Hamburger ReissbrettCity

Ich werde nicht warm mit der Hafencity in Hamburg. Ich habe das Gefühl, dass all diese Gebäude nicht in Würde altern und Patina anlegen können. Eine riesige Ansammlung von Imagebauten wie aus einem Katalog für schöne zeitgenössische Architektur. Der Charme überdimensionaler Gebäude aus Legosteinen. Träume von Oberstadtbaudirektoren und Immobilienfondsmanagern.

Merlix zitiert Offizielles:

Es ist eine Rückkehr zu alten, hanseatischen Wohntraditionen mit Häusern, die sich zur Straße und zum Wasser öffnen.

Als hanseatische Wohntraditionen empfinde ich etwas anderes als diese künstliche Landschaft von Bauklötzen. Wie werden sie in 20-30 Jahren aussehen? Heute sind sie eine touristische Attraktion. Nicht nur bei schönem Wetter gut besucht von Heerscharen aus dem Speckgürtel von Hamburg. Busladungen und Familienausflügen an die Magellanterrassen oder an den Kaiserkai. Staunende Massen flanieren durch die monströse Geisterstadt. Das tägliche Leben der Bewohner ist aber nicht sichtbar. Eine Monokultur von arrivierten Alten. Eine Sun City. In Mischbebauung mit Verwaltungsgebäuden von hochdynamischen nationalen und internationalen Konzernen. So erscheint es mir.

Aber vielleicht habe ich unrecht. Vielleicht habe ich nur eine imaginäre Idee eines Hamburg, dass es vielleicht nie gegeben hat. Als Kind und junger Mann war ich in diesem Stadtgebiet sehr viel unterwegs und habe meinem Vater, einem Import-Export-Kaufmann viel bei der Abfertigung von Verladungen bei Speditionen, Markierungen und Probenziehen in Lagerhäusern und bei Behördengängen zum Zoll geholfen. Heute ist von diesen Teilen des Freihafens nichts mehr übrig. Nicht einmal die Strassenzüge. Eine vollständig verschwundene Hafenkulturlandschaft.

Um 1900, als die damaligen hamburger Vorstädte Eppendorf, Harvestehude oder Rotherbaum in weniger als einem Jahrzehnt  hochgezogen wurden mit Mietskasernen, was haben damals die Hamburger gedacht, die in der Nachbarschaft in Fachwerkhäusern gelebt und Kühe gehütet haben? Heute sind das die begehrtesten Stadtteile mit schönen historischen Jugendstil- und Bürgerstilhäusern. As times go by.

Wer weiss. Warten wir noch etwas ab und fragen danach die nächste oder übernächste Generation der hamburger Bürger.

Vor wenigen Tagen war ich zufällig auch am Potsdamer Platz in Berlin. Megaloarchitektur. Eineinhalb Jahrzehnte nach Fertigstellung ein trauriger Abklatsch der damaligen Bautenmode. Vergilbter Chic von Einkaufszentren. Trotz der vielen Besucher wirkt es tot und falsch. Wie verwaiste grosskotzige Pavillions nach einer vergangenen Weltaustellung. Genauso wie die City Nord in Hamburg, die künstlich beatmet wird. Teile wirken wie die Bronx früher. Wie es heisst. Ich habe mir von den Ladenbesitzern sagen lassen, dass dort nachts auch Mülltonnen gebrannt haben sollen und dass die wenigen Bewohner ungern spät abends nach Feierabend durch die Schluchten gehen. Einstürzende Neubauten.

Sind das vorweg genommene Szenen einer späteren Hafencity? Kann man Stadtteile am Reissbrett per Order und Kapital bauen und gestalten? Es gibt keine eindeutige Antwort darauf.

Nachtrag: Dazu passt auch folgender Artikel aus der FTD von heute: Städte-Ranking – Hamburg hat die beste Zukunft. Die Hansestadt entpuppt sich als größter Globalisierungsgewinner und verdrängt München von der Spitze. Das ist Aufwind für Investoren und Städteplaner. Was bedeutet das für die Bürger aber?


20 thoughts on “Hamburger ReissbrettCity

  1. Als jemand, der momentan viel in der Hafencity arbeitet kann ich deine Beobachtung nur bestätigen. Die Hafencity ist tagbevölkert und hat mit dem früheren Charme des Hafenviertels nichts mehr gemein. Dieser Charme hat sich nach meinem Dafürhalten allerdings auch maßgeblich aus der Struktur der Arbeit gebildet. Ich möchte den Begriff der „ehrlichen Handarbeit“ nicht überstrapazieren, aber irgendwie passt für mich nach wie vor eine Scheuermann besser in den Hafen als ein Consultant.
    Wahrscheinlich müssen wir uns in Hamburg aber von dem Begriff der Arbeitersiedlung mehr und mehr verabschieden und unterteilen die cityfernen Bereiche irgendwann nur noch in Brennpunkt- oder Schickimicki-bereiche. Traurige Monokulturen.

  2. @Chris, schöner Film. Danke für den Link. Schön finde ich auch ein Schild (im Video) wie „Diese Kneipe arbeitet ohne Gewinn – Das war nicht geplant, hat sich aber so ergeben“ :-)

    Die massive und radikale Veränderung von gewachsenen Stadtteilen ist ein sehr komplexes und interessantes Thema. Die Rückseite des Mondes von „Herrschaftsarchitektur“. Sicher gültig seit den alten Pharaonenzeiten…

    PS: Ja, bin schwer zu erreichen momentan. Aber ich bemühe mich alle Mails sinnvoll und in halbwegs akzeptierbarer Zeit zu erreichen. Sorry. @all.

  3. Zustimmung. Ich finde eine gewisse Moderne nicht verkehrt. Der Potsdamer Platz als in meinen Augen rein repräsentatives Zentrum (bloß von was?) ist jedoch nicht mit der Hafencity vergleichbar. Dort soll ja nicht der Tourist emfangen werden, sondern der moderne Hamburger wohnen.
    Ich habe dort bisher nur 1 Haus gefunden, bei dem ich mir sicher bin, es wird in 30 Jahren noch immer den zeitlosen charme haben – es ist ein rotes Backsteinhaus. All die heterogenen Bauten verschiedenster Architekten werden mit hoher Sicherheit in wenigen Jahren so auf uns wirken, wie es die Grindelhochhäuser – also die Architektur der 70er und 80er – tuen.

    Rein stadtplanungstechnisch eine Vollkatastrophe. Geschickt wird in der Hafencity verhindert, urbanes Leben anzusiedeln. Die Betonflächen mit ihrem fast baumlosen Charakter entsprechen nicht der grünen Philosophie Hamburgs. Ebenso sind die Treppen und Geländer so präpariert, dass sich sicher kein Skater dort hin verirren möchte und die drei bis fünf Geschäfte locken niemanden aus seinem Kiez.

    Es wird eine Kunst für Hamburg, dieses Viertel so zu halten, wie man es gepant hat – ohne brennende Mülltonnen. Denn die sehen die Besucher der Elbphilormonie sicher nicht so gerne.

  4. Der Vergleich der Hafencity zur City Nord hinkt ein wenig, denn hier wurde zum Glück nicht der gleiche Fehler ein zweites Mal begangen. In der Hafencity entsteht zum Glück ein vernünftiges Verhältnis zwischen Büros und Wohnungen, dies gibt es in der City Nord nicht.

    Aber richtig ist, dass es für ein lebhaftes und vor allem lebenswertes Quartier mehr braucht, als nur eine Ansammlung von Gebäuden nahmhafter Archtiteken. Mitlerweile organisieren sich auch dort die Nachbarschaften und bilden Bürgervereine und Nachbarschaftstreffs. Ich bin gespannt, was sich hieraus entwickelt.

  5. Hamburg ist schon immer extrem unsensibel mit der Bausubstanz umgegangen. Abreissen, Zuschütten, Neubauen hat sozusagen Tradition. Cem, kennst du noch die Häuser aus dem 18. frühen 19. Jahrhundert in der Neustadt, Alter Steinweg, Grossneumarkt und so? Was jetzt da steht ist typische glatte Hamburger Mischbebauung. Hamburg ist architektonisch eine Katastrophe. Die SAGA sorgt dafür.

  6. Höchst interessantes Thema, für mich als Bauzeichner und Mitarbeiter eines Architekturbüros vor den Toren Hamburgs.

    Mir gefällt die neue Struktur der Hafen“city“ auch nicht. Katalog-City, mehr ist es nicht. Moderne vs. Kultur. Diese Bauklötze strahlen keinerlei hanseatischen Charme aus.

  7. Nichts gegen Glas, nichts gegen moderne Architektur.
    Trotzdem scheint mir diese modernistische Baulust in den meisten Fällen nur ein Ausdruck von technokratischem Grössenwahn zu sein. Der Eindruck ist immer ähnlich. Bevölkert am Tag, geisterhaft in der Nacht.
    Wie die meisten dieser Dinger in 30 Jahren aussehen mögen, darüber denke ich lieber nicht nach …

  8. Der Potsdamer Platz ist Nachts einer der bestbewachtesten Friedhöfe in Deutschland.

    Mit der Hafencity wird es garantiert ähnlich. Am Tage drängen sich die Provinzler durch die Gassen und mit Einsetzen der Dämmerung verwandelt sich die Hafencity in einen bewohnten Friedhof.

    Der Potsdamer Platz hat noch die Arkaden als Bonus, so schlau waren die Berliner, im Gegensatz zu den Hanseaten dann doch. Die Arkaden sorgen nebenbei dafür, dass der gemeine Berliner tatsächlich doch mal zum Potsdamer Platz fährt. Der ist gar nicht so tot, wie alle immer schreiben.

  9. Was denn nun, Sven? „Nachts einer der bestbewachtesten Friedhöfe in Deutschland“ (schön gesagt) oder „Der ist gar nicht so tot, wie alle immer schreiben.“ :-)

  10. Investoren & Städteplaner. Abreissen, Zuschütten, Neubauen.

    Für die Bürger bedeutet das Verdrängung. Ab in den billigeren Speckgürtel. Pinneberg, Geestacht, Buchholz, Winsen. Wie das aussieht, kann man in Frankfurt beobachten. Eine proppere Stadt, die den Unternehmen gefällt und im Lebensqualitätsranking Spitze ist:

    hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/indexhessen34938.jsp?rubrik=36082&key=standard_document_37249900

    Und drumherum ein verschandelter und verbauter Speckgürtel, darunter Kommunen, die ein einziger sozialer Brennpunkt sind. Die Arbeitnehmer dürfen dann nur in die Stadt als Pendler, jeden morgen in die S-Bahn gequetscht, oder als zahlende Kunden für das Kultur- und Freizeitangebot.

  11. Hamburg hat die besten Aussichten. D
    as ist schon länger so. Durch seine geographische Lage, seinen Hafen, die Kreativen und Medien, die traditionsreichen Handelshäuser usw. Das ist folgerichtig und auch nichts Neues. Seit der Hanse geht es Hamburg gut, es hat die meisten Millionäre und ist gleichzeitig Stiftungshauptstadt.

    Das, was in der HafenCity und viel schlimmer in St. Pauli geschieht nennt sich Gentrifizierung. Das Geld kommt, die Alteingesessenen und die Nostalgie verschwindet. Die Kreativen suchen sich neue Stadtteile … wie aktuell die Elbinseln mit Wilhelmsburg.

    Von „hanseatischen Wohntraditionen“ weiß ich nichts. Aber ich bin mir ganz sicher, dass damals, als man die Kapitänshütten hinter Neumühlen an das Elbufer baute, viel Aufhebens davon gemacht wurde und man befürchtete, hanseatischen Wohntraditionen gingen so vor die Hunde.

    Es ist alles in Bewegung und alles am Fluß.
    Und nichts bleibt, wie es ist. Hier nicht und dort nicht.

    Wir müssen nur aufpasssen, dass der Mammon nicht alles an sich reißt.

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