastersysteme für die visuelle Gestaltung. Das Raster als Ordnungssystem. Entstanden in den 20er und 30er Jahren für Papier und Druck. Hier zwei Links mit Beispielen als Inspiration, wie Grids für die Gestaltung von Webseiten eingesetzt werden können:

Nicht fehlen darf auch dieser zweisprachige Buchklassiker für Printmedien:

  • Rastersysteme für die visuelle Gestaltung. Grid systems in graphic designs: Ein Handbuch für Grafiker, Typografen und Ausstellungsgestalter. A visual … typographers and three dimensional designers von Josef Müller-Brockmann

Hier ist eine Interpretation des WordPress Templates Grid Focus: AKRA Future Technologies Blog. Einfach, klar, funktional, diszipliniert, übersichtlich, schnörkellos.

Das Web, das sind wir.

Die Pharaonen hätten Heissluft-Ballon fahren können. Sie hatten alles dafür: Die Handwerkskunst mit Feuer, Segel, Tüchern und Körben. Erstaunlich. Eigentlich vergleichsweise primitive Kenntnisse und Fertigkeiten. Um so erstaunlicher, dass sie es nicht gemacht haben, da sie ja wie bekannt immens erfinderisch und kreativ waren, sie beobachtet haben müssen, wie heisse Luft bei Bränden die Asche und leichtes Material hochgetragen hat und eine sehr detaillierte Vorstellung von den Göttern Sonnengott Ra & Co im Himmel und unter der Erde hatten, hervorragende Astronomen und Meteorologen gewesen sind. Aber vielleicht war es auch deshalb. Es passte nicht in ihr Weltbild. Vielleicht war es einfach tabu, darüber nachzudenken. Oder sie waren zu sehr mit ihren Kulten beschäftigt.

Aber warum hat es bis 1783 gedauert, bis zur ersten Fahrt der Gebrüder Montgolfière? Im Zeitalter der Aufklärung, der Tabubrüche. Die Vorstellung, dass es möglich ist, dass Menschen die Erdanziehung überwinden und in die Luft steigen können. Die Vision darüber war es wahrscheinlich, nicht die Verfügbarkeit der Mittel. Visionen sind die stärkste Triebfeder für Innovation und sprunghafte Entwicklungen. Die Mittel sind meist fast alle da.

Denktabus und Dogmas zu durchbrechen, um die Ecke und über den Tellerrand zu schauen, Grenzen zu überschreiten, sich das Undenkbare vorzustellen, Neuland zu entdecken, vorurteilsfrei auf das Gegebene zu blicken, neue Pfade darin zu entdecken, Möglichkeiten zu erfinden, kontinuierlich den Willen und die Energie für den eigenen Weg aufzubringen, Weggefährten zu finden und zu motivieren, sich nicht durch Zweifler und Pharisäer beirren und entmutigen zu lassen, das ist das, was mich interessiert. Die Barriere, die es zu überwinden gilt, ist nur im Kopf. In anderen Dingen bin ich nicht besonders gut. Glaube ich.

Das Web ist eines der wichtigsten Labore unserer Zeit für das freie Denken, Ausprobieren, Finden, Entdecken und Erfinden. Mit augenblicklicher Resonanz und Rückkopplung. Eine Erfahrungs- und Lernmaschine. Eine Erlebniswelt und eine Denkfabrik. Schneller und effizienter als alles, was wir vorher kannten.

Das Web muss deshalb frei und unabhängig bleiben. So wie das, was in meinem Kopf und in meiner Vorstellungswelt ist. Das Web ist natürlich anarchistisch und geordnet. National und international. Brilliant und mittelmässig. Stellenweise schmutzig und auch hochmoralisch. Das Web ist unser Spiegelbild. Das Web, das sind wir.

Update: Heute morgen zufällig in Facebook entdeckt: Was Manager von Damien Hirst lernen können. [via Thomas Menk]

Identität im Web: Du sollst dir kein Bildnis machen.

Weder von dir. Noch von anderen.

Das ganze Social Web basiert im Grunde darauf, das Bild von sich, anderen zu vermitteln und in den anderen nur die Bilder zu sehen, die von ihnen vermittelt werden. „Wer bist du?“, ist die erste Standardfrage im Neuen Web. Die Frage nach der Identität. Leg ein Profil an und mach es allen anderen sichtbar. Verbinde dich mit ihnen und zeige das Netzwerk deiner Kontakte. Steigere dadurch deine Reputation und zeige allen, wie wichtig du bist. Lass sie dann darüber reden und berichten. Lass sie deine Worte verbreiten und dich zitieren. Jedes Zitat von dir, jeder Verweis auf dich ist bedeutend. Buchhalter im Web zählen und berechnen deine Reputation. Hitlisten der Ego-Shooter. Selbsternannte Berater helfen dir dabei.

Dein Stellenwert wird öffentlich bilanziert. Dein Kurs an der Börse der Eitelkeiten und am Olymp der Götter. An den fiebrigen Kurven kann jeder erkennen, wie deine Gunst steigt oder fällt. Langsam fängst du an, selber diesen Barometern und an die Bilder zu glauben, die du von dir gemacht hast. Ein fataler Mechanismus.

Das Social Web ist die Sandkiste und Spielwiese der Narzisten.

Es ist kein Zufall, dass sich in den sozialen Medien weit überdurchschnittlich PR- und Marketing-Leute tummeln. Selbstvermarktung und alles andere im Social Web basieren auf diesem Verhalten. Das war zwar früher auch schon so. Nur, jetzt ist daraus eine Riesenmaschinerie geworden. Es ist vollautomatisiert wie die Programme der Investmentbroker, die ihre Papiere ohne menschliches Zutun bei voreingestellten Schwellenwerten kaufen und abstossen.

Ich meine nicht die Sockenpuppenspieler, anonymen Heckenschützen und Trolle. Ich meine die Ich-Marken im Web. Uns alle.

Was ist eine Identität im Web wert? Was hat diese Identität mit der Realität im wirklichen Leben zu tun? In welcher Wechselwirkung stehen die virtuellen Identitäten mit den realen? Wie beinflussen sie sich gegenseitig? Was sind die Chancen und Risiken dabei? Was ist mit denen, die ihre Identität nicht preisgeben? Die vielleicht nur beobachten und zuhören? Existieren sie nicht in der schönen neuen Welt? Jeder kennt die Situationen, wenn wir virtuellen Identitäten im realen Leben begegnen. Selten stimmen sie überein.

Das Leben ist nicht digital. Das Leben ist ein brennender Dornbusch.

Bild: Caravaggios „Narziss“ aus Wikipedia.