Blogs in die Nationalbibliothek? Höherer Unsinn!

Die Bundesregierung hat entschieden, dass auch u.a. Blogs in der Deutsche Nationalbibliothek archiviert werden sollen. Robert frohlockt ob des Ruhms, Thomas Knüwer hatte schon vorher leicht die Nase gerümpft. Und die Nationalbibliothek hat ein schönes Arbeitsbeschaffungsprogramm für 115 Millionen Euro geschaffen, um ihrem Auftrag als die zentrale Archivbibliothek und der nationalbibliografische Nabel Deutschlands weiter zu festigen:

Sie hat die für Deutschland einzigartige Aufgabe, lückenlos alle deutschen und deutschsprachigen Publikationen ab 1913 zu sammeln, dauerhaft zu archivieren, umfassend zu dokumentieren und bibliografisch zu verzeichnen sowie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Für Papierpublikationen mag das gut gehen. Elektronische Veröffentlchungen, speziell Online-Werke wie Blogs stehen dabei vor einer so gut wie unlösbaren Problematik. Sie sind hochliquide, d.h. ihr Inhalt verändert sich ständig, insbesondere durch die Mitbeteiligung der Leser und Nutzer, durch Kommentare und Trackbacks, sowie höchstgradig durch die Vernetzung der Bloginhalte durch Links zu anderen Blogs und Online-Inhalten.

Selbst wenn jemand eine Momentaufnahme eines Blogs archivieren würde, wäre diese Aufnahme wertlos, da die Inhalte auf die verlinkt werden, sich natürlich ständig verändern und somit sich der Kontext der archivierten Inhalte dadurch ebenfalls relativiert. Blogs zentral zu archivieren, stellt damit für mich verfahrenstechnisch einen „höheren Unsinn“ dar. Wer das vorgeschlagen und entschieden hat, hat keinerlei Ahnung vom Internet, dem Web und seinen Mechanismen. Der lebt noch in der Papierwelt!

Das erinnert mich an ein Vorhaben, hatte ich schon beim Thomas Knüwer in die Kommentare geschrieben:

[…] dass ich vor zwei Jahren verantworten durfte: Der Textcontext eines sehr sehr grossen Intranets mit Gesetzestexten und Durchführungsverordnungen, die täglich zu ungeplanten Zeitpunkten im Gesamtbestand verändert wurden, musste aus gesetzlichen und aus revisionsgründen im KONTEXT archiviert werden. Das stellte uns mitten im Projekt vor fast unlösbare Herausforderungen. Die Anforderung kam recht spät im Projekt. Ich halte die Archivierung von Weblogs, die untereinander und mit anderen online Contentpartikeln dynamisch verlinkt sind, für fast aussichtslos. Höchstens exemplarisch aus historischen Gründen bzw. Anschauungsgründen.

Also Robert, auch wenn ich es dir von ganzem Herzen gönne, aber dat sieht irgendwie nich so gut aus…

5 Kommentare zu „Blogs in die Nationalbibliothek? Höherer Unsinn!

  1. Dieses Gesetz lässt sich ganz leicht ad absurdum führen, indem einfach alle Blogger sich daran halten und der Nationalbibliothek immer alle neuen Blogeinträge, Kommentare (sind meiner Meinung nach untrennbar mit dem jeweiligen Eintrag verbunden) und natürlich alle Änderungen sofort zuzusenden. Besonders die Kommentare und Änderungen führen dann schnell zu einer Überlastung in der Nationalbibliothek, da die ja den entsprechenden Beiträgen zugeordnet werden müssten. Am Ende entsteht ein unüberschaubarer, ungeordneter und somit unbrauchbarer Datenberg.

    Probleme sehe ich allerdings in der Zugänglichmachung der Daten. Wenn digitale Daten auch digital für jedermann zur Verfügung stehen sollen, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Contentdiebe sich dort bedienen. Was bei einem Buch noch mit dem Besuch dort und dem Gang zum Kopierer verbunden ist, kann bei digitalen Daten binnen Sekunden vom heimischen Sofa aus geschehen.

    Vielleicht dient die ganze Aktion auch der Terrorbekämpfung? Oder die Bundesregierung plant ein Blogger-Social-Network? Oder gar beides in Kombination?

  2. Der Sinn der Angelegenheit erschliesst sich mir noch immer nicht! Ich soll Steuern dafür bezahlen, das ich von jemand anderem überprüfen lasse, was ich selbst längst weiß – nämlich das mein Blog „sauber“ ist. Noch dazu habe ich einen großen Teil des bürokratischen Aufwands selbst zu tragen. SINNLOS ist da noch ein moderates Wort …

  3. Oh, ich bekam hier in Hamburg auch schon die schriftliche Anforderung von der Staatsbibliothek (oder so, meine ich zu erinnern) Ihnen immer eine Version meiner Publikation zu Archivierungszwecken zukommen zu lassen. Das Ganze war auch schick mit ein paar Paragraphen garniert. Keine Ahnung wo das Papier abgeblieben ist. Es kam auch nie was nach.

    Schlimm an der Geschichte wird werden, dass die Bundesarchivierer die Verantwortung für Form und Anlieferung an die Publizisten auslagern werden (behaupte ich mal ungeprüft so rein nach persönlicher Lebenserfahrung). Muss allerdings noch Deinen Links folgen, um Näheres zu erfahren.

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